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Die Ausgangspositionen in den 1.500m-Finalläufen bei den Europameisterschaften von Birmingham hätten nicht unterschiedlicher sein können: Während es bei den Frauen mit Georgia Hunter Bell eine klare Favoritin gab, war das Finalfeld bei den Männern ziemlich offen. In einem turbulenten Wettkampf verloren die Briten auf der Zielgerade alles und es kam ein Stockerl zusammen, mit dem wohl wenige gerechnet hätten.
Viele österreichische Lauffans mögen sich fragen, wie sich Raphael Pallitsch (Union St. Pölten) in diesem 1.500m-EM-Finale präsentiert hätte. Schließlich hat er gegen den neuen Europameister Stefan Nillessen eine ausgeglichene Bilanz in den direkten Duellen und die beiden alle Medaillengewinner hat er bereits jeweils dreimal in Wettkämpfen besiegt. Die Gedanken sind hinfällig, nachdem der Burgenländer am Freitagmittag doch recht deutlich an der Finalqualifikation vorbeigeschrammt ist (siehe RunUp.eu-Bericht). Vor der EM hat Pallitsch im Interview mit RunUp.eu eine Überraschung im 1.500m-Finale prophezeit – er behielt recht.
Im Gegensatz zu Rom vor zwei Jahren, als der Österreicher hervorragender Sechster war, gab es in Birmingham nicht diesen einen Dominator Jakob Ingebrigtsen. Es fehlten zusätzlich zum Norweger, der nach der langen Wettkampfpause in Folge einer Operation an der Achillessehne nur über 5.000m angetreten ist, auch der hochtalentierte Niels Laros aufgrund einer Verletzung und der neue Meilenrekordhalter Josh Kerr, der nach den Commonwealth Games auf einen zweiten Meisterschaftsauftritt verzichtete. Es fehlte also der Top-Name im Feld.
Überdies agierten die Schnellsten laut Meldeliste im Finale nicht wie Favoriten. Der Franzose Azzedine Habz, der in seiner Karriere schon unter 3:28 Minuten gelaufen ist, wurde nur Zehnter. Der Deutsche Robert Farken galt nach einer starken Saison als Medaillenkandidat, nicht zum ersten Mal konnte er in Meisterschaftsfinals nicht überzeugen und wurde nur Neunter. Viel besser war sein sechster Platz bei der WM 2025. Der in dieser Saison schwächelnde Weltmeister Isaac Nader aus Portugal wurde gar Zwölfter und Letzter, bereits im Vorlauf konnte er keine Argumente für sich sammeln, die ihn als Favoriten klassifiziert hätten. Sein Schlussspurt aus dem Jahr 2025 ist 2026 nicht mehr da. Die Position 100 Meter vor dem Ziel an der Seite des späteren Siegers war vielversprechend.
Blieb noch Jake Wightman, Weltmeister von 2022. Der Schotte agierte am Samstagabend wie einer, der den 1.500m-Lauf gewinnen wollte. Er lief achtsam in zweiter Reihe, setzte sich auf der Gegengerade der letzten Runde auf Platz zwei hinter Landsmann Jake Heyward, ging in der Kurve außen vorbei und bog als Erster auf die Ziellinie. Doch anstatt eines Wightman-Finals, wie auch in Tokio 2025 als er Vize-Weltmeister wurde und sich nur dem Überspurt Naders beugen musste, passierte das, was ihm schon bei den Commonwealth Games passiert war. Er brach ein, „stand“ förmlich und wurde nur Sechster.

Der Routinier verließ das Stadion verzweifelt, wie Athletics Weekly berichtete: „Ich fühlte mich in der perfekten Position, ich hätte es nicht besser vorbereiten können. Ich kann einfach nicht verstehen, warum ich mich schon wieder so schlecht gefühlt habe im Spurt. Ich bin enttäuscht, sehr enttäuscht.“ Auch Heyward, der nach langen Verletzungsproblemen sein Comeback fast mit einer Medaille gekrönt hätte, und der dritte Brite Arlo Ludewick gingen als Vierte und Fünfte leer aus, obwohl die Fans nach einer Dreifachführung 80 Meter vor dem Ziel große Hoffnungen auf Heim-Medaillen hatten.
Am Schluss des Rennens übertrafen sich die Ereignisse nach einem flotten, aber nicht schnellen Lauf. Stefan Nillessen spurtete am besten, erwischte die richtigen Lücke und jubelte nach 3:35,70 Minuten 13 Monate nach dem EM-Titel in der Altersklasse U23 jetzt über die „große“ EM-Goldmedaille. „Dieses Lächeln wird jetzt für lange Zeit nicht aus meinem Gesicht verschwinden“, strahlte der 23-Jährige mit dem Flutlicht im Alexander Stadium um die Wetter. „Ganz ehrlich: Ich bin auch überrascht!“
Der erste holländische 1.500m-Europameister seit Wim Slijkhuis im fernen Jahr 1950 war der verdiente Sieger, er agierte das ganze Rennen über am besten. „Ich habe mich sehr gut gefühlt und war lange in Führung. Daher war ich mir sicher für die Schlussphase in guter Position zu sein und 150 Meter vor dem Ziel dachte ich mir: Ok, nun muss ich mich lösen.“ Das gelang, plötzlich spurtete Nillessen außen vorbei in Führung und behielt sie bis zur Ziellinie. „Ich habe am Screen gesehen, welchen Abstand ich 50 Meter vor dem Ziel schon hatte. Ich war richtig aufgeregt und dann sah ich meinen Namen auf der Anzeigetafel. Crazy!“
Nillessen, beim WM-Halbfinale von Tokio eine Position hinter Pallitsch, bildet gemeinsam mit dem wohl noch talentierteren Niels Laros die Zukunftshoffnung des holländischen Mittelstreckenlaufs. Beide erreichten in jungen Jahren das Olympische Finale von Paris, wo Nillessen den hervorragenden neunten Platz erreichte. Ihn zeichnet seine Größe aus, Nillessen überragt mit einer Höhe von 1,95 Metern regelmäßig das Feld um einen Kopf. Mit seinem langen Schritt verfügt er über eine großartige Breite von Topleistungen zwischen 800m und 3.000m.

Im Jahr nach den Olympischen Spielen verbesserte er den holländischen 1.500m-Rekord, der mittlerweile Laros gehört, und wurde U23-Europameister von Bergen. Damals gewann sein Landsmann und Trainingspartner die 800m und die 5.000m – ein riesiger Erfolg für die Trainingsgruppe von Thomasz Lewandowski in Holland. Für Nillessen war dies eine Titelverteidigung, denn er gewann den U23-EM-Titel bereits zwei Jahre zuvor im finnischen Espoo als 20-Jähriger. Ein Rennen für die Zukunft: Damals gemeinsam mit ihm am Stockerl standen Mohamed Attaoui, in Birmingham EM-Dritter über 800m, und der Schwede Samuel Pihlström!
Pihlström ist heute 25 Jahre alt und stand in Birmingham wieder gemeinsam mit Nillessen auf dem Stockerl, dieses Mal als Silbermedaillengewinner in 3:36,16 Minuten. „Ich bin überwältigt. Zweiter Platz – das hätte sie nie ausgehen sollen von der Position, die ich bei der Glocke inne hatte. Aber ich fühlte mich richtig, richtig gut und habe auf den letzten 300 Metern Schritt für Schritt die Konkurrenten überholt. Unglaublich!“
Tatsächlich lief der Skandinavier extrem zurückhaltend und lag zum Start der letzten Runde noch auf dem letzten Platz. Doch weil das Tempo nicht sehr hoch war, war der Zeitrückstand überschaubar. Eingangs der Zielgerade noch Achter zündete der Schwede seinen Turbo und machte noch sechs Positionen gut. Mit diesem tollen Schlussspurt schrieb Pihlström Geschichte: Es ist die erste schwedische EM-Medaille in dieser Disziplin seit dem zweiten Platz von Dan Waern beim Heimspiel in Stockholm im Jahr 1958.
Seit 2025 hält der in Göteborg geborene Schwede den Landesrekord. In der Hallensaison 2025 gelang ihm sowohl der Einzug ins EM- als auch ins WM-Finale, auch das WM-Finale von Tokio 2025 bestritt der Außenseiter und wurde Elfter. Bei der Hallen-WM 2026 in Torun schrammte er als Vierter nur knapp am bisher größten Erfolg seiner Karriere vorbei, die Medaille in Birmingham scheint damit ein logischer nächster Schritt, auch wenn der 25-Jährige beteuerte, nicht damit gerechnet zu haben.
So ging es wahrscheinlich auch Andrew Coscoran, der in 3:36,24 Minuten die Bronzemedaille absicherte und damit, zwei Jahre, nachdem er im EM-Finale von Rom chancenlos war, den größten Erfolg seiner Karriere feierte. Der 30-Jährige war überzeugt, aufs Stockerl laufen zu können: „Ich bin auf den letzten 100 Metern immer gut. Ich bin sehr happy, der Rennverlauf spielte mir in die Hand und es ging dann nur mehr um meinen Move. Es ist absolut klasse, vor so vielen irischen Fans diesen Erfolg zu feiern.“
Der irische Rekordhalter und zweifache Olympia-Teilnehmer hatte 2025 bei der WM in Tokio erstmals ein großes Finale erreicht. Interessanterweise sind Coscoran und Pihlström in Tokio in allen drei Läufen (Vorlauf, Halbfinale und Finale) praktisch nebeneinander ins Ziel gelaufen. Wie der Schwede lag auch der Ire in Birmingham zu Beginn der Schlussrunde im hinteren Teil des Feldes und begann den Schlussspurt als Siebter. Beendet hat er ihn auf dem Stockerl mit der ersten irischen EM-Medaille in dieser Disziplin seit fast einem halben Jahrzehnt.

Tags darauf ging es im 1.500m-Finale der Frauen ebenfalls im Schlussspurt um die Medaillen. Georgia Hunter Bell, seit einigen Jahren sowohl Weltklasse im 800m- als auch im 1.500m-Lauf, kontrollierte das Rennen sicher. Nach Medaillen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften hatte sie im März bei den Hallen-Weltmeisterschaften im 1.500m-Lauf ihren ersten großen Titel gefeiert. Nun folgten binnen weniger Woche zwei weitere: Gold über 800m bei den Commonwealth Games und EM-Gold über 1.500m. „Ich wusste: Kommt es zum Spurt, werde ich gewinnen“, kommentierte die Trainingspartnerin von Keely Hodgkinson in der hochkarätigen Trainingsgruppe von Trevor Painter und Jennifer Meadows.
Die 32-Jährige ist eine Späteinsteigerin, die erst während der Pandemie an ihre Jugendkarriere anknüpfte und ihren Job im Sektor der Cyber Security aufgab. Rasche Fortschritte brachten sie sofort in die Weltklasse, in Paris 2024 gewann sie sensationell Bronze hinter Faith Kipyegon und Jessica Hull, 2025 bei der WM Silber hinter Lilian Odira und vor ihrer Landsfrau Hodgkinson im 800m-Lauf. Nun ist sie die erst zweite britische Europameisterin auf der längeren Mittelstrecke nach Laura Muir, die 2018 und 2022 triumphierte. In Birmingham scheiterte die 33-Jährige Schottin im Vorlauf.
Der Schlussrunde Hunter Bells von gut 58 Sekunden hatte keine der Gegnerinnen etwas entgegenzusetzen. Die Silbermedaille schnappte sich Klaudia Kazimierska aus Polen. „Ich war Vierte in der Entry List, da bin ich natürlich sehr froh, dass ich eine Medaille gewonnen habe“, sagte die 24-Jährige, die in Eugene im US-Bundesstaat Oregon lebt und trainiert. „Dort habe ich ein neues Level erreicht!“ Kazimierska setzte in Birmingham eine beeindruckende Serie fort: Nur in Rom gewann im letzten Jahrzehnt keine polnische Läuferin eine 1.500m-Medaille.
Historisch ist die Bronzemedaille von Patricia Silva in einer Zeit von 4:09,22 Minuten, die erst zweite portugiesische in dieser Disziplin nach Carla Sacramento im Jahr 1998. „Heute war Geduld gefragt. Aber ich habe immer an mich geglaubt und bin glücklich über die Medaille.“
Für die Tochter des ehemaligen Olympia- und WM-Medaillengewinners Rui Silva war es das zweite Edelmetall nach Bronze bei der Hallen-WM 2025 im 800m-Lauf. Die 26-Jährige verhinderte damit einen Medaillengewinn von Agathe Guillemot. Die amtierende Hallen-Europameisterin aus Frankreich war nach einer starken Saison klare Medaillenkandidatin.
Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Maja Hitij / Getty Images for European Athletics, © European Athletics