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Als Aaron Gruen am Sonntagnachmittag mitteleuropäischer Zeit die Ziellinie des Aramco Houston Halbmarathon im Discovery Green Park überquerte, wusste er, wie sich ein perfekter Halbmarathon-Wettkampf anfühlt. Viele seiner Vorgänger, die dem ÖLV-Rekord von Günther Weidlinger gerne nähergerückt wären, haben diese Perfektion in vergleichbaren Augenblicken vielleicht nicht gespürt. Doch dem in den USA lebenden und für Österreich startenden 26-Jährigen gelang dank einer grandiosen Leistung eine deutliche Verbesserung des bisher schnellsten österreichischen Halbmarathons – auf eine Zeit von 1:01:14 Stunden.
Im Vorfeld hatte sich Aaron Gruen (ÖBV Pro Team) noch nicht in die Karten blicken lassen wollen, obwohl er kein Geheimnis aus einer starken Vorbereitung mit idealen Eindrücken aus den eigenen Trainingsleistungen gemacht hatte. Umso glücklicher war der WM-Teilnehmer im Marathon von Tokio, dass er genau dieses Niveau aus dem Training in Perfektion auf die Wettkampfstraße bringen konnte. „Es ist besser gelaufen, als ich gedacht hätte“, staunte er direkt nach dem Zieleinlauf. Mit einer Leistung von 1:01:14 Stunden blieb er fast dreieinhalb Minuten unter seiner offiziellen Halbmarathon-Bestleistung, war aber auch über eineinhalb Minuten schneller als bei seinem bisher schnellsten Halbmarathon auf der abschüssigen Strecke in Mesa vor knapp einem Jahr.
Ein vierter Pfeiler neben der guten Vorbereitung, der tadellosen Wettkampf-Performance und der idealen Wetterverhältnisse in Houston war eine harmonische, große Gruppe, in die Gruen nach dem Start fand und deren hohes Tempo er gut mitgehen konnte. „Es war genial, wie diese Gruppe funktioniert hat!“, beschrieb er in seinem Rennfazit, das er dem österreichischen Laufsport-Journalisten Olaf Brockmann geschickt hat.
So strahlte die Durchgangszeit von 28:58 Minuten bei der Zwischenzeit bei Kilometer zehn bereits starke Hoffnungen auf einen neuen österreichischen Rekord im Halbmarathon aus. Dieser gelang, weil der Österreicher auch in der zweiten Wettkampf-Hälfte nur marginal an Schwung einbüßte und auf dem Schlusskilometer sogar noch beschleunigen konnte. Eine kurze Krise im Gedankenkarussell bei Kilometer zwölf konnte er rasch verdrängen und überwinden, wie er Olaf Brockmann erzählte. „Ich habe mich mental sehr gut vorbereitet und konnte meine Konzentration gut aufrecht erhalten.“

Mit einer Zeit von 1:01:14 Stunden liegt Gruen nun 28 Sekunden vor Günther Weidlinger, dessen Leistung vom weltmeisterlichen Rennen in Udine 2007 über 18 stolze Jahre lang Bestand hatte und in diesem Zeitraum auch ungefährdet blieb. „Ich bin stolz, dass ich den österreichischen Laufsport so weiterentwickeln kann. Es bedeutet eine große Ehre, einen so alten Rekord zu brechen“, erklärte Gruen.
Als Dritter der ÖLV-Bestenliste liegt Andreas Vojta bereits 1:18 Minuten hinter dem neuen Rekordhalter. Das zeigt die Qualität der Leistung des 26-Jährigen, der wie einst Weidlinger nun den nationalen Rekord sowohl im Halbmarathon als auch im Marathon hält. Dank Gruens Leistung ist Österreich auch wieder in den Top-100 der europäischen Halbmarathon-Bestenliste vertreten.
Aaron Gruens mit professionellem Training betriebene Laufkarriere gelingt im Spagat mit seiner ambitionierten Universitätskarriere. Diese doppelte Leidenschaft füllt sein Leben aus und bildet eine faszinierende Herausforderung. Der akribische Student hat seine Ausbildung an der Brown University in Musik und Chemie inklusive eines Europa-Aufenthalts in Prag bereits abgeschlossen und im vergangenen Spätsommer das Medizinstudium an der Harvard University begonnen. Das universitäre Programm zwang ihn bereits zu einer kurzfristigen Anreise zum WM-Marathon in Tokio im September – und zur unmittelbaren Rückreise nach dem Wettkampf. Genau so lief auch der Trip aus dem kalten Nordosten der USA in den klimatisch gemäßigten Süden am vergangenen Wochenende ab. Gleich nach dem Wettkampf machte sich Gruen auf den stundenlangen Rückflug nach Boston.
In Österreich tauchte er erst vor eineinhalb Jahren auf dem Radar der Laufsport-Beobachter auf – und das ganz sachte. Nachdem der in München als Sohn eines US-Amerikaners und einer Deutschen geborene und in den USA lebende Gruen 2022 die österreichische Staatsbürgerschaft als Nachfahre eines in der Zeit des Nationalsozalismus vertriebenen Juden bekommen hatte, setzte er sich hohe Ziele im Laufsport. Das Laufen ist seine zweite Passion neben der Musik – er ist ein begnadeter Cellist. Nun ist das Interesse für Medizin dazugekommen. „Es ist einfach schön, wie ich mein Studium mit dem Laufen verbinden kann.“
Die gestrige Leistung in Houston, die ihn auf Rang 23 den Klassements in diesem dichten und gut besetzten Rennen führte, lässt die Vorfreude und Erwartungshaltung vor Gruens erstem Start beim Vienna City Marathon am 19. April in die Höhe schnellen. Auf seinen nächsten Marathon freue er sich sehr. Auf dem Weg dorthin wird er vier Wochen vorher einen weiteren Halbmarathon in Form einer Generalprobe absolvieren – und zwar beim „Project 13.1“ genau auf jener Strecke in Rockland Lake State, auf der er im letzten Jahr den einzigen österreichischen Marathon unter 2:10 Stunden geschafft hat, wie Brockmann berichtet.
Aus internationaler Sicht waren die Scheinwerfer beim Houston Halbmarathon 2026 ganz auf Habtom Samuel gerichtet. Der 22-jährige Eritreer, der für das College-Team der University of New Mexico läuft, bestritt gestern seinen allerersten Straßenlauf überhaupt. „Ich habe sehr hart gearbeitet und immer an mich geglaubt, um für diese neue Herausforderung bereit zu sein“, sagte er.
Ungeachtet seiner bemerkenswerten Vorleistungen auf der Bahn, die ihm zwei Medaillen bei Junioren-Weltmeisterschaften gebracht haben, macht diese Tatsache seine gestrige Leistung besonders. Er gewann den Wettkampf in einer Spitzenzeit von 59:01 Minuten und verbesserte damit den Streckenrekord des äthiopischen Vorjahressiegers Addisu Gobena um 16 Sekunden. „Ich hätte nicht erwartet, das Rennen zu gewinnen. Das ist sehr, sehr, sehr erstaunlich. Aber umso glücklicher bin ich jetzt!“, so Samuel. Auch in der historischen Einordnung ist die Leistung bemerkenswert: Nur der mehrfache Halbmarathon-Weltmeister und jahrelange Weltrekordhalter Zersenay Tadese liegt in der eritreischen Bestenliste noch vor dem talentierten jungen Mann, der die Zukunft im Halbmarathon mitgestalten könnte.
Acht Läufer blieben unter einer Stunde, darunter gleich vier US-Amerikaner mit neuen persönlichen Bestleistungen. Alex Maier (Vierter in 59:23) und Casey Clinger (Fünfter 59:34) sind weit entfernt, international klingende Namen zu sein. Das Duo liegt aber nun hinter dem arrivierten Conner Mantz auf den Positionen zwei und drei der ewigen US-Bestenliste. „Es war heute perfekt, um schnell zu laufen“, so Maier nach dem Rennen.
Rory Linkletter stürmte als Siebter in einer Zeit von 59:49 Minuten zu einem neuen kanadischen Rekord und ist der erste Nicht-US-Amerikaner aus dem nord- und mittelamerikanischen Kontinentalverband mit einer Halbmarathonzeit unter einer Stunde. Diese Leistungen sind Indizien dafür für die optimalen Wetter- und Rahmenbedingungen beim Houston Halbmarathon.
Hochklassig verlief auch der Halbmarathon der Frauen. Fentaye Belayneh, die vor zwei Monate den Boston Halbmarathon zum zweiten Mal in Folge gewinnen konnte, siegte in einer beeindruckenden Leistung von 1:04:49 Stunden. Damit verbesserte die 25-Jährige nicht nur ihre persönliche Bestleistung um fast drei Minuten, sondern ließ auch die deutlich höher eingeschätzte Landsfrau Tsigie Gebreselama um drei Sekunden hinter sich.
Buze Diriba, Siegerin des Frankfurt Marathon 2025, wurde in 1:05:57 Stunden Dritte. Die viertplatzierte Taylor Roe schrammte in 1:06:20 Stunden um elf Sekunden am US-Rekord von Weini Kelati vorbei. Dies sei eine Motivation für ihre kommenden Halbmarathonleistungen, so Roe, die die schnelle Strecke von Houston schätzt. 16 Läuferinnen schafften eine Zeit unter 1:10 Stunden, darunter die Britin Lauren McNeil.
Nur vier Wochen nach ihrem beachtlichen Sieg beim Honolulu Marathon hat Calli Hauger-Thackery auch die 54. Auflage des Chevron Houston Marathon gewonnen. Die in den USA lebende britische Topläuferin lief dabei lange Zeit, in der Frauen-Wertung alleine in Führung liegend, in Richtung ihrer besten Marathonzeiten an und erreichte das Ziel letztlich mit einem positiven Split in 2:24:17 Stunden. „Ich empfehle es nicht, zwei Marathons in so kurzer Zeit zu laufen. Ich habe unterschätzt, wie brutal das sein würde“, meinte die Siegerin nachher. „Aber ich hab es durchgezogen und freue mich sehr über den Sieg.“ Ihr amerikanischer Ehemann und Trainer Nick unterstützte sie dabei als Tempomacher.
Dass dies die „langsamste“ Siegerzeit in Houston seit acht Jahren ist, tut der Qualität der Leistung keinen Abbruch. Es war zudem ein passendes Geburtstagsgeschenk, Hauger-Thackery feierte am Freitag ihren 33. Geburtstag. Die Britin hat nun drei der fünf Marathonläufe, die sie beenden konnte, gewonnen, bei den Olympischen Spielen 2024 und beim Chicago Marathon 2025 kam sie nicht ins Ziel. Hauger-Thackery ist die erste europäische Marathonsiegerin in Houston seit 20 Jahren und voraussichtlich eine der Medaillenkandidatinnen bei der Heim-EM in Birmingham im August.
Zweite wurde die 42-jährige US-Amerikanerin Sara Hall, die öfters mit Hauger-Thackery trainiert, in einer Zeit von 2:26:26 Stunden. Der Dreifachsiegerin Biruktayit Degefa aus Äthiopien bleib in 2:28:07 Stunden der dritte Platz. Bei den Männern feierte der aus Marokko stammende und seit November für die USA startberechtigte Zouhair Talbi seinen zweiten Sieg beim Houston Marathon und verbesserte in einer Endzeit von 2:05:45 Stunden seinen eigenen Streckenrekord um fast eine Minute. Dabei gelang dem 30-Jährigen, der in der Höhe des US-Bundesstaats Colorado lebt, ein negativer Split, weil er ab Kilometer 30 der Stärkste im Feld war.
Talbi nahm im vergangenen Jahr noch für sein Heimatland Marokko an den Olympischen Spielen von Paris Teil und belegte Platz 35 im Marathon. Nun ist er der erste US-amerikanische Sieger beim Houston Marathon seit Drew Prisner im Jahr 2002. Außerdem reihte er sich hinter Connor Mantz und dem ehemaligen Weltrekordhalter Khalid Khannouchi, mit dem er das Geburtsland und den Wechsel zur US-Staatsbürgerschaft teilt, auf Position drei der amerikanischen Bestenliste ein, noch vor Galen Rupp, Olympia-Medaillengewinner von 2016 und ehemaliger Chicago-Sieger. „Das ist ein spezieller Augenblick für mich“, sagte Talbi nach dem Rennen. „Dieses Land hat mich sehr viel ermöglicht. Es war großartig, die USA bei einem so wichtigen Event zu repräsentieren. Es ist mein erster Sieg, den ich mit der US-Flagge feiern kann.“
Wie „Let’sRun.com“ vor knapp einem Jahr berichtete, ist Talbi mit einer Amerikanerin verheiratet, die er beim Studium an der Oklahoma City University kennen gelernt hat. Das Paar hat einen zehnjährigen Sohn. Dennoch finishte Elizabeth den Houston Marathon in einer sehr beachtlichen Zeit von 2:35:36 Stunden! Talbi ist in der US-Army aufgenommen und hegt große Träume im Laufsport als US-Amerikaner. In den US-Farben darf er aufgrund der World Athletics Regeln frühestens 2027 antreten, das wäre aber noch rechtzeitig für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles.
Die äthiopischen Topläufer Ruti Aga und Dawit Wolde haben ihre Vorjahressiege beim Xiamen Marathon wiederholt. Der erste Platium-Event von World Athletics des Jahres brachte in der chinesischen Metropole keine Weltklassezeiten. Aga siegte in einer Zeit von 2:22:45 Stunden dennoch mit einem sicheren Vorsprung von zweieinhalb Minuten auf ihre Landsfrau Meseret Abebayehu. Im Vorjahr war sie mit Unterstützung eines persönlichen Tempomachers noch vier Minuten schneller, in diesem Jahr legte sie die Hauptaufmerksamkeit auf den Sieg, nicht die Zeit. Wolde finishte in einer Zeit von 2:09:18 Stunden und war der Beste in einem Schlussspurt eines äthiopischen Trios. Er blieb gut drei Minuten über seinem eigenen Streckenrekord. Der chinesische Rekordhalter Yang Shao Hui wurde in 2:11:14 Stunden Sechster.
Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Kevin Morris