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1:59:30 Stunden – die neue Welt des Marathons

Vor einem Monat fiel beim London Marathon die Sehnsuchtsmarke von zwei Stunden. Sabastian Sawe hat die Marathon-Welt verändert. Ein Rückblick mit Ausblick!
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Meilensteine sind nicht nur Punkte entlang eines Wegs oder einer Entwicklung. Sie sind bedeutende Zeugen des Fortschritts. Sie erzählen Geschichten von besonderen Leistungen, von Euphorie und Aufbruchstimmung, von Heldentaten und Wachstum. Sie markieren Augenblicke, die bleiben. Wie der London Marathon 2026 mit seinen Zahlen 1:59:30 Stunden.

Es war mehr als ein Augenblick, jener am 27. April in London. Es war ein Marathon. Ein historischer. Denn er war kürzer als zwei Stunden, zum ersten Mal bei einem regulären City-Marathon. Sabastian Sawe und Yomif Kejelcha performten – in Marathon-Denkweise wirklich – nur „einen Augenblick“ lang. 1:59:30 und 1:59:41 Stunden kurz.

Ein Marathon für die Ewigkeit

Diese Augenblicke schrieben Geschichte und teilen die reichhaltige Historie des Marathonlaufs in zwei Teile. Einer dauerte 130 Jahre lang an – von der Geburtsstunde des Marathons in Vorbereitung der Olympischen Premiere der Moderne in Athen 1896 bis zum London Marathon 2026. Teil zwei ist die Zukunft, jener Abschnitt, in dem ein sub-2-Marathon im üblichen Wettkampfrahmen kein Sehnsuchtsziel ist, sondern Realität. Ein Maßstab für künftige Zielsetzungen, vielleicht eine Schablone. Dieser Teil ist ein Abschnitt, der ohne den bedeutendsten Meilenstein im Marathon auskommen muss. Denn er liegt in der Retrospektive!

„Den Weltrekord zu brechen ist die Erfüllung eines Traums, den ich schon seit langem habe. Es geschafft zu haben, bedeutet so viel für mich und für den Laufsport.“ Das waren mit die ersten Worte Sabastian Sawes nach seiner Weltrekordsensation von London. 1:59:30 Stunden – mit diesen Zahlen verewigte er sich für immer in der Sportgeschichte. „Es ist das Ergebnis härtester Arbeit hinter den Kulissen, mit enormer Unterstützung meines Teams. Dazu kommt die Innovation, die mir geholfen hat, über meine Grenzen hinaus zu puschen“, ergänzte der 31-Jährige.

Eine sagenhafte Beschleunigung

Sabastian Sawe (1:59:30), Yomif Kejelcha (1:59:41) und Jacob Kiplimo (2:00:28) – drei Läufer blieben beim London Marathon 2026 unter dem alten Weltrekord von Kelvin Kiptum, im Februar 2024 bei einem Autounfall tragisch verunglückt. Der kenianische Überflieger und der äthiopische Debütant blieben sogar unter zwei Stunden. Das Trio verbesserte die Landesrekorde der drei bedeutendsten ostafrikanischen Läuferhochburgen: Kenia, Äthiopien und Uganda.

So viele Schlagzeilen, wie der London Marathon 2026 produzierte, hatten in der internationalen Medienlandschaft gar nicht Platz. Doch sie erstaunten, besonders die Art und Weise. Die Halbmarathon-Durchgangszeit von 1:00:29 Stunden war zwar hochklassig, doch sie riss noch niemanden von den Sitzen. Erst als Sabastian Sawe in jener Phase, als die Tempomacher am Ende waren und früher nicht selten eine konservative Orientierungsphase im Renngeschehen eintrat, eine Verpflegungsstation links liegen ließ und einen Kilometer in 2:40 Minuten auf den Asphalt brannte, war das Feuerwerk gezündet.

Die Weltbestenliste im Marathonlauf der Männer

  • 1:59:30 Stunden – Sabastian Sawe (Kenia), London Marathon 2026
  • 1:59:41 Stunden – Yomif Kejelcha (Äthiopien), London Marathon 2026
  • 2:00:28 Stunden – Jacob Kiplimo (Uganda), London Marathon 2026
  • 2:00:35 Stunden – Kelvin Kiptum (Kenia), Chicago Marathon 2023
  • 2:01:09 Stunden – Eliud Kipchoge (Kenia), Berlin Marathon 2022
  • 2:01:39 Stunden – Amos Kipruto (Kenia), London Marathon 2026
  • 2:01:41 Stunden – Kenenisa Bekele (Äthiopien), Berlin Marathon 2019
  • 2:01:48 Stunden – Sisay Lemma (Äthiopien), Valencia Marathon 2023
  • 2:02:16 Stunden – Benson Kipruto (Kenia), Tokio Marathon 2024
  • 2:02:24 Stunden – John Korir (Kenia), Valencia Marathon 2025

Ein unvergleichlicher zweiter Platz

Rund um Kilometer 30 absolvierte der neue Weltrekordhalter einen unfassbaren Fünf-Kilometer-Schnitt von 13:54 Minuten. Das ist gerade einmal sieben Sekunden über dem ÖLV-Rekord auf dieser Distanz. Der Split Sawes zwischen Kilometer 30 und 40 von 27:36 Minuten liegt weit unterhalb des ÖLV-Rekords im 10km-Straßenlauf. Die zweite Marathon-Hälfte in unfassbaren 59:01 Minuten stellte sogar die eindrucksvollen zweiten Marathon-Hälften von Kelvin Kiptum deutlich in den Schatten.

Dass Yomif Kejelcha bis kurz vor Schluss mithalten konnte, grenzte an ein Wunder, war aber neben der Leistung von Jacob Kiplimo eine wichtige Zutat zu dessen phänomenaler Leistung. Denn Wettbewerb fördert Spitzenleistung. Dass der Äthiopier mit dieser astronomischen Debütleistung nur Zweiter wurde, ist ein Treppenwitz der Geschichte – er ist der einzige Marathonläufer, der nie einen Marathon über zwei Stunden absolviert hat! Und gleichzeitig noch ohne Marathonsieg dasteht. Dass Olympiasieger Tamirat Tola trotz einer persönlichen Bestleistung von 2:02:59 Stunden nur Fünfter wurde, auch.

Nie war eine Marathon-Hälfte nur annähernd so schnell, weder eine erste noch eine zweite. Von Kilometer 40 bis ins Ziel brauchte Sawe 5:51 Minuten, zehn Sekunden weniger als Yemane Crippa bei dessen fantastischen Finale des Paris Marathon 2026. Das sind Kilometerschnitts von 2:40 Minuten. Kaum schlechter lesen sich die Teilzeiten von Kejelcha, der elf Sekunden nach dem Sieger die Ziellinie überquerte.

Ein Leichtgewicht an den Füßen

Noch im Zielbereich den London Marathon hielt Sabastian Sawe seinen neuen Laufschuh in die Höhe – in einer Pose, wie man eine Trophäe den Kameras entgegenhalten würde. Der Adizero Adios Pro Evo 3 von adidas war in den Tagen von London fast ein genauso großer Star wie der Kenianer sowie der zweite Meilenstein-Brecher Yomif Kejelcha selbst. Mit einem Gewicht von, je nach Größe, unter 100 Gramm erreichte das neue Modell eine neue Dimension im Gewichtsmanagement, ohne auf Komponenten verzichten zu müssen, die die Kriterien eines Superschuhs voll erfüllen. Stolzer Preis: fast 500 Euro pro Paar. Lebensdauer: ein Marathon.

Für Sawe wäre dies verschmerzbar, selbst wenn er die Schuhe selbst bezahlen müsste. Er verließ London mit einem Preisgeld von über 200.000 Euro, vor steuerlichen Abzügen in seiner Heimat. Doch die kenianischen Förderstrukturen sehen in solchen Erfolgsfällen eine ordentliche Finanzspritze aus öffentlicher Hand vor, wie kenianische Medien berichteten. Kenias Staatspräsident Wiliam Ruto lobte seine Nation bei einem Empfang Sawes in Nairobi als „Ort der Wunder“ und versprach dem Superstar als Dank für die historische Leistung ein neues Auto. Ruto bekam im Gegenzug ein paar der wertvollen neuen Adizero Adios Pro Evo 3

Der deutsche Sportartikelriese nutzte die Gelegenheit, um die PR-Maschine mit Raketenantrieb zu befeuern. Nicht jedem gefällt der Fokus auf die Superschuhe und die Argumentation hinter den Evolutionen. Sebastian Coe, Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes (World Athletics), sagte gegenüber der BBC diplomatisch und die Athleten wertschätzend: „Ja, die Schuhe spielen eine Rolle, aber nicht die wichtigste. Die Schlüsselrolle ist die Mentalität der Athlet:innen, ihre Physis, ein Weltklasse-Training, der Support durch die Verbände. Diese Dinge haben massive Auswirkungen auf Top-Leistungen!“

Adidas sprach neben der Gewichtsreduktion in erheblichem Ausmaß auch von einer um elf Prozent gesteigerten Energierückgabe aus dem Zwischensohlenelement. Unabhängig der Treffsicherheit dieser Zahlen: Adidas ist ein Durchbruch gelungen, das Unternehmen geht als Ausstatter des ersten sub-2-Marathonläufers bei einem offiziellen Wettkampf in die Geschichte ein. In der Dauerrivalität mit Nike ein massiver Punktsieg.

Extra-Power aus dem Darm

Maurten ist ein Trendbegriff, der zum sportlichen Lifestyle der Lauf-Community dazu gehört. Maurten ist der Name eines schwedischen Ernährungsunternehmens, dem ein revolutionärer Schritt gelungen ist. Die skandinavischen Experten entwickelten ein Verfahren, das Kohlenhydrate in ein Hydrogel integriert. Somit gelang, dass die Kohlenhydratmenge durch den Magen in den Darm geschleust wird und erst dort resorbiert – was die Verträglichkeit und Aufnahmebereitschaft der Energiespender maximierte.

Zweitens glückte auf ähnlichem Weg, das bekannt leistungsfördernde Backsoda (Natriumbicarbonat) verträglich zu machen, was die Leistungen auf den Mittelstrecken in der Breite förmlich explodieren ließ. Keely Hodgkinson schwört auf das Produkt, um ein prominentes Beispiel zu nennen. Binnen kürzester Zeit schwämmten Drinks und Gels auf den Markt, die als Energiezünder wirken, weil der Körper auf mehr Kohlenhydrate unter Höchstbelastung zugreifen kann. Auch im Marathon, auch bei Sabastian Sawe. In Göteborg ist man überzeugt, dass die Produkte von Maurten entscheidend für den sub-2-Meilenstein sind.

In der britischen Tageszeitung „The Guardian“ beschwerte sich Mitgründer und CEO des Unternehmens, Olof Sköld, nicht das Sprachrohr der mächtigen Schuhfirmen mit ihren Superschuhen zu haben. „Wir sind die Unsichtbaren. Aber wenn man mit Athleten und Trainern spricht, die ganze Weltelite weiß genau, wer wir sind!“ Den Beweis lieferte Maurten nach: Sieben der Top-Acht in London vertrauen auf die schwedischen Sporternährungsprodukte. Sköld glaubt, die Entwicklung im Marathon gehe weiter. Er erwartet schon bald weitere Leistungssprünge unterhalb des neuen Weltrekords.

RunUp.eu-Lesetipp

Nachdem sich Sawes Trainer Claudio Berardelli bei einem Besuch im Labor in Göteborg überzeugen ließ, wie die Vorsitzenden von Maurten erzählten, begleiteten die Ernährungsexperten den kenianischen Athleten durch die Vorbereitung auf den London Marathon – mehrere Besuche im kenianischen Hochland inklusive. Die Ernährungsstrategie für den Marathon inklusive der Zeit unmittelbar davor wurde minutiös geplant. In einer Hochrechnung unter Einberechung der Wetterbedingungen, so erzählt Josh Rowe, Leiter der Sporttechnologie bei Maurten gegenüber dem „The Guardian“, prognostizierte er am Marathon-Morgen eine Zeit von 1:59:29 Stunden für Sabastian Sawe. Fast auf die Sekunde genau.

Einzigartiges Testprogramm

Die Ernährungsprodukte von Maurten sind eine legale Möglichkeit der Leistungssteigerung. Dass besonders in Kenia – und mutmaßlich nicht nur dort – auch illegale Substanzen kursieren, zeigen die rund 140 wegen Dopings gesperrten kenianischen Athletinnen und Athleten, darunter Frauen-Weltrekordhalterin Ruth Chepngetich. Um erst gar nicht in den thematischen Dunstkreis solcher Vergleiche zu kommen, entschied sich Sabastian Sawe bereits in der Vorbereitung zum Berlin Marathon 2025 zu freiwilligen Out-Of-Competition-Dopingtests. Ganze 25 legte er ab, alle mit negativem Ergebnis.

Um zu verhindern, dass seine Reputation unter der Gesamtstimmung gegenüber dem kenianischen Laufsport leiden könnte, kreierte das Team um Sawe eine mit der Athletics Integrity Unit (AIU) koordinierte Teststrategie. Adidas gehört neben Nike und seit kurzem auch On zu jenen Unternehmen, die den Anti-Doping-Kampf der AIU finanziell unterstützen. Adidas leistete einen zusätzlichen Sponsoringbeitrag zur Finanzierung der Sawe-Testserie, die in Vorbereitung des London Marathon 2026 fortgesetzt wurde.

Sechseinhalb Jahre nach Wien

Am 12. Oktober 2019 lief Eliud Kipchoge in Wien 42,195 Kilometer in 1:59:41 Stunden. Es war kein offizieller Wettkampf, es war eine Inszenierung mit Partnern wie INEOS. Ideale Bedingungen, eine flache und kurvenarme Strecke, wechselnde Tempomachergruppen mit mehr Mitgliedern als in offiziellen Wettkämpfen erlaubt, eine Streckenvermessung, die nicht ganz den AIMS-Kriterien entsprach. Kipchoge hat mit seiner sub-2-Leistung damals dennoch ein historisches Ereignis realisiert – als Krönung seines Lebensmottos, Grenzen zu verschieben.

Nun richtete die Legende seinen Erben herzliche Gratulationen zu ihren sub-2-Leistungen aus. Der Traum der gesamten globalen Laufcommunity seit vielen Jahren habe sich in die Realität verwandelt. „Diese Ergebnisse sollen die nächste Generation inspirieren und die ganze Welt daran erinnern: No Human Is Limited“, formulierte er in seinen Worten.

War der sub-2-Marathon erwartbar?

Die Sensation lag wahrscheinlich mehr in der Art und Weise der Renngestaltung mit der fast absurd schnellen zweiten Rennhälfte als im Erreichen des Meilensteins an sich. Caio Victor Sousa würde die Frage allerdings bedingungslos bejahen. Vor acht Jahren errechnete eine von ihm geleitete Forschungsarbeit der Universität Loyola Marymount University in Kalifornien auf Basis von Daten in der Vergangenheit, dass im Jahr 2026 ein 27-jährige Läufer aus Ostafrika eine Marathonzeit unter zwei Stunden schaffen würde. Nun mag der 31-jährige Sawe deutlich älter sein, aber ihm kommen als Spätzünder die verhältnismäßig wenigen Trainingsjahre entgegen.

Die Berechnung des Teams fußte damals auf drei Hauptfaktoren: VO2max als maximierte Sauserstoffaufnahme, die Laufökonomie und die anaerobe Schwelle, dazu flossen technologische Innovationen in der Prognose ein. Im Gegensatz zu Eliud Kipchoge aber pocht der Wissenschaftler auf die menschliche Grenze. Diese sieht er im Marathonlauf der Männer bei einer Zeit von 1:55 oder 1:56 Stunden – es bliebe also noch Spielraum für Verbesserungen des jetzigen Weltrekords. Noch Aufsehen erregender ist allerdings eine andere Einschätzung, die Sousa Runner’sWorld gab: Einen sub-2-Marathon der Frauen hält er, freilich weit in der Zukunft, nicht für ausgeschlossen.

Was passiert in Berlin?

Der Bann ist nun gebrochen – doch die Marathon-Welt dreht sich weiter. Sabastian Sawe hat bereits angekündigt, den Berlin Marathon im September zu bestreiten. Das Ziel: Schneller zu laufen als in London. Nach dem London Marathon gab der Star gegenüber der Plattform Citius Mag die Prognose ab, dass die Zeit von 1:59:30 Stunden am Jahresende nicht mehr an der Spitze der historischen Marathon-Bestenliste stehen werde.

Yomif Kejelcha, dessen phänomenales Debüt in 1:59:41 Stunden unfairerweise in den Hintergrund von Sawe gedrängt wurde, könnte im Dezember den Valencia Marathon bestreiten. Beide Kurse gelten als schneller als jener in London. Das gilt übrigens auch für den Chicago Marathon, wo Jacob Kiplimo möglicherweise als Titelverteidiger seinen nächsten, persönlichen sub-2-Versuch unternehmen könnte. Ein direktes Aufeinandertreffen dieser Top-Drei wie in London wird es im Herbst also wohl nicht geben.

Autor: Thomas Kofler
Bild: © SIP / Johannes Langer – Sabastian Sawe beim Berlin Marathon 2025

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