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16-jährige Wundertat bei den US-Trials im 800m-Lauf

Der 800m-Lauf bei den US-Trials mit einem Fabel-Comeback und einem neuen U18-Weltrekord sticht aus vielen spannenden Meisterschaftsentscheidungen heraus.
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Das fantastische Comeback von Donavan Brazier und der außergewöhnliche Durchbruch des 16-jährigen Cooper Lutkenhaus im 800m-Finale der US-Trials war zweifelsohne das Aufsehen erregendste Meisterschaftsrennen des vergangenen Wochenendes. Ein Rundblick über die wichtigsten Laufentscheidungen bei den nationalen Meisterschaften in großen Leichtathletik-Nationen.

Donavan Brazier ist neben seinem Vorgänger Pierre-Ambroise Bosse aus Frankreich der einzige 800m-Weltmeister seit über 20 Jahren, der nicht in Afrika geboren ist. Bei Olympischen Spielen ist diese Serie ähnlich lang. Der US-amerikanische Weltmeister von 2019 hat in diesem Jahr sein Comeback nach drei Jahren und massiven Problemen an der Achillessehne gegeben, die durch drei operative Eingriffe in Ordnung gebracht wurde. Bei den diesjährigen US-Trials am vergangenen Wochenende in Eugene gelang dem 28-Jährigen ein Glanzstück mit Ausrufezeichen. Er holte sich erstmals seit 2019 den nationalen Meistertitel und stellte mit einer Zeit von 1:42,16 Minuten auch gleich eine persönliche Bestleistung auf, die ihn auf Platz drei der US-Bestenliste und Platz 16 der ewigen Weltbestenliste führt. Mit dem damit verbundenen WM-Comeback im September in Tokio ist Brazer wieder zurück in der Weltspitze.

Wunderleistung von Cooper Lutkenhaus

Dabei war seine Leistung längst nicht die Sensation des Wettkampfs. Cooper Lutkenhaus, geboren im Dezember 2008, war bis vor wenigen Tagen international noch völlig unbekannt. Bei den Trials verbesserte der US-U20-Meister seine persönliche Bestleistung um sage und schreibe 3,18 Sekunden (!) und stürmte mit einer Zeit von 1:42,27 Minuten zu Platz zwei. Damit verbesserte der 16-Jährige, der die Halbfinalläufe tags zuvor gerade so überstanden hatte, sensationell den U18-Weltrekord des späteren Weltmeisters Mohammed Aman aus Äthiopien um über eine Sekunde und scheiterte nur um eine halbe Sekunde am U20-Weltrekord von Nijel Amos, der 2012 bei den Olympischen Spielen von London im Windschatten des Weltrekordlaufs von David Rudisha im Alter von 18 Jahren eine Zeit von 1:41,73 Minuten erreicht hat.

Schlüssel für die Superleistung Lutkenhaus’ war eine fabulöse Schlussrunde inklusive eines irren Schlussspurts aus dem Hinterfeld fast ganz an die Spitze. Daher blieb für die beiden vermeintlich besten US-Amerikaner nur noch ein weiterer WM-Startplatz – wie immer entschieden die Top-Drei-Positionen bei den US-Trials verbindlich für die WM-Nominierung. Der Olympia-Vierte und US-Rekordhalter Bryce Hoppel behielt in 1:42,49 Minuten die Oberhand gegenüber Hallen-Weltmeister Josh Hoey, der damit in Tokio voraussichtlich fehlen wird. Hoey verlor auf der Zielgerade die entscheidenden drei Positionen.

Olympia-Helden schwer geschlagen

Eine weitere Sensation brachte tags zuvor am Samstag der 1.500m-Lauf der Männer hervor. Jonah Koech, heuer schon Sieger eines Diamond-League-Rennens, kürte sich in einem neuen Trial-Rekord von 3:30,17 Minuten zum US-Meister. Besonders die letzten 100 Meter beeindruckten, ähnlich wie ein Jahr zuvor beim späteren Olympiasieger Cole Hocker. Dank einer phänomenalen Schlussrunde sicherte sich der krasse Außenseiter Ethan Strand acht Hundertstelsekunden dahinter Rang zwei.

Titelverteidiger und Olympiasieger Cole Hocker rettete sich in 3:30,37 Minuten auf den dritten Platz. Dagegen schafften die Olympia-Finalisten Hobbs Kessler und Yared Nuguse den Sprung ins WM-Team nicht. Gerade im Fall des Olympia-Dritten Nuguse, der das Rennen lange Zeit angeführt hat und ein ähnliches Schicksal erlitt wie Jakob Ingebrigtsen bei den Olympischen Spielen, ist das eine faustdicke Überraschung. Der 26-Jährige hatte im Winter zwei Hallen-US-Rekorde aufgestellt und sich im Vorfeld bei Rennen in den USA in Topform gezeigt. Wie Let’sRun.com hinweist, gibt es noch eine Hintertür, die für Nuguse nicht absurd ist. Mit einem Sieg beim Diamond-League-Finale Ende August in Zürich ist ein Wild Card Startplatz für Tokio 2025 drin, Nuguse hat die letzten beiden Diamond-League-Rennen im Letzigrund gewonnen.

Kessler, in Paris Olympia-Fünfter, zeigte sich gegenüber „Let’sRun.com“ schockiert: „Ich war perfekt vorbereitet. Ich denke, ich habe den Wettkampf perfekt absolviert. Trotzdem waren Drei besser, das ist demotivierend. Ich habe mir den A… abgearbeitet, hab taktisch alles richtig gemacht, jetzt steh ich als Vierter da – das schreckt mich. Ich weiß nicht, was ich besser machen hätte sollen.“

Keine WM für Athing Mu-Nikolaev

1.500m-Olympiasieger Cole Hocker gewann am Tag nach dem 1.500m-Finale den 5.000m-Lauf dank einer Super-Schlussrunde in 13:26,45 Minuten vor Grant Fisher und Nico Young, der in diesem Jahr ein Diamond-League-Rennen gewonnen hat. Young und Fisher hatten sich am Freitag auch im 10.000m-Lauf qualifiziert. Im 3.000m-Hindernislauf war Olympia-Medaillengewinner Kenneth Rooks nicht zu bezwingen. Evan Jager, Olympia-Medaillengewinner von Rio 2016, bezeichnete das Vorlauf-Aus gegenüber „Let’sRun.com“ als seinen letzten Hindernislauf seiner Karriere.

Bei den Frauen scheiterte die ehemalige Weltmeisterin Athing Mu-Nikolaev, nach den bisherigen Saisonauftritten wenig überraschend, bereits im 800m-Halbfinale. Roisin Willis sicherte sich in 1:59,26 Minuten überraschend ihren ersten Titel, der zweite Platz von Maggie Congdon war die Sensation. Nia Akins, vor der Zielgerade noch in Führung, scheiterte als Vierte haarscharf hinter Sage Hurta-Klecker. Im 1.500m-Lauf gab es einen Favoritinnensieg von Nikki Hiltz vor Sinclaire Johnson und Emily Mackay. Hallen-WM-Medaillengewinnerin Shelby Houlihan gewann den 5.000m-Lauf und damit ihren ersten US-Titel seit sechs Jahren (vier Jahre davon war sie wegen Dopings gesperrt, Anm.). Über 10.000m sicherte sich Emily Infeld, vor zehn Jahren bereits WM-Dritte, ihren allerersten US-Meistertitel im Alter von 35 Jahren. Die WM-Besetzung im 3.000m-Hindernislauf ist von international unbekannten Läuferinnen besetzt, Lexy Hallady-Lowry holte in guten 9:09.14 Minuten den Titel.

Hindernislauf-Duell

Höhepunkt bei den Laufbewerben der Deutschen Meisterschaften, die im Rahmen der „Finals“ in einem „klein-olympischen“ Sportfest in Dresden ausgetragen wurden, war der 3.000m-Hindernislauf der Männer. Frederik Ruppert hat zu Saisonbeginn mit einem Beinahe-Europarekord in der Diamond League die seit Jahren bestehende Hackordnung in dieser Disziplin in Deutschland verändert. Doch bei den nationalen Meisterschaften in seiner Heimatstadt schlug Karl Bebendorf zurück und besiegte seinen Landsmann und Titelverteidiger Ruppert im direkten Duell mit einer Siegerzeit von 8:32,90 Minuten und fast neun Zehntelsekunden Vorsprung. Es war der bereits sechste Staatsmeistertitel für den 29-jährigen EM-Medaillengewinner von Rom 2024. „Ich musste hier heute gewinnen, etwas anderes stand gar nicht zur Debatte“, bekannte Bebendorf nach seinem Heimspiel – allerdings in gedämpfter Emotion. Wie er gegenüber dem DLV sagte, liegt seine Mutter im Sterben. Bronze ging an Niklas Buchholz.

Bei den Männern wurde Robert Farken seiner Favoritenrolle im 1.500m-Lauf gerecht. In einer Zeit von 3:46,96 Minuten ließ er in einem von der Taktik geprägten Finale Marc Tortell und Mohamed Abdilaahi hinter sich. Abdilaahi hatte zuvor bereits den 5.000m-Lauf im Dreikampf auf der Zielgerade gegen Florian Bremm und Maximilian Thorwirth für sich entschieden, Siegerzeit: 13:50,28 Minuten. Der Titel im 800m-Lauf ging an Alexander Stepanov.

Foto-Finish über 1.500m

Den engsten Zieleinlauf des Wochenendes sah der 1.500m-Lauf der Frauen: Jolanda Kallabis und Nele Weßel erreichten in 4:25,90 Minuten dieselbe Zeit, zwei Tausendstelsekunden gaben den Ausschlag zugunsten Kallabis. Die zuletzt in prächtiger Form laufende Hindernislauf-Spezialistin Lea Meyer gewann den 5.000m-Lauf in 15:26,33 Minuten vor Elena Burkard und der um zehn Sekunden abgeschlagenen Konstanze Klosterhalfen, eine ehemalige WM-Medaillengewinnerin in dieser Disziplin. Es war ihr erster Start bei deutschen Meisterschaften seit sechs Jahren.

Eine Überraschung gelang Smilla Kolbe, die im 800m-Lauf in 2:02,57 Minuten Favoritin Majtie Kolberg besiegte, Bronze ging an Lucia Sturm. Neo-800m-Läuferin Alica Schmidt hatte es nicht ins Finale geschafft. Den Titel im 3.000m-Hindernislauf in Abwesenheit von Lea Meyer und Gesa Krause, die sich auf die WM-Vorbereitung konzentriert, sicherte sich U23-EM-Medaillengewinnerin Adia Budde im Duell mit Olivia Gürth, eine Premiere für Budde.

Weitere nationale Meisterschaften in Europa

🇬🇧 Bei den britischen Meisterschaften gewann Georgia Hunter Bell den 800m-Lauf in Abwesenheit der immer noch nicht fitten Keely Hodgkinson in einer Zeit von 1:59,83 Minuten mit einer Sekunde Vorsprung auf Jemma Reekie. Im 1.500m-Lauf rettete sich Laura Muir zum WM-Startplatz, als Zweite musste sie sich aber überraschend Studenten-WM-Medaillengewinnerin Sarah Calvert, ebenfalls eine Schottin, geschlagen geben. Immerhin hielt sie noch Revee Walcott-Nolan, die vor einigen Wochen Caroline Bredlinger beim Meeting in Eisenstadt knapp geschlagen hat (siehe RunUp.eu-Bericht), hinter sich. Bei den britischen Meisterschaften vergibt der nationale Verband traditionell zwei WM-Startplätze, der dritte wird durch eine Verbandsentscheidung vergeben. Somit könnte Olympia-Medaillengewinnerin Hunter Bell zum Doppelstart in Tokio kommen.

Bei den Männern sorgte Max Burgin mit einem dominanten Erfolg im 800m-Lauf in einer Zeit von 1:43,92 Minuten für den Lauf-Höhepunkt. Josh Kerr feierte im 5.000m-Lauf einen ebenfalls deutlichen Sieg, in seiner Abwesenheit gewann Neil Gourley den 1.500m-Lauf. Ex-Weltmeister Jake Wightman hat seine Teilnahme kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen abgesagt.

🇫🇷 Bei den französischen Meisterschaften in Talence besiegte Yann Schrub im Endspurt des 5.000m-Laufs überraschend Jimmy Gressier. Azzedine Habz feierte über 1.500m einen Favoritensieg, Gabriel Tual wurde beim 800m-Sieg von Yanis Meziane überraschend nur Sechster. Bei den Frauen gewann Europameisterin Alice Finot den 3.000m-Hindernislauf, Hallen-Europameisterin Agathe Guillemot musste sich im 1.500m-Lauf überraschend Adèle Gay geschlagen geben.

🇪🇸 Bei den spanischen Meisterschaften in Tarragona machte sich der ehemalige Olympia-Finalist im 800m-Lauf, Adrian Ben, ein Geschenk zum 27. Geburtstag, indem er sich den Titel im 1.500m-Lauf holte. Den 800m-Lauf gewann Favorit Mohamed Attaoui in 1:46,22 Minuten vor Ex-Europameister Mariano Garcia und Pablo Sanchez-Valladares, Hallen-WM-Medaillengewinner Elvin Josué Canales musste mit Platz sechs Vorlieb nehmen. Thierry Ndikumwenayo wurde seiner Favoritenrolle im 5.000m-Lauf gerecht, Daniel Arce im 3.000m-Hindernislauf.

🇮🇹 Bei den italienischen Meisterschaften im Ferienort Caorle schaffte Nadia Battocletti das Doppel im 1.500m- und 5.000m-Lauf. Micol Majori jubelte ebenfalls in beiden Rennen über eine Medaille. Marta Zenoni gewann über 800m das Duell mit Eloisa Coiro knapp. Zuletzt hatte Zenoni 2015 im Alter von 16 Jahren den Titel gewonnen. Federico Riva und Catalin Tecuceanu feierten auf den Mittelstrecken Favoritensiege.

Kenias WM-Team nominiert

Bereits die Woche vorher fanden in Nairobi die kenianischen Ausscheidungen statt, hineingepackt in einem Leichtathletik-Tag, den die kenianische Tageszeitung „Daily Nation“ als „explosive one-day-trials“ bezeichnete. An dessen Ende nominierte der kenianische Leichtathletik-Verband (Athletics Kenya), der den Termin für die Kenya Trials offenbar recht kurzfristig bekannt gab, sein WM-Team für Tokio und schickte die Nominierten inklusive der Reserveathletinnen und -athleten ins WM-Camp nach Eldoret.

Die größte Überraschung in der Nominierung ist vielleicht jene von Peres Jepchirchir für den WM-Marathon. Die Olympiasiegerin von Sapporo 2021 hat seit dem Olympischen Marathon von Paris 2024, wo sie als 14. enttäuschte, keinen Wettkampf bestritten. Den diesjährigen London Marathon Ende April musste sie verletzungsbedingt absagen. Möglicherweise eine weitere Chance bei einer WM bekommt Vivian Cheruiyot. Die 41-Jährige, die jeweils zweimal Weltmeisterin im 5.000m- und 10.000m-Lauf war, war beim diesjährigen London Marathon Fünfte und ist als Reserveathletin nominiert.

Aufgrund des Ausscheidungsmodus’ sind Doppelstarts bei der WM rar, Beatrice Chebet darf als zweifache Olympiasiegerin ebenso beide Langdistanzen bestreiten wie Agnes Ngetich, Weltrekordhalterin im 10km-Straßenlauf. Dass Chebet bei den Trials im 10.000m-Lauf bei flottem Tempo nur Dritte hinter Janeth Chepngetich und Agnes Ngetich wurde, darf kaum irritieren – es war wohl Kalkül. Faith Kipyegon ist durch die Wild Card der Titelverteidigerin für den 1.500m- und den 5.000m-Lauf gesetzt.

Nur eine Nominierung sprach Athletics Kenya im 5.000m-Lauf der Männer aus, seit Jahren ist diese Disziplin trotz dreier internationaler Erfolge in den letzten drei Jahren, eine Schwäche des kenianischen Laufsports. Der zweifache WM-Medaillengewinner Jacob Krop wurde nur Trial-Elfter, Olympia-Medaillengewinner Ronald Kwemoi stieg vorzeitig aus. Nicholas Kipkorir wurde Trial-Vierter, ist aber der einzige verbliebene Kenianer mit dem WM-Limit in der Tasche. Dafür hat Kenia mit dem 18-jährigen Phanuel Koech einen neuen Big-Player im 1.500m-Lauf der Männer. Koech fehlte bei den nationalen Ausscheidungen, Reynold Cheruiyot siegte vor Timothy Cheruiyot.

Im 3.000m-Hindernislauf der Frauen fehlt Weltrekordhalterin Beatrice Chepkoech im Aufgebot, Kenias Nummer eins ist im Moment Faith Cherotich, die in diesem Jahr mehrere Diamond-League-Rennen gewonnen hat. Im 800m-Bewerb bei den Trials siegte Lilian Odira, nachdem das Feld in der ersten Runde anscheinend derartig bummelte, dass die 400m-Durchgangszeit bei 1:15 Minuten lag. Bei den Männern siegte in Abwesenheit von Olympiasieger Emmanuel Wanyonyi Nicholas Kebenei mit einer deutlichen persönlichen Bestleistung von 1:43,54 Minuten.

Autor: Thomas Kofler
Bild: © Free Photos / Pixabay

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