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2:09:56 Stunden – die Zahlen zum neuen Weltrekord

Die Leistung von Ruth Chepngetich in Chicago wirft Fragen auf und regt zum Diskutieren an. RunUp.eu versucht die 2:09:56 Stunden in statistische Vergleiche zu setzen.
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Selten zuvor wurde ein Weltrekord mit Ausnahme des Veranstalters so wenig euphorisch kommuniziert wie der Wunderlauf von Ruth Chepngetich am vergangenen Sonntag. Eine Art Schock legte sich offensichtlich über die Laufwelt und deren erfahrenste Beobachter*innen. Der neue Weltrekord von 2:09:56 Stunden kam in dieser Form zudem unerwartet und erfordert eine Einordnung. RunUp.eu nähert sich mit statistischen Vergleichen.

Vielleicht fand das britische Leichtathletik-Magazin „Athletics Weekly“ die treffendste Schlagzeile: „Chepngetichs 2:09:56 testet die Glaubwürdigkeit der Fans“. Die Frage zum Thema Doping wurde der Athletin am Sonntagnachmittag schnell gestellt. Robert Johnson, einer der Chefredakteure der erfolgreichen US-amerikanischen Laufplattform „Let’sRun.com“, erhob sich und formulierte sie bei der Pressekonferenz recht direkt. Sie ist legitim angesichts der Anzahl überführter Dopingsünder*innen im Laufsport in den vergangenen Jahren, speziell im Heimatland der neuen Weltrekordläuferin. Deren Management, die Agentur Rosa Associati, hat sich in jüngerer Vergangenheit auch nicht mit Ruhm bekleckert, zumindest in der Addition der positiven Dopingfälle von Athlet*innen, die dort unter Vertrag waren.

So wirklich vorbereitet schien Chepngetich auf die naheliegende Frage nicht, vielleicht war auch die Sprachbarriere hinderlich. Sie wisse nicht, was sie jemandem sagen würde, der ihr die Leistung nicht glauben würde. Noch eine Aussage überraschte nach dem Chicago Marathon: Sie habe keinen Trainer und trainiere sich selbst. Also ein Weltrekord, den Chepngetich vollumfänglich selbst geplant, mit männlichen Trainingspartnern an ihrem Standort in der Kleinstadt Ngong im Dunstkreis von Nairobi vorbereitet und mit Hilfe zweier vertrauter Tempomacher im Rennen umgesetzt hat?

Die Teststrategie der Majors

Die spanische Sportzeitung „Marca“ schrieb am Dienstag über die Dopingteststrategie, die die World Marathon Majors 2013 lanciert haben. Laut dieser sollen die Stars in Kenia und Äthiopien, finanziert durch die sechs World Marathon Majors, verlässlich zusätzlich zu den üblichen Kontrollstrategien der Welt Anti Doping Agentur (WADA) und des Leichtathletik-Weltverbandes (World Athletics) überprüft werden. Die „Marca“ fasste die bisherigen „Testerfolge“ im Falle von Majors-Sieger zusammen.

Das Auffällige: Drei Siegerinnen eines World Marathon Majors wurden bisher rückwirkend des Betrugs überführt, alle drei waren vom selben Manager vertreten wie Chepngetich: Federico Rosa, der die Agentur seines Vaters Gabriele weiterführt. Gabriele Rosa, legendärer lombardischer Sportarzt und Trainer, feierte in einem Interview mit der „La Gazzetta dello Sport“ die Leistung Chepngetich und sieht in den Trainingseinheiten am Limit gemeinsam mit männlichen Trainingskollegen sowie der ersten Marathon-Hälfte in Chicago, die Chepngetich kontrolliert wesentlich schneller als geplant absolviert hat, die Geheimnisse dieses Erfolgs. Es bleibt, auch im besten Glauben, eine enorme Ausnahmeleistung.

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RunUp.eu analysiert vier Aussagen zum neuen Weltrekord

1. Der Marathon-Weltrekord entwickelt sich schnell.

16 Jahre lang stand die Marke von Paula Radcliffe von 2:15:25 Stunden unerreichbar an der Spitze der Marathon-Bestenliste. Kein Rekord für die Ewigkeit freilich, aber einer für eine Ära. Genauso wie jener von Ingrid Kristansen (2:21:06), der vom London Marathon 1985 weg 13 Jahre hielt. Als Brigid Kosgei beim Chicago Marathon 2019 Radcliffes Weltrekord um fast eineinhalb Minuten verbesserte, reagierte die Laufwelt verblüfft ob des großen Sprungs (davor waren auch die Größten einer Ära nicht näher als eineinhalb Minuten zu Radcliffes Leistung gekommen, Anm.) und erkannte einen erheblichen Mitgrund in der neuen Schuhtechnologie. Kosgei war damals bekanntlich jenes innovative Modell gelaufen, mit dem Eliud Kipchoge tags zuvor in Wien eine Marathon-Distanz unter zwei Stunden absolviert hatte.

Doch nun ist Kosgeis Leistung von damals zweimal als Weltrekord abgelöst und um über vier Minuten verbessert. Ein triftiger Weiterentwicklungsgrund wie damals die neue Schuhtechnologie ist bisher nicht analysiert. Chepngetich ist ein Nachfolgemodell des Kosgei-Schuhs von 2019 gelaufen, den Nike Alphafly 3.

Der Unterschied zwischen den Weltrekorden der beiden Klassen (Frauen und Männer) ist im Marathon nun so gering wie in keiner anderen Laufdisziplin – und zwar mit deutlichem Vorsprung. 7,75% liegen zwischen den beiden Rekorden, im Halbmarathon sind es 9,3%. Mit 10,38% verzeichnet der 10.000m-Lauf die geringste Abweichung auf allen Olympischen Stadiondistanzen, wo aber keine männlichen Tempomacher in Frauen-Wettkämpfen zum Einsatz kommen.

Das sind die Zahlen, die „Let’sRun.com“ am Sonntag veröffentlichte. Die US-amerikanischen Experten machten noch eine andere statistische Einordnung: Paula Radcliffe lief 2003 um 4,0% schneller als Ingrid Kristiansen 1985. Ruth Chepngetich lief 2024 um 4,0% schneller als Radcliffe 2003. Die Zeiträume dazwischen sind mit 18 bzw. 21 Jahren vergleichbar. Dass der Marathon-Weltrekord der Frauen in großen Schritten verbessert wird, hat Tradition. Catherine Ndereba war 2001 die letzte, die den Marathon-Weltrekord um weniger als eine Minute steigerte (59 Sekunden). Knapp war es zuletzt bei Tegla Loroupe 1999 in Berlin: vier Sekunden.

„Athletics Weekly“ warf noch eine Zahl in den Raum: Paula Radcliffes Weltrekord war im Jahr 2003 Platz 304 im Männerranking Wert. Das wird Chepngetichs Leistung wahrscheinlich nicht halten können, sie liegt auf Platz 284 in der Männer-Bestenliste, die Herbst-Saison ist aber noch lange nicht abgeschlossen.

2. Chepngetichs Leistung hat den gleichen Score wie der Weltrekord von Duplantis.

1.339 Punkte ist die Leistung von Ruth Chepngetich laut Performance Score von World Athletics Wert. Der Äquivalenzwert im Marathon der Männer wäre dafür eine Zeit von 1:59:35 Stunden, exakt eine Minute unterhalb des aktuellen Weltrekords. Jede Disziplin hat ihre eigene spezifische Einschätzung als Grundgerüst für die Einordnung der Leistungen, die Vergleichbarkeit zwischen Disziplinen ist daher begrenzt, aber durchaus ein Indikator. Einen solch hohen Score kannte der Laufsport bisher nicht. Der 6,26m-Sprung des schwedischen Ausnahmekönners im Stabhochsprung, Armand Duplantis, der die Szene dominiert wie kaum eine Kollege in seiner Sportart, erreicht ebenfalls 1.339 Punkte. Den Bestwert in der Leichtathletik hält übrigens Speerwurf-Weltrekordhalter Jan Zelezny (1.365) vor dem deutschen Disziplinkollegen Johannes Vetter. Usain Bolt mit seinem 100m-Weltrekord wird wie auch sein 200m-Weltrekord und Mike Powells Weitsprung-Weltrekord besser bewertet als Chepngetichs Leistung.

Die „Marca“ kommt jedoch zum Schluss, dass Chepngetichs Leistung „theoretisch unmöglich“ sei und begründet das im Vergleich zu anderen herausragenden Leistungen in der Frauen-Leichtathletik. So wird der neue Weltrekord im Marathon deutlich besser bewertet als etwa der 100m-Weltrekord von Florence Griffith-Joyner oder der 400m-Weltrekord von Marita Koch, seit 1985 unbezwingbar, oder der neue 400m-Hürden-Weltrekord von Sydney McLaughlin-Levrone. Nur der Diskuswurf-Weltrekord von Gabriele Reinisch (1.382) und der Kugelstoß-Weltrekord von Natalya Lisovskaya (1.372) steht weit über allem, nicht nur in der Frauen-Leichtathletik – beide nicht unbedingt in der unverdächtigsten Zeit Ende der 80er des letzten Jahrhunderts erzielt.

3. Chepngetich lief 19,48 km/h im Schnitt

Die französische Sportzeitung „L’Équipe“ zeigte in einer Grafik auf, dass der Marathon-Weltrekord der Frauen noch nie in der Geschichte so nahe am Männer-Weltrekord dran war wie jetzt. Sie tut es in Berufung auf die Weltbestenliste von World Athletics im Vergleich der Durchschnittsgeschwindigkeit. Kelvin Kiptum lief 2023 in Chicago im Durchschnitt exakt 21 km/h schnell, 42,195 Kilometer weit. Ruth Chepngetich machte es ihm ein Jahr später auf dem selben Kurs in einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 19,48 km/h nach. Noch bis Ende des letzten Jahrhunderts liefen Frauen maximal eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 18 km/h im Marathon.

Chepngetich lief in Chicago im Schnitt fünf Kilometer in 15:24 Minuten, das ist 22 Sekunden schneller als der ÖLV-Rekord in dieser Disziplin. Die umgerechnet durchschnittliche Stadionrundenzeit der Marathonleistung lag laut Runner’sWorld knapp unter 74 Sekunden.

4. Chepngetichs Weltrekord ist schneller als der österreichische Marathonrekord bei den Männern.

Zehn Sekunden liegen zwischen dem neuen Weltrekord bei den Frauen und dem schnellsten Marathon eines Österreichers aller Zeiten, Peter Herzog (Union Salzburg LA) und seine Zeit von 2:10:06 Stunden beim London Marathon 2020. Kein Einzelfall: 214 Mitgliedsverbände hat World Athletics, 168 haben einen nationalen Marathonrekord bei den Männern, der nicht die Qualität von Chepngetichs Leistung hat, berichtet die „Marca“.

Es ist auch nicht so lange her, dass der Weltrekord der Männer unter die Schallmauer von 2:10 Stunden gefallen ist. Das war 1967, also vor 57 Jahren, beim Fukuoka Marathon durch den Australier Derek Clayton. Der erste Europäer mit einer Marathonzeit unter 2:10 Stunden war der Brite Ron Hill im Jahr 1970. Noch besser in Erinnerung ist, als die Schallmauer von 2:20 Stunden im Marathon der Frauen fiel: Das war erst vor 23 Jahren beim Berlin Marathon die Japanerin Naoko Takahashi.

Autor: Thomas Kofler
Bild: © Gerd Altmann / Pixabay

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