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2:14:04 Stunden – Fabel-Weltrekord durch Brigid Kosgei

30,5 Stunden zuvor hatte Eliud Kipchoge auf der Prater Hauptallee die Ziellinie der inszenierten INEOS 1:59 Challenge überquert und der Marathon-Welt eindrucksvoll veranschaulicht, dass man eine Marathon-Distanz in einer Zeit unter zwei Stunden zurücklegen kann. Es sollte nur Teil eins…

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© Chicago Marathon / Facebook
30,5 Stunden zuvor hatte Eliud Kipchoge auf der Prater Hauptallee die Ziellinie der inszenierten INEOS 1:59 Challenge überquert und der Marathon-Welt eindrucksvoll veranschaulicht, dass man eine Marathon-Distanz in einer Zeit unter zwei Stunden zurücklegen kann. Es sollte nur Teil eins eines denkwürdigen und unglaublichen Lauf-Wochenendes bleiben. Brigid Kosgei setzte beim Chicago Marathon am gestrigen Sonntag einen Meilenstein, den zuvor die Lauf-Welt ebenso im Reich der Fabeln angesiedelt hätte wie auch den sub-2-Marathon, bevor Eliud Kipchoge die Marathon-Welt betreten hat. Die 25-jährige Kenianerin pulverisierte den eigentlich in der öffentlichen Diskussion gar nicht zur Disposition stehenden Weltrekord von Paula Radcliffe. 2:14:04 Stunden sind die Zahlen, die nun – bis zur üblichen Ratifizierung durch den Leichtathletik-Weltverband (IAAF) inoffiziell – von der Spitze der Marathon-Geschichte thronen. Ein irrer Weltrekordlauf der aktuell besten Marathonläuferin der Welt, die mit diesem Auftritt die große Paula Radcliffe als GOAT (Greatest of all Time) abgelöst hat. „Ich habe immer gewusst, dass der Zeitpunkt kommen wird, wenn mein Weltrekord gebrochen werden würde. Als ich sah, wie schnell Brigid angelaufen ist, war mir klar, dass sie eine Chance haben würde.“ 17 Jahre lang hielt der Chicagoer Streckenrekord von 2:17:18 Stunden, für den ebenfalls die Britin verantwortlich gewesen ist – der Vorgänger zum mittlerweile ebenfalls ehemaligen Weltrekord von 2:15:25 Stunden, den Radcliffe in London 2003 auf den Asphalt zauberte. Eine Ausnahmeleistung, die in der schnelllebigen Marathon-Welt eine Ewigkeit von 16 Jahren gehalten hat. Bis die fantastische sportliche Leistung von Brigid Kosgei beim Chicago Marathon 2019 den Marathon der Frauen in eine neue Ära führte. Die neue Weltrekord-Marke strotzt vor Erstaunen. 1:21 Minuten ist erstens ein gewaltiger Schritt, die Steigerung der eigenen persönlichen Bestleistung um 4:16 Minuten ein noch dramatischerer. Auch wenn es Anzeichen gab, dass Kosgei zu einer Fabelleistung imstande sein würde.
 
Der RunAustria-Bericht des Männer-Rennens: Spurtkönig Cherono – Farah schwer geschlagen
 

Konstante Steigerung der Ansprüche

Als Kosgei im Frühjahr den London Marathon gewann, war die Zeit von 2:18:20 Stunden nach einer langsamen ersten Hälfte ein Wunder. 1:06:42 Stunden hatte die Kenianerin damals für die zweite Marathon-Hälfte gebraucht, schneller war noch nie jemand zuvor. Die Halbmarathon-Bestzeit von 1:04:28 Stunden auf der nicht für Rekordeinträge tauglichen Punkt-zu-Punkt-Strecke des Great North Run im September war ein weiteres Anzeichen, dass die Top-Läuferin aus der Agentur Rosa Associati in einer unglaublichen physischen Verfassung nach Chicago kam. Am Freitag bei der Pressekonferenz sprach sie von einer Attacke auf den Streckenrekord (2:17:18). Beim Technical Meeting am Samstag legte Kosgei fest, dass ihre beiden männlichen Pacemaker auf ein Tempo von 2:16:00 Stunden anlaufen sollten. Alleine das sorgte schon für Verwunderung. Da die Bedingungen an einem kühlen Morgen in Chicago besser als erwartet waren, weil lediglich eine leichte Brise durch die Straßen pfiff, änderte die haushohe Favoritin noch einmal ihren Plan und lief mit einer Leistung von 2:14:04 Stunden in die Geschichte. Die 25-Jährige, die wie Kipchoge im neuen Nike Zoom Vaporfly Next% unterwegs war, hält es in einem Statement nach dem Rennen in einer Art unstillbaren Hungeranfall sogar für möglich, 2:12er und 2:13er Zeiten zu laufen in absehbarerer Zeit einen Frauen-Weltrekord unter 2:10 Stunden zu erleben. Kipchoge würde dazu, spezifiziert, sagen: No Woman is limited!
 

Eine Wunderzeit

Die neue Wunderzeit von 2:14:04 Stunden verdient sich eine gesunde Analyse, schließlich ist ausgerechnet Kosgeis umstrittener Manager Federico Rosa mit dem WM-Titel für Ruth Chepngetich und dem Weltrekord von Brigid Kosgei der große Sieger im Marathon-Herbst 2019. Die Liste des Dopings überführter Sportlerinnen, die unter den Fittichen Rosas trainiert haben, ist aber bemerkenswert: die mehrfache WMM-Siegerin Rita Jeptoo, Olympiasiegerin Jemima Sumgong, deren Trainingspartnerin Sarah Chepchirchir, Olympiasieger und Weltmeister Asbel Kiprop (1.500m), um nur die großen Highlights zu nennen. Gegen Kosgei liegt kein Verdacht vor, sie gilt seit Jahren aufgrund einer beeindruckenden Verbesserungstendenz als Zukunftsstar der Szene. Es schien absehbar, dass ihr noch ein Schritt gelingen würde. Aber ein solcher Rekordsprung? Die Lauf-Welt reagierte gespalten zwischen lauten Jubelarien und kritischen Anmerkungen zur schier unglaublichen Leistung.
2:14:04, das ist a) 1:21 Minuten schneller als der bisherige Weltrekord, b) 2:57 Minuten schneller als der kenianische Landesrekord von Mary Keitany, c) 3:14 Minuten schneller als der Streckenrekord, d) 4:16 Minuten schneller als die bisherige persönliche Bestleistung, e) 16:39 Minuten schneller als der österreichische Rekord von Andrea Mayr, 20:08 Minuten schneller als die persönliche Bestleistung der aktuell besten österreichischen Marathonläuferin Eva Wutti. 20 Minuten – da passieren im regulären Rhythmus vier Züge der Wiener U-Bahn eine Station.
 
Brigid Kosgeis Halbmarathon-Splits 1:06:59 / 1:07:05 Stunden
Brigid Kosgeis 5km-Teilzeiten: 15:28 – 16:00 – 15:58 – 16:01 – 16:06 – 15:45 – 15:56 – 15:57 – 6:53 (2,195 km) Minuten
 

Eine statistische Einordnung

Statistik lügt nie – und da lässt sich die außergewöhnliche Leistung Kosgeis aus mehreren Perspektiven ableiten, auch wenn natürlich unterschiedliche Leistungen nie exakt vergleichbar sind. Kosgei lief in Chicago Halbmarathon-Splits von 1:06:59 Stunden (nur Mary Keitany in London 2017 ging jemals noch schneller einen Marathon an und scheiterte krachend) und 1:07:05 Stunden (nur Kosgei selbst in London absolvierte eine schnellere zweite Marathon-Hälfte). Das ist 2:08 bzw. 2:14 Minuten über dem Halbmarathon-Weltrekord von Joyciline Jepkosgei (1:04:51). Eliud Kipchoge lief beim Weltrekord von Berlin 2018 Splits von 1:01:06 und 1:00:33 Stunden, also 3:01 und 2:28 Minuten über dem Halbmarathon-Weltrekord von Geoffrey Kamworor, der erst ein Jahr später aufgestellt wurde. Sprich: Kosgeis Leistung lag 103,82% über der Verdopplung des Halbmarathon-Weltrekords, Kipchoges 104,73%. 1% ist enorm viel in diesem Bereich.
Aber: Der Halbmarathon-Weltrekord der Frauen beträgt 110,29% des Halbmarathon-Weltrekords bei den Männern. Der neue Unterschied der beiden Marathon-Weltrekorde liegt aber bei 110,7%. Dies spräche für die Theorie Kosgeis, dass statistisch noch etwas Zeit drin liegt.
Enorm ist der Unterschied der drei historischen Top-Leistungen im Frauen-Marathon. Die drittbeste Marathonleistung der Geschichte von Mary Keitany beträgt 101,8% des neuen Weltrekords. Die drittbeste Marathonleistung der Geschichte bei den Männern von Eliud Kipchoge beim diesjährigen London Marathon beträgt aber nur 100,8% des eigenen Weltrekords. 1:37 Minuten liegen zwischen dem Männer-Weltrekord und der zehntschnellsten Zeit, 4:16 Minuten sind es bei den Frauen. Im letzten Ansatz sind die natürlichen Unterschiede der Leistungsfähigkeit zwischen Männern und Frauen nicht einberechnet, aber auch nicht die Tatsache, dass Frauen von männlichen Pacemakern profitieren.
 

Ein Höllentempo vom Start weg

Die Art und Weise, wie Brigid Kosgei mit ihren Tempomachern in Chicago los legte, ließ so manchem die Augen ungläubig reiben. 15:28 Minuten lautete die Zwischenzeit nach fünf Kilometern, das ist ein Schnitt von unter 3:06 Minuten pro Kilometer. Um das in einen Rahmen zu setzen: Peter Herzog absolvierte auf den ersten 40 Kilometern seiner neuen persönlichen Bestleistung beim Berlin Marathon durchschnittliche 5km-Teilzeiten von 15:32 Minuten, also im Schnitt knapp über 3:06 Minuten pro Kilometer.
Zwar wurde Kosgeis Tempo etwas langsamer, aber normalisierte sich nie. Nach 1:06:59 Stunden war die erste Hälfte absolviert, nun folgte in einer Zeit von 16:06 Minuten der langsamste 5km-Abschnitt des gesamten Rennens (3:13 Minuten pro Kilometer). In der Folge blieb die 25-Jährige stets unter 16 Minuten pro Kilometer, insbesondere der Abschnitt zwischen Kilometer 25 und 30 war außergewöhnlich schnell. Und so kam die unglaubliche Zeit von 2:14:04 Stunden zustande. Übrigens stand nie zur Disposition, ob Kosgei das Rennen gewinnen würde. 6:47 Minuten Vorsprung hatte sie im Ziel auf die zweitplatzierte Ababel Yeshaneh. Umgerechnet sind das über zwei Kilometer. Nur weil Kosgei die letzten 2,195 Kilometer um über eine Minute schneller absolvierte als Yeshaneh, war die Äthiopierin schon bei Kilometer 40 durch, als Kosgei das Zielband durchbrach.
 
Ababel Yeshanehs Halbmarathon-Splits: 1:08:22 – 1:12:29 Stunden
Ababel Yeshanehs 5km-Teilzeiten: 15:36 – 16:24 – 16:21 – 16:23 – 16:52 – 16:52 – 17:11 – 17:08 – 8:04 (2,195 km) Minuten
 

Äthiopische Verfolgungsjagd auf den Stockerlplätzen

Hinter der Solo-Show der neuen Weltrekordhaltern fand tatsächlich auch ein Rennen statt und zwar auf zwei Ebenen: ein Verfolgungs- und ein Ausscheidungsrennen. Yeshaneh startete übermotiviert und wollte mit Kosgei mitgehen. 15:36 Minuten lautete ihre Zwischenzeit nach fünf Kilometer. Die 28-Jährige erkannte, dass sie dieses Tempo nicht mitgehen konnte, trotzdem lief sie nach wie vor schnell und erreichte die Halbmarathon-Zwischenzeit in einer Zeit von 1:08:22 Stunden. Dort hatte sie 48 Sekunden Vorsprung auf ihre Landsfrau Gelete Burka. Weil Yeshaneh auf der zweiten Hälfte dem hohen Tempo mehr Tribut zollen musste als Burka ihrem ebenfalls stattlichen, entwickelte sich eine Verfolgungsjagd. Bis Kilometer 40 blieb der Abstand halbwegs konstant, dann rettete sich Yeshaneh mit vier Sekunden Vorsprung gerade so auf Rang zwei. Sie hatte ihre persönliche Bestleistung um über zwei Minuten gesteigert, Burka blieb zehn Sekunden über ihrer eigenen aus Dubai. Damit war sie eine „Exotin“ in den Top-20, denn dort wurden nicht weniger als 15 persönliche Bestleistungen registriert – ein Indiz der optimalen Marathon-Bedingungen.
 

Ausscheidungsrennen in der US-Gruppe

Abseits der absurden Tempojagden vorne entwickelte sich im Verfolgerfeld ein Wettbewerb, wie man es sich für einen Chicago Marathon vorstellt. Die Top-Amerikanerinnen nahmen nach einer Eingewöhnungsphase ins Rennen ein flottes Tempo auf, nach 1:12:56 Stunden überquerte die Gruppe den Halbmarathon. In einem üblichen Ausscheidungsrennen entpuppte sich Emma Bates als die klar schnellste und finishte in einer deutlichen persönlichen Bestleistung von fast drei Minuten auf Rang vier. 2:25:27 Stunden lautete ihre Endzeit. Fionnuala McCormack folgte in einer persönlichen Bestleistung von fast vier Minuten auf Rang fünf und schob sich in einer Zeit von 2:26:47 Stunden auf Rang zwei der ewigen irischen Bestenliste hinter Catherina McKiernan, aber vor Sonia O’Sullivan, die im Alter von 35 Jahren in London 2005 eine Zeit von 2:29:01 Stunden gelaufen ist. Auch Stephanie Bruce (2:27:47) und Lyndsay Flanagan (2:28:08) erzielten „Hausrekorde“, womit sie alle mit positiven Gefühlen Richtung Olympia-Trials blicken dürfen. Laura Thweatt, die Amerikanerin im Ziel mit dem besten Vorwert, ging unglaublich konservativ an, lag zur Halbzeit auf Rang 14 und wurde in 2:29:06 Stunden Achte. Anders verlief die Kurve für die Australierin Lisa Weightman. Die 40-Jährige mutete sich viel zu, als sie in 1:11:44 Stunden als Fünfte den Halbmarathon passierte und schlussendlich bis auf Rang neun (2:29:45) zurückfiel.
 
Emma Bates’ Halbmarathon-Splits: 1:12:56 / 1:12:31 Stunden
Emma Bates’ 5km-Teilzeiten: 17:19 – 17:26 – 17:18 – 17:05 – 17:12 – 17:07 – 17:14 – 17:15 – 7:31 (2,195 km) Minuten
 

Esser knapp am Olympia-Startplatz vorbei

Eine neue deutliche persönliche Bestleistung feierte Anke Esser, die in einer Zeit von 2:32:06 Stunden ihren individuellen Bestwert um über elf Minuten steigerte. Auch dem Optimismus der Deutschen schien keine Grenze gesetzt, als sie nach zehn Kilometern auf Rang sieben auftauchte und erst kurz vor dem Halbmarathon den Kontakt zur Gruppe der Amerikanerinnen verlor. 1:13:52 Stunden war dennoch eine überraschend schnelle Halbmarathon-Durchgangszeit, sie verlor auch auf der zweiten Hälfte nicht mehr viel, blieb in ihren Kilometerzeiten bis auf das absolute Finale konstant und verpasste einen Top-Ten-Platz, der ein Olympia-Ticket bedeutet hätte, lediglich um zwei Minuten.
 
Anke Essers Halbmarathon-Splits: 1:13:52 / 1:18:14 Stunden
Anke Essers 5km-Teilzeiten: 17:18 – 17:27 – 17:19 – 17:51 – 18:27 – 18:12 – 18:24 – 18:43 – 9:28 (2,195 km) Minuten
 

Frühes Aus für Hasay

Ein Rätsel blieb in Chicago der Auftritt von Jordan Hasay. Der ehemalige Schützling von Alberto Salazar schmetterte noch bei der Pressekonferenz mit einem geplanten Angriff auf den US-Rekord von Deena Kastor, nach fünf Kilometern stoppte die Zeitmessung eine Zeit von 22:20 Minuten – sieben Minuten Rückstand auf Kosgei. Wenig später stieg die Top-Amerikanerin aus, offiziell wegen Problemen an der Achillessehne. Die Kenianerin Betsy Saina, die sie eine Hälfte lang pacen hätte sollen, lief weiter, lag beim Halbmarathon in einer Schnapszahl-Zeit von 1:11:11 Stunden auf Rang vier und stieg unmittelbar darauf aus dem Rennen aus.
 
Der RunAustria-Bericht des Männer-Rennens: Spurtkönig Cherono – Farah schwer geschlagen
 
 

Ergebnis Bank of America Chicago Marathon der Frauen 2019

1. Brigid Kosgei (KEN) 2:14:04 Stunden *
2. Ababel Yeshaneh (ETH) 2:20:51 Stunden **
3. Gelete Burka (ETH) 2:20:55 Stunden
4. Emma Bates (USA) 2:25:27 Stunden **
5. Fionnuala McCormack (IRE) 2:26:47 Stunden **
6. Stephanie Bruce (USA) 2:27:47 Stunden **
7. Lyndsay Flanagan (USA) 2:28:08 Stunden **
8. Laura Thweatt (USA) 2:29:06 Stunden
9. Lisa Weightman (AUS) 2:29:45 Stunden
10. Taylor Ward (USA) 2:30:14 Stunden **
11. Madai Perez (MEX) 2:31:44 Stunden
12. Sarah Sellers (USA) 2:31:49 Stunden **
13. Anke Esser (GER) 2:32:06 Stunden **
14. Shiho Kaneshige (JPN) 2:33:16 Stunden **
15. Mia Behm (USA) 2:33:47 Stunden **
16. Jennifer Bergman (USA) 2:34:37 Stunden **
18. Alyssa Schneider (USA) 2:35:31 Stunden **
19. Julia Roman-Duval (USA) 2:35:41 Stunden **
20. Marie-Ange Brumelot (FRA) 2:36:23 Stunden **
* neuer Weltrekord, neuer Streckenrekord
** persönliche Bestleistung
 
 
Bank of America Chicago Marathon

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