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800m: Emmanuel Wanyonyi bleibt die Nummer eins

Emmanuel Wanyoni ist nach einer starken Saison erstmals auch Weltmeister. Er entschied einen hochspannenden Wettkampf in Tokio knapp für sich.
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Im Stile seines Vorbilds David Rudisha führte Emmanuel Wanyonyi vom ersten bis zum letzten Meter des Rennens und zauberte einen neuen Meisterschaftsrekord von 1:41,86 Minuten auf die Laufbahn des Tokioter Nationalstadion. Es war ein denkwürdiger Endlauf, denn kurz vor dem Ziel wackelte der Favorit im ewig jungen Duell mit Geburtstagskind Marco Arop beträchtlich. Doch er widerstand seinen Gegnern und rettete 0,04 Sekunden auf den endschnellen Djamel Sedjati und 0,09 Sekunden auf seinen kanadischen Hauptrivalen. Vom schnellsten WM-Rennen aller Zeiten profitierte auch der junge irische Aufsteiger Cian McPhillips.

David Rudisha schien etwas angespannt, während sein Sitznachbar Sebastian Coe, amtierender Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes (World Athletics) auf der Tribüne locker zutextete. Eine Konversation unter 800m-Legenden. Rudishas Nervosität bezog sich auf den kontextuellen Rahmen – der Startschuss des 800m-Finals der Männer am späten Samstagabend japanischer Zeit stand bevor und Rudishas Landsmann Emmanuel Wanyonyi war der große Favorit. Rudisha mag geahnt haben, ein „Nail Biter“ stand bevor.

© Dan Vernon for World Athletics

Krönung einer erfolgreichen Saison

Viele hätten dem 21-Jährige sowie seinem Rivalen Marco Arop in dieser Saison zugetraut, Rudishas vom Olympischen Finale 2012 in London herrührenden Weltrekord von 1:40,91 Minuten zu unterbieten, nachdem sie im vergangenen Jahr ganz nahe an diese Rekordmarke gerückt sind. Das gelang beiden nicht. Ein Jahr nach der hauchdünnen Olympia-Entscheidung, als nur eine einzige Hundertstelsekunde den Ausschlag für den Erfolg des Kenianers gegeben hat, war das Duell in diesem Jahr eigentlich gar kein so intensives. Arop gewann in Kingston zwar ein Grand Slam Track Rennen, an dem Wanyonyi als Gaststarter Anfang April teilnahm, doch die vier direkten Aufeinandertreffen in der Diamond League in der Hauptsaison gingen ausnahmslos an den Kenianer – und das nicht selten deutlich.

Überhaupt dominierte der Kenianer die Saison, die Niederlage in Lausanne gegen Hallen-Weltmeister Josh Hoey, der sich den Frust von der Trial-Pleite, die ihn in Tokio zum großen Abwesenden machte, von der Seele lief, war der einzige Makel. Wanyoni gewann in Oslo, Stockholm, Monaco, London und Zürich. Der WM-Titel in Tokio war also die logische Folge, doch die Angelegenheit wurde eine schwierige. Die zweitschnellste Zeit seines Wettkampfjahres – und damit die zweitschnellste 800m-Zeit überhaupt im Jahr 2025 – reichte gerade so, um dieser Favoritenrolle auch gerecht zu werden.

„Ich habe diesen Wettkampf nie als Selbstläufer gesehen und wusste, ich brauche einen sehr guten, um die Goldmedaille zu gewinnen“, erklärte der Sieger, der damit im Alter von 21 Jahren alle wichtigen Titel erreicht hat – die WM-Goldmedaille war das noch fehlende Stück. „Ich wollte dieses Gold wirklich unbedingt und hab alles dafür getan. Jetzt will ich es 2027 verteidigen, das ist mein nächstes großes Ziel“, blickte er nach vorne. „Und dann Los Angeles 2028!“

Ergebnis 800m-Lauf der Männer, WM 2025
Gold: Emmanuel Wanyonyi (Kenia) 1:41,86 Minuten (WM-Rekord)
Silber: Djamel Sedjati (Algerien) 1:41,90 Minuten
Bronze: Marco Arop (Kanada) 1:41,95 Minuten

 
4. Cian McPhillips (Irland) 1:42,15 Minuten (irischer Rekord)
5. Mohamed Attaoui (Spanien) 1:42,21 Minuten
6. Max Burgin (Großbritannien) 1:42,29 Minuten
7. Navasky Anderson (Jamaika) 1:42,76 Minuten (jamaikanischer Rekord)
8. Tshepiso Masalela (Botswana) 1:42,77 Minuten

Blatt gewendet

Wie vor zwei Jahren in Budapest war Marco Arop sein großer Kontrahent. Damals fügte der Kanadier dem Kenianer eine empfindliche Niederlage zu und auch in Tokio unternahm der 27-Jährige viel dafür, Budapest zu wiederholen. Wanyonyi griff zur Rudisha-Taktik und diktierte vom ersten Schritt ein schnelles Tempo. Arop ging mit und mag vielleicht nach 200 Metern einige Wimpernschläge lang sogar in Führung gelegen haben. Doch der Kenianer behauptete den ersten Platz und führte das Feld in verdammt flotten 49,26 Sekunden (wohlgemerkt, kein Pacemaker) in die zweite Runde.

Dort hielt Wanyonyi das Tempo beeindruckend hoch – und so war es überraschend, dass bei der Zwischenzeit von 1:15,24 Minuten nach 600 Metern nicht nur keine Vorentscheidung gefallen war, sondern dass der gesamte Pulk von acht Läufern unerwartet nahe an dem Führenden dran war. Doch der kenianische Führende hatte in dem Moment, als der Wettkampf auf der Zielgerade kippen hätte können, noch genügend Energie, sich dem Angriff Arops und dem grandiosen Spurt von Djamel Sedjati aus dem Hinterfeld zur Wehr zu setzen. „Ich wusste, dass mich das Laktat erschlagen würde. Es war schließlich ein schnelles Rennen und es war hart, es schnell zu beenden. Heute waren alle unglaublich gut, daher war ich etwas überrascht im Ziel“, kommentierte der neue Weltmeister.

Ein Wimpernschlag fehlte Sedjati

Mit einem bärenstarken Finish, eine Spezialität von ihm, stürmte Djamel Sedjati auf den letzten 100 Metern noch von Position sechs aus zur Silbermedaille, gerade einmal vier Hundertstelsekunden an Gold vorbei. „Heute ist alles aufgegangen, was ich mir erwünscht habe – außer die Goldmedaille“, sagte er, gab sich aber mit der Silbermedaille zufrieden. Es ist bereits die dritte globale Medaille für den 26-Jährigen nach Bronze bei den Olympischen Spielen von Paris und Silber vor drei Jahren in Eugene. Seinen Erfolg widmete er seinem algerischen Landsmann Mohamed Triki, der tags zuvor im Dreisprung im allerletzten Versuch vom Stockerl fiel.

© Ross Turteltaub for World Athletics

Marco Arop hätte am Tag seines 27. Geburtstags logischerweise nur allzu gerne seinen Erfolg von vor zwei Jahren wiederholt. Er musste sich mit Bronze zufrieden geben, so wie vor drei Jahren. „Ich bin happy, ich habe 100% gegeben. Die Konkurrenz ist einfach so stark und es war eine verdammt schnelle erste Runde“, so der Kenianer, der von einer insgesamt schwierigen Saison sprach.

Die Schlussspurts der Finalisten

  • 12,73 Sekunden – Cian McPhillips (Viertplatzierter)
  • 12,81 Sekunden – Djamel Sedjati (Zweitplatzierter)
  • 13,26 Sekunden – Emmanuel Wanyonyi (Sieger)
  • 13,28 Sekunden – Marco Arop (Drittplatzierter)
  • 13,29 Sekunden – Mohamed Attaoui (Fünftplatzierter)
  • 13,50 Sekunden – Max Burgin (Sechstplatzierter)
  • 13,56 Sekunden – Tshepiso Masalela (Achtplatzierter)
  • 13,84 Sekunden – Navasky Anderson (Siebtplatzierter)

Ein Wunder namens McPhillips

Der 800m-Lauf war eine der am heißest umkämpften Disziplinen in den Tagen von Tokio 2025. Etliche große Namen, darunter die US-Amerikaner Donavan Brazier und Bryce Hoppel, immerhin Olympia-Vierter, oder der französische Olympia-Finalist und Europameister Gabriel Tual scheiterten im Halbfinale, für Ozeanienrekordhalter Peter Bol war gar schon im Vorlauf Endstation.

Zwei Leistungen bleiben abseits der Medaillengewinner, die geschlossen unter 1:42 Minuten blieben – und damit auch unter dem bisherigen WM-Rekord von Brazier aus dem Jahr 2019 (1:42,34), in Erinnerung: Cian McPhillips und Navasky Anderson, die beide zweimal einen neuen Landesrekord aufstellten. Der 23-jährige Ire ist der 800m-Aufsteiger der Saison in Europa. Vor vier Jahren war er Junioren-Europameister, allerdings im 1.500m-Lauf, seiner damals noch deutlich stärkeren Disziplin. Doch nach der verpassten Wettkampfsaison 2022 widmete sich der jung Ire der kürzeren Mittelstrecke, verpasste bei den U23-Europameisterschaften 2023 allerdings Edelmetall als Siebter.

Cian McPhillips als Sieger des verregneten Halbfinallaufs. © Dan Vernon for World Athletics

Hin zur neuen Wettkampfsaison gelang ein gewaltiger Leistungssprung. Im Juli steigerte er binnen zwei Tagen bei Wettkämpfen in seiner Heimat seine Bestleistung um über zwei Sekunden und rückte dem im Frühsommer mehrfach durch Mark English verbesserten irischen Rekord nahe. Den knackte er mit einem gewaltigen Halbfinallauf in Tokio: In einer Zeit von 1:43,18 Minuten ließ er Max Burgin, Donavan Brazier und Gabriel Tual bei strömendem Regen klar hinter sich.

Im Finale steigerte sich der 23-Jährige um eine weitere Sekunde auf eine Zeit von 1:42,15 Minuten, womit in der ewigen europäischen Bestenliste nur noch Wilson Kipketer, Gabriel Tual, Sebastian Coe und Mohamed Attaoui, der in Tokio 0,06 Sekunden hinter ihm ins Ziel kam, vor ihm liegen. „Ich bin ziemlich glücklich, wie es hier gelaufen ist. Ich war irgendwo um Platz 40 im Ranking vor der WM“, so McPhillips. Zentral für sein riesiges Abschnitt war der phänomenale Schlussspurt, der schnellste im Feld noch vor Sedjati. Er führte ihn von Position acht nach 700 Meter noch am halben Feld vorbei.

Erster jamaikanischer WM-Finalist über 800m

McPhillips’ Abschneiden war das beste irische im 800m-Lauf bei Weltmeisterschaften, Platz sieben von Navasky Anderson das beste jamaikanische. Die für ihre Sprinterinnen und Sprinter in der Leichtathletik berühmte Karibikinsel feierte bereits im Halbfinale die Verbesserung des Landesrekords von Tyrice Taylor, der gerade einmal zwei Monate alt war, um zwei Hundertstelsekunden. Dank des idealen Wettkampfverlaufs legte der 25-Jährige im Finale noch einmal knapp eine Sekunde drauf und landete bei einer Zeit von 1:42,76 Minuten. Er hält nun neun der zehn schnellsten 800m-Zeiten in der Geschichte Jamaikas, sieben davon stammen aus dem Wettkampfjahr 2025.

Der in der Hauptstadt Kingston geborene Anderson studiert in den USA an der Mississippi State University, an der auch Marco Arop als Läufer ausgebildet wurde. Nun ist er der erste jamaikanische WM-Finalist überhaupt in dieser Disziplin.

Mohamed Attaouis fünfter Platz ist das zweitbeste spanische WM-Resultat auf der kürzesten Laufdistanz hinter Adrian Ben, der vor zwei Jahren Vierter war und mittlerweile im 1.500m-Lauf an den Start geht. Max Burgin, der ausgangs der letzten Kurve noch auf Medaillenkurs lag, konnte nicht in die Fußstapfen von Ben Pattison treten, der vor zwei Jahren sensationell die Bronzemedaille gewonnen hat, lieferte aber in Tokio seine bisher beste WM-Leistung ab. Tshepiso Masalela musste sich trotz einer Zeit von 1:42,77 Minuten mit Rang acht begnügen, er hatte auch bei seinem zweiten WM-Antritt das Finale erreicht.

Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Mattia Ozbot, Dan Vernon, Ross Turteltaub for World Athletics

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