Newsletter Subscribe
Enter your email address below and subscribe to our newsletter


Kenia hat einen neuen 800m-Star: Zwei Jahre nach dem Titelgewinn von Mary Moraa heißt die neue Weltmeisterin Lilian Odira. Die 26-jährige krönte in Tokio mit WM-Gold eine starke Saison, in der sie ihren internationalen Durchbruch geschafft hatte, und verlängerte die Sehnsucht von Keely Hodgkinson, die weiterhin auf ihren ersten WM-Titel warten muss. Eine Hundertstelsekunde ließ die Engländerin auch noch das Duell mit ihrer Trainingspartnerin verlieren.
Am Ende lächelten beide und umarmten sich innig. Die Gefühlslage im britischen Team dürfte aber unterschiedlich gewesen sein. Georgia Hunter Bells Plan ist voll aufgegangen. Ein Jahr nach ihrer überraschenden Olympia-Medaille im 1.500m-Lauf setzte sie 2025 alles auf den 800m-Lauf, wo sie bessere Chancen auf eine internationale Top-Drei-Platzierung in Tokio sah.
Sie gewann Silber in einer deutlichen neuen persönlichen Bestleistung von 1:54,90 Minuten, gleichbedeutend mit Platz zwei in der ewigen britischen Bestenliste, knapp drei Zehntelsekunden hinter Keely Hodgkinson, und Platz fünf in der ewigen europäischen. „Ich bn sehr stolz auf meine heutige Performance. Das ist meine beste Zeit überhaupt. Es war ein hartes Rennen, aber eine großartige Saison“, sagte Hunter Bell nach dem Rennen. Und erklärte, warum sie auf eine Teilnahme im 1.500m-Lauf im Sinne eines Doppels verzichtet hatte: „Ich brauchte frische Beine für diese Medaille.“ Lange hatte sie im Sommer gerungen, ob sie nicht vielleicht doch beide Disziplinen bestreiten sollte. Wäre der 800m-Lauf, wo sie bessere Chancen sah, der erste im Programm gewesen, hätte sie das wohl gemacht.

Keely Hodgkinson konnte ihrer ersten Bronzemedaille bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen (nach einmal Gold und dreimal Silber) wenig Erfreuliches abgewinnen. „Ich hab sie wieder einmal verpasst“, wies sie auf die in ihrer Karriere noch fehlende WM-Goldmedaille hin. In jenem Stadion, wo sie vor vier Jahren als 19-Jährige Olympia-Silber gewonnen hatte, sollte ihr erster WM-Triumph Realität werden.
Bisher war sie zweimal knapp dran: 2022 in Eugene war Athing Mu um einen Hauch besser, 2023 in Budapest Moraa und nun in Tokio ein kenianischer Shootingstar und ihre Trainingspartnerin Hunter Bell. Die adelte Hodgkinson als die beste 800m-Läuferin der Welt. „Ich bin so glücklich, mit ihr zu trainieren. Wenn du besser werden willst, brauchst du Läuferinnen, die besser sind als du. Das puscht mich“, erklärte die 31-Jährige.
Hodgkinson brachte sich nach einer Saison, die lange Zeit von ihren Beschwerden dominiert wurde, trotz eines späten Einstiegs in die Wettkampfszene einen Monat vor der WM in eine beeindruckende Form. Dass letztendlich eine Zeit von 1:54,91 Minuten, die drittschnellste Zeit ihrer Karriere, nicht für WM-Gold reichen würde, dürfte auch die 23-Jährige überrascht haben. „Ich habe alles gegeben. Keine Ahnung, ob ich etwas besser machen hätte können. Aber meine Taktik war auf Gold ausgelegt.“
Für Travor Painter und Jennifer Meadows, die die Trainingsgruppe rund um Hodgkinson aufgebaut haben und trainieren, war das WM-Finale von Tokio also ein turbulentes. Laut „Athletics Weekly“ gewann Großbritannien erstmals seit 18 Jahren wieder zwei WM-Medaillen in einem Rennen, Painter und Meadows coachen beide daür verantwortlichen Athletinnen – eine Besonderheit.
Die Verantwortlichen im britischen Leichtathletik-Verband hätten das Duell der beiden Trainingspartnerinnen um Platz zwei sicherlich mehr genossen, hätte man dadurch nicht die Gewissheit bekommen, erstmals seit 2003 eine WM ohne Goldmedaille abschließen zu müssen – selbst Superstar und Olympiasiegerin Keely Hodgkinson konnte das nicht verhindern. Weniger als die fünf Medaillen von Tokio gab es für die Briten zuletzt vor 20 Jahren.
Schuld daran ist Lilian Odira, Weltranglisten-17., die sich mit einem phänomenalen Lauf von 1:54,62 Minuten in die Geschichtsbücher des kenianischen und internationalen Laufsports katapultierte. Sie sprang auf Platz zwei der ewigen kenianischen Bestenliste hinter Wunderkind Pamela Jelimo, ihres Zeichens Olympiasiegerin von Peking 2008. Ihre bisherige persönliche Bestleistung, die vom Diamond-League-Meeting in Chorzow stammt, unterbot sie um 1,9 Sekunden. In Chorzow, fünf Wochen vor dem WM-Finale in Tokio, riss Odira trotz persönlicher Bestleistung noch zwei Sekunden Rückstand auf Hodgkinson auf, in Tokio war sie besser.
Was aber noch erstaunlicher ist: Mit ihrer phänomenalen Leistung unterbot die Kenianerin bei ihrem WM-Debüt den WM-Rekord von Jarmila Kratochvilova von den Premierentitelkämpfen in Helsinki 1983. Die Tschechoslowakin, die nach wie vor den ältesten in der Leichtathletik noch aktiven Weltrekord hält, triumphierte damals in einer Zeit von 1:54,68 Minuten mit eineinhalb Sekunden Vorsprung. Den unerwarteten Erfolg widmete Odira ihren beiden Söhnen im Alter von vier und zwei Jahren. „Sie sind meine größte Motivation!“

Das WM-Finale im 800m-Lauf der Frauen begann praktisch wie erwartet. Mary Moraa, die die ganze Saison nicht an ihr Leistungsvermögen vergangener Jahre herangekommen ist, aber immerhin das Finale erreichte, jagte Hodgkinson auf der ersten Gerade mit dem Mute der Verzweiflung die Führung ab. Die Kenianerin suchte ihr Heil in der Offensive und führte das Feld in schnellen 55,67 Sekunden in die zweite Runde. Nun übernahm Hodgkinson die Führung und hielt das Tempo bis ausgangs der letzten Kurve hoch. Mit ihrer Landsfrau Hunter Bell im Rücken merkte sie auf den letzten Metern, dass die Energie langsam schwand. Hodgkinson fabrizierte nur die fünftschnellsten finalen 100 Meter des Feldes, Hunter Bell die drittschnellsten.
Denn Odira, ausgangs der Kurve noch Vierte hinter ihrer Landsfrau, stürmte mit ihrem Sensationsfinish noch an die Spitze und damit zur Goldmedaille. Die beste Moraa im Rennen, das drei kenianische Teilnehmerinnen bei acht Startplätzen sah, war übrigens nicht Mary, die im Finale völlig erschöpft auf Platz sieben durchgereicht wurde, sondern ihre Cousine Sarah. Dank eines Endspurts in der Qualität von Odira verbesserte sich die 19-Jährige auf der Zielgeraden noch von Position sieben auf Position vier. Sie freute sich wie die fünftplatzierte US-Amerikanerin Sage Hurta-Klecker über eine persönliche Bestleistung, 1:55,74 und 1:55,89 Minuten.
Die Karriere von Lilian Odira war durch ihre frühen Mutterschaftspausen fast fünf Jahre lang unterbrochen. Erst 2024, nachdem sie bei den kenianischen Vorausscheidungen für die Afrikameisterschaften überzeugte und dort die Silbermedaille gewann, gelang es ihr, auf internationalem Boden Fuß zu fassen. Der kenianische Verband nominierte sie für die Olympischen Spiele in Paris, wo sie zwei persönliche Bestleistungen lief und das Halbfinale erreichte.
Kenianische Medienberichte kündigten den großen Sprung hin zur Saison 2025 bereits im Winter an. Er gelang gleich zu Saisonbeginn mit Siegen beim Meeting in Nairobi und bei den Kenya Trials. Ansonsten verzichtete Odira überwiegend auf Wettkampfreisen, jenes in Chorzow in der Diamond League blieb das einzige Vorbereitungsrennen für Tokio.
Als erste Schweizerin der Geschichte hatte Audrey Werro nach der Saison ihres Lebens mit mehrfacher Verbesserung des Schweizer Rekordes und U23-EM-Gold das Finale in Tokio erreicht. Dort spielte sie eine gute Rolle, auf der Zielgerade ging ihr etwas die Energie aus. Die 21-Jährige belegte in 1:56,17 Minuten den sechsten Platz.
Wie schnell das Rennen in Tokio war, zeigte auch die achtplatzierte Jessica Hull, die trotz eines verpassten Starts fast an ihren im Halbfinale aufgestellten Ozeanienrekord herangelaufen ist. Hull, WM-Bronzemedaillengewinnerin über 1.500m, war im Vorlauf gestürzt, wurde vom Wettkampfgericht aber ins Halbfinale aufgenommen.
Kenia hat bei den Weltmeisterschaften das Kunststück vollbracht, alle sechs Laufentscheidungen bei den Frauen zu gewinnen. Die siebte Goldmedaille steuerte Emmanuel Wanyonyi im 800m-Lauf der Frauen bei. Die Belohnung: Rang zwei im Medaillenspiegel hinter den USA – den Läuferinnen sei Dank! Erfolgreicher als in Tokio war Kenia nur bei der WM 2011 in Daegu und bei der WM 2015 in Peking, als Kenia gar die erfolgreichste Nation war.
800m: Lilian Odira 🥇
1.500m: Faith Kipyegon 🥇
3.000m-Hindernislauf: Faith Cherotich 🥇
5.000m: Beatrice Chebet 🥇
10.000m: Beatrice Chebet 🥇
Marathon: Peres Jepchirchir 🥇
Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Diogo Cardoso & Mattia Ozbot for World Athletics