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Noch nie hat ein holländischer Läufer einen World Marathon Major gewonnen. Gestern hat sich das beim New York City Marathon überraschend geändert. Abdi Nageeye, holländischer Rekordhalter und zweifacher Rotterdam-Sieger, feierte seinen bisher größten Erfolg. Wie Olympiasiegerin Sifan Hassan bei den Frauen ist es Abdi Nageeye, Bronzemedaillengewinner von Tokio 2020, der die Niederlande auf die internationale Marathon-Landkarte bringt. Der Sieg am „Big Apple“ über deutlich favorisiertere Konkurrenz ist der Gipfel einer Karriere voller Höhen und Tiefen. Am Gipfel war Tamirat Tola bei den Olympischen Spielen im Sommer. Zwölf Wochen später konnte er seinen Vorjahressieg nicht wiederholen.
„Es ist eine Genugtuung. Ich bin richtig schlecht gelaufen bei den Olympischen Spielen, das war eine meiner größten Enttäuschungen. Ich habe auf mich eingeredet, bin voll fokussiert ins Training eingestiegen und nun – zwei Monate später – ist mir beim größten Marathon der Welt diese besondere Leistung gelungen.“ Die in der Presseaussendung des New York City Marathon zitierte Aussage von Abdi Nageeye demonstriert, welch besondere und welch überraschende Leistung dem 35-Jährigen gelungen ist. Und sie lässt erspüren, was sie ihm bedeutet. Bei allen tollen Erfolgen bisher ist dieser Triumph überragend in seiner sportlichen Curriculum Vitae. Auch für die Veranstaltung selbst. Zuletzt ging 2009 der Sieg beim New York City Marathon nicht an ein afrikanisches Land, der Amerikaner Meb Keflezighi feierte einen Heimsieg. Der letzte europäische Sieg am „Big Apple“ gelang Paula Radcliffe im Jahr 2008, bei den Männern ist das ein Stück länger her: Giacomo Leone aus Italien im Jahr 1996.
Abdi Nageeye hat eine besondere Beziehung zu zwei Marathons. Der erste ist der Rotterdam Marathon, bei dem er 2019 seinen Durchbruch schaffte. Damals verbesserte er seinen eigenen holländischen Rekord auf eine Zeit von 2:06:17 Stunden. Dreimal hat er bisher diese Zeit unterboten, alle drei Male in der holländischen Hafenstadt. Dort ist der 35-Jährige immer sehr stark gelaufen: 2:04:56 Stunden beim Sieg mit Landesrekord 2022, 2:05:32 Stunden beim dritten Platz im Folgejahr und 2:04:45 Stunden bei seinem neuerlichen Rekord heuer – ebenfalls verbunden mit dem Sieg.
Der zweite ist der New York City Marathon. Mit dem hat Nageeye gestern mehr als nur Frieden geschlossen. Nachdem der Holländer 2021 in Sapporo etwas überraschend die Olympische Silbermedaille hinter Solosieger Eliud Kipchoge gewonnen hat, lagen die Erwartungen an ihn auch in taktischen Rennen mit Meisterschaftscharakter hoch. Die Platzierungen fünf, drei und vier in den Jahren 2021, 2022 und 2023 klingen am Papier nicht so schlecht, vom Gefühl her konnte Nageeye in keinem der drei Fälle sein Potenzial beim New York City Marathon gänzlich ausspielen.
Im Gegensatz zu gestern, wo er in New York erstmals unter 2:10 Stunden gelaufen ist und damit ein Preisgeld von 100.000 US-Dollar verdient hat (das entspricht fast 92.000 Euro). Mit einer Leistung von 2:07:39 Stunden gelang ihm eine hochwertige – nur dreimal ist in der langen Geschichte des New York City Marathon ein Sieger schneller gelaufen! Das ist auch ein Beweis für die herausragenden Marathon-Bedingungen gestern.
Nach 23 absolvierten Marathons ist Abdi Nageeye nun am Top seiner Karriere angekommen. Seit seiner Jugendzeit lebt der aus Somalia über Syrien nach Europa geflüchtete Nageeye in den Niederlanden. Nicht immer konnte er die hohen Hoffnungen in seine Person erfüllen. Bei den Europameisterschaften 2018 zählte er zu den Favoriten und stieg früh aus. 2022 entschied er sich bewusst für eine WM- statt eine EM-Teilnahme, weil er ein Jahr nach Olympia-Silber Medaillenchancen auf globaler Ebene sah. Er stieg aus. 2023 bei der WM in Budapest, selbes Spiel: did not finish. Damit verlief der in Sapporo gemeinsam begonnene Erfolgsweg mit seinem Trainingspartner Bashir Abdi asynchron.
Der Belgier, ebenfalls mit somalischen Wurzeln, gewann Edelmetall sowie bei der WM 2022 als auch bei den Olympischen Spielen 2024. Außerdem ist Abdi der Europarekordhalter. Doch gestern wendete der Holländer das Blatt. Er feierte einen unerwarteten Triumph, während der zu den Mitfavoriten gezählte Bashir Abdi mit dem neunten Platz zufrieden sein musste. Nach neun Top-Vier-Positionierungen in Folge im Marathon – und das bei den mitunter größten und wichtigsten der Welt (!) – endete für den schnellsten Marathonläufer Europas eine beeindruckende Serie.
Nageeyes Sieg ist auch deshalb so besonders, weil er in einem bärenstarken Marathonfeld gelungen ist. Gegen Olympiasieger Tamirat Tola. Gegen den Olympia-Silbermedaillengewinner Bashir Abdi. Gegen den kenianischen Top-Mann Evans Chebet. Gegen die ehemaligen New-York-Sieger Albert Korir und Geoffrey Kamworor. Nageeye, der zweimal unter 2:05 Stunden gelaufen ist, war nicht einmal zum Medientag vor dem Event eingeladen. So sehr überzeugt war der Veranstalter anscheinend, dass andere die Hauptrollen spielen werden.
Geburtsdatum: 2. März 1989
Nationalität: niederländisch
Erfolge:
Sieg beim New York City Marathon 2024
Zweifacher Sieger beim Rotterdam Marathon
Olympische Silbermedaille 2021
Persönliche Bestleistung: 2:04:45 Stunden
Auch Tamirat Tola kennt das Auf und Ab in seiner langen Marathon-Karriere nur allzu gut. Der Äthiopier gewann 2016 eine Olympia-Medaille im 10.000m-Lauf, gleich danach gelang mit dem Sieg in Dubai ein bemerkenswerter Einstieg in den Marathon, gefolgt von der WM-Silbermedaille in London. Mit seinem Sieg beim Amsterdam Marathon in Streckenrekordzeit von 2:03:39 Stunden sorgte er im Herbst 2021 für einen Paukenschlag.
Seither gelangen dem 33-Jährigen neben einigen guten Leistungen drei herausragende Highlights: Triumph bei der WM 2022 mit Meisterschaftsrekord, Triumph beim New York City Marathon mit Streckenrekordzeit von 2:04:58 Stunden, Triumph bei den Olympischen Spielen mit Olympia-Rekord von 2:06:26 Stunden. Dazwischen mischten sich immer wieder Tiefen, wie die Aufgabe bei den Weltmeisterschaften 2023 oder beim London Marathon 2024.
Zu den Tiefen gehört irgendwie auch der vierte Platz gestern in New York. Tola war nach den Olympischen Spielen als klarer Favorit gestartet, doch laut eigenen Angaben führten muskuläre Erschöpfungssymptome dazu, dass er in New York nicht voll performen konnte. Nächstes Jahr, so berichtet „Let’s Run.com“ unter Berufung auf Gesprächen mit ihm und seinem Coach, soll der Weltrekord attackiert werden – als von einer global erfolgreichen, deutschen Sportmarke ausgerüsteter Athlet wohl eher in Berlin als in Chicago.
Der offensivst ans Werk gehende Mann des Rennens war Evens Chebet. Der Kenianer, der 2022 den New York City Marathon überlegen gewonnen hat und zudem zwei Boston-Siege auf der Visitenkarte hat, dürfte auch zusätzlich mit Wut im Bauch gelaufen sein, weil der kenianische Verband ihn nicht für die Olympischen Spiele nominiert hat. Mit dem Ziel des zweiten Siegs in New York beschleunigte und attackierte er immer wieder und sprengte damit mehrfach die Gruppe, die bei der Halbmarathon-Durchgangszeit in über 1:05 Stunden noch 13 Läufer umfasste.
Doch Nageeye konnte er nicht abschütteln und auf den letzten Metern war der Holländer ihm überlegen. Chebet musste sich in 2:07:45 Stunden mit dem zweiten Platz zufrieden geben. Der Überraschungssieger von 2021, Albert Korir, überzeugte auch heuer und wurde noch vor dem Olympiasieger Dritter. Es ist sein vierter Stockerlplatz bei den letzten fünf Starts in New York, wo Albert Korir offensichtlich stets das Maximum aus sich herausholen kann.
Neben Chebet, Korir und Tola war mit Geoffrey Kamworor noch ein vierter ehemaliger Sieger am Start. Der dreifache Halbmarathon-Weltmeister bestritt seinen ersten Marathon seit Platz zwei in London vor eineinhalb Jahren und belegte den fünften Platz. Zuletzt hatte er mit gesundheitlichen Beschwerden im Rücken- und Hüftbereich zu kämpfen.
Der seit 1970 durchgeführte New York City Marathon ist der wohl berühmteste und definitiv teilnahmestärkste Marathonlauf der Welt. Die Strecke führt vom Start auf der Verrazano-Narrows Bridge aus durch alle fünf großen Stadtbezirke der Millionenstadt und findet seine historische Ziellinie im Central Park, der grünen Lunge der Metropole. Der New York City Marathon 2024 wurde live in mehr als 200 Ländern der Welt übertragen. Der Veranstalter rechnete im Vorfeld, mit seiner Live-Übertragung rund 530 Millionen Haushalte zu erreichen.
Angesichts der enormen Dichte an internationalen Topläufern waren keine Spitzenresultate für US-Läufer zu erwarten. Der Marathon verlief für die Lokalmatadoren aber sehr erfolgreich. Conner Mantz finishte in 2:09:00 Stunden auf Platz sechs und erzielte die schnellste je von einem Amerikaner erzielte Zeit auf dieser Strecke. Clayton Young, Trainingspartner von Mantz, kam 21 Sekunden später ins Ziel. Die beiden waren auch die stärksten bei den US Olympic Trials im Februar und daher gemeinsam im Olympischen Rennen von Paris, bei dem sie mit den Rängen acht und neun ebenfalls hervorragend abschnitten. Inklusive des Chicago Marathon 2023, wo beiden das Olympia-Limit glückte, blickt das Duo auf ein herausragendes Marathon-Jahr zurück.
Bemerkenswert ist auch die Leistung von CJ Albertson. Drei Wochen nach dem Chicago Marathon, den er in 2:08:17 Stunden als bester Amerikaner finishte, erreichte er eine Zeit von 2:10:57 Stunden – Unterschiede in der Streckenbeschaffenheit und Renncharakteristik zwischen Chicago und New York zeigen das enorme Niveau des gestrigen Resultats. Dass ihm das Kunststück, bester US-Finisher bei allen drei US-Majors in einem Jahr zu werden, nicht glückte, lag an den starken Leistungen der Landsleute.
Autor: Thomas Kofler
Bild: Mary McGrath / Pixabay