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Am gestrigen Donnerstagabend in der späten Abendsonne über Oslo durften auch Fachleute mit erhobener Augenbraue auf das Resultat des 5.000m-Laufs der Männer blicken. Ja, Nico Young hat bereits zwei schnelle 5.000m-Hallenrennen auf der bekannt schnellen Indoor-Bahn von Boston auf seiner Visitenkarte stehen. Und ja, er war nach einem guten Rennen Olympia-Zwölfter in Paris über 10.000m. Aber nein, für einen Sieg in der Diamond League kam der 22-Jährige eigentlich noch nicht in Frage. Mit einer deutlichen Verbesserung seiner persönlichen Bestleistung aus der Halle um über sechs Sekunden schaffte der US-Amerikaner aber genau das. Unter freiem Himmel war er fast eine halbe Minute schneller als bei seinem bisher schnellsten 5.000m-Lauf. Bei seinem ersten Diamond-League-Auftritt überhaupt!
Der letzte Kilometer im 5.000m-Rennen von Oslo brach gerade an, als Nico Young sich selbst und der Konkurrenz bewies: Heute ist Besonderes möglich. Er setzte seine Ellbogen ein und erarbeitete sich eindrucksvoll eine gute Position hinter der Spitze. Diese übernahm wenig später der Brite George Mills und beendete damit die langsamste Phase des Rennens. Es war ein erstes Anzeichen, dass es nicht der Tag der hochdekorierten äthiopischen Stars Yomif Kejelcha (am Ende Achter) und Hagos Gebrhiwet, ein elffacher Diamond-League-Meetingsieger und Olympia-Medaillengewinner (am Ende Fünfter), war. Es wurde auch nicht der Tag der kenianischen Hoffnungen Jacob Krop (11.) und Nicholas Kipkorir (14.), die weit abgeschlagen ins Ziel kamen – wie auch Birhanu Balew aus Bahrain.
Es wurde das Rennen von Nico Young, obwohl es als durchaus sehr schneller Wettkampf – mit entscheidender Mithilfe des deutschen Tempomachers Maximilian Thorwirth – eigentlich ein Rennen war, das nicht anfällig für Überraschungen gewesen wäre. Der Amerikaner, der aus Kalifornien stammt, in Flagstaff unter der Leitung von Mike Smith trainiert und seit seinem Coming Out vor einigen Jahren eine vorbildliche Figur in der LGBTQ+-Community ist, folgte mit langen Schritten der nun enormen Pace von Mills und Biniam Mehary aus Äthiopien. Die vorletzte Runde absolvierte das Feld bereits in unter einer Minute, die letzte Runde gehörte Young. Bei der Glocke schnappte er sich Kejelcha, auf der Gegengerade Mehary und eingangs der letzten Kurve Mills. Die Führung gab er nicht wieder ab, mit einer Zeit von 12:45,27 Minuten setzte er sich auf Platz zwei der US-Bestenliste im 5.000m-Lauf hinter Grant Fisher.
Grant Fisher war einer der Hauptprotagonisten der diesjährigen Hallensaison. Er brach binnen einer Woche die Hallen-Weltrekorde über 3.000m und 5.000m und sorgte somit gemeinsam mit seinem Landsmann Yared Nuguse und Jakob Ingebrigtsen für die beeindruckendste Dichte an Hallen-Weltrekordleistungen seit dem historischen Winter 1997 mit den heutigen Legenden Wilson Kipketer, Hicham El Guerrouj und Haile Gebrselassie
Fishers Hallen-Weltrekord und US-Rekord steht bei einer Zeit von 12:44,09 Minuten. Der 28-Jährige gewann bei den Olympischen Spielen von Paris zwei Medaillen, mit Young hat die US-Leichtathletik nun einen zweiten Langstreckenläufer, der das Potenzial hat, auf globaler Bühne ganz vorne mitzulaufen.

Der Sieg von Nico Young ist vielleicht sogar eine der größten Sensationen in der Geschichte der Diamond League – in einer Disziplin, die üblicherweise von den afrikanischen Stars dominiert wird und die noch nie einen US-Sieg in der Diamond League gesehen hat. Wie „Let’sRun.com“ berichtete, waren Bernhard Lagat (Monaco 2011) und Grant Fisher (Brüssel 2022) jeweils knapp Zweitplatzierte.
Natürlich, Jakob Ingebrigtsen, für den dieser Event wohl zugeschnitten gewesen wäre, fehlte bei seinem Heimspiel aufgrund einer Verletzung an der Achillessehne, die ihn nicht nur für das Diamond-League-Meeting in Oslo, sondern auch für das anstehende Golden Spike Meeting in Ostrava in rund zwei Wochen zur Absage zwang. Gegenüber der französischen Nachrichtenagentur AFP sagte der 24-Jährige unlängst jedoch, dass seine Verletzung nur eine leichte wäre, er sich aber auf eine seriöse Behandlung konzentriere, um keine nachhaltigen Probleme zu verursachen. Überdies sagte auch Berihu Aregawi seinen Antritt in Oslo kurzfristig ab, wie „Let’sRun.com“ berichtete. Aus dem angedachten Weltrekordrennen wurde somit nichts mehr, dennoch entwickelte sich ein denkwürdiger Wettkampf.
Auch Young selbst zeigte sich nach seinem Sensationssieg überrascht: „Ich bin wirklich stolz auf mich, dass ich diese Pace über die ganze Renndistanz laufen konnte. Es ist verrückt. Ich habe mich gut gefühlt und ich wusste innerlich schon, dass ich 12:45 laufen könnte – aber ich hätte nicht gewusst, wie ich dafür laufen müsste. Heute hat einfach alles gepasst, das ist eine massive Motivationsspritze für mein Selbstvertrauen!“

Ihm folgen die Youngsters über die Ziellinie: Der zweitplatzierte Biniam Mehary ist 18 Jahre alt, sein drittplatzierter Landsmann aus Äthiopien, Kuma Girma, 19. Auf Platz vier freute sich George Mills in einer Zeit von 12:46,59 Minuten über einen neuen britischen 5.000m-Rekord, er löste keinen geringeren als Mo Farah ab. Und das nicht einfach so: Mills übertrumpfte Farahs bisherige nationale Bestleistung um sechseinhalb Sekunden, unter 13 Minuten ist der EM-Silbermedaillengewinner von Rom und Apeldoorn (3.000m, Halle) bisher im Freien noch nie gelaufen! Zum Europarekord des aktuell gesperrten Mohamed Katir fehlten nur gut eineinhalb Sekunden.
Ebenfalls einen neuen Landesrekord lief der Schweizer Dominic Lobalu, der in einer Zeit von 12:50,87 Minuten „nur“ auf Position zehn ins Ziel kam – Zeugnis eines qualitativ hochwertigen Wettkampfs. Fast unter ging im Siegestaumel von Nico Young, dass auch ein zweiter US-Amerikaner sensationell performte: Graham Blanks, überraschend guter Olympia-Neunter in Paris, wurde in 12:48,20 Minuten Dritter und ist nun auch Dritter in der US-Bestenliste.
Die Bislett Games haben im Dezember als erster Ein-Tages-Event in der globalen Leichtathletik-Landschaft die höchste Auszeichnung für eine nachhaltige Umsetzung des Events von World Athletics verliehen bekommen. Zu den Flagship-Daten zählen die 100%ige Verwendung erneuerbarer Energie, der 93%ige Einsatz von Produkten, die innerhalb eines 100km-Radius’ um die norwegische Hauptstadt produziert wurden, die Anreise des Publikums zu 81% mit öffentlichen Verkehrsmitteln und die absolute Gendergleichkeit im Organisationskomitee.
Emissionsreduzierend wirkt sich auch ein spezieller skandinavischer Reiseplan aus. Der Diamond-League-Tross reist von Oslo mit dem Zug weiter zur nächsten Station in Stockholm – Athlet*innen inklusive, zum World Athletics Continental Tour Meeting in Turku zwei Tage später geht es per Fähre ebenfalls mit dem Öffentlichen Verkehr.

Die traditionelle Dream Mile, ein Fixpunkt der Bislett Games, musste in diesem Jahr ohne die erste Reihe der Mittelstreckenstars auskommen, trotzdem entwickelte sich ein sensationelles Rennen mit gleich fünf neuen Landesrekorden. Isaac Nader aus Portugal, im Winter Hallen-EM-Medaillengewinner, setzte sich in einer Zeit von 3:48,25 Minuten vor dem 18-jährigen Australier Cameron Myers und Stefan Nillessen aus der Niederlande durch. „Ich bin sehr froh darüber, dass ich das Rennen relativ locker gewonnen habe. Es war ein großartiges!“, so der 25-Jährige. Hinter Timothy Cheruiyot folgte der Deutsche Robert Farken als Fünfter.
Für Farken und Pihlström war es der zweite Landesrekord binnen sechs Tagen, beide haben die Rekorde ihrer Heimatländer im 1.500m-Lauf beim Diamond-League-Meeting in Rom gebrochen (siehe RunUp.eu-Bericht). Farken löschte dieses Mal die ebenfalls in Oslo erzielte und 37 Jahre alte Marke von DDR-Läufer Jens-Peter Herold aus und steigerte sie um eine Zehntelsekunde. Federico Riva war in Rom noch am italienischen 1.500m-Rekord knapp gescheitert, über die Meile pulverisierte er die bisherige Rekordmarke von Gennaro Di Napoli aus dem Jahr 1992 um über zwei Sekunden. Di Napoli, der bis vor kurzem jahrzehntelang etliche italienische Mittelstreckenrekorde gehalten hat, ist nun nur noch Inhaber des italienischen 2.000m-Rekordes.
Die dritte Laufentscheidung der Männer stand ganz im Zeichen des Auftritts von Emmanuel Wanyonyi, der bei seiner Diamond-League-Premiere diese Saison in Rabat überraschend nur Dritter wurde. In Oslo lief es mit seinem Sieg in 1:42,78 Minuten besser, doch für diesen Erfolg musste der als Führender aus der letzten Kurve kommende Kenianer hart kämpfen. Hauchdünn behielt er die Oberhand vor dem heranstürmenden Mohamed Attaoui aus Spanien, der eine glänzende Zeit von 1:42,90 Minuten verbuchte, und seinem ursprünglichen Hauptverfolger Djamel Sedjati (1:43,06). Wanyonyi hat nun einen Diamond-League-Block mit weiteren Rennen in Stockholm und Monaco geplant. Europameister Gabriel Tual aus Frankreich konnte bei seinem Saisoneinstieg mit Platz vier und einer Zeit von 1:43,09 Minuten ebenfalls überzeugen.

Die einzige Diamond-League-Laufentscheidung des Abends der Frauen stand ganz im Zeichen des Duells zwischen der Kenianerin Faith Cherotich und Olympiasiegerin Winfred Yavi im 3.000m-Hindernislauf. Das hochklassige Rennen war auch nach dem letzten Hindernis noch nicht entschieden, die 20-jährige Kenianerin hatte das bessere Ende für sich und verbesserte mit einer Zeit von 9:02,60 Minuten ihre eigenen Weltjahresbestleistung um zweieinhalb Sekunden – sie hatte bereits den Auftakt in Doha gewonnen. Außerdem steigerte sie auch den sechs Jahre alten Meetingrekord von Norah Jeruto um über eine Sekunde. Hinter der drittplatzierte Marwa Bouzayani aus Tunesien zeigte die Deutsche Lea Meyer mit einer persönlichen Bestleistung von 9:09,21 Minuten auf, ihre Landsfrau Gesa Felicitas Krause konnte das Rennen nicht beenden.

Im Vorprogramm wurde ein 10.000m-Lauf ausgetragen. Die Äthiopierin Yenawa Nbret gewann den Wettkampf in einer neuen Weltjahresbestleistung von 30:28,82 Minuten. Die viertplatzierte Rose Davies verbesserte den 15 Monate alten australischen Rekord von Lauren Ryan um eineinhalb Sekunden auf eine Zeit von 30:34,11 Minuten. Die 25-jährige Davies ist auch nationale Rekordhalterin im 5.000m-Lauf. Hinter ihr lief Lokalmatadorin Karoline Bjerkeli Grövdal mit einer persönlichen Bestleistung von 30:41,66 Minuten ins Ziel.
🇨🇿 Vier aktuell aktive sub-2-Minuten-Läuferin hatte die Schweiz bis Anfang der Woche im 800m-Lauf der Frauen. Am Dienstag ist beim World Athletics Continental Tour Meeting der Stufe Bronze in Kladno eine fünfte dazugekommen. Als neunte Läuferin der Schweizer Laufgeschichte insgesamt unterbot Veronica Vancardo die Schallmauer mit einer Zeit von 1:59,81 Minuten, womit sie den Wettkampf mit einem Vorsprung von zwei Sekunden auf Lokalmatadorin Pavla Stoudkova klar gewann. Für die 24-jährige Eidgenössin war es nicht nur eine Bestleistung um eineinhalb Sekunden, sondern auch ihr bisher größter Karriereerfolg. Bereits in den letzten Wochen konnte die Doppelstaatsbürgerin (Schweiz, Italien) mit starken Auftritten in Prag und Forbach aufzeigen.
🇫🇷 Zeitgleich sorgte Ivan Pelizza für eine weitere bemerkenswerte Schweizer 800m-Laufleistung und zwar im Rahmen des Meetings International de Montreuil (World Athletics Continental Tour Bronze). Mit einer neuen persönlichen Bestleistung von 1:45,01 Minuten schob sich der 24-Jährige auf Platz zwei der ewigen Schweizer Bestenliste hinter dem ehemaligen Weltmeister André Bucher. Der Wettkampf-Sieg ging an Marino Bloudek, der seinen eigenen kroatischen Rekord um 0,18 Sekunden auf eine Zeit von 1:44,56 Minuten verbesserte. Im 800m-Lauf der Frauen blieben Heather MacLean aus den USA und Lokalmatadorin Clara Libermann unter zwei Minuten. 3.000m-Hindernislauf-Europameisterin Alice Finot gewann den 1.500m-Lauf in einer Zeit von 4:05,64 Minuten. Auch bei den Männern überzeugte ein Lokalmatador: Flavien Szot stürmte in 3:32,26 Minuten zum Sieg.
Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Chiara Montesano for Diamond League AG / © Thomas Windestam for Diamond League AG