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Sukzessive ist Andreas Vojta die Distanzskala hinaufgeklettert. Vom EM-Debüt über 1.500m im Jahr 2010 in Barcelona ging es über die 5.000m-Teilnahme 2018, den 10.000m-Lauf 2022 und den Halbmarathon 2024 bis zur längsten EM-Strecke 2026: den Marathon. Nach den enttäuschenden Abschneiden in München und Rom hat sich der 37-jährige Niederösterreicher gewissenhaft auf die Anforderungen des EM-Marathons vorbereitet und hofft auf seine Erfahrung als Trumpf.
Europameisterschaften werden nie zur Gewohnheit. Sie finden nur alle zwei Jahre statt und bieten völlig andere Rahmenbedingungen als im Alltag eines österreichischen Leichtathleten. Das ist die Perspektive von Andreas Vojta, der erstmals bei Europameisterschaften 42,195 Kilometer läuft. „Ich werde vielleicht nicht so nervös sein wie beim ersten Mal. Aber der volle Fokus und die Vorfreude auf die große Bühne EM sind genauso groß wie vor 16 Jahren“, versichert er. An spannenden Herausforderungen mangelt es ja nicht: „Wir wissen alle: Marathon ist noch einmal eine andere Hausnummer als andere Disziplinen. Dazu kommt in Birmingham die spezielle Strecke.“
Diese spezielle Strecke mit rund 85 Höhenmetern im Anstieg und im Gefälle auf dem fünf Kilometer langen Kurs in der Innenstadt von Birmingham (das macht insgesamt rund 700 Höhenmeter für den Marathon) bestimmte die Gestaltung Vojtas Vorbereitung. Sie ist eine besondere Herausforderung für alle Marathon-Spezialisten in Europa. „Schiach zum Laufen“, fürchtet er. Aber für das Publikum könnte es interessant werden. „Normal sortierst du nach Bestenliste und du weißt ungefähr, wie das Rennen laufen wird. Hier werden spezifische Stärken und Schwächen stärker Einfluss nehmen. Da reicht die Bestzeit als alleinige Kompetenz nicht, um automatisch eine Chance darauf zu haben, vorne zu landen.“
Die Vorbereitung ist abgeschlossen, der Gerasdorfer ist in die Taperingphase geglitten. „Ich werde aber in den nächsten Tagen schon noch Wettkampfelemente simulieren, aber in sehr geringem Ausmaß“, sagt er. Im Vordergrund stehe nämlich das Kräftesammeln.
Der Routinier hat sich gezielt auf den bevorstehenden Wettkampf vorbereitet. Herzstück des Aufbaus war ein dreiwöchiges Trainingslager in Leutasch nördlich von Seefeld. Dort baut der langjährige Veranstalter des Vienna City Marathon, Wolfgang Konrad, ein Höhencamp auf – eine perfekte Alternative für die heimischen Ausdauersportler*innen zum überlaufenen und teuren St. Moritz.
Andreas Vojta ist mittlerweile eine Institution bei Leichtathletik-Europameisterschaften. Der Österreicher ist bereits zum achten Mal dabei und teilt sich unter den aktiven Leichtathleten den Europarekord mit dem italienischen Marathon-Europameister von 2014, Daniele Meucci, dem estnischen Läufer Tiidrek Nurme, dem norwegischen Hammerwerfer Eivind Henriksen und dem griechischen Dreispringer Dimitrios Tsiamis, die sich allesamt ebenfalls zum achten Mal für Europameisterschaften qualifiziert haben. Acht nicht mehr aktive Athleten, darunter der spanische Läufer Jesus Espana, können sieben EM-Teilnahmen vorweisen. (Statistik: Olaf Brockmann)
Meucci und Nurmi sind Disziplinkollegen des Österreichers, der Este lief im Marathon bereits dreimal in die Top-Zwölf. Wobei bei ihm eine EM-Teilnahme auf die Straßenlauf-EM 2025 fällt, also nicht wie bei den anderen acht reine Leichtathletik-EM-Teilnahmen. Vojta ist übrigens hinter Henriksen der zweitjüngste aus dieser Gruppe, Meucci und Nurme haben ihren 40. Geburtstag schon hinter sich. Wer weiß, wie viele EM-Qualifikationen von Vojta noch dazukommen…
Für den 37-Jährigen, der üblicherweise auf der brettebenen Prater Hauptallee seine Trainingseinheiten absolviert, war der Wechsel in die Höhe und besonders auf hügelige Trainingsstrecken eine Umstellung. „Ich habe in den drei Wochen ein gutes Gefühl für die Höhenmeter bekommen“, schildert er. „Es ist erstaunlich, wie groß der Zeitverlust bei schnellen Einheiten auf schleichend bergauf führenden Strecken ist. Das wird eine ordentliche Challenge im Marathon!“
Wie Julia Mayer spekuliert auch er darauf, dass viele Kontrahenten zu viel Risiko in der Wettkampfgestaltung gehen werden. „Ich werde da sicher nicht dazugehören. Der erste Halbmarathon wird sich vom Tempo her wie ein Dauerlauf anfühlen. Geduld wird mein Trumpf.“

Von der Grundlage her und auf muskulärer Seite fühlt sich Vojta bereit für Birmingham. Er habe in der Vorbereitung in den Tiroler Bergen einen hohen Umfang realisieren können, immer über 200 Kilometer pro Woche. „Ich habe ein gutes Gefühl“, meint er. Er gibt aber zu, dass man normalerweise nach einer Vorbereitung ein klareres Bild von der Erwartungshaltung auf einen Wettkampf habe. „Dieses Mal ist die Palette dessen, was passieren kann, größer.“
Spannend wird für ihn die Phase rund um Kilometer 30 und 35. „Normalerweise wünscht du dir im Marathon, den Kopf auszuschalten und einfach einmal 20 oder 30 Kilometer konstant zu laufen. Bei diesem Kurs ist das unmöglich, es wird sehr schwer, einen Rhythmus zu finden. Jede Bergauf-Passage tut weh und man verliert Zeit, jede Bergabpassage ist eine Gefahr für die Muskulatur. Der Marathon ist ohnehin schon extrem, ich bin eingestellt auf eine außergewöhnliche Belastung. Daher werde ich entsprechend aufmerksam laufen.“ Das betrifft nicht nur die Tempowahl. Auch die extrem kurvige Strecke sei eine mentale Herausforderung.
Dazu kommt eine weitere: Der Marathon der Männer startet nur 40 Minuten nach jenem der Frauen – und das auf einem 5km-Kurs. Sprich: Befindet sich das Frauenfeld in der dritten Runde, starten die Männer los. „Wir werden relativ früh zum ersten Mal auf das hintere Feld der Läuferinnen auflaufen, es überholen und einen Teil des Feldes später noch einmal“, schätzt der Österreicher. Gerade bei der Labestation und in winkligen Kurven könne das eng werden. „Bei all diesem Durcheinander muss man unbedingt bei sich bleiben. Gerade die Überholmanöver und die verschiedenen Lauftempi – das kann trügerisch sein.“
Verein: team2012.at
Trainer: Wilhelm Lilge
Disziplin: Marathon
8. EM-Teilnahme, 1. im Marathon
„Road to Birmingham“: Position 53/64
PB: 2:13:43 Stunden (Frankfurt 2023)
SB: 2:15:07 Stunden (Wien)
Staatsmeistertitel im Marathon: 2

Seine Wettkämpfe 2026:
Sieg – Vienna Calling Halbmarathon, 1:03:31 Stunden
Platz 9 – Vienna City Marathon, 2:15:07 Stunden
Sieg – Staatsmeisterschaften im 10.000m-Lauf, 30:17,50 Minuten
Platz 15 – Track Night Vienna (5.000m), 13:43,55 Minuten
Letztendlich ist Vojta trotz des nicht nach Wunsch gelungenen Vienna City Marathon im April sicher ins EM-Starterfeld gerutscht, die Punkte aus der Europarangliste führen ihn auf Position 53 der „Road to Birmingham“ – einige Absagen inklusive, zum Beispiel auch jene von Aaron Gruen, der nach der Enttäuschung beim Vienna City Marathon der Straßenlauf-WM im September den Vorzug gibt.
So sind am Ende nur 64 Starter übrig – trotz Aufstockungsmöglichkeit für die wichtigen Marathonnationen nur knapp mehr als die vorgesehenen 60 Startplätze. Marathonlaufen liegt europaweit im Trend, die kontinentale Marathon-Elite ist auf dem Vormarsch – aber das Interesse am EM-Marathon ist endend. 2022 in München und 2018 in Berlin waren deutlich mehr Marathonläufer an der Startlinie. Jener in Birmingham wird übrigens der letzte im Rahmen der Leichtathletik-Europameisterschaften. Danach bricht European Athletics endgültig mit der Tradition und setzt auf eigene Straßenlauf-Europameisterschaften.

Grundsätzlich sei immer das Ziel, sich von der Meldelistenposition aus zu verbessern, so Vojta. Wobei er zugibt, gerne höher gereiht gewesen zu sein und sich auch auf einer höheren Rankingposition sieht. „Ich freue mich auf die Herausforderung, habe enorme Erfahrung für das richtige Körpergefühl und vertraue auf mich, dass ich ein gescheites Rennen laufen kann.“ Dann sei, auch wenn der Kurs nicht prädestiniert ist für einen Läufer wie Vojta, ein gutes Abschneiden möglich. Von vordersten Platzierungen träumt er realistischerweise ohnehin nicht. Gleich sieben Läufer sind im Rennen, die sich mit einer Leistung unter 2:06 Stunden qualifiziert haben – vor einigen Jahren war das noch die absolute Ausnahme in Europa.
Die Routine als Ass im Ärmel – bei den bisherigen sieben EM-Teilnahmen fehlt das Top-Resultat, auch aufgrund von Pech. Vojtas bestes EM-Ergebnis ist nämlich mit einem Drama verbunden. 2012 in Helsinki gewann der damals 23-Jährige den Vorlauf und galt als Medaillenkandidat, als er im Finale in einen Sturz verwickelt war und nur Zehnter wurde. Seine zweitbeste EM-Platzierung ist der elfte Platz im Finallauf von 2010. 16 Jahre vor seiner Premiere beim EM-Marathon.
Autor: Thomas Kofler
Bilder: © ÖLV / @amri.sports