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Bereits beim Startsignal wusste Caroline Bredlinger, dass sie in ihrem zweiten Vorlauf für einen Aufstieg ins Halbfinale einen Top-Drei-Platz brauchen wird. Doch der Rennverlauf entwickelte sich in die entgegengesetzte Richtung und hinterließ die Burgenländerin auf der Zielgerade in Enttäuschung. In berauschenden Vorläufen fielen zwei Landesrekorde, 21 Läuferinnen unterboten die Zeit von 2:00 Minuten, elf blieben unter 1:59. Ein Festival an Spitzendarbietungen, in das die Österreicherin nicht einstimmen konnte.
Caroline Bredlingers (LT Bgld Eisenstadt) EM-Debüt ist in Birmingham heute Mittag mit einer herben Enttäuschung zu Ende gegangen. Bei ihrem fünften internationalen Großereignis innerhalb von eineinhalb Jahren sollte sie der Weg erstmals ins Halbfinale führen, so das erklärte Ziel. Dass dafür angesichts der erheblichen Dichte auf hohem Niveau in Europa eine individuelle Topleistung von Nöten sein würde, war eigentlich schon im Vorfeld, aber spätestens nach dem ersten Vorlauf klar.
Die Burgenländerin startete im zweiten und blieb mit Platz sechs in einer Zeit von 2:03,41 Minuten weit entfernt von ihrem Ziel, dem Aufstieg. Auch der unrhythmische Rennverlauf ließ sie ein ganz anderes Gesicht zeigen als bei ihren besseren Wettkämpfen. Unmittelbar nach Beendigung des Rennens verließ Bredlinger das Innere des Stadions umgehend. Die Atemprobleme, die sie laut Informationen des Österreichischen Leichtathletik-Verbandes (ÖLV) im Ziel verspürte, legten sich bald wieder, wie die Athletin in Birmingham gegenüber Olaf Brockmann versicherte.

Bredlinger erwischte in der Auslosung die ungünstige Bahn drei und verkalkulierte sich mit dem Wettkampfauftakt, als sie gleich in den Windschatten von Femke Broeders-Bol huschte, die als Stärkste in diesem Lauf noch weiter innen gestartet war. Doch nach 200 Metern drängten sich die Kontrahentinnen von außen mitten hinein in das Gespann auf der Innenbahn – zum Nachteil der Österreicherin, die sofort nach hinten verdrängt wurde, ohne dass sie vorerst auf diese Entwicklung jeglichen Einfluss nehmen konnte. Also genau ein Szenario, das sie im Interview mit RunUp.eu vor knapp zwei Wochen bei einem Start auf einer der Innenbahn befürchtet hatte (siehe RunUp.eu-Bericht). An den holländischen Star traute sich freilich niemand vorbei.

Bereits früh im Rennen setzte die 25-Jährige Energie ein, um noch in der ersten Runde sich weiter außen orientierend nach vorne zu kämpfen. Doch sie fand weder Position noch Raum für einen rhythmischen Lauf, obwohl mit der Deutschen Majtie Kolberg früh eine direkte Kontrahentin um den Aufstieg verletzungsbedingt aussteigen musste. Ständige Rempeleien und Nicklichkeiten, die zum Geschäft dazugehören, störten die Renngestaltung zusätzlich.
Auf der Gegengerade der zweiten Runde musste sie erneut investieren, als Fünfte ging sie in die letzte Kurve – noch mit Kontakt zu den Top-Drei. Doch während die anderen auf der Zielgerade das Tempo halten konnten, ging Bredlinger ein und ließ das Rennen auslaufen. Chancenlos auf das erhoffte Ziel Halbfinal-Teilnahme. „Es fehlte mir auf den letzten 200 Metern einfach die Kraft“, gab sie in einem Statement gegenüber Brockmann zu. „Ich war das gesamte Rennen über nie in meinem Rhythmus.“
Diese verunglückte Renngestaltung kam zum Pech dazu, im langsamsten Vorlauf gewesen zu sein. Broeders-Bol agierte mit ihren langen Schritten und blieb unangetastet von der Konkurrenz, ihr reichte die 21-schnellste Zeit in der Gesamtwertung zum Sieg im zweiten Vorlauf in einer Zeit von 1:59,96 Minuten. Sichtlich ohne an die Grenze gehen zu müssen. Am besten lösten Gabriela Gajanova aus der Slowakei und Rocio Arroyo aus Spanien die Herausforderung Endspurt. Anna Wielgosz aus Polen, in allen der letzten drei EM-Finals, 2022 sogar mit Bronze, und in diesem Jahr mit einer Leistung unter 1:58 Minuten, blieb als Vierte überraschend auf der Strecke.
Die Ereignisse im ersten von vier Vorläufen wenige Minuten vor Bredlingers Start suchen ihresgleichen in der Geschichte von Europameisterschaften. Keely Hodgkinson hatte wohl das Ziel mit nach Birmingham mitgebracht, ihre Kontrahentin Audrey Werro im Fernduell mit einem Wirkungstreffer zu kitzeln und lief den Vorlauf in einer Zeit von 57,27 Sekunden für die ersten 400 Meter an. Die Engländerin blieb an der Spitze und hielt das Tempo auch auf der zweiten Runde relativ hoch, um mit 1:57,28 Minuten die schnellste aller Vorlaufzeiten zu markieren.
Doch der Wahnsinn aus Sicht aller, die auf die Zeitregel hofften, passierte dahinter. Denn die Gegnerinnen konnten sich von Hodgkinsons Tempo mitziehen lassen. Eloisa Coiro verbesserte ihre zwei Monate alte persönliche Bestleistung um fast eine Sekunde und unterbot den 46 (!) Jahre alten italienischen 800m-Rekord von Gabriella Dorio um eine Zehntelsekunde. Nachdem die 25-Jährige die Zeit von 1:57,56 Minuten auf der Anzeigetafel sah, fiel sie Vorlaufsiegerin Hodgkinson dankend vor Freude um den Hals.
Die Deutsche Smilla Kolbe verbesserte als Dritte ihre persönliche Bestleistung um über eine Sekunde auf eine Zeit von 1:57,80 Minuten, auch die Schweizerin Veronica Vancardo (1:58,20) markierte einen Hausrekord und kam über die Zeitregel weiter. Der neue griechische Rekord von Georgia-Maria Despollari (1:59,29) reichte dagegen letztendlich nicht, um ins Halbfinale aufzusteigen.
Im dritten Vorlauf zog Audrey Werro ebenfalls die Konkurrenz mit, die von der Siegerzeit der Schweizerin in 1:57,83 Minuten profitierte. Alle bis auf die auf der Zielgerade einbrechende Jemma Reekie und eben Werro liefen im dritten Vorlauf persönliche Bestleistungen. Die Französin Clara Liberman in 1:58,23, die Kroatin Nina Vukovic in für sie fabelhaften 1:58,38 Minuten, schnappten sich die Fixplätze fürs Semifinale. Hinter Reekie schaffte es auch die Spanierin Marta Mitjans in 1:58,52 Minuten über die Zeitregel noch ins Finale, die 1:59,08 Minuten der deutschen Junioren-Europameisterin Jana Marie Becker reichten schon nicht mehr bei diesem grandiosen Niveau.
Ohne großen Star im Lineup war auch der vierte Vorlauf nicht langsam: Gabija Galvydyte, eine in den USA studierende Litauerin, setzte sich in 1:58,99 Minuten knapp gegen die Schweizerin Valentina Rosamilia und die Französin Anais Bourgoin durch. Die Halbfinale sind für Donnerstag ab 13:10 Uhr angesetzt – leider ohne rot-weiß-roter Beteiligung.
Autor: Thomas Kofler
Bilder: © ÖLV / @amri.sports