Enter your email address below and subscribe to our newsletter

Berlin Marathon: Die Suche nach dem Sawe-Nachfolger

Der Superstar und Weltrekordhalter ist verletzt und kann in Berlin nicht seinen zweiten sub-2-Marathon jagen. Die große Bühne ist offen für unerwartet große Geschichten.
Weiterlesen

Share your love

Nach der bedauerlichen Absage von Vorjahressieger Sabastian Sawe, der den Weltrekord nach Berlin zurückbringen hätte sollen, gibt es beim Berlin Marathon ein breites Feld möglicher Siegkandidaten. Die spannendsten Athleten kommen aus Äthiopien, darunter die 44-jährige Legende Kenenisa Bekele.

UPDATE: Kenenisa Bekele ist nicht nach Berlin gereist. Laut Veranstalterangaben habe er sich beim Abschlusstraining in Äthiopien eine Verletzung an der Achillessehne zugezogen.

Zwei Läufer im Elitefeld der Männer haben den Berlin Marathon schon gewonnen. Einer der beiden sticht ins Auge: Kenenisa Bekele. 2016 und 2019 schrammte er in Berlin jeweils um wenige Sekunden am Weltrekord vorbei.

Die lebende äthiopische Legende ist mittlerweile 44 Jahre alt und hat herzlich wenig von sich hören und lesen lassen in letzter Zeit. Als er damals 2019 um ein Haar seinem Rivalen Eliud Kipchoge den Weltrekord abgeknöpft und einen äthiopischen Marathonrekord mit einer Bestanddauer von über sechs Jahren aufgestellt hat, war er definitiv ein anderer Athlet als heute.

Das Elitefeld der Männer

30 Läufer, darunter 14 (!) japanische Athleten, auf der Startliste des Berlin Marathon 2026 haben eine Bestleistung unter 2:08 Stunden. Angeführt wird die Entry List vom ehemaligen äthiopischen Rekordhalter und zweifachen Berlin Marathon Sieger Kenenisa Bekele. Doch das Rennen um den Sieg auf der flachen und bekannt schnellen Strecke des Berlin Marathon (73 Höhenmeter auf 42,195 km) scheint offen und verspricht Wettkampfspannung.

Rund 60.000 Läufer:innen aus 160 verschiedenen Nationen werden am Sonntag den Marathon durch die deutsche Hauptstadt laufen. Die Veranstaltung findet zum 52. Mal statt. „Der BMW Berlin Marathon verspricht neuerlich ein Marathon erster Güteklasse zu werden. Berlin bleibt eine Bühne für Rekorde, Emotionen und außerordentliche Errungenschaften“, sagt Rennleiter Mark Milde.

Im Spätherbst seiner Karriere

Bei den Olympischen Spielen von Paris 2024 waren die Signale eindeutig, dass Kenenisa Bekele das Alter für die Konkurrenzfähigkeit mit der Weltelite überschritten hat, obwohl er davor mit zwei schnellen Marathons in Valencia und London durchaus noch einmal aufgezeigt hatte. Mit 41, womit er den Schweizer Tadesse Abraham als Masters-Weltrekordhalter beerbte. Doch die letzten beiden Marathons in Valencia 2024 und New York 2025 beendete er nicht, für den Berlin Marathon im Vorjahr sagte er wegen Formschwäche ab. Als Favoriten auf den Sieg am Sonntag ordnet ihn niemand ein.

RunUp.eu-TV-Tipp:
Der BMW Berlin Marathon 2026 wird am Sonntag ab 8 Uhr live auf RTL übertragen. Das Startsignal fällt um 8:45 Uhr.

Ewige Laufbahn

Der Lauf-Enthusiast aus der Kleinstadt Bekoji, die auf einer Meereshöhe von über 2.800 Metern liegt, ist ein Nimmermüde. 1999 nahm er erstmals an Junioren-Weltmeisterschaften im Crosslauf, eine Disziplin, die er später jahrelang beherrschte, teil. Vor 23 Jahren gewann er in Paris seinen ersten WM-Titel auf der Bahn (10.000m), vor 22 Jahren zwei Olympische Goldmedaillen in Athen. Seit 2007 ist er mit Schauspielerin Danawit Gebregziabher verheiratet, die älteste Tochter des Paars ist bereits volljährig. Letzteres würde ihm definitiv ein Alleinstellungsmerkmal unter den World Marathon Majors Siegern bescheren, wenn ihm am Sonntag doch eine Sensation gelingen sollte.

Kenenisa Bekele bei seinem ersten Sieg in Berlin im Jahr 2016. © SIP / Johannes Langer

Trotz dieser langen Karriere ist Kenenisa Bekele, mittlerweile ein erfolgreicher Geschäftsmann, immer noch aktiv. Er will es offenbar auch im Marathon noch einmal wissen und in Berlin mit einer starken Leistung überzeugen, gibt der Veranstalter Einblick. Im April war er stolzer Stargast der Eröffnung des neuen Sportzentrums in Addis Abeba, der Addis Sports Park, dem der möglicherweise beste Läufer aller Zeiten das Attribut „Weltklasse“ verlieh – und zwar für mehrere Sportarten. „Ich habe immer von so einem Umfeld in unserem Land geträumt. Mein Herz springt vor Freude, Zeuge dieses Meilensteins zu sein. Ich bin sehr stolz!“, schrieb er damals in sozialen Netzwerken. „Diese Möglichkeiten mögen die nächste Generation äthiopischer Champions inspirieren!“

Einmalige Erfolgsliste

3️⃣ Olympische Goldmedaillen
6️⃣ WM-Goldmedaillen (eine davon in der Halle)
1️⃣1️⃣ Crosslauf-WM-Titel
2️⃣ Siege beim Berlin Marathon
Marathon-Bestzeit: 2:03:03 Stunden

Adolas Revival

Der zweite im Feld, der das Gefühl des Jubels hinter dem Brandenburger Tor bereits kennt, ist Guye Adola. Vielen Marathon-Fans wird eher in Erinnerung sein, wie der Äthiopier den großen Eliud Kipchoge hier 2017 zum Äußersten gefordert hat und beinahe besiegt hätte als sein Sieg 2021 bei einer missglückten Weltrekordjagd in einer für Berlin kaum würdigen Siegerzeit von 2:05:45 Stunden. An Adola lag die mit Abstand langsamste Siegerzeit in den letzten 15 Jahren freilich nicht.

Guye Adola beim Berlin Marathon 2017. © SIP / Johannes Langer

Im Gegensatz zu seinem Landsmann kommt der 35-jährige Adola mit guten Karten in der Hand nach Berlin. Im Frühling triumphierte er beim Rotterdam Marathon in seiner zweitschnellsten Marathon-Zeit nach seinem Debüt vor neun Jahren und seiner ersten sub-2:06-Leistung seit dem Berlin Marathon 2021. Für ihn gilt wie für das gesamte Elitefeld: Selten war durch die verletzungsbedingte Absage Sawes, auf den der Veranstalter alles gesetzt hatte, die Chance auf einen prestigeträchtigen und auch finanziell lukrativen Triumph beim Berlin Marathon größer als heuer.

Ein offenes Rennen und große Chance

Es gibt eine realistische Chance, dass erstmals seit 1998 (!) der Sieg bei den Männern nicht nach Kenia oder Äthiopien geht. Gabriel Geay, Landesrekordhalter aus Tansania, hat schon nachgewiesen, dass er an guten Tagen zu Fantastischem fähig ist. Nicht unbedingt bei seinem Sieg beim Daegu Marathon im Februar, wo ihm bei der Wiederholung seines Vorjahressiegs eine Zeit von 2:08:11 Stunden reichte, sondern 2025 in Houston bei seinem Landesrekord im Halbmarathon, beim Boston Marathon 2023 mit Platz zwei oder beim Valencia Marathon 2022 als er seinen Bestwert von 2:03:00 Stunden erzielte und knapp am Sieg dran war. Der ganz große Erfolg freilich fehlt – noch.

Neben Bekele und Adola suchen noch zwei weitere äthiopische Routiniers nach einer weiteren Chance auf große Taten. Der 32-jährige Getaneh Molla ist vor fast acht Jahren eine Zeit von 2:03:34 Stunden gelaufen, um, debütierend, den Dubai Marathon zu gewinnen. Den damals rasant gestiegenen Erwartungen konnte er jahrelang nicht gerecht werden. Aber zuletzt lief es wieder beeindruckend: Dritter beim Amsterdam Marathon 2025, Zweiter beim Seoul Marathon 2026 in jeweils niedrigen 2:04er Zeiten.

Der 30-jährige Shura Kitata machte von sich reden, als er 2017 den Frankfurt Marathon gewann sowie 2018 bis zur Schlussphase Kipchoge in London im Kampf um den Sieg forderte und Geoffrey Kamworor gleichermaßen in New York. Als Kipchoge einmal ausließ – und dass passierte einst selten, war Kitata da und holte sich in London auf dem Covid-Rundkurs 2020 den seinen bisher einzigen Major-Sieg. Mit seinem Sieg beim Sevilla Marathon 2026 in 2:03:59 Stunden brachte er sich wieder zurück ins Gespräch für die ganz großen Aufgaben – Berlin hat zugeschlagen.

Vielleicht ist ein Superstar kürzerer Distanzen der leichte Favorit auf den Sieg beim Berlin Marathon: Selemon Barega, der das Potenzial hat, künftig ein Superstar im Marathon zu werden. Erst 26-jährig hat der Olympiasieger im 10.000m-Lauf von Tokio 2021 und zweifache WM-Medaillengewinner bereits zwei Marathons in den Beinen: 2025 gewann er bei seiner Premiere in Sevilla in 2:05:15 Stunden, ein Jahr später verbesserte er sich in Tokio um 15 Sekunden, wurde aber nur Siebter. Sein Potenzial ist spätestens nach einem berauschenden Halbmarathon von 57:50 Minuten 2023 in Valencia bekannt. Auf der Straße gewann er zuletzt zweimal den Great Manchester Run sowie den Tokio Halbmarathon im Herbst 2025.

Japanische Phalanx

Während ein kenianischer Sieg fast ausgeschlossen ist (einzig Erick Sang hat Außenseiterchancen), könnte in Berlin angesichts der prognostizierten recht guten Marathon-Bedingungen, mit etwas erhöhten Temperaturen vielleicht, der japanische Rekord auf dem Prüfstand stehen. Die Liste ist gewaltig: Zwischen einem Bestwert von 2:05:59 Stunden von Kenya Sonota und einer Bestzeit von 2:07:56 Stunden tummeln sich 14 Japaner, die auf der bekannt schnellen Strecke in der deutschen Hauptstadt nach persönlichen Bestleistungen streben. Den japanischen Rekord hat sich Suguro Osako beim Valencia Marathon 2025 geschnappt: 2:04:55 Stunden.

Zudem kommt ein Teil der chinesischen Marathon-Elite nach Deutschland. He Jie hat erst heuer beim Tokio Marathon seinen Landesrekord von 2:06:57 Stunden aus dem Jahr 2024 an Landsmann Feng Pei You verloren und wird versuchen, ihn zurückzuholen. Mit Wu Xiang Dong und Dong Guo Jian sind noch die Nummer fünf und Nummer sieben der ewigen chinesischen Bestenliste in Berlin am Start.

Quartett deutscher Topläufer

Für europäische Highlights zu sorgen, ist für den Berlin Marathon in EM-Jahren eine Herkulesaufgabe. Selbst die heimische Elite erholt sich noch von Birmingham. Deshalb führt Sebastian Hendel, der vor zwei Jahren hier seine Bestleistung von 2:07:33 Stunden gelaufen ist, das Feld der Deutschen an.

Mit Haftom Welday, der seit Jahren seinen höheren Ambitionen vergeblich hinterherläuft, Aaron Bienenfeld und dem, wie Hendel, dem Marathon Team Berlin angehörigen Johannes Motschmann sind weitere aussichtsreiche deutsche Läufer im Rennen. Bienenfeld sorgte im Frühling für ein Ausrufezeichen, als ihm in Hamburg in einer Zeit von 2:08:47 Stunden das schnellste Marathon-Debüt eines deutschen Läufers ever gelang.

Autor: Thomas Kofler
Bilder: © SCC Events / Sebastian Walls, © SIP / Johannes Langer

Share your love