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Mit dem Erfüllen des WM-Limits für Tokio am vergangenen Wochenende ist Caroline Bredlinger (LT Bgld Eisenstadt) in eine neue Dimension vorgestoßen (siehe RunUp.eu-Bericht). Im RunUp.eu-Interview blickt sie auf ihre erfolgreiche Entwicklung zurück und versucht ihren neuen Leistungsstandard und damit verbundene Emotionen einzuordnen.
RunUp.eu: Herzliche Gratulation zu deinen Leistungen in den letzten Wochen, besonders zur WM-Qualifikation bei der Team-EM am Samstag: Welche Gedanken sind dir direkt hinter der Ziellinie durch den Kopf gegangen?
Caroline Bredlinger: „Ich wusste die 400m-Durchgangszeit und war mir daher nicht sicher, ob sich überhaupt eine Zeit unter zwei Minuten ausgehen würde. Daher war ich froh über die ,1′ auf der Anzeigetafel. Aber dann hab ich nochmal hingeschaut und hab die ,58′ gesehen. Im ersten Augenblick hab ich das gar nicht glauben können. Ich denke, man hat gesehen, welch emotionale Reaktionen das in mir ausgelöst hat.“
Bist du schon jemals eine zweite Runde in einem 800er unter eine Minute gelaufen?
„Nein, das war tatsächlich eine Premiere!“

War dir vorher bewusst, dass das WM-Limit von 1:59,00 Minuten in deinen Beinen stecken würde?
„Nach den Rennen in Wien und St. Pölten haben wir uns schon gedacht, dass es an einem guten Tag im richtigen Rennen realistisch sein könnte. Bei der Track Night lief der Wettkampf nicht optimal, in St. Pölten musste ich lange alleine von vorne rennen. Aber, dass sich das WM-Limit am Samstag ausgehen würde, damit habe ich nicht gerechnet. Es waren ja auch keine optimalen Bedingungen. Wir haben dankend angenommen, dass der Trainer von Nina Vukovic auf uns zugekommen ist und gesagt hat, sie würde das Tempo eine Runde lang machen. Der Deal war, dass ich dann übernehmen sollte. Das Duell mit Anita hat mich zusätzlich angetrieben.“
Wie klingt es in deinen Ohren, eine so starke Athletin wie Anita Horvat, die ja regelmäßig mindestens in globalen Halbfinals läuft und zwei Hallen-EM-Medaillen hat, zu besiegen?
„Das ist ein schönes Gefühl und für mich auch eine kleine Genugtuung, nachdem sie meinen Vorlauf bei der Hallen-EM in Apeldoorn so arg heruntergebremst hat. Es ist einfach grandioses Gefühl zu wissen, dass ich zur europäischen Spitze gehöre.“
Die starke Hallensaison hat schon eine Entwicklung Richtung Freiluftsaison erhoffen lassen. Bist du überrascht, wie groß der Sprung ausgefallen ist?
„Ja, definitiv. Mit Zeiten um die zwei Minuten hab ich schon lang geliebäugelt. Ehrlich gesagt waren einige Trainingsleistungen ein Indikator, dass es in die Richtung 1:59 gehen könnte. Aber geglaubt habe ich das nicht! Ich bin der Typ Mensch, der das dann erst im Wettkampf sehen muss, um zu realisieren, was für mich möglich ist.“
Was sind die Schlüsselpunkte in dieser erfolgreichen Entwicklung?
„Grundsätzlich haben wir versucht, an allen Rädchen zu drehen und viele Faktoren zu optimieren – und das alles so schonend wie möglich. Das heißt, möglichst viel für die Grundlage auf dem Fahrrad. Wir haben auch das Krafttraining umgestellt, ich habe dafür nun einen eigenen Trainer. Außerdem profitiere ich vom sehr guten Aufbau der Wintersaison. Eine wichtige Komponente sind gemeinsame, harte Trainingseinheiten mit Marcel Tobler. Da kann ich Trainingsleistungen abrufen, die beim Training alleine nicht möglich waren.“
Du bist die Erste seit 22 Jahren, die die 800m in Österreich unter zwei Minuten läuft. Ganz allgemein: Welche Zutaten braucht es dafür?
„Masochismus! (lacht) Man muss sich quälen können und man muss lernen, sich zu quälen. Wichtig ist auch die mentale Stärke. Mein Problem war lange Zeit die Phase zwischen 400 und 600 Meter, in der ich oft zu wenig aktiv gelaufen bin. Und man muss bereit sein, im Training immer alles in die Waagschale zu werfen.“
Welche Fertigkeiten sind in der Phase zwischen 400 und 600 Meter gefragt? Wie ist da das Verhältnis zwischen physiologischen und psychologischen Komponenten?
„Eigentlich ist das reine Kopfsache. Denn der ,Mann mit dem Hammer’ der kommt ja üblicherweise erst danach. Wenn er kommt. Es kostet Überwindung, nach der ersten Runde in hohem Tempo mit vollem Fokus da zu sein und das Tempo richtig einzuschätzen. Dieses Tempogefühl gilt es, gut zu trainieren.“

Verändert das erfüllte WM-Limit deinen Plan für die nächsten Wochen?
„Definitiv. Bisher waren wir auf der Suche nach Wettkämpfen, bei denen ich gute Punkte für die Weltrangliste sammeln kann. Nun kann ich etliche davon wieder streichen. Die Saison geht noch lange und ich halte eine lange Wettkampfphase eher nicht gut aus, das zeigt die Erfahrung. Ich brauche die Trainingsblöcke dazwischen, um auf einem hohen Niveau zu bleiben.“
Stichwort Tokio 2025: Auch wenn es noch ein paar Wochen hin ist zu deiner WM-Premiere – was fällt dir zu diesem Stichwort ein?
„Ich habe es immer noch nicht ganz realisiert. Dafür brauch ich vielleicht noch Zeit. Aber ich freue mich irrsinnig auf die WM!“
Als WM-Teilnehmerin gehört man zum Kreis der Weltbesten. Wie wirkt das auch dich?
„Ich bin eher ein Mensch, der sich kleiner macht, der sich versteckt und zurückhaltend ist. Vielleicht muss ich mich noch etwas daran gewöhnen: Aber es klingt schon fantastisch!“
Vielen Dank für das Gespräch!
Interview: Thomas Kofler
Bilder: © ÖLV / @wolf.amri