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Acht Hundertstelsekunden haben letztlich den Ausschlag darüber gegeben, dass Caroline Bredlinger das WM-Halbfinale von Tokio im 800m-Lauf nicht erreicht hat. Die Österreicherin kämpfte in ihrem Vorlauf im Schlussspurt um den ersehnten dritten Platz mit und war im Dreikampf mit Clara Liberman und Roisin Willis knapp unterlegen.
„Am Ende hat es halt auf den letzten Metern nicht gereicht“, war die schlichte Erkenntnis von Caroline Bredlinger (LT Bgld Eisenstadt) nach ihrer WM-Premiere. Im ersten Moment ärgerlich, in der Gesamtbetrachtung ein akzeptables Ergebnis, auch wenn knappe Abstände immer bitter sind – man frage nach bei Raphael Pallitsch, der um 0,01 Sekunden den Finaleinzug im 1.500m-Lauf verpasst hat (siehe RunUp.eu-Bericht). „Mental war ich auf jedes Ergebnis vorbereitet, ausscheiden oder weiterkommen. Ich habe versucht, meine Chance zu nutzen, ich kann mir in diesem Rennen nichts vorwerfen“, lautet die Einschätzung der Burgenländerin.

Bredlinger startete als Außenseiterin auf eine Top-Drei-Platzierung in ihren Vorlauf, aber durchaus mit nicht unrealistischen Chancen auf einen Aufstieg. In den sieben Vorläufen erkämpften sich jeweils die drei Besten einen Halbfinalplatz. Ergänzt wurde das Feld durch die drei Athletinnen mit den besten Zeiten, die nicht unter die Top-Drei liefen. Die Österreicherin war laut Saisonbestleistungen die Fünftschnellste in ihrem Vorlauf und auf dieser Position kam sie ins Ziel, es war knapp genug in den Abständen nach vorne.
Ihre Wettkampfsaison 2025 ist mit ihren ersten drei Leistungen unter zwei Minuten und der direkten Qualifikation für Tokio (unter 1:59 Minuten) sowie den Teilnahmen an den Hallen-Europameisterschaften, den Hallen-Weltmeisterschaften und den Weltmeisterschaften von Tokio trotz des Vorlauf-Aus‘ ein Erfolg – und ein Versprechen für die Zukunft. „Es ist grad ein Wechselbad der Gefühle. Ich bin zufrieden – und gleichzeitig auch nicht. Der Platz im Semifinale war in Reichweite. Aber insgesamt war die Saison ein Wahnsinn“, fasste die 24-Jährige zusammen.
Mit ihrem klaren Entwicklungsschritt hat Caroline Bredlinger in der Wettkampfsaison 2025 die europäische Spitze erreicht, zumindest die erweiterte. „Die Zeiten, die ich in diesem Sommer gelaufen bin, haben mir viel Selbstvertrauen gegeben. Die Bestätigung meiner Qualifikationszeit mit dem Sieg beim ISTAF in Berlin hat mir die Erkenntnis gegeben: ,Wow, ich kann das jetzt wirklich laufen!’“, sagte sie bei einem am 7. September im Rahmen von „Sport am Sonntag“ im ORF ausgestrahlten Interview.
Für die nähere Zukunft hat die junge Burgenländerin noch einiges vor: „Wenn die Trainingsleistungen weiter passen und die Leistungskurve weiter nach oben geht, trau ich mir zu, Zeiten in den Regionen von Stephi Grafs besten Leistungen zu laufen.“

Im Alter von 13 Jahren wurde Bredlinger am Halloweentag, mit Freundinnen unterwegs, von einem Querschläger getroffen, als ein Mann wahllos von seinem Balkon schoss. Das Projektil durchborte die Muskulatur in ihrem Gesäß. Die Ärzte entschieden sich, die Splitter drinnenzulassen, weil sie durch eine Operation weitere Schädigungen befrüchteten. Noch heute spürt Bredlinger immer wieder Schmerzen im linken Bein, zum Beispiel bei langen Sitzzeiten oder Wetterumschwüngen. „Ich habe im linken Bein daher auch weniger Kraft als im rechten. Aber ich habe mich irgendwann daran gewöhnt“, so Bredlinger im ORF.
Die Burgenländerin wurde in den ersten von sieben Vorläufen an die Seite von Keely Hodgkinson gelost. Deren Präsenz gab die Taktik aller anderen vor, denn die britische Olympiasiegerin bestreitet ihre Läufe dank ihrer Überlegenheit immer von vorne, insbesondere Vor- und Halbfinalläufe. Die Österreicherin startete aus Bahn vier und platzierte sich im Mittelfeld, Hodgkinson gönnte der Slowenin Anita Horvat ein paar Schritte an der Spitze, zog in der zweiten Kurve vorbei und bremste das Feld nach einem rasanten Beginn erst einmal etwas ein. Die Durchgangszeit von 59,22 Sekunden für Hodgkinson und 59,59 Sekunden für die zu diesem Zeitpunkt sechstplatzierte Bredlinger waren nach 400 Metern eine gute Bühne für eine spannende zweite Runde. „Der Rennverlauf war sehr schwierig aufgrund des Kampfs um die Positionen“, schildert die Österreicherin.
Mehrfach hat Bredlinger erklärt, dass ihre Leistungssteigerung in diesem Jahr mitunter daran liegt, dass sie gezielt ihre Wettkampfphase zwischen 400 und 600m im konzeptionellen Training verbessert hat. Diesen Entwicklungsschritt demonstrierte sie in Tokio, sie wechselte ausgangs der dritten von vier Kurven auf die Außenbahn und machte auf der Gegengerade vier Positionen gut. Hinter Hodgkinson und Clara Libermann bog sie als Dritte in die letzte Kurve, blieb aber auf der Außenseite. Unglücklicherweise machte die Französin innen eine Lücke auf, durch die Assia Raziki prompt durchhuschte und diese Chance mit dem insgesamt besten Schlussspurt des Vorlauffeldes und Platz zwei hinter Hodgkinson nutzte. Die Britin erreichte eine Zeit von 1:59,79 Minuten und keuchte angesichts der äußeren Bedingungen von 26°C und 75% Luftfeuchtigkeit auffallend, obwohl sie wohl nicht 100% ihres Leistungsvermögens in die Renngestaltung hineinlegen musste.
Bredlinger kämpfte in ihrem Schlussspurt um die ersehnte dritte Position und musste in einer Zeit von 2:00,25 Minuten der französischen Meisterin Liberman und der ehemaligen Junioren-Weltmeisterin Roisin Willis um 0,08 und 0,01 Sekunden den Vortritt lassen – eine knappe Geschichte. Die Beine gaben nach einer langen Wettkampfsaison nicht mehr her. Die Hoffnungen, dass ihre Zeit noch über die Zeitregel für den Aufstieg reichen könnten, erfüllten sich nicht. Der von der kenianischen Geheimfavoritin auf eine Medaille, Lilian Odira, angeführte fünfte von sieben Vorläufen war dafür viel zu schnell. Selbst die Schottin Jemma Reekie, in diesem Stadion vor vier Jahren Olympia-Vierte, muss mit einer Leistung von 1:59,35 Minuten im Halbfinale zuschauen, weil Renelle Lamote als Vierte im sechsten Vorlauf einen Tick schneller war.

Die schnellste 800m-Vorlaufzeit ging an Odira in für diese Runde eindrucksvollen 1:57,86 Minuten. Stark präsentierte sich auch Diamond-League-Gesamtsiegerin Audrey Werro aus der Schweiz, die den vierten Vorlauf zeitgleich mit der Amerikanerin Sage Hurta-Klecker in 1:58,43 Minuten für sich entschied. Titelverteidigerin Mary Moraa aus Kenia erreichte die nächste Runde ebenfalls recht souverän. Werros Landsfrauen Lore Hoffmann und Veronica Vancardo, die wie Bredlinger erstmals bei einer globalen Meisterschaft am Start war, schieden dagegen genauso wie das deutsche Duo Majtie Kolberg und WM-Debütantin Smilla Kolbe aus.
Die traditionell umkämpften Halbfinalläufe gehen heute Nachmittag mitteleuropäischer Zeit über die Bühne. Dabei erwischte die Schweizer Rekordhalterin Werro eine schwierige Auslosung mit Odira und der äthiopischen Rekordhalterin Tsige Duguma, im letzten Jahr Olympia-Silbermedaillengewinnerin, als Hauptgegnerinnen in ihrem Lauf.
Autor: Thomas Kofler
Bilder: © ÖLV / Sonia Maleterova, © Dan Vernon for World Athletics