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Chemtai-Salpeter: Der Höhepunkt eines unwirklichen Jahres

Es ist noch nicht allzu lange her, als die 30-Jährige Lonah Chemtai-Salpeter in der europäischen Lauf-Szene eine von vielen war. So trat sie zu den Europameisterschaften von Berlin 2018 an und gewann aus einer Favoritenrolle heraus die Goldmedaille. Die Erklärung…

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Es ist noch nicht allzu lange her, als die 30-Jährige Lonah Chemtai-Salpeter in der europäischen Lauf-Szene eine von vielen war. So trat sie zu den Europameisterschaften von Berlin 2018 an und gewann aus einer Favoritenrolle heraus die Goldmedaille. Die Erklärung war eine einfache: Die junge Frau aus Kenia, die als Babysitterin des kenianischen Botschafters nach Israel kam, sich in den Laufcoach Dan Salpeter verliebte, ihn heiratete, die israelische Staatsbürgerschaft bekam, trainierte im Vorfeld erstmals wie ein Vollzeitprofi. Eine irgendwie filmreife Geschichte, die nun erklären soll, warum die WM-41. von London (Marathon), die Elfte des Berlin Marathon von 2016 (2:40:16 Stunden), die EM-40. im Halbmarathon von Amsterdam nun ein Star in der europäischen Marathon-Szene ist.
 

© RunCzech
Verbesserung um 20 Minuten in nicht einmal zwei Jahren

Denn inklusive des zwölften Platzes bei der Halbmarathon-WM 2018 in Valencia und dem Triumph von Berlin auf der Bahn begann eine rasante Entwicklung, die im europäischen Laufsport beispiellos ist. Der 20-minütige Leistungssprung im Marathon im Schnelldurchlauf: Binnen weniger als eines Jahres siegte Chemtai-Salpeter beim Florenz Marathon unter fürchterlichen Lauf-Bedingungen (2:24:17), lief in Rom und Prag 2019 zwei Halbmarathons unter 1:07 Stunden (mit der 1:06:09 Stunden aus Prag ist sie die zweitschnellste Europäerin aller Zeiten) und pulverisierte beim Volkswagen Prag Marathon am gestrigen Sonntag den Streckenrekord um über zwei Minuten. Als erst dritte Europäerin knackte die 30-Jährige die Zeit von 2:20 Stunden und hat nun in der ewigen europäischen Bestenliste nur mehr Paula Radcliffe und Irina Mikitenko vor sich. Der Glanzpunkt in Prag soll nur der vorläufige Höhepunkt für sie sein, denn dieses unfassbare Jahr soll im letzten Teil des Olympischen Zyklusses Richtung Tokio 2020 eine Fortsetzung erhalten.
 

Lonah Chemtai-Salpeter und ihr Ehemann und Coach Dan Salpeter hatten nach dem Prag Marathon Grund zu guter Laune. © SIP / René van Zee
 

Großes Zahltag

Bei fast winterlichen Temperaturen von 5°C und trockener Strecke heizte Chemtai-Salpeter die Konkurrenz von Beginn an ein und führte sie zu einer Halbmarathon-Durchgangszeit von 1:10:12 Stunden. Das war zu viel des Guten für Titelverteidigerin Bornes Kitur, die später ausstieg, und Shitaye Eshete, mussten nach rund 20 Kilometern als letzte abreißen. Denn die Israelin wurde noch schneller und vollendete ihren verblüffenden Solo-Auftritt (weil der Pacemaker nach rund 30 Kilometern mit Bauchschmerzen ausstieg, Anm.) trotz aufkommenden Windes in einer sensationellen Siegerzeit von 2:19:46 Stunden (Negativ-Split). Neuer Streckenrekord um 2:11 Minuten, neuer israelischer Rekord um dreieinhalb Minuten. So viele Rekordleistungen zahlten sich auch finanziell aus: 75.000 Euro verdiente sich die gebürtige Kenianerin an diesem kühlen Mai-Sonntag in der tschechischen Hauptstadt.
 
Lonah Chemtai-Salpeters Halbmarathon-Splits: 1:10:12 / 1:09:34 Stunden
Lonah Chemtai-Salpeters Teilzeiten: 16:42 / 16:37 / 16:24 / 16:50 / 16:49 / 16:30 / 16:15 / 16:22 (alle 5 km) / 7:14 Minuten (2,195 km)
 

Mit großartigen Steigerungen zu Spitzenplätzen

Angesichts des Gala-Auftritts von Lonah Chemtai-Salpeter blieb der Konkurrenz nur die Rolle der Applaus-Spender. Dabei lieferten auch Shitaye Eshete und Genet Wale grandiose Rennen ab, waren dennoch im Kampf um den Sieg völlig chancenlos. Die für den Bahrain laufende Eshete, 28 Jahre alt, verbesserte ihre persönliche Bestleistung um rund zwei Minuten auf eine Zeit von 2:22:39 Stunden, womit sie auf Platz drei der ewigen Bestenliste des kleinen Inselstaats im persischen Golf sprang. Übrigens deutlich vor der amtierenden Weltmeisterin Rose Chelimo, die nur sechstschnellste Marathonläuferin aus dem Bahrain ist. Und Yalew verbesserte ihren „Hausrekord“ um rund drei Minuten auf eine Zeit von 2:24:34 Stunden.
Eine erstaunliche Leistung lieferte die Aostanerin Catherine Bertone ab. Die Ärztin finishte in einer Zeit von 2:31:07 Stunden auf dem siebten Platz. Das Bemerkenswerte dabei: Bertone ist bereits 47 Jahre alt. Gut verlief das Rennen auch für die drittbeste Europäerin, Elisa Stefani aus Italien, die sich in einer Zeit von 2:33:36 Stunden über eine Verbesserung ihrer persönlichen Bestleistung um rund vier Minuten freute. Hinter ihr landete Hanna Vandenbussche aus Belgien mit einer Steigerung ihrer persönlichen Rekordleistung um rund zwei Minuten auf den neunten Platz. Der von RunCzech-Präsident Carlo Capalbo angestrebte Trend, europäische Topläuferinnen und -läufer zu tschechischen Events anzulocken, nimmt immer konkretere Formen an und ist beim Prag Marathon 2019 gelungen.
Die US-Amerikanerin Kellyn Taylor konnte in einer Zeit von 2:26:27 Stunden zwar nicht ganz an ihre Überraschungsleistung aus dem Herbst 2018 anschließen, qualifizierte sich als Vierte mit diesem starken Auftritt aber für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio – was jeder Top-5-Platzierung bei einem Golden Label Event der IAAF zusteht.
 

© RunCzech
Marokkanischer Sieg bei den Männern

Ein spannendes Rennen ohne Wunder-Zeiten, aber dennoch beachtlichen Leistungen entwickelte sich bei den Männern. Eine zwölfköpfige Spitzengruppe überquerte die Zwischenzeit beim Halbmarathon nach 1:02:52 Stunden. Nicht mehr dabei war der mitfavorisierte Kenianer Stephen Chebogut, der nach zwölf Kilometern so unglücklich zu Sturz kam, dass er sich die Schulter auskugelte. Nach dem Ausstieg der Pacemaker nahm Amos Kipruto das Heft des Handelns in die Hand und bestimmte das Rennen größtenteils. Im Finale ging dem Kenianer allerdings die Kraft aus und er musste sich am Ende mit dem vierten Platz zufrieden geben – 2:06:23 Stunden.
Mit einer Attacke bei Kilometer 40 erzwang der Marokkaner Al Mahjoub Dazza, der auf der Website des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF) als Marokkaner geführt wird, laut der Aussendung des Veranstalters des Prag Marathon aber für den Bahrain startet (obwohl Nationenwechsel aktuell von der IAAF nur in gewissen Ausnahmen vollzogen werden), die Vorentscheidung. Der marokkanische Rekordhalter (Valencia 2018) siegte in einer Zeit von 2:05:58 Stunden, der zweitbesten in der Veranstaltungsgeschichte hinter dem Streckenrekord von Eliud Kiptanui aus dem Jahr 2010, vor Dawit Wolde und Aychew Bantie. Die beiden Äthiopier freuten sich über massive Verbesserungen ihrer persönlichen Bestleistungen: Der ehemalige Mittelstreckenläufer Wolde blieb erstmals unter 2:10 Stunden (2:06:14), Bantie steigerte sich um rund zwei Minuten auf eine Zeit von 2:06:23 Stunden.
 

Zwei starke europäische Leistungen

Unter den Top-Acht, die allesamt unter 2:10 Stunden blieben, befanden sich in Prag auch zwei europäische Läufer. Hamid Ben Daoud, ein Spanier mit marokkanischen Wurzeln, verbesserte seinen Hausrekord um rund zwei Minuten auf eine Zeit von 2:08:14 Stunden und belegte den sechsten Platz. Girmaw Amare blieb erstmals unter 2:10 Stunden und verbesserte als Achter seinen israelischen Landesrekord auf eine Zeit von 2:09:54 Stunden.
 

25. Austragung

Der Volkswagen Prag Marathon feierte heuer das Jubiläum seiner 25. Austragung mit 16.500 aktiven Teilnehmerinnen und Teilnehmer, wovon 10.600 für den Marathonlauf gemeldet waren. Damit war das Start-Kontingent frühzeitig erschöpft. Am Samstag gingen die Familienläufe, an denen viele Kinder mit ihren Eltern teilnahmen, über die Bühne. Leider verregnete es das Samstagsprogramm völlig.
 
Redaktionelle Mitarbeit: René van Zee
 

Ergebnisse Prag Marathon

Männer
1. Al Mahjoub Dazza (MAR) 2:05:58 Stunden
2. Dawit Wolde (ETH) 2:06:18 Stunden *
3. Aychew Bantie (ETH) 2:06:23 Stunden *
4. Amos Kipruto (KEN) 2:06:46 Stunden
5. Solomon Yego (KEN) 2:07:30 Stunden
6. Hamid Ben Daoud (ESP) 2:08:14 Stunden *
7. Paul Maina (KEN) 2:09:17 Stunden
8. Girmaw Amare (ISR) 2:09:54 Stunden **
9. Nicodemus Kimutai (KEN) 2:10:00 Stunden ***
10. Goitom Kifle (ERI) 2:10:18 Stunden ***
Frauen
1. Lonah Chemtai-Salpeter (ISR) 2:19:46 Stunden ** / ****
2. Shitaye Eshete (BRN) 2:22:39 Stunden *
3. Genet Yalew (ETH) 2:24:34 Stunden *
4. Kellyn Taylor (USA) 2:26:27 Stunden
5. Lucy Cheruiyot (KEN) 2:27:16 Stunden ***
6. Hellen Jepkurgat (KEN) 2:29:10 Stunden *
7. Catherine Bertone (ITA) 2:31:07 Stunden
8. Leslie Sexton (CAN) 2:31:51 Stunden *
9. Elisa Stefani (ITA) 2:33:36 Stunden *
10. Hanna Vandenbussche (BEL) 2:36:49 Stunden *
* persönliche Bestleistung
** israelischer Landesrekord
*** Marathon-Debüt
**** Streckenrekord
 
 
RunCzech

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