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Bei drei Gelegenheiten in Folge war Hellen Obiri, die ehemalige Weltklasse-Mittel- und -Langstreckenläuferin, bei den wichtigsten Marathonläufen in den USA (Boston und New York) nicht zu bezwingen. Nur Sifan Hassan gelang es, die Kenianerin in einem Rennen ohne Tempomacher*innen bei den Olympischen Spielen von Paris zu bezwingen. Beim gestrigen New York City Marathon tat es ihr die Kenianerin Sheila Chepkirui, ein spät berufenes Marathon-Talent, gleich und stürmte zum größten Erfolg ihrer Karriere. Eine superstarke Leistung lieferte auch die Schweizer Rekordhalterin Fabienne Schlumpf, die mit Platz fünf die WM-Qualifikation für Tokio in der Tasche hat.
Von der jungen Sheila Chepkirui nahm außerhalb ihrer Heimat, dem Kericho County im Westen Kenias, bis zum 26. Lebensjahr kaum jemand Notiz. Der Sieg bei den Jugend-Weltmeisterschaften im 1.500m-Lauf vor 19 Jahren geriet schnell in Vergessenheit. Und in Wirklichkeit auch nicht, als sie 2017 völlig überraschend bei den Kenya Trials den dritten Platz im 5.000m-Lauf belegte und sich damit die WM-Teilnahme in London verdiente. Damals siegte Hellen Obiri bei den nationalen Ausscheidungen. Neunmal liefen Obiri und Chepkirui über diese Distanz gegeneinander, Chepkirui hatte nicht einmal den Hauch einer Chance: Während Obiri vor sieben Jahren in London ihren ersten von zwei WM-Titeln im 5.000m-Lauf gewann, lief Chepkirui auf Platz sieben ins Ziel – ihr Top-Ergebnis bis zum Umstieg in den Straßenlauf.
Beim gestrigen New York City Marathon war die Hackordnung eine andere. Sheila Chepkirui nahm das Heft in die Hand, als ab Kilometer 25 eine leichte Bergab-Sektion folgte. Mit ihrer Initiative verkleinerte sie die Spitzengruppe auf ihre wesentlichen Kontrahentinnen um den Sieg. Sie blieb auch im Finale stets in Kontrolle und lief nach bemerkenswert flotten finalen Passagen in einer Zeit von 2:24:35 Stunden zu ihrem größten Erfolg bisher. Angesichts der Halbmarathon-Durchgangszeit von knapp unter 1:14 Stunden und der topografischen Herausforderungen der New Yorker Marathonstrecke insbesondere in der zweiten Hälfte ist das eine durchaus beachtliche Zeit.
Obiri verlor rund 800 Meter vor der Ziellinie den entscheidenden Kontakt und musste sich 14 Sekunden später mit Platz zwei zufrieden geben. Ausgerechnet in der Marathon-Schlussphase, eigentlich ihre große Stärke, zog sie wie schon in Paris den Kürzeren. Es ist ihr zweitbestes Abschneiden beim dritten Start in New York, wo sie nach ihrem Umzug von Kenia nach Colorado 2022 ihre Premiere in jener Disziplin, die nun ihren vollen Fokus verdient, gefeiert hat. Auch mit Platz zwei zog die Kenianerin ein positives Fazit sowohl vom Marathon-Tag am Big Apple als auch vom gesamten Marathon-Jahr, in dem sie aufgrund der Olympischen Spiele erstmals drei Marathonläufe bestritt.
Chepkiruis beste Resultate gegen Ende des letzten Jahrzehnts holte sie im 10km-Straßenlauf, besonders im Jänner 2020 in Valencia, als sie eine persönliche Bestzeit von 29:46 Minuten lief und wie schon ein halbes Jahr davor in Prag ein prestigeträchtiges Event gewann. Der Umstieg in den Halbmarathon war naheligend, gleich beim zweiten internationalen Rennen in Valencia gelang eine Zeit von 1:05:39 Stunden. Viermal ist die 33-Jährige noch schneller gelaufen, u.a. beim Sieg in Berlin 2022 und bei der Bestzeit von 1:04:36 Stunden beim RAK Halbmarathon 2022.
Das Marathon-Debüt in Valencia 2022 war ein Erfolg. Im Schatten der Äthiopierinnen Amane Beriso, die einen irren Streckenrekord lief, und Letesenbet Gidey, die ihr mit Spannung geladenes Marathon-Debüt gab, lief Chepkirui auf einen tollen dritten Platz – 2:17:29 Stunden, ein grandioses Debüt. Auch beim Berlin Marathon 2023, den sie beim irren Weltrekordlauf von Tigst Assefa als Zweite beendete, blieb sie unter 2:18 Stunden, beim London Marathon 2023 unter 2:19 Stunden.
Obiri switchte nach den Olympischen Spielen 2021, wo sie wie 2016 die Silbermedaille gewann und damit ihren Traum von Olympia-Gold auf der Bahn nicht realisieren konnte, wie geplant in den Straßenlauf. Auch sie lief gleich im ersten Halbmarathon-Jahr dreimal unter 1:05 Stunden. Das Marathon-Debüt 2022 in New York gelang mit Rang sechs nicht nach Wunsch, doch nach diesem Betriebsunfall geriet die Marathon-Karriere des Schützlings von Startrainer Dathan Ritzenhein zum Gedicht.
Obiri gewann den Boston Marathon 2023 und 2024 sowie den New York City Marathon 2023. Im Olympischen Marathon 2024 und beim New York City Marathon 2024 mischte sie ebenfalls in der Weltklasse mit. Doch nicht nur in diesem Punkt unterscheiden sich die Marathon-Karrieren der beiden kenianischen Rivalinnen von gestern, viel deutlicher bei den Laufzeiten. Obiri ist noch nie einen Marathon gelaufen, bei dem es um die Zeit geht. Daher gehört Obiri aufgrund ihrer großen Siege, nicht jedoch aufgrund ihrer Bestleistung von 2:21:38 Stunden zur Marathon-Weltklasse.
Geburtsdatum: 27. Dezember 1990
Nationalität: kenianisch
PB Marathon: 2:17:29 Stunden (Valencia 2022)
PB Halbmarathon: 1:04:36 Stunden (Ras Al Khaimah 2022)
PB 10km-Lauf: 29:46 Minuten (Valencia 2020)
Marathon-Ergebnisse:
Sieg beim New York City Marathon
Platz zwei beim Berlin Marathon 2023
Platz drei beim Valencia Marathon 2022
Platz vier beim London Marathon 2023
Platz sechs beim London Marathon 2024
Der New York City Marathon der Frauen – traditionell durch den früheren Start für die Eliteläuferinnen ein reines Frauenrennen und das wie immer ohne Tempomacherinnen – begann mit sportlichem Abtasten. Die Zwischenzeit bei Kilometer 10 war in knapp 33:30 Minuten erreicht, jene beim Halbmarathon in knapp unter 1:14 Stunden. Eine Zeit lang hielt auch Jennifer Simpson vorne mit. Die US-Amerikanerin, 2013 im 1.500m-Lauf Weltmeisterin und drei Jahre später auch Olympia-Medaillengewinnerin, hatte im Vorfeld angekündigt, ihr letztes Rennen unter leistungssportlichem Anspruch zu bestreiten. Wie der Umstieg in den Straßenlauf prinzipiell gelang Simpson ihr Abschiedsrennen mit Platz 18 und einer Zeit von 2:31:54 Stunden nicht. Nach dem Rennen äußerte sie sich in amerikanischen Medien jedoch euphorisch angesichts der Stimmung und der Unterstützung vom Seitenrand.
20 Läuferinnen lagen zu Rennhalbzeit noch an der Spitze, darunter alle großen Namen im Rennen. So auch die mittlerweile 41-Jährige Vivian Cheruiyot. Auch sie hat eine gemeinsame Geschichte mit Hellen Obiri als Rivalin. 2016 erfüllte sie sich mit Olympia-Gold vor Obiri ihren Karrieretraum als eine der stärksten 5.000m-Läuferin ihrer Ära. Ihr eigentlich erfolgreicher Einstieg in den Marathon (Sieg in Frankfurt 2017, Sieg in London 2018, Platz zwei in New York 2018 und in London 2019) wurde erst von der Pandemie, dann von der Familienplanung ausgebremst. Mit Platz drei beim diesjährigen Paris Marathon kehrte die Kenianerin mit einem starken Resultat zurück, auch Platz drei gestern in New York in einer Zeit von 2:25:21 Stunden ist für eine 41-jährige Läuferin eine beachtliche Leistung.
55.312 Teilnehmer*innen haben den New York City Marathon 2024 erfolgreich beendet, 55.448 waren an den Start gegangen. Damit holte sich die traditionell größte Marathon-Veranstaltung der Welt den Teilnahmerekord zurück, den sie zwischenzeitlich an den Paris Marathon und Berlin Marathon abgeben musste. Wie in den letzten Jahren auch war der Frauen-Anteil beim New York City Marathon beachtlich hoch: dieses Mal 44,4%.
Cheruiyot äußerte in einem Interview mit der kenianischen Tageszeitung „The Daily Star“ die Ambition, nach ihrem Comeback mindestens noch einmal das Niveau erreichen zu wollen, das die Kenianerin vor der Pandemie hatte – und das war beachtlich hoch. Als größte Herausforderung bei der Rückkehr nach der Geburt ihres zweiten Kindes bezeichnete sie die Gewichtsreduktion. Daher nahm sie sich viel Zeit im Training, bevor konkrete Wettkampfziele ins Auge gefasst wurden.
In einem weiteren Interview mit „The Daily Star“ sagte sie: „Ich bin stolz, Olympiasiegerin und Weltmeisterin zu sein. Aber ich bin auch stolz, Mutter von Allan und Ariel und Ehefrau zu sein.“ Cheruiyots Laufkarriere hat eine außergewöhnliche Laufdauer und geht bis ins alte Jahrtausend zurück. Im zarten Alter von 17 nahm sie bereits an den Olympischen Spielen von Sydney teil und erreichte das Finale übrer 5.000m.
Vor fünfeinhalb Jahren, als sie beim Halbmarathon zuletzt in New York lief, hatte ihr Ausflug aufgrund Unterkühlung im Krankenhaus geendet. Dieses Mal schnitt Cheruiyot besser ab als die viertplatzierte Eunice Chumba, Rekordhalterin des Bahrains und bei den Olympischen Spielen starke Zehnte, die siebtplatzierte Äthiopierin Senbere Teferie sowie die ehemalige New-York-Siegerin Sharon Lokedi, die nach Platz zwei in Boston knapp hinter Obiri einem starken Auftritt bei den Olympischen Spielen (vierter Platz) wieder knapp hinter Obiri dieses Mal mit dem neunten Platz gegenüber ihrem Leistungsstandard der letzten Jahre abfiel. Und auch als die zwei Jahre jüngere Tirunesh Dibaba, deren erster Marathon seit sechs Jahren mit zwei Schwangerschaften dazwischen nicht glückte.
Während etwa Hellen Obiri nach dem Rennen auf die kurze Vorbereitungszeit nach dem Olympischen Marathon von Paris hinwies, war dies für Fabienne Schlumpf kein Problem. Die Schweizerin, die in Paris den tollen 16. Platz erzielte, kündigte bereits im Vorfeld vorsichtig eine tolle Verfassung an und zeigte diese auch im Rennen, bei dem sie drei Viertel der Distanz an der Spitze mitlief. Mit einer Endzeit von 2:26:31 Stunden erreichte sie mit großem Abstand die schnellste Marathonzeit einer Schweizer Läuferin bei einem reinen Frauen-Marathon. „Ich habe heute alles erreicht, was ich mir vorgenommen habe. Ich bin fast überwältigt, es war ein fantastisches Rennen“, sagte die Schweizerin gegenüber dem Schweizer Fernsehen (SRF), das sie im Ziel interviewte.
Für die 33-Jährige, deren Coach Michi Rüegg zukünftiger Nationaltrainer im Schweizer Verband für den Bereich Laufen wird, war es die viertschnellste Marathonzeit ihrer Karriere, zeitgleich mit jener Leistung, die Schlumpf beim Vienna City Marathon 2021 wenige Wochen nach dem Olympischen Marathon von Sapporo erbrachte – eine Kuriosität in sich. Insgesamt war es die fünftschnellste Marathonzeit in der Geschichte des Schweizer Laufsports.
Dass Schlumpf den Kampf um Platz fünf gegen die beste US-Amerikanerin Sara Vaughn für sich entscheiden könnte, hat außerhalb des Rankings des Events auch potenzielle Auswirkungen auf die Weltmeisterschaften von Tokio, falls diese Athletinnen den dortigen Start in Betracht ziehen. Denn eine Top-Fünf-Platzierung bei einem Platinum-Marathonrennen ist gleich viel Wert wie die Erbringung des Direktlimits von 2:23:30 Stunden. Das ist eine Minute schneller als Schlumpfs Schweizer Rekord.
Vaughn, die beim Chicago Marathon vor drei Wochen ausgestiegen ist, freute sich dennoch sehr über Platz sechs und den bei US-Marathons wichtigen Status der besten US-amerikanischen Finisherin. Die aus Nebraska stammende 38-jährige, vierfache Mutter war lange Zeit im 1.500m-Lauf zu Hause und qualifizierte sich 2017 überraschend für die Weltmeisterschaften. Noch mehr Aufsehen brachte ihr das Marathon-Debüt 2021 in Sacramento, als sie in 2:26:53 Stunden zum Sieg lief. Ihre Bestzeit gelang ihr 2023 in Chicago in einer Zeit von 2:23:24 Stunden, Platz sechs in New York 2024 ist ihr bestes Major-Resultat.
Sara Vaughn ist in Phänomen in der Szene. Denn die 38-Jährige teilt das Lauftraining, welches in Richtung Professionalität schielt, nicht nur mit ihrer Rolle als Mutter (eines ihrer vier Kinder ist bereits fast erwachsen, Anm.), sondern auch mit ihrem Full-Time-Job in der Immobilienbranche.
Olympia-Teilnehmerin Dakotah Lindwurm kam trotz Ankündigungen einer guten Verfassung, nicht über Platz 17 hinaus. Lindwurms Auftritt bei den Olympischen Spielen blieb neben ihrer starken Leistung (Platz zwölf) aus zwei weiteren Gründen in Erinnerung. Erstens verlobte sie sich im Ziel und die Hochzeit fand bereits statt, weshalb Lindwurm in New York erstmals unter ihrem neuen Nachnamen Popehn antrat.
Zweitens erwähnte sie in Interviews nach dem Olympia-Marathon einen Jungen, der rund 400 Meter neben ihr herlief und sie dabei so lautstark anfeuerte, dass sie Inspiration aus dieser Begegnung zog. Auf einen Medienbericht von „Runner’s World“ hin, in dem Lindwurm sich wünschte, ihren jungen Fan zu treffen und sich mit einem High Five bei ihm zu bedanken, kam ein Kontakt zustande. Wie die US-Plattform schrieb, schickte die Marathonläuferin dem jungen Lauffan ihre Original-Startnummer von Paris mit Botschaft sowie ein paar Laufschuhe und Fotos.
Autor: Thomas Kofler
Bild: © Michael Discenza / Unsplash