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Der Zweikampf zwischen Faith Cherotich und Winfred Yavi im 3.000m-Hindernislauf der Frauen hat bereits die ganze Saison fasziniert. Er endete mit einer Wende: Nach dritten Plätzen bei den letzten Weltmeisterschaften und bei den Olympischen Spielen lag in Tokio erstmals die 21-jährige Kenianerin Faith Cherotich vorne – mit einem gewaltigen Meisterschaftsrekord von 8:51,59 Minuten. Titelverteidigerin und Olympiasiegerin Yavi musste sich in der Schlussphase geschlagen geben. Die Dritte aus dem Bunde der Medaillenaspirantinnen, Peruth Chemutai, musste in einem denkwürdigen und dramatischen Finale, das alle Facetten des Wettkampfsports brachte, nach einem Sturz aufgeben.
Der letzte Wassergraben musste die Entscheidung bringen – und er brachte sie. Sie fiel deutlich aus. Faith Cherotich überholte die bis dato führende Winfred Yavi mit einer technisch sauberen und dynamischen Überwindung des vorletzten Hindernisses mit der kühl-nassen Landung – bei 31°C Lufttemperatur in Tokio vielleicht auch wohltuend. Satte eineinhalb Sekunden schneller war die Kenianerin in diesem Teilstück im Innenradius der Kurve als ihre Kontrahentin um Gold. Es war eine Machtdemonstration, die auf den letzten 100 Meter noch deutlicher ausfiel. Auch wenn die gebürtige Kenianerin, die seit Jugendjahren für den Bahrain antritt, auf den letzten Metern auslief – fünf Sekunden groß wurde die Lücke zwischen Cherotich und Yavi.
Die Laufnation Kenia jubelt über den ersten Weltmeistertitel im 3.000m-Hindernislauf seit sechs Jahren, Männer und Frauen zusammen. Also in jener Disziplin, in der Kenia besonders dank der Männer eine traditionelle Vormachtstellung für sich beansprucht und die daher für die Laufszene in Kenia von hoher Bedeutung ist. Bereits im Vorfeld schrieben kenianische Medien über das Potenzial des Beginns einer neuen Ära mit Faith Cherotich. Die Junioren-Weltmeisterin von 2022 schaffte nahtlos den Übergang zu den Erwachsenen mit Bronzemedaillen bei ihren ersten beiden globalen Meisterschaften. 2023, als sie eine WM-Medaille gewann, ging Cherotich noch zur Schule.

Mit gezieltem Blick auf den Saisonhöhepunkt in der japanischen Hauptstadt gelang hin zur neuen Saison ein weiterer Sprung in der Entwicklung der mehrfach ausgezeichneten Nachwuchsläuferin: Sie gewann vier Diamond-League-Rennen, davon auch jene in Doha und in Oslo im ersten Saisondrittel jeweils im direkten Duell gegen Yavi. Beim PreClassic in Eugene stürmte sie zu einer neuen persönlichen Bestleistung von 8:48,71 Minuten, musste dort aber Yavi den Vorzug geben. Es blieb die einzige Niederlage im Wettkampfjahr 2025.
Diese Leistung brachte sie aber auf Rang vier der ewigen Weltbestenliste hinter Landsfrau Beatrice Chepkoech, Yavi und Peruth Chemutai. Darauf folgte die selbstbewusste Ankündigung in kenianischen Medien: In Tokio zähle nur Gold. Der Triumph folgte wie erträumt, im Rahmen einer Sternstunde. Mit einer Zeit von 8:51,59 Minuten unterbot die 21-Jährige den Meisterschaftsrekord von Norah Jeruto um eineinhalb Sekunden. Bemerkenswert angesichts der Wetterbedingungen.
„Ich bin so überglücklich, die Goldmedaille ist ein enormer Erfolg. Winfred und ich sind beide unheimlich stark, ich habe an meinen Kick geglaubt und habe mir eingeredet: ,Jetzt kommt mein Moment!’“, strahlte die Siegerin nach dem Rennen. Yavi, die von einer perfekten WM-Vorbereitung sprach, zeigte sich mit Silber zufrieden, auch wenn ihr Ziel die Verteidigung des WM-Titels war. „Ich habe mich stark gefühlt und habe alles gegeben, aber ich konnte den Speed auf den letzten 200 Metern nicht halten.“ Sie hoffe, in zwei Jahren die nächste Chance auf ihr erstes WM-Gold zu bekommen.

Peruth Chemutai kehrte in jene Arena zurück, in der sie ihre Sternstunde erlebte. 2021 stürmte sie, damals völlig überraschend, zur Olympischen Goldmedaille. Seither gehört die Läuferin aus Uganda der Weltklasse an, Olympia-Silber in Paris als Beleg. Dementsprechend topmotiviert startete die 26-Jährige in das WM-Finale von Tokio und setzte sich gleich an die Spitze. Sofort schlug sie ein hohes Tempo an, das ist „business as usual“ in dieser Disziplin. 2:55,20 Minuten für den ersten Kilometer, ein rasanter Beginn. Nach 1.800 Metern verlor Chemutai die Führung, weil sie beim Überspringen eines Hindernisses mit dem Schuh hängen blieb und nur mit Mühe ihren Körper ausbalancieren konnte, um einen Sturz zu verhindern. Nur zwei Hindernisse später ging es schief: Chemutai stürzte und musste das Rennen beenden.
Der fortgeschrittene Erschöpfungsgrad angesichts des enormen Tempos mag ein Mitgrund für diesen Zwischenfall gewesen sein. Wahrscheinlicher ein Faktor dafür war er bei einem weiteren entscheidenden Sturz. Im Kampf um die Bronzemedaille konnte Norah Jeruto, Weltmeisterin von 2022, die Landung beim letzten Wassergraben nicht stehen und kam zu Fall. Die hinter ihr landende Doris Lemngole konnte in der langen Sprungphase nicht mehr reagieren und stolperte bei der Landung leicht über Jeruto hinweg.
Davon profitierten Sembo Almayev und Marwa Bouzayani. Die 20-jährige Äthiopierin nutzte die Gelegenheit, überholte das Duo und stürmte zur Bronzemedaille in einer persönlichen Bestzeit von 8:58,86 Minuten. „Meine Beine brennen wie Feuer, es war ein hartes Rennen. Ich wollte mich nach Platz fünf bei den Olympischen Spielen unbedingt verbessern, die Veränderungen im Training haben gefruchtet und ich war im gesamten Sommer in Topform“, so Almayew. Es ist der bereits zweite Lauf unter neun Minuten der talentierten Nachwuchsathletin, die nun schon fünf der schnellsten sieben Zeiten in der äthiopischen Hindernislauf-Geschichte hält.

Es ist die dritte Medaille für Äthiopien in dieser Disziplin, die erst seit 2005 im Programm ist, nach Werkuha Getachew und Mekides Abebe als Zweite und Dritte vor drei Jahren. Bouzayani gewann durch den Zwischenfall ebenfalls zwei Positionen, ihr neuer Landesrekord von 9:01,46 Minuten führte sie auf einen hervorragenden vierten Platz. „Ich bin im siebten Himmel. Mein Landesrekord ist ein Wunder, es ist definitiv zu heiß und die Luft zu feucht da draußen“, jubelte die 28-Jährige. Sie erreichte die beste Platzierung für das nordafrikanische Land in dieser Disziplin bei Weltmeisterschaften seit der Silbermedaille von Habiba Ghribi 2015 in Peking, die vier Jahre zuvor Weltmeisterin und drei Jahre zuvor Olympiasiegerin war.
Aufgrund der Renngestaltung, die Siegerin Cherotich in Interviews aberwitzigerweise als „langsam“ bezeichnete, teilte sich das Feld rasch in die Gruppe sechs Afrikanerinnen vorne und den neun restlichen Finalistinnen in der Verfolgergruppe. Als deren Beste erreichte Gesa Krause das Ziel als Siebte in einer Zeit von 9:14,27 Minuten. Für die zweifache Medaillengewinnerin war das ein bemerkenswertes Resultat nach nicht einfachen Jahren. Vor den Olympischen Spielen von Paris pausierte sie just in einer Phase, in dem eine enorme Entwicklung in der Disziplin stattfand, wegen ihrer Mutterschaft. In diesem Jahr warf sie eine Rippenverletzung nach einem Sturz wochenlang zurück.
Als zweite Deutsche im Feld lief Lea Meyer als Zwölfte ins Ziel. Hinter ihr folgte Flavie Renouard als einzige französische Finalistin, nachdem Europameisterin Alice Finot aufgrund einer Unterschenkelverletzung nicht rechtzeitig in die Form für die WM gekommen ist.
Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Mattia Ozbot for World Athletics