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Weltrekordhalter Josh Kerr meisterte die Herausforderung Meisterschaftsrennen bei den Commonwealth Games im Scotstoun Stadium von Glasgow mit Stil und dominierte das Schlussdrittel des Rennens nach Belieben – angesichts der Konkurrenz eine spektakuläre Gala. Die Goldmedaille vor heimischem Publikum war ein emotionaler Sieg – ein Highlight seiner Karriere. Bei den Frauen gab es einen australischen Dreifachsieg – als Höhepunkt der australischen Dominanz in den Laufdistanzen.
Es kommt vor, dass Finalläufe bei den Commonwealth Games die internationalen Sportfans nicht von den Sitzen reißen. In Wahrheit lassen sich Lauf-Wettkämpfe der beteiligten Nationen bis auf wenige Ausnahmen auf den Schlagabtausch englischer, schottischer, australischer, kanadischer und kenianischer Athletinnen und Athleten reduzieren – und oft nicht die erste Garde. Aber beim Meilenrennen der Männer in Glasgow war dies definitiv anders: Josh Kerr bei seinem ersten Wettkampf nach seinem Weltrekordlauf in London (siehe RunUp.eu-Bericht) in der Favoritenrolle, sein schottischer Landsmann Jake Wightman drei Wochen nach einem starken 1.000m-Lauf in Monaco und Australiens Star der Zukunft Cameron Myers in der Herausfordererrolle. Der ehemalige 1.500m-Läufer Timothy Cheruiyot und Titelverteidiger Ollie Hoare aus Australien galten angesichts dieses Line-Ups bestenfalls als Außenseiter auf die Medaillen.
Die spannende Frage nach der taktischen Variante des jungen Australiers gegen seine endschnellen schottischen Gegner beantwortete sich in einem vom Belauern und nicht von höchstem Tempo geprägten Rennen. Es entwickelte sich in gemütlicher Gangart, 800m-Durchgangszeit über zwei Minuten. Myers lief nicht aggressiv – und verzichtete damit auf eine risikohafte Renngestaltung, die ihm aber realistischerweise die einzige Möglichkeit auf Gold gegeben hätte.
Timothy Cheruiyot übernahm das Ruder nach 1.000 Meter und beschleunigte, das Rennen war nun maßgeschneidert für Kerr in seiner Topform. Ausgangs der letzten Runde brachten sich die beiden Schotten in Position, Kerr übernahm die Führung und stürmte mit einer unnachahmlichen Schlussrunde (52,2 Sekunden laut „Let’sRun.com“) zur Goldmedaille. Dominant in 3:54,12 Minuten. „Ich habe versucht, ruhig innen zu laufen und dann die Entscheidungen im richtigen Moment zu treffen. Das langsame Tempo erforderte Geduld. Ich wusste über die Endschnelligkeit von Jake Bescheid und daher wollte ich ihm vorab keine Chance geben“, erzählte Kerr. Das Publikum habe ihm eine Menge Energie für die Schlussrunde gegeben. „Aber: Das ist keine Raketenwissenschaft, ich arbeite jeden Tag hart genau für solche Situationen.“
Kerrs großer Abstand begründete sich auch darin, dass Wightman einen schlechten Tag erwischte. Der Weltmeister von 2022 im 1.500m-Lauf versuchte seinem Landsmann zu folgen, eingangs der Zielgerade ging ihm das Gas aus und der 32-jährige Routinier fiel auf Rang sechs zurück.
Auch Myers schien in Schwierigkeiten, bei der Verfolgungsjagd der Schotten fand der junge Australier keine gute Position und steckte sprichwörtlich im Verkehr fest. Immerhin konnte er sich vor dem Endspurt noch aus seiner Situation lösen und mit einem guten Finale in einer Zeit von 3:55,26 Minuten die Silbermedaille sichern. Am Ende überwog beim jungen Australier die Enttäuschung, das Rennen nicht besser gestaltet zu haben.
Bronze ging an Timothy Cheruiyot in 3:55,41 Minuten, bereits seine dritte Medaille bei Commonwealth Games in dieser Disziplin. Jake Heyward, der für Wales antrat, musste um 0,13 Sekunden durch die Finger schauen, Titelverteidiger Hoare belegte Platz fünf. Für Heyward wäre Edelmetall nach sehr schwierigen Jahren aufgrund gesundheitlicher Probleme ein toller Erfolg gewesen.
Kerr genoss die Augenblicke nach seinem Sieg sichtlich gemeinsam mit den Fans. Der Bezug zu seiner Heimat ist dem aus Edinburgh stammenden und in den USA lebenden Athlet bekannt wichtig. „Hier sind meine Wurzeln, mein Blut ist schottisch“, sagte er gegenüber der BBC. Fast martialisch hatte er in „Athletics Weekly“ einen Krieg angekündigt: „Das ist unser Publikum, unsere Bahn, da, wo wir alles gelernt haben. Alle anderen wollen uns wegnehmen, was uns gehört. Wir werden es ihnen so schwer wie möglich machen.
Er sei stolz auf diesen Moment und werde sich sein ganzes Leben an diesen Erfolg erinnern: „Es sind diese Momente, die so an einem vorbeifliegen, wenn man sie nicht bewusst festhält. Ich wusste, ich musste voll attackieren um diesen Sieg in meinem Stadion zu sichern.“ Der 28-Jährige räumte damit auch mit seiner Vergangenheit auf: 2022 wurde er in Birmingham im Finale Letzter.
Erstmals seit 60 Jahren trugen die Commonwealth Games Meilenrennen anstatt der Olympischen Distanz von 1.500m aus – auch als Hommage an „The Miracle Mile“ bei den Commonwealth Games 1954 in Vancouver mit dem legendären Duell zwischen Roger Bannister aus England und John Landy aus Australien. Ob Kerr in dieser Saison weitere Wettkämpfe läuft, ist noch offen. Bereits gesichert ist, dass der Schotte die EM in Birmingham, im englischen Teil des Vereinigten Königreichs, auslässt.
Negative Begleiterscheinung: Da die Commonwealth Games die TV-Rechte auf dem britischen Markt nicht verkaufen konnten, hatte der Großteil der Leichtathletik-Fans in Großbritannien keine Möglichkeit, die Rennen in Glasgow kostenlos zu verfolgen. So erreichten die Streamingplattformen laut Medienberichten nur rund 200.000 Zuschauer:innen, 2022 hatten zum Vergleich sechs Millionen Menschen (also 30x so viele) den Triumph der Schottin Eilish McColgan im 10.000m-Lauf in Birmingham in der BBC verfolgt.
Knapp eine Stunde nach dem Männerrennen fand am Samstagabend mit dem Meilenrennen der Frauen der letzte Höhepunkt der diesjährigen Commonwealth Games auf dem Programm – es war das erste Meilenrennen der Frauen bei diesen Meisterschaften überhaupt. Auch dieser Endlauf war nicht von hohem Tempo geprägt, erst spät übernahm Lucia Stafford aus Kanada die Tempogestaltung.
Das Rennen wurde allerdings zum Triumph der Australierinnen: Abbey Caldwell übertrumpfte die favorisierte Jessica Hull in einer Zeit von 4:39,31 Minuten. Die australische Meisterin Claudia Hollingsworth hatte den entscheidenden Moment in der Renngestaltung verpasst und lag 300 Meter vor dem Ziel nur auf Position neun. Sie rettete Bronze in 4:40,20 Minuten vor Stafford, danach gab es eine große australische Party in der Arena.
Überhaupt bestimmten die australischen Läuferinnen die Tage in Glasgow – und alle Wettkämpfe, mit 70 Gold-, 45 Silber- und 56 Bronzemedaillen dominierte Australien sportübergreifend die Commonwealth Games vor England und Kanada. Auch in der Leichtathletik grüßte Australien im Medaillenspiegel vom „Platz an der Sonne“, vor Jamaika und Kenia.
Rose Davies sicherte sich drei Tage nach ihrem Sieg im 10.000m-Lauf auch jenen im 5.000m-Lauf und schrieb damit Commonwealth-Games-Geschichte: Dieses Doppel gab es bei den Frauen davor noch nie. Auf der kürzeren Distanz hatte die 26-Jährige in einem flotten Finale durchaus starke Konkurrenz: In 14:44,53 Minuten setzte sie sich vor ihrer Landsfrau Jessica Hull und der Schottin Megan Keith durch.
Bei den Männern verpasste Ky Robinson nur knapp das Doppel: Nach seinem Erfolg im 10.000m-Lauf über Gulveer Singh aus Indien liefen die beiden auch im 5.000m-Lauf in derselben Reihenfolge aufs Stockerl. Schneller als das Duo war aber Mathew Kipsang aus Kenia, der in einer Zeit von 13:23,61 Minuten Gold gewann und damit Kenia nach zwölf Jahren zurück auf den Thron brachte. Über die doppelte Distanz dagegen verfehlte die ostafrikanische Laufhochburg bei strömendem Regen erstmals seit 40 Jahren eine Medaille.
Einen wichtigen Prestigeerfolg für Kenia sicherten die Hindernisläufer Edmund Serem, amtierender Junioren-Weltmeister, Simon Koech und Leonard Bett mit einem Dreifachsieg über den viertplatzierten amtierenden Weltmeister Geordie Beamish aus Neuseeland.
Auch bei den Frauen gelang ein kenianischer Erfolg in einem Weltklasseduell: Denn mit Faith Cherotich aus Kenia und Peruth Chemutai aus Uganda waren zwei der drei besten Hindernisläuferinnen der Welt am Start. Cherotich lief in einer Zeit von 9:01,76 Minuten bei windigen Bedingungen zu einem neuen Meisterschaftsrekord, Chemutai, Olympiasiegerin von 2021, konnte auf dem Schlusskilometer nicht mehr folgen und musste in einer Zeit von 9:09,96 Minuten mit der Bronzemedaille Vorlieb nehmen. Sie wurde überrascht von der Engländerin Elise Thorner, die mit einer persönlichen Bestleistung von 9:05,45 Minuten glänzte und sich mit dieser Silbermedaille in die Favoritenposition für die Europameisterschaften im heimischen Birmingham schob.
Eine klare Niederlage erlitt Kenia in den 800m-Läufen: Weltmeisterin Lilian Odira musste sich bei den Frauen hinter Georgia Hunter Bell, in Tokio Silbermedaillengewinnerin, einordnen, nachdem sie auf die frühe Attacke ihrer Kontrahentin nicht rechtzeitig reagieren konnte. Die Engländerin siegte in 1:59,51 Minuten mit dem beachtlichen Vorsprung von über einer Sekunde auf die Kenianerin und feierte ihren ersten großen Meisterschaftserfolg ihrer Karriere auf internationalem Parkett.
Es ist die erste nicht-afrikanische Goldmedaille bei Commonwealth Games im laufenden Jahrhundert in dieser Disziplin. Bereits nach 200 Metern hatte sie die Führung übernommen und bis zum Ziel nicht wieder abgegeben. „Ich bin wirklich glücklich, das war ein perfekter Wettkampf mit viel Energie in den Beinen“, sagte die 32-Jährige nach dem Rennen. Sarah Billings aus Australien gewann einen Wimpernschlag hinter der Weltmeisterin die Bronzemedaille in einem sehr stark besetzten Feld.
Die Sensation der Laufbewerbe lieferte der 800m-Lauf der Männer mit der ersten Goldmedaille in dieser Disziplin in der langen Geschichte der Commonwealth Games für Jamaika. Navasky Anderson gewann den Endspurt in 1:45,33 Minuten vor dem jungen Australier Luke Boys. Der Kenianer Wyclife Kinyamal, als Sieger 2018 und 2022 der Favorit und mit Hoffnungen auf den historischen Hattrick, musste sich mit der Bronzemedaille zufrieden geben. Der ehemalige WM-Medaillengewinner Ben Pattison aus England (Vierter) und Australiens Nummer eins, Peter Bol (Siebter), gingen gänzlich leer aus.
Alle vier Jahre treffen sich Sportler*innen aus jenen Ländern, die ehemals zum britischen Commonwealth gehörten, zu einem Sportfest, welches an Olympische Spiele erinnert. Die Premiere fand 1930, damals unter dem Titel British Empire Games, statt. Spannend ist die verwobene, parallele Austragung mit Paralympischen Bewerben.
Mit gerade einmal 18 Monaten Vorlaufzeit organisierte die schottische Großstadt, bereits 2014 Austragungsort der Commonwealth Games, stimmungsvolle Spiele. Glasgow war kurzfristig für den australischen Bundesstaat Victoria mit Melbourne als Hauptort eingesprungen, nachdem die dortige Bundesregierung aus finanziellen Gründen die Commonwealth Games zurückgab.
In der Kurzfristigkeit wurde das Programm gekürzt, so dass so wenige Athlet*innen an Commonwealth Games wie seit 32 Jahren nicht mehr teilnahmen: sportübergreifend rund 2.700 aus 74 Nationen. U.a. fanden auch keine Marathonläufe statt. Die Commonwealth Games stecken spätestens seit der Rückgabe der Austragung in Australien aufgrund der hohen Kosten in der Krise. Die designierte Gastgebernation Kanada bewarb sich für 2030 aus denselben Gründen erst gar nicht – obwohl der Commonwealth gerne sein 100-jähriges Bestehen in jenem Land gefeiert hätte, wo alles begonnen hat: in Hamilton in Kanada.
Autor: Thomas Kofler
Bild: © Pexels / Pixabay