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Das Marathon-Comeback von Paula Radcliffe

Zehn Jahre nach ihrem letzten Marathon ist Paula Radcliffe in jene Sportart zurückgekehrt, die sie groß gemacht hat. Der Antrieb ist, ein Signal für Gesundheit zu setzen.
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Paula Radcliffe war eine der Größten im Marathonlauf. Ist eine der Größten. 16 Jahre lang besaß sie den Weltrekord in einer Zeit von 2:15:25 Stunden. 2005 wurde sie in Helsinki Weltmeisterin im Marathon und stellte einen WM-Rekord auf, der 17 Jahre hielt. Drei Jahre zuvor hatte sie in München den 10.000m-Lauf bei den Europameisterschaften auf unvergleichliche Art und Weise dominiert. Zweimal war sie Weltmeisterin im Crosslauf, dreimal im Halbmarathon. Nun ist die 51-Jährige zurück als Aktive, unter ganz anderen Vorzeichen als damals als Spitzensportlerin.

Im Jahr 2020 plagte sich die ganze Welt mit den Gesundheitsrisiken der Pandemie. Paula Radcliffe hatte damals, abseits der Öffentlichkeit, drastische Sorgen als zusätzliche persönliche Herausforderungen zu bewältigen. Ihr Vater verstarb und ihrer damals 13-jährigen Tochter Isla wurde Eierstockkrebs diagnostiziert, eine seltene Variante. „Als Mutter willst du immer alles für deine Kinder geben können. Aber das war nicht mehr möglich. Für mich war das das Schlimmste, einfach nur dabei zu sein, ohne aktiv helfen zu können“, sagte Radcliffe wenig später gegenüber dem „Move Cancer Charity Podcast“. Mit ihrer eigenen Erfahrung aus der Sportpsychologie versuchte sie positiv auf ihre Tochter einzuwirken.

Der große Marathon-Moment in London

Heute ist Isla 17 Jahre alt und gilt als geheilt. Unzählige schmerzliche Momente, körperlicher und psychologischer Natur, eine zermürbende Behandlung mit Chemotherapie. Sie sei inspiriert von ihrer Stärke, sagt Paula heute voller Stolz. Isla bereitet sich auf den London Marathon vor und will ihn am 27. April bestreiten. Mit ihrem Marathonlauf will die Genesene Spenden für ein Charity-Projekt von Cancer UK zugunsten an Krebs erkrankter Kinder sammeln.

Sie selbst kennt die Organisation bestens, die ihr in dunklen Zeiten Unterstützung bot. Ihre Mutter kommentiert den Event live in der BBC – und damit irgendwie auch diesen hochemotionalen Moment. Doch auch sie ist auf die Marathon-Bühne zurückgekommen, um die Botschaft ihrer Tochter zu verstärken.

Erster Marathon nach zehn Jahren

Nicht einmal, sondern gleich zweimal: beim Tokio Marathon Anfang März und beim Boston Marathon am Ostermontag. Es sind die beiden World Marathon Majors des ursprünglichen Sechserclubs, die Radcliffe noch nie gelaufen ist. Die ihr also zur Six-Star-Finisher-Medaille fehlen.

In der japanischen Metropole fand der Auftritt der ehemaligen Weltrekordhalterin großen Anklang. Sie schaffte mit einer Zeit von 2:57:26 Stunden souverän ein sub-3-Finish, aber es gelang ihr nicht alles. „Ich wünschte, ich wäre ein bisschen gemütlicher losgelaufen. Die letzten zehn Kilometern waren richtig hart“, sagte sie und bekannte, dass sie nach dem Marathon kaum mehr gehen konnte – so sehr spürte sie die muskuläre Beanspruchung.

Die Olympia-Medaille fehlt

Über zwei Jahrzehnte lang dauerte die großartige Karriere von Paula Radcliffe. Sie war BBC Sports Personality of the Year 2022 und wurde mit dem „Order of the British Empire“ ausgezeichnet, im Jahr darauf wurde sie von der „La Gazzetta dello Sport“ zur Weltsportlerin gewählt. Zweimal verbesserte sie den Marathon-Weltrekord, nach dem London Marathon 2005 hielt sie zwölf Jahre lang die drei schnellsten Marathonzeiten.

Und trotzdem war es nicht die perfekte Karriere. Sie blieb unvollendet, weil der Erfolg bei den Olympischen Spielen ausblieb. 1996 (5.000m) und 2000 (10000m) verpasste sie Edelmetall jeweils knapp. 2004 in Athen musste sie im Marathon kurz vor dem Ziel mit Magenproblemen aufgeben. 2007 kehrte sie aus einer zweijährigen Babypause zurück und siegte beim New York City Marathon. Die Frühjahrssaison verpasste sie allerdings krankheitsbedingt und war bei den Spielen in Peking nicht in Topform, eine Spitzenposition war nach Problemen mit der Wade außer Reichweite. Nach der Geburt ihres Sohnes wollte sie noch einmal zu den Olympischen Spielen 2012 in London, musste aber verletzungsbedingt ihre Teilnahme absagen.

Weil der krönende Abschluss ihrer Karriere unter den Olympischen Ringen auf heimischem Boden nicht gelang, bleibt der Halbmarathon-Sieg beim VCM 2012 ihr letzter Antritt unter spitzensportlichem Anspruch. 1:12.03 Stunden, damals lief sie Haile Gebrselassie, dem Topstar in der männlichen Laufszene, vergeblich davon – zu stark war der Äthiopier an diesem Tag, zu erschöpft sie selbst nach einer Bronchitis im Vorfeld. 2015 lief sie noch einmal den London Marathon in respektablen 2:36:55 Stunden, chronische Beschwerden im Fuß ließen sie aber Abstand von Laufevents zu nehmen.

Zweite Karriere als TV-Expertin

Die britische Lauflegende entfernte sich nie vom Spitzensport und arbeitet seit Jahren als TV-Expertin bei der BBC. Sie stellte sich als Testimonial für Laufevents im In- und Ausland zur Verfügung, inspirierte Kinder für die Leichtathletik und stärkte mit ihrer Vorbildrolle den Breitensport. Mit dem Laufen hörte sie auch nie auf. Eine Stunde pro Tag lief sie, hautsächlich mit dem Ziel des psychischen Wohlbefindens.

Die Priorität ihres Alltags schenkte sie in den letzten Jahren der Familie. 2024 nahm sie an der Laufveranstaltung, die den Olympischen Marathon begleitete, teil und lief gemeinsam mit Tausenden Läufer*innen aus aller Welt einen 10km-Lauf. In ihrem Podcast, den sie gemeinsam mit Chris Thompson, der mittlerweile ebenfalls zurückgetreten ist, schwärmte sie über die Erfahrungen beim „Marathon Pour Tous“ und nahm Motivation mit, wieder auf die Marathonstrecke zurückzukehren.

Radcliffe ist seit 25 Jahren mit dem britischen Trainer Gary Lough verheiratet. Sie blieb aufgrund ihres unkonventionellen Laufstils in Erinnerung. Nach der Karriere schloss sie ein Studium der Europawissenschaften an der renommierten Loughborough University ab. Sie spricht fließend deutsch und französisch.

Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Tokyo Marathon Foundation

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