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Daten vom Handgelenk: Motivierend oder hemmend?

Mit der permanenten Erfassung von Messwerten wollen Sportwearables ihren Beitrag dazu liefern, dass Menschen mit ihrem Bewegungsverhalten auch ihre emotionale Gesundheit verbessern.
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Regelmäßiges Laufen hält gesund, sowohl den Körper als auch den Geist. So weit, so gut, so bekannt. Am Markt sind zahlreiche Produkte verschiedener Unternehmen verfügbar, die mit digitalen Lösungen und innovativen Wearables Daten sammeln und ihren Usern zur Analyse aufbereiten – sowohl zu Aktivitätsumfängen als auch zu Ruhephasen. Die Erkenntnisse daraus mögen im Idealfall motivierend wirken und einen Beitrag zum Bewusstsein liefern, das optimiertes Gesundheitsverhalten fördert. Doch wenn Daten aus ihrer unterstützenden Rolle der Informationsbereitstellung herauswachsen, könnte ihre Strahlkraft diesen intendierten Ansporn verlassen.

Sleepscore 87/100, Aktivitätslevel 165%, Auswertung der morgendlichen Trainingseinheit: sehr gut! Es läuft. Und es ist noch Potenzial für Verbesserung in Reichweite. Abertausende Läufer:innen beschäftigen sich regelmäßig mit solchen Gedankengängen, wenn sie Daten ihrer Fitnesswearables ablesen, analysieren, vergleichen – und oft in sozialen Netzwerken teilen. Im Idealfall beflügeln diese Gedanken, lassen euphorisch in den Tag starten und an dessen Ende zufrieden in den Schlaf gleiten.

Dank moderner Digitallösungen ist heutzutage bald jede:r sein eigener Personal Coach. Jede:r hat ein Werkzeug in der Hand, das dank Informationen und Auswertungen das Potenzial der Selbstoptimierung aufzeigt. Und wenn mit der eigenen (körperlichen) Gesundheit etwas nicht in bester Ordnung ist, gibt die Technologie Warnsignale. Noch ist die Validität für medizinische Diagnosen ein freilich Zukunftsszenario.

Selfcare vom Handgelenk

Wearables locken mit dem Angebot, sich ein Stück weit um uns zu kümmern. Sie erinnern uns, wenn Sitzzeiten zu lang sind, markieren bewegungsarme Tage und schlafarme Nächte mit einem roten Farbton, sie vibrieren anerkennend, wenn das Äquivalent des Bewegungsradius’ von 10.000 Schritten absolviert ist. Die Hersteller beteuern, sie meinen es gut – Stichwort mentales Wohlbefinden. Als Grundlage für ein Leben in positiver Stimmung, aber andererseits auch als Basis für optimale sportliche Leistungsfähigkeit.

Der Ansatz passt nicht nur zum Zeitgeist einer digitalen Welt, er funktioniert auch: Laut einer Meta-Analyse eines Forscher*innenteams aus Adelaide, veröffentlicht 2020 im Magazin „JMIR Health Health“, ist kurzzeitige Verbesserung des physischen Bewegungslevels aufgrund der motivierenden Wirkung von Wearables flächendeckend beobachtbar, weil sie förderliche Gewohnheiten ankurbeln. Das ist positiv, der direkte Zusammenhang zwischen physischer Aktivität und Mental Health ist nämlich erwiesen. In der langfristigen Beobachtung bemerkten die Wissenschaftler:innen aber divergierende Ergebnisse.

Eine 2021 auf der Plattform „International Journal of Medical Informatics“ veröffentlichte Analyse erkennt das Potenzial, dass Wearables unterstützend die psychische Belastung senken können, in der Praxis – indirekt über bessere Selbstwahrnehmung und gesundheitsförderndem Verhalten wie gesteigerte körperliche Aktivität etwa.

Der Chef bin ich

Doch das menschliche Gehirn ist so kompositioniert, dass die Wunschwirkung nicht die einzige plausible Folge ist. Warnsignale, Vibrationen und Datenanalysen können auch schocken und Druck ausüben. Das Gefühl, Ziele nicht erreicht zu haben, einem Standard nicht zu genügen oder in Vergleichen in sozialen Communitys nicht wie gewünscht abzuschneiden kann sich dabei in unnötigem Stress oder Frust ausbreiten. Im schlimmsten Fall kann das in einen Strudel negativer Gedanken leiten.

Fakt ist: Wearables müssen nicht zufriedengestellt werden. Es sind wir, die wir uns mit unserem Bewegungsverhalten langfristig zufriedenstellen müssen. Gerade Menschen mit instabiler emotionaler Gesundheit oder simplen kontextuellen Wissenslücken sind freilich anfälliger für unbewusste Fehlinterpretationen, etwa im Sinne davon, dass singulären Daten oder Ereignissen eine zu hohe oder schlichtweg falsche Bedeutung zugewiesen wird. Die Folge sind Verstärkung von gesundheitlichem Fehlverhalten, wie etwa Übertraining, Essstörungen oder Einschlafprobleme. Es ist eine Frage der Kontrolle. Und die muss bei uns bleiben. Idealerweise bei unserer Vernunft, die einen richtigen und gesunden Umgang mit den erhobenen Daten erreicht.

Ein ganzheitliches Bild

RunUp-Redakteur Florian ist jung, ambitioniert und schenkt dem Sport in seiner Freizeitgestaltung einen hohen Stellenwert. Auf Daten vom Handgelenk für einen besseren Überblick hat er bisher verzichtet. Mit neutraler Jungfräulichkeit startete er vor einigen Wochen ein Experiment mit einem Polar Loop am linken Handgelenk, das der Redaktion vom finnischen Unternehmen freundlicherweise für den RunUp.eu-Test zur Verfügung gestellt wurde.

Auf Anhieb verbreitete die 24/7 Datenerfassung ein gutes Gefühl in ihm und dennoch verfiel er der Datensucht nicht. Denn bei diesem smarten Aktivitätstracker gibt es keine Displayanzeige, die Daten werden in einer App aufbereitet. „Ich habe recht bald aufgehört, ständig die Analysen aus Schlaf und Aktivität zu kontrollieren. Aber es ist ein gutes Gefühl, sich die statistische Erfassung über einen längeren Zeitraum jederzeit anschauen zu können“, erzählt er. Er sieht es als Tool zur besseren Selbstkontrolle: „Dadurch bekomme ich ein ganzheitliches Bild über meinen Gesundheitszustand.“ Auf ihn wirkte die Erfassung der Messwerte motivierend, einen höheren Wert auf Schlafqualität zu legen. Er spürte außerdem den sanften Ansporn, regelmäßiges Training aufrecht zu erhalten.

Gute Nacht

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) deklariert sportliche Bewegung als wichtiges Standbein für ein gesundes Leben. Es gibt neuerdings auch eine Befürwortung, dieses Ziel mithilfe von technologischen Wearables anzuvisieren, den Motivationsfaktor beachtend. Eine weitere zentrale Gesundheitskomponente ist der Schlaf, viele Hersteller von Wearables legen hohen Wert auf eine gute Schlafanalyse.

Der Zusammenhang ist evident: Fehlt Schlaf in entsprechender Qualität und Länge, steigen gesundheitliche Risiken ähnlich wie bei Bewegungsarmut. Außerdem hat der Schlaf für sportliche Menschen zusätzliche Bedeutung bei der Erholung. Diese stundenlange, im 24-Stunden-Rhythmus wiederkehrende Regenerationsphase macht den Körper bereit für die nächste sportliche Einheit. Muskeln und Zellen regenerieren sich, das Immunsystem gewinnt an Stärke zurück, das Herz-Kreislauf-System fährt seine Anstrengung herunter.

RunUp.eu-Lesetipp:
Guter Schlaf essentieller Baustein für Läufer:innen

Faktoren, die zusammenhängen

Fitnesswearables versprechen über die Permanentanalysen Besserung durch Optimierung der Angewohnheiten für mehr Wohlbefinden. Gelingen sollen diese Schritte damit, dass die Analysen Muster und Zusammenhänge zwischen verschiedenen Faktoren erkennen lassen und das Bewusstsein des Users schärfen, mit welchen Maßnahmen eine Verbesserung möglich wäre oder welches Fehlverhalten gegebenenfalls als negativer Einflussfaktor ausgeschlossen werden muss.

Das kann durchaus Druck aus automatisiert erzeugten Erwartungshaltungen kreieren. Zum Beispiel: Je besser der Schlaf, desto besser und schneller die Trainingseinheiten. Die in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Brian Science“ veröffentlichte Ergebnisse einer Umfrage von fast 1.000 Teilnehmer:innen am London Marathon 2016 deuten die potenzielle Gefahr an, dass sich Läufer:innen aufgrund schlechter Schlafanalysen Druck aufbauen, der wiederum Schlafprobleme fördert. Ein Loose-Loose-Prozess. Eine weitere geäußerte Befürchtung: Unpräzise Daten zur Schlafquantität und Schlafqualität könnten Marathonläufer:innen mit einem negativen Einfluss irreführen.

Informationen, die leiten

Dieses Beispiel, wenngleich in der schnelllebigen Welt technologischer Innovationen ein alter Befund, ist ein plakativ gutes dafür, dass eine gesunde Beziehung zwischen Technologie und menschlicher Weiterverarbeitung in der alltäglichen Anwendung der Erkenntnisse von hoher Wichtigkeit ist. Essentiell ist das Bewusstsein, dass die Präzision der Daten von Sportuhren durch die Messung am Handgelenk nicht allerhöchste Präzision aufweisen können. Um beim Beispiel Schlaf zu bleiben: Daten aus Schlafanalysen in medizinischen Laboren haben eine höhere Verlässlichkeit. Dennoch geben Wearables mit ihren Erhebungen in der Langzeitbeobachtung einen sehr guten Überblick und ermöglichen Lerneffekte über sich selbst.

Es liegt an uns, was wir mit der Datenanalyse vom Handgelenk machen. Wir sollten sie nicht auf die Goldwaage legen, besonders nicht singuläre Ausreißer. Ein wissenschaftlicher Artikel des Schlafforschers Matthew Reid von der University of Oxford, 2021 veröffentlicht auf der Plattform „The Conversation“, erkennt eine gewisse Datenqualität der Wearables an. Er macht aber auf Basis von Studienerkenntnissen darauf aufmerksam, dass das Wissen über die Schlafqualität Einfluss auf das Verhalten am nächsten Tag hat. Jene Menschen, die eine negative Schlafanalyse vom Handgelenk abgelesen haben, würden sich demnach schläfriger verhalten, jene mit einer positiven Schlafanalyse umgekehrt. Diese Erkenntnis lässt sich wohl eins zu eins auch auf das Lauftraining ummünzen.

Potenzial der Bewusstseinsschärfung

Mental Health wird immer stärker als integraler Bestandteil ganzheitlicher Gesundheit gesehen. Diese Entwicklung ist zu befürworten, denn emotionale Gesundheit ist von enormem Wert. Fitnesswearables können Parameter, die Mental Health bedrohen, wie ein hohes Stesslevel oder qualitätslose Regenerationsphasen aufdecken. Sie animieren zu mehr Bewegung und zu Trainingsprogrammen, die nicht nur dem Gedanken der Leistungssteigerung dienen, sondern auch dem gesundheitlichen Bewegungsumfang. Sie stellen im Sinne einer Selbstüberwachung Informationen bereit, die zu Verhaltens- oder Bewusstseinsänderungen anspornen und damit die Gefahr von unzulänglichem mentalen Wohlbefinden präventiv mildern oder es zu stärken.

Autor: Thomas Kofler
Bild: © Pixabay / Gerd Altmann – Symbolfoto

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