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München, früh am Morgen, ein Sonntag, der wie mit kühler Hand über die Dächer gestrichen ist. Der Himmel hängt träge, als wollte er noch schlafen, während unten, im Gelände des legendären Olympiaparks, Menschen in bunten Trikots mit Startnummern auf der Brust stehen. Es riecht nach Kampfer, Banane und Erwartung. Irgendwo spielt eine Blaskapelle. Und dann, um Punkt neun, dieses Knallen – kein lauter Schuss, eher eine freundliche Erinnerung daran, dass es jetzt ernst wird.
Der Marathon München by Brooks beginnt. Die Strecke führt als große Schleife durch die Stadt, einmal rund um alles, was München ausmacht: die Wucht der Altstadt, die Weite des Englischen Gartens, das Dröhnen der Musik am Odeonsplatz, die seltsam intime Stille am Isarufer. Man könnte meinen, die Stadt laufe mit. Omnipräsent die Olympiabewerbung für 2036 oder 2040: Der Marathon gilt als Schaufenster der Stadt – er zeigt, dass München nicht nur sportliche Geschichte wie die Spiele der XX. Olympiade besitzt, sondern auch die organisatorische, infrastrukturelle und emotionale Kraft, ein modernes, weltoffenes Olympia neu zu denken und zu tragen.
Schon nach den wenigen Kilometern formt sich vorne eine sehr schmale Spitze, ein Deutscher. Der Deutsche heißt Gabriel Lautenschlager (MTV Bamberg), ein Name, der nach einem Romanhelden klingt, nach jemandem, der sich aufmacht, das Schicksal herauszufordern. Kilometer für Kilometer zieht er sein Tempo durch, ganz cool, ohne Dramatik. Und als die Sonne endlich durchbricht, irgendwo bei Kilometer 35, läuft er weiterhin allein. 2:18:30 Stunden später reißt er die Arme hoch – nicht triumphierend, eher überrascht. Als könne er nicht glauben, dass er es wirklich war, der heute gewonnen hat. Lautenschlager lobte die Atmosphäre: „In der schönsten Großstadt Deutschlands zu gewinnen, ist toll.“
Hinter ihm: Florian Bochert (Brooks Road Runners, 2:20:11h) und …. Nun ja, wer ist Dritter? Großes Rätselraten bei der Siegerehrung. Timo Lörch lief aus einer Staffel kommend, netto 2:29:44h. Aber schnell klärt sich auf, dass für die Reihung nur brutto zählen darf. Somit wird Manuel Kruse (LSF Münster, 2:31:34h), der an diesem Tag mit einem Sonderauftrag unterwegs war, als Dritter geehrt. Alle drei Deutsche – ein seltenes Podest in diesen Zeiten, in denen der Marathon längst globalisiert ist und sonst von Afrika dominiert wird.

Bei den Frauen spielt sich eine andere Geschichte ab: Prominente Pacemaker wie Johannes Motschmann unterstützen Kristina Hendel oder im Fall von Nina Voelckel (Laufteam Kassel), Manuel Kruse. Später wird Voelckel, gezogen von ihrem persönlichen Pacer (siehe Sonderauftrag!), ein einsames Rennen laufen. Hendel muss nach Magenproblemen das Tempo drosseln, wird aber als Zweite ins Ziel kommen. Nach 2:31:34 Stunden steht die Siegerin fest, ein klarer Sieg, fast schon unheimlich ruhig, so gleichmäßig war ihr Rhythmus: „Es war schon brutal hart“, sagte die 26-Jährige später ins Mikrofon. Rund fünf Minuten dahinter: Kristina Hendel vom Marathon Team Berlin (2:36:41h). Und man ahnt, dass auch sie ihre Geschichte erzählt – eine von Ehrgeiz, Müdigkeit und dem Willen trotz der Probleme nicht aufzugeben.

Ein Marathon ist, wenn man so will, ein Schauspiel. Die Läufer:innen sind die Protagonist:innen, die Zuschauer:innen das Chorvolk, die Stadt die Bühne. München spielt ihre Rolle mit Hingabe.
Am Odeonsplatz dröhnen die Lautsprecher in der Brooks Hype Zone, Kinder auf den Schultern der Eltern, viele mit einer Kuhglocke, die freundliche Brooks-Helfer hier massenhaft verteilen. Daneben im Café ein verliebtes Paar mit Sektglas beim Brunch. Die Läufer:innen wirken im Vorüberlaufen wie Figuren in einem Film, kurz beleuchtet, dann wieder verschwunden. Am Marienplatz läuten die Glocken, während sich die Menge bewegt wie ein lebender Strom und an der Ecke in die Dienerstraße von einem Trommelwirbel begleitet wird. Und weiter draußen, im Werksviertel, zwischen Backstein und Streetart, riecht es nach Espresso und Falafel – die neue Welt Münchens, urban, jung, laut.

Dann wieder der Englische Garten – eine andere Zeitrechnung. Blätter rascheln, Hunde bellen, Läufer schnaufen. Die Luft ist feucht und schwer. Man hört die Schritte, nicht die Worte.
Und schließlich: der Einlauf ins Ziel. Der Olympiasee glitzert, als hätte jemand Silberstaub darübergestreut. Auf den letzten Metern ist die Luft dick von Musik und Emotion. Menschen schreien, jubeln, fotografieren. Wer hier ankommt, trägt die Geschichte seines Laufs im Gesicht: Schweiß, Freude, Erleichterung. Manche weinen, manche lachen. Viele tun beides.
Der Sieger wird interviewt, die Sonne steht jetzt hoch, das Publikum klatscht. Nebenan wird den Besten im Halbmarathon gratuliert: Sebastian Hendel (Marathon Team Berlin, 1:04:01h) und Laura Hottenrott (PSV Grün-Weiß Kassel, 1:12:08h). Wie beim Marathon, Deutschland gewinnt an diesem Tag doppelt doppelt. Eine Staffel aus ehemaligen Topsportlern, darunter Steffen Weinhold und Christina Hering, nahm ebenfalls teil, konnte jedoch nicht in den Spitzenkampf eingreifen. Österreicher:innen spielen in diesem Reigen diesmal keine Rolle, auch wenn 223 aus der Alpenrepublik im Marathonergebnis zu finden sind.
Der Platz rund um den Willi-Daume-Ring ist ein Festplatz. Musik dröhnt, irgendwo riecht es nach Bratwurst und frisch gezapftem Bier. Kinder malen Kreideherzen auf den Asphalt. Ein Mann mit Finishermedaille telefoniert total euphorisch: „Yesss, ich hab’s geschafft!“ Ein anderer sitzt einfach still da und sieht auf den See, als hätte er alles verstanden.

Der neue Kurs, der neue Name, das neue Konzept – der Marathon München by Brooks 2025 ist ein Aufbruch. 28.500 Angemeldete sind ein deutliches Signal. Und doch bleibt er ein Stück altbayerisches Herzblut. Das Publikum, das sich an vielen Ecken versammelt – wie die Veranstalter berichten, säumten etwa 150.000 Zuschauer die Straßen der bayerischen Landeshauptstadt –, die Musik, die Freiwilligen mit Bechern, die alten Herren mit Hut und Gamsbart, die alles schon hundertmal gesehen haben und doch wieder begeistert sind.
Man kann vieles messen an so einem Tag: Zeiten, Temperaturen(optimal!), Zuschauerzahlen. Aber was bleibt, sind die Bilder. Die Frau im roten Trikot, die bei Kilometer 40 noch lächelt. Der Mann, der mit seinem Sohn Hand in Hand durchs Ziel läuft. Die Sonne über dem Olympiaturm, als der letzte Läufer eintrifft.
Der Marathon München by Brooks 2025 war kein Sportereignis im engen Sinn. Er war eine Erzählung – über Anstrengung und Ausdauer, über eine laufende Stadt, über Menschen, die sich für ein paar Stunden in etwas Größeres verwandeln.
Vielleicht ist das der Grund, warum Marathons so faszinieren: weil sie nichts erklären, aber alles zeigen. Weil sie die Stadt in Bewegung bringen, und mit ihr das Leben. München hat an diesem Sonntag gezeigt, dass es mehr kann als Fußball, Bier und Bayern. Es kann Begeisterung, es kann Herz, es kann Läuferinnen und Läufer tragen.
Und als am späten Nachmittag die Sonne über dem Olympiapark tief steht, hängt noch dieser leichte Nachhall in der Luft – das Rauschen der Schritte, das Atmen der Stadt, der Gedanke: Manchmal genügt es, einfach weiterzulaufen. München wird es tun, vor allem dann, wenn deren Bewohner schon in Kürze JA zu Olympia sagen.
Autor: Johannes Langer
Bilder: © SIP / Johannes Langer