Newsletter Subscribe
Enter your email address below and subscribe to our newsletter


Peter Herzog macht einen Schlussstrich: „Danke & Servus“! So lautete die Botschaft des 38-jährigen Pinzgauers am vergangenen Wochenende. Gemeinsam mit dem Österreichischen Leichtathletik-Verband (ÖLV) verkündete und begründete der Salzburger das Ende seiner Laufkarriere mit spitzensportlichen Anspruch. Als Olympia-Teilnehmer, WM- und EM-Starter sowie ehemaliger Halter des ÖLV-Rekords im Marathon hat der Salzburger dem österreichischen Laufsport jahrelang den Stempel aufgedrückt. Es bleibt eine in der heimischen Marathonszene unvergleichliche Karriere mit emotionalen Höhepunkten und dramatischen Rückschlägen. Denn nach großen Erfolgen im Anschluss eines schnellen Aufstiegs bugsierte ihn in den letzten Jahren seiner Karriere eine nicht resistente immunologische Abwehr in ein Karussell aus Enttäuschungen und vielversprechenden Comebacks.
Beim triumphalsten Moment seiner Karriere wäre es schöner gewesen, die Sonne hätte geschienen. Nicht nur, weil dadurch vielleicht eine schnellere Zeit herausgekommen wäre. Aber wärmende Sonnenstrahlen hätten dem Augenblick, den ewigen fotografischen Erinnerungen und der Errungenschaft mehr Glanz verliehen. Im strömenden Regen über London, auf einem Rundkurs im St. James Park, auf dem die ständigen Richtungswechsel auch die Windrichtung kontinuierlich veränderten, lief Peter Herzog (Union Salzburg LA) nach 2:10:06 Stunden ins Ziel. Nach 42,195 Kilometern fehlte, rückblickend, ein guter Hauch zu einer Sehnsuchtsmarke. Aber es war ein Tag der puren Zufriedenheit, einer mit Aufbruchstimmung im Kontext Olympischer Spiele, die ihre Schatten bereits vorauswarfen.
Es blieb der gelungenste Marathon in der Karriere des Pinzgauers. Vergleiche zeigen die Wertigkeit seiner Leistung damals. Nie war Herzog näher an einer Siegerzeit bei einem World Marathon Major dran, Shura Kitata war nicht einmal viereinhalb Minuten vor ihm im Ziel. Nie war der Österreicher näher an der Legende dran: Eliud Kipchoge war nur 3:17 Minuten länger auf der Strecke.
London am 4. Oktober 2020 war Peter Herzogs statistischer Höhepunkt. Vielleicht auch der Moment, der ihm am tiefsten in Erinnerung bleibt – als leistungsorientierter Spitzensportler.
Emotional mögen andere Momente mithalten können. Der 29. September 2019 zum Beispiel, Berlin Marathon, einer der Lieblingsorte des Pinzgauers. Sein erster Marathon als Vater, wenige Tage zuvor hatte seine ältere Tochter das Licht der Welt erblickt. Im Ziel hielt er ihr Foto gen Berliner Himmel. Es war auch sein erster Marathon mit Johannes Langer in der Funktion als sein Trainer. Die erste gemeinsame Marathon-Vorbereitung mit Schwerpunkt in der Höhe von St. Moritz ermöglichte eine persönliche Bestleistung um viereinhalb Minuten. Es war auch sein erster Marathon als Teil der heimischen Marathonspitze.
„Der Punkt ist nun gekommen, an dem ein gesundes Gleichgewicht zwischen Training und Familienleben mit zwei kleinen Kindern für mich nicht mehr gegeben ist. Ebenso wurde in den letzten Monaten mein eigener Schatten in Bezug auf Leistungen immer größer – den eigenen Ansprüchen konnte ich immer schwerer gerecht werden. Die Liebe zum Laufsport bleibt, doch die einstige Leichtigkeit ist verloren gegangen.“ (Peter Herzog)
Um die Jahrzehntenwende erlebte Herzog seine stabilste und stärkste längere Phase, getrieben von Trainingsdisziplin und mentaler Stärke. Vor dem Berlin Marathon 2019 hatte er bereits zweimal Spuren an der rot-weiß-roten Spitze hinterlassen, damals noch mit Trainer Peter Bründl. Im Frühjahr 2018 bei den Weltmeisterschaften im Halbmarathon in Valencia, als er als bester Österreicher ins Ziel kam. Und im Sommer 2018 bei den Europameisterschaften von Berlin. Als Gesamt-Zehnter in einer persönlichen Bestleistung von 2:15:29 Stunden war sein Anteil an der überraschenden Bronzemedaille des ÖLV-Teams in der Nationenwertung enorm. Dieser unerwartete Erfolg damals stellte den Marathon als Disziplin ins Schaufenster der österreichischen Öffentlichkeit, nachdem die Präsenz darin die Jahre zuvor abgeebbt war.

Öfters als in Berlin lief Peter Herzog in Wien. Fünfmal absolvierte er dort den Marathon, insgesamt war er öfters beim Vienna City Marathon dabei und bezeichnete den Event in der Bundeshauptstadt stets als sein „Heimrennen“.
Mindestens ebenso gern gesehen und mit mindestens ebenso großer Freude war Herzog bei den Lauffestspielen der Mozartstadt aktiv. In Salzburg absolvierte er erste Wettkampfkilometer im Laufsport und in Salzburg gelang auch sein erster und bisher einziger Sieg im Marathon. 2024 genoss er emotionale Augenblicke und den Applaus seines Heimpublikums in der Landeshauptstadt.
Zu Beginn seiner Karriere hätte er sich eine solche Laufbahn als Läufer nie vorstellen können, meint er. In den Jahren nach den Olympischen Spielen 2021 hätte er freilich gerne das ein oder andere Highlight mehr gesetzt, doch wiederkehrende gesundheitliche Probleme nahmen ihm die Stabilität, die es dafür gebraucht hätte – Up & Downs einer Sportlerkarriere.
Herzog nimmt nicht nur statistische Zahlen mit in sein nächstes Kapitel als Läufer, nämlich jenes als Hobbyläufer. „Die letzten zehn Jahre waren weit mehr, als nur zu trainieren oder Zeiten nachzujagen. Es sind Geschichten, unglaubliche Begegnungen und Freundschaften entstanden“, so der 38-Jährige. Er werde auch zukünftig jede Möglichkeit in der Freizeit dafür nutzen, die Laufschuhe zu schnüren. Und er werde weiterhin an Laufevents teilnehmen, nur halt ohne der Erwartungshaltung, um jede einzelne Sekunde zu fighten.
Der Österreichische Leichtathletik-Verband (ÖLV) würdigte Peter Herzogs Karriere als „überaus erfolgreich“. Als langjähriger Trainer und Wegbegleiter hat Johannes Langer einen erheblichen Anteil an der Karriere von Peter Herzog, der sich als Quereinsteiger verhältnismäßig spät dem Laufsport und dem Marathon widmete. „Für mich als Trainer ist seine Laufbahn der überzeugende Beweis, dass selbst im vermeintlich fortgeschrittenen Alter neue Horizonte möglich sind. Seine Geschichte zeigt, was passieren kann, wenn eine kompromisslose innere Haltung, ein außergewöhnlicher Wille und ein Umfeld, das das Beste ermöglicht, ineinandergreifen“, lobt der erfahrene Lauftrainer. Langer hofft, dass junge Leichtathletinnen und Leichtathleten von Herzogs Erfahrung zukünftig profitieren können.

Trotz dieser beeindruckenden Erfolgsmomenten blieb die Karriere Herzogs irgendwie unvollendet. Der Wunsch einer zweiten Olympia-Teilnahme in Paris 2024 erfüllte sich im Kontext eigener gesundheitlicher Herausforderungen und enorm geschärfter Qualifikationshürden nicht. Nach den Pandemiespielen in Japan, bei denen die ohnehin abgeschotteten Marathonläufer auch noch nach Sapporo ausquartiert wurden und damit das Olympische Flair nur sektoral miterleben konnten, hätte der Salzburger gerne einmal „echte“ Olympische Spiele erlebt – mit all den Begegnungen und Erlebnissen, dem authentischen Feeling des größten Sportfestes der Welt.
Ebenfalls gelang die Realisierung des Wunsches, als erster Marathonläufer aus Österreich eine Zeit unter 2:10 Stunden zu schaffen, nicht mehr. Beobachter und Kenner der Szene sind überzeugt, dass Talent, Fähigkeiten und Profil des ehemaligen Biathleten, Trial-Bikers und Triathleten dafür ausgereicht hätten. Wegbrechende Mosaiksteine in den Rahmenbedingungen haben möglicherweise diesen historischen Moment, den Aaron Gruen im Frühjahr 2025 nachgeholt hat, verhindert: Beim London Marathon 2020 hätten bessere Wetterbedingungen wohl eine schnellere Zeit als die 2:10:06 Stunden ermöglicht. Einmal bremsten ihn muskuläre Probleme im Oberschenkel in der winterlichen Topform vor dem Sevilla Marathon aus, 2024 unterbrach ein Infekt die vielversprechende Vorbereitung auf den Valencia Marathon jäh.
„Seine Geschichte zeigt, was passieren kann, wenn eine kompromisslose innere Haltung, ein außergewöhnlicher Wille und ein Umfeld, das das Beste ermöglicht, ineinandergreifen.“ (Johannes Langer)
Bis 2023 genoss Peter Herzog den Status als Heeressportler und damit als Profi. In den letzten Jahren brachte ihn das Zusammenspiel zwischen Familie, Studium und Training an die Grenzen. Trainingslager weit weg von seiner Familie wurden zu emotionalen Proben, tägliches Pendeln zwischen seinem Wohnort und Studienort fraß wertvolle Zeit, die beim Training und in der Erholung fehlte. Aber vor allem zehrten mehrfache Rückschläge aufgrund von Infekten und Erkrankungen, die serienweise wichtige Ziele präventiv zerstörten, an seinen Nerven und an seinem Selbstbewusstsein. Das System Peter Herzog war nicht länger in harmonischer Balance.

Der Gedanke, dass der Moment des Abschieds vom Spitzensport erreicht sein würde, reifte stetig, wenngleich er ihn anfänglich mit Ignoranz und Optimismus abstrafte: „Der Punkt ist nun gekommen, an dem ein gesundes Gleichgewicht zwischen Training und Familienleben mit zwei kleinen Kindern für mich nicht mehr gegeben ist. Ebenso wurde in den letzten Monaten mein eigener Schatten in Bezug auf Leistungen immer größer – den eigenen Ansprüchen konnte ich immer schwerer gerecht werden. Die Liebe zum Laufsport bleibt, doch die einstige Leichtigkeit ist verloren gegangen.“
Es ist der Schluss aus einer ehrlichen Auseinandersetzung mit den Herausforderungen in seinem Umfeld. Sie brachte die Erkenntnis, dass trotz vollem Einsatz die volle Leistungsfähigkeit nicht mehr nach den eigenen Vorstellungen realisierbar ist. Aber auch, dass Peter Herzogs Leben neben dem Leistungssport noch auf anderen starken Pfeilern steht.
Autor: Thomas Kofler
Bilder: © SIP / Johannes Langer, Salzburg Marathon / Theresa Marka