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Wer im Frühjahr in Salzburg über 42,195 Kilometer laufen will, braucht jetzt nicht Pathos, sondern Klarheit. Ein Marathon ist kein romantischer Zufall, er ist das Resultat einer Erzählung mit Exposition, Steigerung und Finale. Ohne Dramaturgie wird es kein gutes Ende geben – nur erschöpfte Zwischenrufe. Und weil ich als Trainer mehr Enden als Anfänge gesehen habe, erlaube ich mir, diese Dramaturgie vorzuschlagen.
Zuerst das Missverständnis: „Ich brauche bloß einen Plan.“ Das Internet liefert Pläne in allen Farben. Manche sind klug, manche sind mutig, manche sind, sagen wir, literarisch überambitioniert. Ein gern zitiertes Exemplar kündigt für drei Wochen vor dem Wettkampf eine Abfolge an, die aus einem Trainingslager der Stoiker stammen könnte: 30plus Kilometer am Samstag, ein flotter Dauerlauf am Montag, Fahrtspiel am Dienstag, mittlerer Dauerlauf am Mittwoch, dann 3×5 Kilometer schnell mit Trabpause, am Freitag Tempodauerlauf, Sonntag wieder lang, Montag Testlauf – und dazwischen je ein Ruhetag, der wie eine höfliche Geste wirkt. Wer aus 3:30 Stunden Marathonzeit auf sub 3:15 springen will, wird dadurch vielleicht stark; häufiger wird man krank. Die Achillesfersen melden sich, Knie und Hüften diskutieren mit, der Körper plant sein eigenes Finale – im Bett.
Ein Plan ist ein Rezept. Aber Kochen gelingt nicht, weil das Rezept den Herd anschreit, sondern weil jemand die Mengen versteht. Zu viel Salz ruiniert die Suppe, zu wenig Hefe den Teig. Im Laufen heißen diese Mengen Trainingsbereiche: Grundlagenausdauer, Entwicklungsbereich, Tempo nahe Marathonpace, und die kurzen, klar dosierten Spitzen. Wer sie nicht kennt, würzt blind. Deshalb beginnt eine seriöse Vorbereitung nicht mit einem heroischen LongRun, sondern mit Diagnostik. Ein Laufbandstufentest mit Laktatmessung und eine solide orthopädische Durchsicht kosten so viel wie gute Schuhe – und sind, pardon, oft wertvoller. Denn aus den individuellen Schwellen entstehen Ihre Paces, nicht aus fremden Tabellen.

November ist Akt I: Inventur und Struktur. Notieren Sie Stärken und Schwächen: allgemeine Ausdauer, spezifische Ausdauer, Tempohärte, Schnelligkeit und Koordination, Kraft, Beweglichkeit, Lauftechnik, psychische Stabilität. Schreiben Sie es auf; Papier wirkt wie ein ehrlicher Trainer. Beginnen Sie ein Trainingstagebuch. Nach jedem Lauf: Distanz, Zeit, Puls oder Pace, Wetter, Gewicht, und – entscheidend – Befinden. Diese letzte Spalte ist die heimliche Regieanweisung der ganzen Geschichte. Sie verrät, wann genug wirklich genug ist.
Dezember ist Akt II: Fundament legen. Ihre längeren Läufe wachsen ruhig, nicht heroisch. Einmal alle zwei Wochen ein Longrun, der sich im Bereich von 90 Minuten bewegt und allmählich länger wird. Dreiviertel davon so, dass Sie noch sprechen können, das letzte Viertel leicht zügiger, jedoch kontrolliert. Dazu ein lockeres Fahrtspiel: spielerische Tempospitzen von zwei bis vier Minuten, viel Trab dazwischen. Und ein kurzer, sauberer Technikblock – Lauf-ABC, leichte Steigerungen, ergänzt durch Stabi für Rumpf und Füße. Vielseitigkeit ist nicht Zierde, sie ist Statik. Wer nur läuft, lernt irgendwann nur noch zu ermüden.
Jänner bringt Akt III: Umfang und Ökonomie. Jetzt dürfen die langen Läufe auf zwei Stunden anwachsen (für Einsteiger:innen darunter, für Fortgeschrittene behutsam darüber). Entscheidend ist die Ökonomisierung: ein Teil der LongRuns endet in der angestrebten Marathon-Geschwindigkeit, nicht lange, aber klar geführt. Ein zweiter Schlüsselreiz ist der Tempodauerlauf: 20–40 Minuten im Bereich unterhalb der Anaeroben Schwelle. Er baut die Brücke zwischen der entspannten Grundlage und dem kontrollierten Wettkampftempo im Marathonrhythmus. Ein dritter Baustein bleibt das Fahrtspiel – nicht als heroisches Intervallmassaker, sondern als Rhythmusschulung. Und mindestens ein wirklich ruhiger Lauf pro Woche, weil Fortschritt in der Erholung wächst.
Februar ist Akt IV: Spezifikation. Der Halbmarathon wird zur Generalprobe, nicht zur Selbstzerstörung. Wer im März in 1:45 läuft, wird im Mai kaum 3:10 zaubern; aber wer 1:45 mit gutem Schlusskilometer läuft, zeigt, dass die Erzählung stimmt. Trainingsmethodisch verschiebt sich der Fokus: längere Abschnitte in oder knapp über Marathonpace, eingebettet in solide Umfänge. Niemals zwei harte Tage hintereinander. Das Prinzip ist einfach und schwer: ein Reiz – eine Antwort. Der Organismus braucht beides. Wer nur reizt, bekommt irgendwann keine Antwort mehr.
März/April ist Akt V: Feinarbeit und Vertrauen. Jetzt wird nicht mehr experimentiert, sondern präzisiert. Die langen Läufe erreichen ihren Höhepunkt; einer davon darf drei Stunden und mehr umfassen – für Einsteiger:innen genügt weniger, für Fortgeschrittene ist mehr nur dann sinnvoll, wenn es locker bleibt und die Wochenstruktur stimmt. Zwei bis drei Mal trainieren Sie Abschnitte von 2×6 bis 3×5 Kilometern im Marathonrhythmus, mit kluger Pause (z. B. 4–5 Minuten lockeres Traben). Das ist kein Prahlmodus, sondern Ökonomieunterricht: der Körper lernt, wie sich der geplante Takt anfühlt, die Psyche lernt, dass sie es kann. Große Intervalle „all out“ sind jetzt selten hilfreich; kleine, scharfe Reize (z. B. 8×200 m locker–schnell mit rund drei Minuten Pause) dürfen bleiben, wenn sie die Schrittqualität heben.
Dann die Taperphase: der letzte lange Lauf etwa drei Wochen vor Salzburg, danach Reduktion des Umfangs bei Erhalt der Schärfe. Wer jetzt plötzlich experimentiert, ruiniert gerne, was monatelang gedeihen durfte. Die Kunst des Weglassens ist die höchste.
Und weil Laufen nicht im luftleeren Raum stattfindet, zwei Sätze zu den Nebenrollen: Schlaf ist Trainingszeit, nur ohne Uhr. Ernährung ist das leise Orchester im Graben: ausreichend Energie, Proteine für Reparatur, Kohlenhydrate für die Qualitätseinheiten, Mikronährstoffe nicht aus Angst, sondern aus Vernunft. Wer viel arbeitet, muss das Training so führen, dass es nicht gegen das Leben läuft, sondern mit ihm.
„Aber ich habe doch diesen großartigen Internetplan!“ – Behalten Sie ihn. Drucken Sie ihn aus. Unterstreichen Sie das Schöne. Und dann individualisieren Sie. Ein Coach – oder eine sehr erfahrene Laufkollegin – sieht Zusammenhänge, die man allein überliest: Wie der lange Lauf den Tempodauerlauf beeinflusst; warum der schnelle Dienstag den mittleren Mittwoch vergiftet; wieso ein „Testlauf“ zwei Tage nach 25 Kilometern selten Erkenntnis bringt, aber häufig Fieber. Trainingspläne sind Führungsinstrumente, ja. Führen heißt jedoch auch, zu dosieren, zu beobachten, anzupassen.
Für Einsteiger:innen gilt: lieber drei qualitativ klare Reize pro Woche – ein langer, ein zügiger, ein spielerischer – und dazwischen echte Lockerheit, ergänzt um zwei kurze Stabi- oder Kraftblöcke (20–30 Minuten reichen). Für Ambitionierte: nicht mehr, sondern präziser. Die meisten scheitern nicht an mangelnder Härte, sondern an mangelnder Steuerung. Belastbarkeit ist kein Charakterzug, sie ist ein trainierbares System. Wer sie achtet, bleibt gesund; wer sie ignoriert, lernt Orthopäden und Therapeuten beim Vornamen kennen.
Am Ende steht ein einfacher Satz: Der Marathon ist kein Kampf gegen 42,195 Kilometer. Er ist eine Verabredung mit sich selbst. Wer im November klug beginnt – mit Diagnostik, Inventur, Struktur und der Bereitschaft, weniger zu beeindrucken und mehr zu verstehen –, der wird im Frühjahr in Salzburg nicht überrascht sein. Er wird laufen und staunen, wie still große Ziele werden, wenn man ihnen täglich ein Stück näherkommt. Und er wird die Ziellinie nicht als Erlösung erleben, sondern als Punkt am Ende eines sauber gebauten Satzes.
Wir von RunUp begleiten Sie gerne auf diesem Weg: mit Plan, mit Steuerung, mit der nötigen Strenge – und mit der Gelassenheit, die man braucht, um am richtigen Tag genau richtig zu laufen. Salzburg wartet. Der Rest ist Arbeit. Und Freude.
Autor: Johannes Langer
Bild: © SIP / Johannes Langer