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Doktor Mark English: Irlands Goldjunge mit 33

14 Jahre nach seiner EM-Premiere hat Dauerbrenner Mark English erstmals eine Goldmedaille gewonnen. Mit diesem Erfolg schrieb der 33-Jährige irische Sportgeschichte.
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Das Sprichwort mit dem Wein und dem Alter – es hat in der Laufszene selten gut gepasst wie am Donnerstagabend. Mark English erlebt mit seinen 33 Jahren bereits seinen dritten Frühling und kam in der Form seines Lebens nach Birmingham. Frenetisch angefeuert von den vielen irischen Fans im Alexander Stadium (über 10% der gesamten Tickets wurden nach Irland verkauft, Anm.) vergoldete er seine Karriere: Nach vier Bronze- und einer Silbermedaille bei Europameisterschaften im Stadion und in der Halle lief er erstmals als Sieger über die Ziellinie. Seine ganze Karriere, eineinhalb Jahrzehnte lang, läuft English fast ausschließlich die zwei Stadionrunden. Im Jahr 2026 so schnell wie nie zuvor.

Die grau melierte Haarpracht hinter den Schläfen verrät auf den ersten Blick, dass Mark English nicht neu in der Szene ist. Das war 2012 anders, als er bei den Europameisterschaften von Helsinki als 19-Jähriger erstmals ein EM-Finale bestritt und starker Fünfter wurde. Damals noch unbekümmert, ist der Ire heute ein Mittelstreckenläufer, der mit allen Wassern gewaschen ist. Sein gefürchteter Endspurt ist immer noch Trumpf, doch in den Tagen von Birmingham überzeugte der Routinier auch mit taktischen Aktionen von der Spitze. Als die Zeitnehmung am Donnerstagabend nach 1:45,26 Minuten stoppte, war eine der schönsten Geschichten dieser Europameisterschaften Fakt: Gold für Mark English, dem ewigen 800m-Läufer aus Letterkenny, einer Kleinstadt ganz im Norden der „Grünen Insel“. Zwölf Jahre nach seiner ersten 800m-EM-Medaille im Zürcher Letzigrund.

Terminstress

„Ich habe von diesem Moment geträumt. Oft. Aber ich habe nie gewusst, ob dieser Traum wirklich einmal in Erfüllung gehen würde“, so English nach dem Rennen. „Das ist genau das, warum ich hier bin: EM-Gold!“ English ist nicht nur ein Meister auf den 800m, sondern ausgebildeter Arzt als Absolvent des University College in Dublin. Eigentlich, so erzählte die britische Tageszeitung „The Guardian“, wollte English um 6 Uhr morgens am Tag nach seinem Triumph ins Trainingslager in die Sierra Nevada fliegen. „Nun muss ich versuchen, den Flug umzubuchen. Das ist ein einzigartiger Moment in meinem Leben – das muss ich doch irgendwie versuchen, ihn zu feiern.“

Ergebnis 800m-Finale der Männer, EM 2026
Gold: Mark English (Irland) 1:45,26 Minuten
Silber: Marino Bloudek (Kroatien) 1:45,62 Minuten
Bronze: Mohamed Attaoui (Spanien) 1:45,71 Minuten

 
4. David Barroso (Spanien) 1:45,75 Minuten
5. Francesco Pernici (Italien) 1:45,77 Minuten
6. Ben Pattison (Großbritannien) 1:46,14 Minuten
7. Corentin Le Clezio (Frankreich) 1:46,24 Minuten
DNS Max Burgin (Großbritannien)

Eine historische Leistung

Die irische Leichtathletik wird den 13. August 2026 nie vergessen. Seit 92 Jahren werden Europameisterschaften ausgetragen. Nie zuvor hat Irland bei den Männern eine EM-Goldmedaille gewonnen. Die beiden Bronzemedaillen von English in den Jahren 2014 und 2022 waren die bisherigen 800m-Highlights. In Erinnerung blieben den irischen Lauffans auch die Silbermedaillen von Frank Murphy (1969) und Eamonn Coghlan (1978, beide 1.500m) sowie Bronze für Ron Delany 1958 im 1.500m-Lauf und Mark Carroll 1998 im 5.000m-Lauf. Eine weitere Bronzemedaille für Andrew Coscoran über die längere Mittelstrecke sollte in den Tagen von Birmingham noch folgen.

Bei den Frauen, na klar: Sonia O’Sullivan hat gleich drei EM-Goldmedaillen zu Hause. Die leider an Krebs erkrankte Ciara Mageean triumphierte in Rom 2024 im 1.500m-Lauf. Und Siebenkämpferin Kate O’Connor trat in den Tagen nach Englishs Triumph in dessen Goldspuren und gestaltete die EM 2026 zur erfolgreichsten der irischen Leichtathletik-Geschichte. Aber bei den Männern war die irische Leichtathletik bisher ein weißer Fleck auf der Landkarte. Bis Mark English, der dreifache Hallen-EM- und nun auch dreifache Freiluft-EM-Medaillengewinner, sein Zauberstück vollendete.

© Maja Hitij / Getty Images for European Athletics

Lieblingsstadion

Angesichts dieser historischen Vorlage war die Ausgangsposition im 800m-Lauf der Männer eine spannende. Irland hatte gleich zwei Mitfavoriten auf den Titel. Doch der aufstrebende Cian McPhillips, im letzten Jahr mit nationalem Rekord und Rang vier bei den Weltmeisterschaften von Tokio ein Shootingstar, flog im Vorlauf raus, weil er im Vorfeld von einem Infekt ausgebremst wurde.

Das zweite Ass stach. English stürmte im Halbfinale zu einer Zeit von 1:43,49 Minuten und unterbot in der Mittagshitze von Birmingham den 48 (!) Jahre alten EM-Rekord des DDR-Läufers Olaf Beyer, der damals in Prag die britischen Legenden Steve Ovett und Sebastian Coe düpiert hat.

Damit fehlte dem 33-Jährigen nur eine halbe Sekunde auf seine persönliche Bestleistung. Beim Diamond-League-Meeting in London war er im 15. Jahr als Profi auf dieser Distanz erstmals unter 1:43 Minuten geblieben. Im Frühling hatte er in China ein Diamond-League-Rennen gar gewonnen. Es war sein zweiter Sieg in der Diamond League. Sein erster? 2019 – im Alexander Stadium von Birmingham.

Große Erleichterung

Das Glanzstück war das Finale. English kontrollierte das Rennen aus perfekter Position. Die erste Runde war nicht so schnell wie im Halbfinale, 53,39 Sekunden. Die zweite Runde seine Spielweise. Mit einem entschlossenen Schlussspurt lief er zu Gold in 1:45,26 Minuten. Marino Bloudek (1:45,62) und Mohamed Attaoui (1:45,71) jubelten hinter ihm noch auffälliger als der Sieger in seiner ruhigen Art.

Doch der Moment gehörte ganz alleine Mark English! Seine erste Reaktion: „Ich weiß eigentlich gar nicht, wie ich mich gerade fühle. Wahrscheinlich ist es einfach nur Erleichterung, dass nach den vielen Medaillen endlich eine aus Gold dabei ist. Ich wollte meine Karriere keinesfalls ohne Goldmedaille beenden.“

Ein Mit-Architekt dieses Erfolges ist der australische Startrainer Justin Rinaldi. Seit English Anfang 2025 in dessen Team, das hauptsächlich in Flagstaff in der Höhe von Arizona trainiert, läuft, nahm der dritte Frühling in der Karriere des Dauerbrenners Fahrt auf. Das Gespann setzt verstärkt auf Höhentraining und auf Schnelligkeit in kurzen Intervalleinheiten, verriet der Athlet gegenüber einem Lokalmedium in seiner Heimat.

Hiobsbotschaft für Burgin

Der Großteil des Publikums erwartete eigentlich den Triumph von Lokalmatador Max Burgin. Dem ewigen Supertalenten aus England war nicht zum ersten Mal das Pech treu, physische Problemen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Karriere des 24-Jährigen. Beim Aufwärmen verletzte er sich an der Oberschenkelmuskulatur, nicht einmal eine Viertelstunde vor dem Startsignal meldete er seinen Verzicht. Einen Tag davor hatte er mit Überzeugung und Souveränität den ersten Halbfinallauf gewonnen. Danach sagte er in einem Interview mit „Athletics Weekly“ bemerkenswerterweise: „Ich habe nicht vollstes Vertrauen in meine allgemeine Fitness.“

© Maja Hitij / Getty Images for European Athletics

So war ein Platz frei in den Top-Drei – und die Silbermedaille von Marino Bloudek ist ein Erfolg, den viele nicht vorhergesehen haben. 52 Jahre nach dem Triumph von Luciano Susanj, damals für Jugoslawien, hat Kroatien wieder einen 800m-EM-Medaillengewinner. „In der Vorbereitung habe ich den Moment eines Medaillengewinns visualisiert. Es war echt ein schwieriger Weg, aber ich wusste, es sei möglich. Nun bin ich überglücklich“, so Bloudek, der im Finale offensiv lief, die erste Runde als Führender beendete und noch als Erster auf die Zielgerade einbog. Dort hatte er nur gegen den endschnellen English das Nachsehen.

Großartige Entwicklung von Bloudek

Der 27-Jährige hat viel Erfahrung, aber bis vor wenigen Jahren war er noch keine große Nummer in der Szene – trotz des damals sensationellen U20-EM-Titels 2017 in Grosseto. Vor zwei Jahren in Rom war er noch chancenlos und weit weg von einer Olympia-Teilnahme in Paris. Doch hin zur Saison 2025 gelang ein deutlicher Leistungssprung mit starken Zeiten bei internationalen Meetings. Mehrfach lief er 1:44er Zeiten, agierte in den Wettkämpfen mit viel Selbstbewusstsein und stand in Tokio immerhin im WM-Halbfinale.

Die Tendenz setze sich in diesem Jahr fort, bei den Hallen-Weltmeisterschaften überzeugte er als Fünfter, nun als Medaillengewinner bei der EM. Seine Karriere basiert übrigens auf einem Zufall: Bloudek wollte unbedingt Fußballer werden, verletzte sich in jungen Jahren aber schwer. In der Rehabilitation arbeitete er mit seinem späteren Leichtathletiktrainer zusammen – der Rest ist, spätestens jetzt, eine Erfolgsgeschichte.

© Maja Hitij / Getty Images for European Athletics

Auch Bronzemedaillengewinner Mohamed Attaoui, der das spanische Duell gegen David Barroso um Platz drei gewinnen konnte, jubelte laut. Für den 24-Jährigen war es die bereits zweite EM-Medaille nach Silber vor zwei Jahren. „Es war nicht das Rennen, das ich gerne gehabt hätte. Mir wäre es schneller lieber gewesen und eigentlich wäre ich auch lieber aggressiver gelaufen. Aber ich bin super happy mit Bronze, die letzten 100 Meter waren richtig hart“, kommentierte er.

Der Italiener Francesco Pernici, der unmittelbar nach seinem Sieg bei den italienischen Meisterschaften vor drei Wochen vor seiner Freundin Sara Spatti auf die Knie ging um ihr einen Heiratsantrag zu machen, der ehemalige britische WM-Medaillengewinner Ben Pattison und Corentin le Clezio, als einziger aus dem starken französischen Quartett im Finale, belegten die Ränge fünf bis sieben.

Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Maja Hitij / Getty Images for European Athletics

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