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Dopingfälle bewirken sinkende Glaubwürdigkeit

Während die Dopingfälle im Laufsport steigen, geraten Spitzenleistungen leicht unter Dopingverdacht. Der Anti-Doping-Jäger schlägt wegen der Ineffizienz Alarm.
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679 Leichtathlet*innen stehen auf der Sanktionsliste der Athletics Integrity Unit (AIU), der Doping-Ermittlungskommission des Leichtathletik-Weltverbandes World Athletics. Rund 400 sind den Laufdisziplinen zuzuordnen, der überwiegende Teil davon den Langstreckendisziplinen ab 3.000m. Seit Monaten nimmt die Anzahl der dokumentierten Dopingfälle der AIU rapide zu. Hat die professionelle Szene ein Doping-Problem?

Die Suspendierung bei (immer noch) laufenden Ermittlungen und die provisorische Sperre von drei Jahren gegen Marathon-Weltrekordhalterin Ruth Chepngetich ist der Dopingfall des Jahres 2025 im Laufsport. Jene Athletin, die beim Chicago Marathon 2024 die schier unwirkliche Laufzeit von 2:09:56 Stunden erzielt hat, könnte getrickst haben. Noch weiß man es in diesem spezifischen Fall nicht. Aber, sie hat später betrogen und daher ist sie jetzt gesperrt.

Ruth Chepngetich führt eine lange von kenianischen Athletinnen und Athleten angeführte Liste von Dopingfällen im Laufsport an. Auf dieser Liste finden sich durchaus auch bekannte und erfolgreiche Athletinnen und Athleten, nicht nur sie. Sie alle fördern Skepsis auf der einen und Realismus auf der anderen Seite. Speziell gegen kenianische Athletinnen und Athleten. Doch die Welt Anti Doping Agentur (WADA) hat sich gegen Sanktionen gegen die Sportnation Kenia ausgesprochen, wie die französische Sportzeitung „L’Équipe“ Mitte Oktober berichtete. Dennoch ist Kenia gefordert, wichtige Schritte setzen.

Legende äußert Generalverdacht

Ingrid Kristiansen kennt den Laufsport und die Szene seit vielen Jahrzehnten. Sie war einmal die Nummer eins, unter anderem im Marathon. Die aus Trondheim stammende Läuferin war Welt- und Europameisterin ihm 10.000m-Lauf, zweimal Norwegens Sportlerin des Jahres, gewann die Marathons in Boston, Chicago, New York und London. Ihr Weltrekord vom London Marathon 1985 von 2:21:06 Stunden hielt 13 Jahre lang und ist nach wie vor Landesrekord. Bis vor gut einer Woche war diese Leistung auch nordischer Rekord, die Finnin Alisa Vainio lief beim Valencia Marathon eine Zeit von 2:20:48 Stunden.

Der finnische TV-Sender YLE holte sich ein Statement zu Vainios Leistung von der norwegischen Lauflegende. Im selben Interview wurde Kristiansen auch nach den Siegerinnenleistungen von Joyciline Jepksogei und Peres Jepchirchir, zwei der Erfolgreichsten der letzten Jahre, befragt. Und sie sagte folgenden Aufsehen erregenden Satz: „Wenn wir Leistungen im Bereich von 2:13 oder 2:14 Stunden sehen, bin ich immer ziemlich überzeugt, dass es sich um Blutdoping handelt.“ Eine Leistung wie jene von Vainio dagegen sei mit erlaubten Mitteln erreichbar.

„Wir erwischen sie nicht!“

David Howman kennt die Problematik wie kaum ein zweiter. Der Neuseeländer ist als Vorsitzender der AIU einer der wichtigsten Protagonisten in Handlungen, Strategien und Kampagnen, die Doping im Sport eindämmen sollen. Und er ist ein Mann der klaren Worte. Bei der Weltkonferenz zu Doping im Sport in Südkorea bemängelte er unlängst die Effektivität des Anti-Doping-Systems.

Er wird in einer AIU-Aussendung zitiert: „Lassen Sie uns ehrlich und pragmatisch sein. Jene, die auf Elite-Niveau mit Absicht betrügen können sich der Gefahr entziehen, enttarnt zu werden. Wir sind nicht effektiv genug darin, die Betrüger zu fassen. Wir haben großartige Aufklärungsprogramme, aber keinen Einfluss auf vorsätzliche Regelverstöße. Das schadet der Glaubwürdigkeit der Anti-Doping-Bewegung und erhöht das Risiko, dass unsere Botschaften für sauberen Sport auf taube Ohren stößt.“ Howman findet, dass auch seine AIU, die von vielen Seiten für ihre Tätigkeiten gelobt wird, nicht genügend betrügende Topsportlerinnen und Topsportler erwische und sieht die Notwendigkeit signifikanter Verbesserungen bei der Effizienz.

Unangenehme individuelle Folgen der Sanktionen

Zuletzt konnte die AIU mit Analysen des biologischen Passes und mit Verstößen gegen das „Whereabout System“ Erfolge erzielen, beides funktioniert nur auf Basis eines hohen Kontrollaufwands. Edward Zakayo, ehemaliger Junioren-Weltmeister aus Kenia, wurde beispielsweise dreimal binnen zwölf Monaten nicht zu einer Dopingkontrolle in jenem Zeitraum und an jenem Ort wie im System eingegeben angetroffen und folgerichtig für zwei Jahre gesperrt.

Der 24-Jährige, der mittlerweile seine Karriere für beendet erklärt hat, wehrte sich in emotionalen Social-Media-Posts gegen die Behauptung, er habe betrogen. Er habe sein Handy mit Zugang zum ADAMS-System bei eine Flug verloren und habe daher seine Whereabout-Daten nicht aktualisieren können. Er schrieb von innerfamiliären Spannungen als Folge der Sperre, von Zukunftssorgen seiner schwangeren Frau. Die kenianische Anti-Doping-Behörde reagierte mit dem Vorwurf, der Athlet würde versuchen, die Öffentlichkeit fehlzuleiten.

Die Folgen von Dopingsperren

Edward Zakayos Schilderung ist wohl kein Unikum, wie eine neue Studie der US-Forscher Byron Juma und Jules Woolf zeigt. Deren Erkenntnisse geben Einblick in die enorme Bedeutung, die Erfolge im Laufsport für kenianische Athletinnen und Athleten in ihrer Sozialisierung spielen. Sieben von zehn der befragten kenianischen Athletinnen und Athleten erzählten von suizidalen Gedanken nach ihrer Sanktionierung – ganz zu schweigen von sozialer Isolation, Depressionen, Auswirkungen auf Beziehungen und von der Gefahr der Alkoholsucht.

Die New York Times zeichnete im Sommer in einem ausführlichen Artikel ein Bild, in dem Doping im kenianischen Laufsport verwurzelt ist und eine finanzielle Strategie aus dem Leben in relativer Armut heraus und damit in eines mit deutlich höherer sozialer Stellung und Sicherheit. Aus der man im Falle eines Dopingfalls tief fällt.

Doping-Alarm im heimischen Trailrunning

Auch Europas Laufszene hat prominente Dopingfälle. Die Sperre des spanischen EM- und WM-Medaillengewinners Mohamed Katir wurde unlängst auf vier Jahre ausgedehnt und hielt dem Rekurs des Athleten vor dem Obersten Internationalen Sportgericht (CAS) in Lausanne stand. Ihm wurden, nachdem er wegen so genannter „Whereabout Failures“ bereits zwei Jahre gesperrt wurde, Manipulationsversuche nachgewiesen. Die rumänische Mittelstreckenläuferin Claudia Bobocea muss eine zweijährige Sperre absitzen.

In Österreich sorgte die vorläufige Dopingsperre gegen Trailrunner Dominik Matt für Schlagzeilen, bei dem gleich zwei verbotene Substanzen im Körper entdeckt wurden. Die Sperre ist mittlerweile rechtlich wieder aufgehoben, die Entscheidung noch nicht rechtskräftig. Der Dopingskandal der Trailrunning-Saison betrifft aber die kenianischee UTMB-Siegerin Joyline Chepngeno, die folgerichtig nachträglich disqualifiziert wurde. Sie wurde zuvor beim Schweizer Traditionsevent Sierre-Zinal erwischt.

Zurück zur Anfangsfrage: Ist der Laufsport die Problemabteilung der Leichtathletik? Nein, sagt die WADA. Anteilsmäßig seien die positiven Dopingfälle in allen leichtathletischen Disziplinen vergleichbar. Außerdem werden im Langstrecken- und Straßenlauf die mit Abstand meisten Tests durchgeführt, auch weil die Finanzierung der Anti-Doping-Kampagnen dort auf breiteren Füßen aufgestellt ist. Denn neben dem finanziellen Programm von World Athletics für die AIU investieren auch die wichtigsten Straßenläufe in den Kampf gegen Doping, die World Marathon Majors verfolgen zusätzlich ein eigenes Testprogramm.

Enhanced Games

Mit Besorgnis blicken die Anti-Doping-Kämpfer weltweit auf eine von einem australischen Unternehmer geplante Multisportveranstaltung namens Enhanced Games, die im Mai 2026 in Las Vegas stattfinden soll und den WADA-Code bewusst missachtet. Sprich, unter Versprechen enormer Preisgelder, soll gedopten Sportlerinnen und Sportlern Tür und Tor geöffnet werden, was aufgrund der gesundheitlichen Risiken der systematischen Medikamenteneinahme große Kritik aus der Sportmedizin hervorrief. Aber, nicht nur deswegen. Es wird ein falsches und schlechtes Signal für den globalen Sport befürchtet.

Die Leichtathletik ist eine der geplanten Sportarten. Initiator Aaron D’Souza argumentiert mit der uneingeschränkten Möglichkeit nach der Jagd nach menschlichen Grenzen. Die AIU findet die Idee „grotesk“, WADA-Präsident Witold Banka zeigte sich „sprachlos bei dieser lächerlichen Idee!“

Der aktuell wegen eines Dopingvergehens gesperrte US-Topsprinter Fred Kerly hat sein Interesse bereits angekündigt. Er will in Las Vegas Usain Bolts Weltrekord unterbieten. Mit allen verfügbaren Ressourcen?

Autor: Thomas Kofler
Bild: © Stefan Schweihofer / Pixabay

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