Newsletter Subscribe
Enter your email address below and subscribe to our newsletter


Noch wenige Kilometer vor dem Ende lief Tigst Assefa in perfekter Laufhaltung, entschlossener Miene und rhythmisch rotierenden, brandneuen Adidas-Laufschuhen Richtung etwas Fantastischem! Der Weltrekord von Ruth Chepngetich wäre deutlich gefallen, der Marathonlauf der Frauen hätte eine neue Dimension erhalten. Wäre die Äthiopierin in der Lage gewesen, die letzten paar Kilometer so grandios zu absolvieren wie jene davor, als sie Splits von bis zu 3:00 Minuten auf den Asphalt zauberte. Schmerzen an der Achillessehne machten ihr einen Strich durch die Rechnung. Im wohl schnellsten Humpelschritt der Marathon-Geschichte rettete die tapfer kämpfende Äthiopierin den Streckenrekord von 2:11:04 Stunden ins Ziel. Doch der Weltrekord von 2:09:56 Stunden sowie der äthiopische Rekord von 2:10:51 Stunden entglitten ihr aus den Fingern. Dass sie nach der heute von deutschen Medien veröffentlichten Diagnose überhaupt ins Ziel gekommen ist, grenzt an ein Wunder.
Es flossen die Tränen. Da war es auch gar kein Trost, dass der erste mit versöhnlichen und aufmunternden Worten bei ihr ein Großer war. Haile Gebrselassie, Lauflegende, selbst vierfacher Sieger des Berlin Marathon, war hingeeilt zu Tigst Assefa, die ihr Gesicht in ihren Händen versteckt auf der Seite des Zielraums hockte und mit ihrer Enttäuschung kämpfte. Wenig später stützte er sie beim Weggehen. Auf einem Bein.
Natürlich hätte auch Gebrselassie, der selbst 2004 eine schwere Achillessehnenverletzung erlitten hatte, die ihn zu einer Operation zwang, seine Landsfrau lieber im Ziel begrüßt, um freudestrahlend und voller Bewunderung mit ihr einen neuen Weltrekord zu zelebrieren. Die Athletin selbst dürfte sich mit diesem Gedanken auch angefreundet haben. Mehrfach kontrollierte sie ihre Uhr im letzten Marathon-Drittel. Konnte sie selbst kaum glauben, wie schnell sie unterwegs war? Oder hatte sie schon das Gefühl in sich, dass es knapp werden könnte, weil sie eine Vorahnung oder Schmerzen spürte, unten oberhalb der rechten Ferse?
Es ist fast absurd, dass der Star des Berlin Marathon 2026 trotz der letzten Kilometer im komplett unrunden Schritt noch einen Streckenrekord aufstellte. In 2:11:04 Stunden, der drittschnellsten Marathonleistung der Geschichte, verbesserte sie ihre eigene Siegerleistung von vor drei Jahren um 49 Sekunden. Damals jubelte die heute 29-Jährige über einen Weltrekord, genauso wie im Frühjahr in London über einen „Women’s Only“-Weltrekord. Dieses Mal nicht, auf bitterste Art und Weise. Trotzdem geht dieser Marathon in die Geschichte ein und wird aufgrund der Dramatik und der Verletzung Assefas auf ewig einen besonderen Platz in den Annalen behalten.

Nur eine Viertelstunde davor meldete die Zeitnehmung unfassbare Kilometersplits. Assefa brauchte serienweise nur ein bisschen länger als drei Minuten pro Kilometer: 15:15 Minuten zwischen Kilometer 25 und 30, 15:17 Minuten zwischen Kilometer 30 und Kilometer 35. Faszinierend, verblüffend.
Nichts war dem Zufall überlassen, auch bei der Technologie. Assefa trug ein Singlet, in dem die Startnummer eingearbeitet war. Bei der Zwischenzeit bei Kilometer 40 von 2:03:00 Stunden war die Steigerung des Weltrekords von Ruth Chepngetich (2:09:56, Chicago Marathon 2024) immer noch wahrscheinlich. Bis der Rhytmus brach. Bis jeder Schritt weh tat. Man kann nur erahnen, unter welchen Schmerzen Tigst Assefa weiterlief.
Was von all dem am unglaublichsten ist, darüber berichten heute übereinstimmend etliche deutsche Medien. Tigst Assefa habe den Berlin Marathon mit einer gerissenen Achillessehne beendet (sie lief immer noch einen Kilometerschnitt von 3:41 Minuten!). So zitierte der deutsche Fernsehsender NTV ihren Manager Gianni Demadonna. „Es ist unglaublich, wie sie mit dieser Verletzung und diesen Schmerzen überhaupt weitergelaufen ist und das Rennen gewonnen hat“, staunte der Italiener. Seine Athletin stehe nun vor einer langen Rehabilitationspause und einer Wettkampfpause von mindestens sechs bis sieben Monaten.
Renndirektor Mark Milde hatte am Sonntag noch von einem Teilriss der Achillessehne und „kaum vorstellbaren Schmerzen“ gesprochen. Eine offizielle Stellungnahme des Veranstalters zur Verletzung Assefas von heute gibt es keine. Laufschritte mit komplett durchgerissener Achillessehne – ein solch fürchterliches Szenario schien doch menschenunmöglich…
Jedenfalls wurde Assefa unmittelbar nach dem Berlin Marathon nach München geflogen, wo sie am Montagvormittag von Johannes Gabel, Spezialist für Fuß- und Sprunggelenkchirurgie und Chefarzt an der BG Unfallklinik Murnau operiert wurde. Es ist das unschöne Ende eines beispiellosen Marathon-Ereignisses und für die Äthiopierin gleichzeitig der erste Schritt auf dem Weg zurück – womöglich zur nächsten Attacke auf den Weltrekord.
Tigst Assefa ist die fünfte Dreifachsiegerin in der Geschichte des Berlin Marathon nach Jutta von Haase, Uta Pippig, Aberu Kebede und Gladys Cherono.

Tigst Assefa dominierte den Berlin Marathon nach Belieben und lag bereits zum Halbmarathon knapp drei Minuten vor einer größeren Verfolgergruppe, die ihrerseits schnell unterwegs war. Vorjahressiegerin Rosemary Wanjiru konnte zum Auftakt der zweiten Rennhälfte das Tempo nicht mehr halten und sollte bis auf Position 13 durchgereicht werden.
Weiterhin auf Kurs blieb ein äthiopisches Trio mit Alemitu Tariku, Dera Dida und Bedatu Hirpa. Tariku musste acht Kilometer vor dem Ende etwas abreißen lassen, Dida und Hirpa kämpften Seite an Seite weiter um eine Spitzenzeit, wenngleich der Rückstand zur Führenden bei Kilometer 40 unglaubliche sechseinhalb Minuten betrug. Hirpa, die 2025 den Dubai und den Paris Marathon gewinnen konnte, gewann den Spurt um Platz zwei in einer Zeit von 2:16:53 Stunden, die Vorjahreszweite Dida, Ehefrau von Olympiasieger Tamirat Tola, folgte zwei Sekunden später. Den beiden Äthiopierinnen gelangen neue persönliche Bestleistungen um rund eineinhalb Minuten!
Für Europas Beste lief am gestrigen Sonntag nichts. Europameisterin Alisa Vainio, mit dem Ziel ihrer ersten Zeit unter 2:20 Stunden zu laufen nach Berlin gekommen, verließ das Rennen bereits nach wenigen Kilometern. Nicht viel weiter, nämlich bis Kilometer 14, schaffte es Esther Pfeiffer. Die 29-Jährige hatte einen Angriff auf den deutschen Rekord angekündigt und war tatsächlich mit einem Tempo Richtung einer hochgerechneten Endzeit von 2:18:45 Stunden unterwegs, aber nach einem Drittel der Distanz war der Ofen aus.
„Leider hat der enorme Erwartungsdruck heute seinen Tribut gefordert und sich unter anderem auf den Magen ausgewirkt“, erklärte ihr Ehemann Hendrik Pfeiffer, der als ihr persönlicher Tempomacher im Einsatz war. Die Erwartungshaltung hat Esther Pfeiffer nicht unerheblich selbst mit ihren offensiven Ankündigungen geschürt. „Aufgrund des angeschlagenen körperlichen Zustandes ging es nicht mehr. Sie wird zurückkommen und hat im Marathon noch viel vor“, so Pfeiffer, der selbst in zwei Wochen den Chicago Marathon bestreiten wird.
Blieb noch die Französin Manon Trapp, die nach 1:11:48 Stunden auf die zweite Marathon-Hälfte ging, das Rennen aber gleich anschließend beendete. Laura Hottenrott hatte ihre Teilnahme kurzfristig sogar abgesagt. So war die beste Europäerin des Rennens auch gleich die beste Deutsche. Anna Langerwisch vom Marathon Team Berlin überquerte die Ziellinie mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht. Kein Wunder, denn die 25-Jährige steigerte sich gegenüber dem Prag Marathon im Frühjahr um viereinhalb Minuten auf eine persönliche Bestzeit von 2:27:31 Stunden. „Ich bin überwältigt. Es war mein Ziel, eine Zeit unter 2:30 Stunden zu erreichen“, so Langerwisch.

Autor: Thomas Kofler
Bilder: © SCC Events / Petko Beier, Thilo Wiedensohler, Sebastian Wells