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Sein neunter Karrieremarathon ließ Andreas Vojta erstmals mit zufriedener Miene aus dem Zielraum weggehen. Nach 2:15:34 Stunden auf einem schwierigen Marathonkurs stand Rang 26 im gut besetzten EM-Marathon zu Buche. An der Spitze setzte sich Amanal Petros aus Deutschland vor dem Italiener Pietro Riva und dem Israeli Gashau Ayale durch. Für Österreichs einzigem Teilnehmer am Marathon der Männer war es bereits der achte EM-Auftritt, der erste über 42,195 Kilometer.
Endlich! Andreas Vojta (team2012.at) nahm diesen Begriff im Gespräch mit RunUp.eu zwar nicht selbst in den Mund. Aber er dürfte diese Sensation nach dem EM-Marathon in Birmingham gespürt haben. Der vielversprechende Wechsel in den Marathon gelang bei ihm nicht als Schnellstart, bisher konnte sich der 37-Jährige mit der Disziplin nicht richtig anfreunden und folgerichtig sein Potenzial nicht voll abrufen. Sein erster EM-Marathon könnte auf dieser Ebene eine Wende darstellen. „Das war ein erstmals Laufgefühl, wie ich es bei einem Marathon haben will!“
„Es war meine schnellste zweite Marathonhälfte überhaupt“, unterstrich der Gerasdorfer und erinnerte an die Streckencharakteristik mit insgesamt rund 700 Höhenmetern im An- und Abstieg. „Ich hatte im Rennen immer die Kontrolle, stets mit einer leichten Reserve. Bisher habe ich immer die Erfahrung gemacht, dass es spätestens nach Kilometer 30 ums reine Überleben ging. Dieses Mal konnte ich es bewusst steuern und sogar das Tempo verschärfen“, erzählte er. Die Erkenntnis: „So macht’s deutlich mehr Spaß, wenn man hinten raus aktiv laufen kann!“

Der Schluss ist ein klarer: Auch wenn die Endzeit von 2:15:34 Stunden nur die viertbeste seiner Karriere ist, angesichts der topografischen Herausforderungen in Birmingham bezeichnete Vojta seine Leistung als besten Marathon seiner bisherigen Karriere. Dass eine Zeit fast auf dem Niveau seiner letzten beiden Vienna City Marathons herausgekommen ist, konnte er während des Rennens fast selbst nicht glauben. „Ich hatte immer wieder schnelle Kilometersplits auf meiner Uhr. Aber ich habe mich trotzdem gut gefühlt. Und auf dieses Gefühl hab ich mich verlassen, selbst wenn ich deswegen viel alleine laufen musste.“
Als er sein Trainingslager in Tirol begann und die EM-Strecke bei den Trainings simulierte, fehlte ihm die Vorstellungskraft, wie er unter 2:20 Stunden laufen sollte, erzählte er. Nun ein anderes Bild: „Letztendlich war es nicht so wild wie befürchtet. Es ging zwar bergauf und bergab, aber ich konnte die meisten Anstiege gut mitnehmen.“ Er war nicht der einzige, der gut vorbereitet nach Birmingham kam. „Es ist verrückt, dass auf einer solchen Strecke die EM-Rekorde fallen. Es war ja schließlich steil, permanent unruhig und kurvig. Es zeigt halt, welches Niveau in Europa herrscht. Diese Leistungen wären auf einer flachen Strecke deutlich mehr Wert.“
Vojtas Zufriedenheit zentrierte sich nicht nur auf das Gesamtergebnis, sondern auch auf die Rennstrategie: „Ich habe sehr gut umgesetzt, was ich mir vorgenommen habe. Das war unter diesen schwierigen Bedingungen auch eine mentale Herausforderung. In Relation zur Papierform bin ich gut platziert, es hat heute sehr viel zusammengepasst.“ 21 Positionen konnte der Österreicher, der bewusst auf eine defensive Angangsstrategie gesetzt hat, im Laufe des Rennens wettmachen.
Und das praktisch ohne die für Europameisterschaften oft typischen Ausfallsquoten. Offenbar war der Vorteil der günstigen Marathon-Temperaturen für die Jahreszeit größer als der Nachteil eines unkonventionellen Marathonlaufs auf einem hügeligen 5km-Kurs mit wahrlich nicht der schönsten Kulisse aller Zeiten. „Wenn man die Ergebnisse sieht, auch bei den Frauen, muss man ganz klar sagen: Alle waren relativ gut vorbereitet!“, bestätigte Vojta.

„Für mich war es sehr angenehm, vom Tempofaktor wegzukommen und den Marathon auf das Renngefühl aufzubauen. Ich habe regelmäßig meine Splits und meinen Puls kontrolliert. Auch die Variation im Training und die ganze Abwechslung in der Vorbereitung haben mir gut getan“, so Vojta. Für ihn gelte es nun, den positiven Schwung auf diesen EM-Marathon mitzunehmen, mit dem Ziel diesen Marathon zu replizieren. „Ich werde jetzt eine Woche Pause machen und dann dieses gute Grundniveau als Basis für den nächsten Aufbau zu nutzen. Meine Aufgabe lautet, dass mir ein solcher Marathon auch auf einer flachen Strecke gelingt. Dann geht es in die Richtung, die ich mir vorstelle.“
Auch in diesem Satz sparte er das „endlich“ aus – vielleicht hat er es mitgemeint. Der Frankfurt Marathon am 25. Oktober wird die Antwort darauf geben, ob der nächste Schritt auch auf einem schnellen Kurs gelingt. Und damit die Beziehung des Athleten zur Disziplin weiter optimiert.
Während Vojta eine zurückhaltende Strategie auf den ersten Kilometern bevorzugte und im Laufe des Rennens sukzessive Boden gut machte, legte die Spitze recht schnell los. Besonders Richard Ringer und Amanal Petros zogen immer wieder an, somit hielt das favorisierte deutsche Team zu Beginn des Rennens die Spitzengruppe klein. Allerdings kam es nach gut einem Drittel zum Zusammenschluss mit der Verfolgergruppe, nachdem das Tempo etwas nachgelassen hatte. Einige Kilometer lang bestimmte Außenseiter Simon Boch aus Deutschland das Tempo.

Die zweite Rennhälfte gehörte dann Amanal Petros. Der Vize-Weltmeister attackierte erstmals nach rund 26 Kilometern und ließ eine zweite wirksame Attacke folgen, als er eine Verpflegungsstation nicht anlief – im Gegensatz zur Konkurrenz. Der ehemalige deutsche Rekordhalter zog davon und lief mit klarem Vorsprung der Goldmedaille entgegen, die er in einem neuen Meisterschaftsrekord von 2:09:11 Stunden fixierte. Die zweite Rennhälfte war dabei um eine Minute schneller als die erste. „Ich bin jemand, der von seinen Fehlern lernt“, erinnerte er wohl an die dramatische Niederlage bei der WM in Tokio im letzten Atemzug. „Es war ein hartes Rennen und ich habe die absolut richtige Taktik gewählt. Ich war physisch und psychisch bereit für dieses Rennen“, sagte der 31-Jährige, der sich in der Höhe Kenias auf die Europameisterschaften vorbereitet hatte.
Doch Petros’ Erfolg hatte einen Schönheitsfehler. Noch eineinhalb Kilometer vor dem Ziel hatte der Deutsche fast eine Minute Vorsprung auf die Konkurrenz, im Ziel waren es nur noch sieben Sekunden. Besonders eine absichtliche Verlangsamung auf der Zielgerade zum individuellen Feiern irritierte, weil das Duell zwischen Deutschland und Israel in der Nationenwertung plötzlich offen war.
Und tatsächlich schädigte die langsame Schlussphase Petros seine Landsleute, unter ihnen Samuel Fitwi auf Platz neun und Richard Ringer auf Platz zehn. Besonders deshalb, weil die beiden in ihren Statements gegenüber dem Deutschen Leichtathletik-Verband betonten, dass sie an die Teamwertung gedacht haben. „Es war das härteste Rennen in meinem Leben. Ich bin total müde, habe aber für das Team durchgezogen“, sagte Fitwi. Ringer berichtete von Schmerzen im hinteren Oberschenkel, die so heftig waren, dass er beinahe ausgestiegen wäre: „Ohne Teamwertung weiß ich nicht, ob ich zu Ende gelaufen wäre. Schade, dass es am Ende nicht ganz mit Gold geklappt hat.“
Auch vor vier Jahren in München gab es dieses Duell und wieder ging der Einzeltitel an einen Deutschen, die Mannschaftswertung aber an die Israelis mit ihren gebürtigen Äthiopiern. Um 26 Sekunden! Gashau Ayale belegte Rang drei, Tadesse Getan Rang fünf, Haimro Alame Rang acht. Frankreich komplettierte das Stockerl.

Im Kampf um die Silbermedaille zeigte der im Marathon noch unerfahrene Pietro Riva in der Schlussphase eine starke Leistung und sicherte sich in einer Zeit von 2:09:18 Stunden die Silbermedaille. „Ich hatte eine sehr gute Vorbereitung und bin deswegen voller Selbstvertrauen ins Rennen gegangen. Die Pace war sehr angenehm für mich und ich wusste, dass ich einen guten Endspurt haben würde“, sagte der Italiener. Der 29-Jährige war vor zwei Jahren in Rom im Halbmarathon ebenfalls Zweiter, damals unmittelbar vor Petros, mit dem er sich beim Stadioneinlauf ein Scharmützel geliefert hatte.
Ayale hielt in 2:09:21 Stunden den Schweden Suldan Hassan um drei Sekunden auf Distanz. „Ich bin sehr glücklich und stolz auf meine Leistung und jene des Teams. Es ist für uns eine Ehre, die israelische Nationalhymne zu hören“, gab der Israeli sechs Tage vor seinem 30. Geburtstag zu Protokoll.
Autor: Thomas Kofler
Bilder: © ÖLV / @amri.sports, © Chiara Montesano, © Maja Hitij/Getty Images for European Athletics