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Wie der Rapidler Alexander Stirling in Buenos Aires in einem Waisenheim das Lauftalent eines Jungen entdeckte und diesen zum Marathon-Olympiasieg 1932 führte. Als Erfolgstrainer in Argentinien gefeiert - in der Heimat vollkommen vergessen. Nur nicht vom Laufmagazin RunUp, das hier in Österreich erstmals die Vita des Alexander Stirling ausführlich würdigt.


Wie der Rapidler Alexander Stirling in Buenos Aires in einem Waisenheim das Lauftalent eines Jungen entdeckte und diesen zum Marathon-Olympiasieg 1932 führte. Als Erfolgstrainer in Argentinien gefeiert – in der Heimat vollkommen vergessen. Nur nicht vom Laufmagazin RunUp, das hier in Österreich erstmals die Vita des Alexander Stirling ausführlich würdigt.
Dies ist die goldene Geschichte des in seiner Heimat vollkommen in Vergessenheit geratenen Österreichers Alexander Stirling. Der in den 20er-Jahren nach Argentinien ausgewanderte Rapidler weist eine märchenhafte Vita auf. Als Sportlehrer entdeckte er in einem Waisenheim das Talent des Juan Carlos Zabala und führte diesen zu einem Weltrekord in Hütteldorf 1931 und sogar bis zum Marathon-Olympiasieg in Los Angeles 1932.
Aber nicht nur das! Stirling trainierte in Argentinien auch weitere Weltklasseläufer wie Reinaldo Gorno, hinter Emil Zátopek Olympia-Zweiter im Marathon 1952, oder Osvaldo Suárez, den dreimaligen Sieger des Silvesterlaufes von São Paulo. Zudem zeichnete sich der Österreicher als Betreuer bei großen Fußball-Vereinen wie Racing Club Buenos Aires aus. In sein ungewöhnliches Leben passt auch, dass er im Zweiten Weltkrieg als Gefallener vor Stalingrad schon totgesagt wurde.
Alexander Stirling wurde am 30. September 1896 in Staré Brno (Alt-Brünn) geboren und am 3. Oktober in der Abteikirche Mariä Himmelfahrt getauft. Sein Stammbaum lässt sich väterlicherseits in direkter Linie zurück bis in die zehnte Generation in die Mitte des 17. Jahrhunderts verfolgen. 1902 übersiedelte die Familie Stirling nach Wiener Neustadt.
1923 wanderte Stirling nach Argentinien aus. Frau und Tochter folgten ein Jahr später. Dass er Argentinien als Auswanderungsland wählte, verwundert nicht, da die Wirtschaft dieses Landes von 1918 bis 1921 einen enormen Konjunkturzuwachs verzeichnet hatte. Zu Beginn der 20er-Jahre war Argentinien nach den USA und Brasilien das meistgefragte Auswandererziel der Österreicher. Auf dem Dampfschiff „Württemberg“ machte sich der 26-Jährige von Hamburg aus am 28. April zu seinem argentinischen Abenteuer auf. Rund vier Wochen dauerte die Überfahrt, ehe der in der 3. Klasse reisende Stirling Buenos Aires erreichen sollte. In der Passagierliste wird er unter der laufenden Nummer 239 als „Goldarbeiter“ geführt. Nomen est omen. Schließlich sollte er bei Olympia eines Tages als Trainer sogar Gold schürfen.
Nach seinen Erfolgen im Hoch- und Stabhochsprung 1923 blieb Alexander Stirling in Buenos Aires dem Sport treu, da dieser ein Sprungbrett für seinen Aufenthalt in Argentinien werden sollte. Durch Vermittlung des Argentinischen Leichtathletik-Verbandes erhielt der Österreicher als Lehrer eine Anstellung im Waisenheim Colonia Hogar „Riccardo Gutiérrez“. Stirlings Eintrittsbeginn in diese Schule ist in seiner heute noch im Waisenheim aufbewahrten Personalakte für den 27. August 1925 vermerkt. Seitenweise füllt sich die „Personalakte des Mitarbeiters Alejandro Stirling“. Hier werden bis heute die wichtigsten Personalblätter mit seiner Abstammung, der „amtsärztlichen Karte“, Wohnadressen, seinem Gehalt und selbst die Abdrücke seiner zehn Finger für die Sicherheitskontrolle in der Colonia aufbewahrt.
Die hervorragende Form seines Musterschülers erwog Stirling, es sei an der Zeit, mit ihm Erfahrungen in Europa zu sammeln. Der Österreicher, ein Mann mit Weitblick, plante diese Tournee für den Herbst 1931. Diese Reise brachte den großen Durchbruch des Juan Carlos Zabala. Dabei stellte er, was heute vollkommen in Vergessenheit geraten ist, auch in Hütteldorf einen Weltrekord auf. Am 10. Oktober 1931 lief Zabala auf dem „W.A.F.-Platz“, der Anlage des Wiener Associations Football-Clubs, die 30.000 m in 1:42:30,4 Stunden. Das „Neue Wiener Journal“ titelte: „Weltrekord des Pampa-Sohnes“ und schrieb von einer „Sensation für die Wiener Leichtathletik-Gemeinde“. Die Zeitungen dankten Stirling, dass er mit Zabala nach Wien gekommen sei und den Weltrekord ermöglicht habe.
Über Zabalas Olympia-Countdown in den USA sind wir mit einer Flut von Berichten in den US-Tageszeitungen bestens informiert. Immer wieder wird dabei Stirling erwähnt. Schließlich war er nicht nur Trainer und Manager, sondern auch ein guter PR-Mann, er erwies sich als Planer mit Weitsicht, aber auch, wie wir schon gesehen haben, ein Mann, der kurzfristig für seine Athleten gut entscheiden konnte. Nicht alle Rennen, die sein Schützling 1932 in den USA bestreiten sollte, hatte Stirling in seinem Kalender, manche Meetings kamen auf dieser Reise spontan hinzu. Unter Stirlings Anleitungen fixierte Zabala zahlreiche große Siege. Stirling zeigte großen Optimismus und prophezeite für den olympischen Marathon: „Zabala gewinnt und zertrümmert den olympischen Rekord von 2:32:35,8.“ Stirling sollte recht behalten, es kam aber alles dramatischer, als er sich das vorgestellt hatte.
Spätestens nach Paavo Nurmis Disqualifikation (Finnlands Wunderläufer hatte angeblich gegen den Amateur-Paragraphen verstoßen) war Zabala in die alleinige Favoritenrolle gerückt. Stirling selbst verfolgte den Marathonlauf in einem Begleitauto. Da erlebte der Österreicher entlang der Strecke, wie Zabala seinen Vorsprung ständig vergrößerte. Stirling bedeutete seinem Schützling mehrmals, er solle etwas langsamer laufen. Der Coach bezweifelte, dass Zabala diesen hohen Rhythmus halten könnte. Die Finnen unternahmen jenes Teamwork, das Stirling befürchtet hatte. Der Trainer soll zu seinem Läufer gerufen haben: „Gebrauch deinen Kopf!“ Den Mitfahrenden im Auto sagte er: „Ich denke nicht, dass er gewinnen wird. Er ist mit übermäßigem Selbstvertrauen in seine eigene Stärke gelaufen.“ Es heißt, Zabala habe Stilrings Anordnungen „weder gehört noch befolgt“. Stirling gab ihm keine Siegchance mehr.
„Als er sah, dass Zabala überholt wurde“, fuhr der Österreicher enttäuscht ins Stadion zurück. Dort teilte er einer Gruppe Argentinier mit, dass Zabala das Rennen verloren habe. Stirling, „zersaust und außer sich“, hätte über Zabala gesagt: „Durch den Kampf mit den Finnen ist er kaputt! Er wollte die Führung nicht abgeben und dann kam der Engländer, um ihn zu erledigen. Der Junge ist gebrochen.“ So warteten Stirling und mit ihm 75.000 Fans im Stadion auf die Ankunft des Marathonsiegers. Als die Trompetenfanfaren den Führenden ankündigten, wird Stirling bei Zabalas Sieg in 2:31:36 seinen Augen nicht getraut haben.
Stirling, der seinen Schützling schon abgeschrieben hatte, sprach von einem „erstaunlichen Kunststück“, stufte Zabalas Leistung als „fast übermenschlich“ ein und bekannte, dass sein Athlet „besser war, als ich dachte“. Zabala dankte Stirling nach dem Rennen, „meinem Freund, Trainer und Ersatzvater“. Er bekannte, dass ohne dessen Anleitungen er niemals hätte soweit kommen können. Das würdigte auch „El Gráfico“ (Buenos Aires). Stirling wird als „Vater des Champions“ gefeiert.
Nach den Olympischen Spielen folgten für Argentiniens neuen Volkshelden in Buenos Aires Empfänge, Ehrungen und Feiern. Zabala hier, Zabala da. Alexander Stirling war immer dabei, sonnte sich an der Seite seines goldenen Ziehsohnes. Die Feststimmung dauerte nicht ewig. Der 20-Jährige wurde zum Buhmann, in der Folge kam es zum Bruch mit Alexander Stirling. Über diese Zwistigkeiten wurde in den argentinischen Tageszeitungen nicht allzu viel berichtet, offenbar wollte man öffentlich keine Schmutzwäsche waschen.
Erst 1936 ließ Stirling selbst öffentlich Kritik an seinem einstigen Schützling aufkommen. Im Vorfeld der Olympischen Spiele von Berlin schrieb „The Spokesman-Review“ im Rückblick auf 1933: „Stirling mochte Zabalas Trainingsmethoden nicht und trennte sich von Juan Carlos.“ Dass Zabala nach seinem Olympiasieg 1932 nicht mehr den Anweisungen Stirlings hatte folgen wollen, berichtete das „Welt-Blatt“.
Wie hart Stirling mit Zabala umging, berichtete er später einmal in einer Story vom „Läufer mit den Bleisohlen“. Sein Musterschüler hatte schon Ende der 20er Jahre später mit eigens entwickelten Laufschuhen trainieren müssen, in denen Stirling Sohlen aus Blei gelegt hatte. Der Reporter schrieb dazu: „Die Schuhe sahen so aus wie andere auch, nur daß sie etwas plumper wirkten. Wenn man sie jedoch nichtsahnend in die Hand nahm, ließ man sie glatt zu Boden fallen. So schwer waren die eingelegten Bleisohlen. Anfangs war es für Zabala fast eine Qual, mit diesen Gewichten an den Beinen zu laufen, und er litt an fürchterlichen Muskelschmerzen. Er gewöhnte sich aber daran und war verblüfft, als er dann wieder mit gewöhnlichen Laufschuhen ins Rennen ging. Seine Beine flogen leicht wie Federn dahin.“
Hatte sich Stirling in seinem ersten Jahrzehnt seines Argentinien-Aufenthalts allein der Leichtathletik gewidmet, so begann 1934 ein neues Kapitel in seiner Karriere. Neben seinem geringeren Einsatz für die Leichtathletik widmete er sich, wohl aus finanziellen Gründen, dem Fußballsport. Auch hier sollte der Österreicher ein gefragter Mann werden, in den meisten Fällen wirkte er als Konditionstrainer, manchmal sogar als allein Verantwortlicher für den Fußball. Stirling arbeitete vor dem Zweiten Weltkrieg für Racing Club Buenos Aires und Olympique Lillois, nach 1945 kurz für den 1. Wiener Neustädter SC, dann für Gimnasia y Esgrima La Plata und Oro Guadelajara. Vor allem Racing Club blieb Stirling sein Leben lang verbunden, auch als er in den 50er-Jahren mit Reinaldo Gorno und Osvaldo Suárez wieder Weltklasse-Leichtathleten trainierte und managte.
Im Frühjahr 1936 aber war Stirling zwischen Fußball und Leichtathletik hin- und hergerissen. Die Spiele in Berlin rückten näher, der Argentinische Leichtathletik-Verband bemühte sich, den Österreicher als Funktionär für die Spiele zu gewinnen. Als Organisator und Leichtathletik-Experte war er für Berlin mit seinen Sprachkenntnissen der perfekte Mann. Stirling drängte auch selbst nach diesem Job. Dazu brauchte er die Einwilligung seines Arbeitgebers Racing Club. Diese Freigabe erhielt er, wie es im „Archivo Historico Racing Club“ dokumentiert ist, am 2. April 1936. Parallel zur Aufhebung seines Vertrages gab Racing Club zu Ehren von Alexander Stirling ein Dinner.
Berlin aber wurde kein Highlight für Stirling als Trainer. Im olympischen Marathonlauf 1936 musste Luis Oliva, damals Stirlings wichtigster Mann bei diesen Spielen, aufgeben. Auch Zabala, zunächst Sechster über 10.000 m, stieg im Marathonlauf aus. Stirlings Reaktion auf Zabalas Aufgabe im Marathon ist interessant. Im Wiener „Welt Blatt“ wurde noch einmal betont, dass sich der Argentinier nach seinem Olympiasieg 1932 von seinem österreichischen Betreuer losgesagt hatte: „Er war flügge geworden. Trotzdem (sic!) bedauert Stierling (sic) das Mißgeschick Zabalas.“

Nach seinen Tätigkeiten im Fußballsport bei Racing Club und bei Olympique Lillois, wo er als Herr Steirling (sic) aus England (sic) in Internet-Eintragungen als Trainer geführt wird, kehrte er nach Wiener Neustadt zurück. Wo er sich im Zweiten Weltkrieg aufhielt, liegt im Dunkeln. Laut Mitteilung des Bundesarchivs Berlin war Stirling nicht als Soldat im Krieg. Da wundert es umso mehr, dass Alexander Stirling 1944 in Argentinien totgesagt wurde und Nachrufe auf ihn verfasst wurden…
Am 14. Juni 1944 vermeldete das „Racing Magazine“, dass Stirling umgekommen sei. Im Nachruf heißt es, „Alejandro Stirling, Schöpfer von Champions, ein großer Freund Argentiniens, ein einfacher, lobenswerter und unternehmungslustiger Mann“ musste dem Krieg Tribut zollen. „Er wurde in Stalingrad getötet, wie einer seiner Verwandten mitteilte. Ruhe in Frieden.“
Es sollte bis 1947 dauern, bis diese Todesmeldung in Argentinien revidiert wurde. Erst dann teilte „El Gráfico“ die erlösende Nachricht mit, dass Stirling den Zweiten Weltkrieg überlebt habe. „Ich bin bei bester Gesundheit und möchte nach Buenos Aires zurückkehren“, zitierte das Blatt aus Briefen, die Stirling an Freunde geschrieben hatte. Im September 1947 war Alexander Stirling, „der Totgesagte“, zurück in Buenos Aires und zu Besuch bei „El Gráfico“, wo ihn auch Juan Carlos Zabala begrüßte. Zunächst blieb Stirling noch dem Fußball treu, widmete sich aber Ende der 40er-Jahre in Buenos Aires wieder der „königlichen Sportart – der Leichtathletik“, wie es in seinen Erinnerungen heißt. Der Österreicher brachte in Argentinien „in den folgenden Jahren noch zwei Läufer hervor, von denen man auf der ganzen Welt reden hörte“. Dies waren Reinaldo Gorno und Osvaldo Suárez.

Reinaldo Gorno schwärmte später im Gespräch mit „La Nación“: „Don Alejandro Stirling war ein Meister und ein Freund. Für mich ein Vater!“ Der Österreicher betreute seit Anfang der 50er-Jahre Gorno, womit dessen Olympia-Silber von Helsinki 1952 auf Stirlings Arbeit zurückzuführen ist. Auch mit Gorno kehrte Stirling nach Wien zurück. Als ehemaliger Rapidler weilte er beim 8:0 Rapids gegen den LASK am 15. September 1953 im Stadion und war bei dieser Gelegenheit auch Dolmetscher, als Casildo Oses, Generalmanager von Racing, einen Racing-Wimpel an Rapid-Legende Alfred Körner überreichte. Die Berühmtheit Reinaldo Gornos wuchs weiter – besonders durch seinen Marathonsieg 1954 in Nakamura. Stirling leitete diese Expedition nach Japan. Hier feierte Gorno den größten Triumph seiner Karriere und stellte in 2:24:55 einen weiteren Südamerika-Rekord auf.
Zum Ausklang seiner Trainer-Karriere hatte Stirling das Glück, nach Zabala und Gorno mit Osvaldo Suárez einen dritten ganz großen argentinischen Langstreckenläufer betreuen zu dürfen. Suárez wurde einer der erfolgreichsten argentinischen Läufer aller Zeiten, gewann unter anderem dreimal den Silvesterlauf von São Paulo. In Österreich startete diese Leichtathletik-Größe sogar 1959 und 1961 regelmäßig für den Wiener Großverein WAC, was in Österreich ebenfalls total in Vergessenheit geraten ist.

1964 kehrte Stirling endgültig aus Argentinien nach Wiener Neustadt zurück. Gestorben ist er in Wiener Neustadt in seinem 70. Lebensjahr am 12. Juli 1966. „La Nación“ (Buenos Aires) würdigte ihn in einem Nachruf als einen „optimistischen, jovialen Menschen, einen geborenen Psychologen, der wusste, was ein Athlet wollte und was dieser körperlich und geistig leisten konnte. Stirling hinterlässt im Sport eine ewige Erinnerung, die erneuert werden muss, wenn man sich an die größten Leistungen erinnert.“ Diese Erinnerung lebt in Argentinien aber stärker weiter als in Österreich. Hier kennt niemand mehr Alexander Stirling, der einen Marathon-Olympiasieger hervorgebracht hat.
(*) Brockmann, Olaf: „Alexander Stirling, el maestro“. – In: Aguilera, Rubén; Biscayart, Eduardo; Vinker, Luis: Zabala, el campeón excepcional, Buenos Aires 2022, Seiten 205 – 222; Brockmann, Olaf: „The Transcontinental Coach: Juan Carlos Zabala and his forgotten Master”. – In: Journal of Olympic History 31, Dezember 2022, Seiten 48 – 56
Der erfahrene Laufsportjournalist Olaf Brockmann berichtete von der österreichischen Trainer-Erfolgsstory von Alexander Stirling erstmals in der Frühjahrsausgabe des RunUp 2022 in kürzerer Version.
Autor: Olaf Brockmann
Bilder: Archivo General de la Nación