Newsletter Subscribe
Enter your email address below and subscribe to our newsletter


Es kommt nicht jeden Tag vor, dass ein junger Läufer, der mehrere Goldmedaillen von Staatsmeisterschaften und Österreichischen Meisterschaften zuhause hat, offiziell seinen Rücktritt vom Leistungssport verkündet. Mit 24! Marcel Tobler tat das Ende Mai und beendete seine „Liebesbeziehung mit dem Laufen als professionell denkender Athlet“ in einem Social-Media-Posting. Er verfasste eine Hommage an seine Leidenschaft mit einer langen Liste von Danksagungen: an Trainerin Karin Haußecker, an wichtige Wegbegleiter, an die Familie und an seine Freundin.
Es war keine Entscheidung aus der Emotion heraus. Auch keine aus dem Herzen. Sondern eine, die von Vernunft geprägt ist. Von einem Ausblick, der die Realität nicht verdrängt. Die Analyse aus Gedanken, die wochen- und monatelang beschäftigten und manchmal quälten, ist eine harte, aber konsequente: „Ich sehe keinen realistischen Weg.“ So schloss Marcel Tobler (ULC Riverside Mödling) ein Kapitel, das fast sein ganzes Leben mitbestimmt hat. Mit Weitsicht und Realismus in der Erläuterung nach außen – und mit Emotionen nach innen.
Um im Laufsport großwerden zu können, ist im Jahr 2026 mehr denn je auch auf der europäischen Bühne hochprofessionelles Arbeiten die Grundvoraussetzung. Die Trauben hängen hoch, die Qualifikationsanforderungen für internationale Großevents sind herausfordernd und eine Spitzensportkarriere mit vielschichtigen Herausforderungen verbunden. Dem zugrunde liegt, wie in jedem Lebensbereich, die Sinnfrage. Und die hat sich Marcel Tobler gestellt.
Mit dem Wissen, keinen Platz beim Bundesheer zu bekommen – und damit auch die Möglichkeit eines Grundeinkommens, stellte sich ihm diese Sinnfrage nicht nur auf der sportlichen, sondern auch auf der finanziellen Ebene. Viele junge talentierte Österreicherinnen und Österreicher in diversen Sportarten sind auf tatkräftige familiäre Unterstützung auch in Finanzierungsfragen angewiesen, denn es gibt heutzutage zweifelsfrei einfachere Dinge als die Suche nach Sponsoren und privaten Förderern. Dem 24-Jährigen ist das bewusst. Er spricht darüber im Sinne einer Feststellung, nicht von Kritik oder gar Systemkritik. Im Gespräch mit RunUp.eu bleibt er trittsicher und bedingungslos bei sich, bei seinen Erzählungen und Erklärungen, die durch und durch von Weitsicht und von ehrlichen wie realistischen Einschätzungen geprägt sind.
5. Platz, FISU World University Games 2025 (5.000m)
6. Platz, FISU World University Games 2023 (1.500m)
5x Österreichischer Meister (3x 1.500m, 10km-Straßenlauf, Crosslauf kurz)
2x Crosslauf-EM-Teilnehmer
1x U23-EM-Teilnehmer
Persönliche Bestleistungen:
800m: 1:49,93 Minuten (Wien 2024)
1.500m: 3:39,51 Minuten (Pfungstadt 2024)
3.000m: 7:55,19 Minuten (Linz 2025, Halle)
5.000m: 13:42,22 Minuten (Wien 2025)
5km-Straßenlauf: 14:22 Minuten (Wien 2025)
10km-Straßenlauf: 30:59 Minuten (Amstetten 2025)
„Ich bin 24, meine Ausbildung steht kurz vor dem Abschluss, ich selbst habe im Moment kein stabiles Einkommen“, fasst er zusammen. Für Tobler keine günstigen Voraussetzungen für einen gangbaren Weg in eine Zukunft des Spitzensports. „Denn jetzt wäre es richtig ernst geworden. Im letzten Jahr hatte ich die Universiade noch als letzten Nachwuchshöhepunkt, davor eine schöne Zeit in der U23.“ Der Schritt zu den logischen nächsten großen Zielen – Europameisterschaften, Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen – entspricht einem knallharten Weg. Diese Erfahrung mussten schon viele machen. Dass ihn seit Monaten hartnäckige Beschwerden an der Achillessehne plagen, hat die Motivation nicht unbedingt verstärkt.
Marcel Tobler setzte den Schritt mit Wehmut, aber auch mit einer großen Portion Zufriedenheit. „Alles, was ich im Sport je gemacht habe, habe ich gerne gemacht und es hat mich erfüllt. Und ich bin sehr stolz darauf, was ich erreicht habe, welche Erfolge ich gefeiert habe und welche Zeiten ich gelaufen bin“, betont er. „Die 5.000m unter 14 Minuten, die 3.000m unter acht Minuten und die 1.500m unter 3:40 Minuten – so viele haben das in Österreich bisher noch nicht erreicht!“
Der junge Wiener geht nicht unvorbereitet in eine Zukunft, in der das Laufen seinen Platz behalten wird. Aber anders als bisher. Vielleicht unterscheidet ihn zu anderen ein vielseitiges Interesse, eine Wissbegier auch in anderen Lebensbereichen als den Sport – ohne jemals Abstriche in Disziplin und Ehrgeiz beim Laufen gemacht zu haben.
Für ihn war die Sportkarriere nie das ultimative Überziel auf einem eingleisigen Weg. Er steht vor dem Abschluss des Studiums der Wirtschaftsinformatik an der Universität Wien – und damit vor seinem Berufseinstieg. Er beobachtet neugierig modernste KI-Entwicklungen und interessiert sich für KI-gestützte Automatisierungen von Daten, mit denen sich Unternehmen und Personen beraten ließen. Aber noch ist offen, wohin es ihn verschlägt.
Seit 15 Jahren ist Marcel Tobler mit dem Laufsport verbunden, das ist fast zwei Drittel seiner Lebenszeit. Viele Jahre arbeitete er mit voller Seriosität an der Weiterentwicklung seiner Karriere, in den letzten Jahren mit Trainerin Karin Haußecker. Nun endet der Weg vor dem Schritt in den Hochleistungssport.
Immer wieder sind in den letzten Tagen und Wochen Erinnerungen hochgekommen. Wehmut dominiert beim Durchschauen alter Bilder und in Gedanken, die in der Vergangenheit schwelgen. Sie trieben auch einzelne Tränen in seine Augen. Die Entscheidung, einen Schlussstrich zu ziehen, ist aus der Vernunft heraus gereift. „Ich habe meinen Frieden mit ihr geschlossen!“
Angesichts der Entwicklung der Leistungsstandards, die für eine Teilnahme an Europameisterschaften, Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen gefragt sind, wurde die Perspektive immer unklarer und unsicherer. „Ich habe im Laufsport unzählige tolle Erlebnisse gehabt, an die ich gerne zurückdenke. Der Weg zu weiteren dieser besonderen und unvergesslichen Momente wäre aber extrem hart gewesen. Mit enormen Opfern verbunden. Es wäre nicht mehr rational gewesen, daran festzuhalten. Wenn ich ehrlich bin: Für mich sind diese Ziele unter diesen Voraussetzungen einfach unrealistisch!“
Autor: Thomas Kofler
Bild: © ÖLV / Erik van Leeuwen