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Endlich, sagen die Kenianer. Die zweiterfolgreichste Leichtathletik-Nation im ewigen WM-Medaillenspiegel hinter den USA darf 2029 erstmals die großen Weltmeisterschaften ausrichten. So hat das Council des Leichtathletik-Weltverbandes Mitte des Monats in Budapest entschieden. Nach Generalproben im Nachwuchs in den letzten Jahren sieht World Athletics infrastrukturelle Schwächen beseitigt. Dass die Leichtathletik-WM erst 2031 nach München und damit erst acht Jahre nach Budapest nach Europa zurückkehrt, ist vielen in Europa ein Dorn im Auge. Besonders britische Medien beäugten die Vergabe an ein Land, das in der Leichtathletik als „Doping-Risikonation“ eingestuft ist, kritisch. Für Kenia und für Afrika ist die WM allerdings eine WM der Chancen.
Als die FIFA einst entschied, die Weltmeisterschaft 2010 erstmals nach Afrika zu vergeben und ausschließlich afrikanische Bewerbungen zuließ, setzte das zweitgrößte und neben den Olympischen Spielen bedeutendste Sportevent der Welt einen Kontinent unter Zugzwang. Südafrika hatte schon Erfahrung mit einem bedeutenden Sportevent. Die Rugby-Weltmeisterschaft 1995 und der dramatische Finaltriumph über den großen Rivalen Neuseeland gilt heute als bedeutender Schritt im gesellschaftlichen Wandel aus der dunklen Zeit der Apartheid in Richtung eines besseren Zusammenlebens.
Die Fußball-WM 2010 hinterließ freilich eine große Lücke im Staatshaushalt und löste keine sozialen und wirtschaftliche Probleme im großen Land im Süden Afrikas. Sie schaffte es nicht als Erfolgsstory in die Annalen. Aber sie brachte bahnbrechende Teilaspekte mit sich. So profitierte etwa von der massiven Verbesserung der Infrastruktur nicht nur die südafrikanische Bevölkerung. Der ganzen Region im Süden und Osten Afrikas gelang es durch eine Digitaloffensive, den „Digital Gap“ ein großes Stück zu schließen.
In der Gegenwart schreiben Medienberichte von der Bedeutung der kommenden Fußball-WM 2030 für Mitausrichter Marokko teilweise vom bedeutendsten Ereignis der modernen Geschichte des Landes. Eines, das das politische und wirtschaftliche Geschehen mitdominiert. Ganz diesen Input wird die kleinere Leichtathletik-WM auf Kenias Hauptstadt Nairobi und die ganze Nation nicht haben, kein Zweifel. Und trotzdem wird dieses Sportereignis ein höchst bedeutendes für einen ganzen Kontinenten. Denn in keiner anderen weltumspannenden Sportart ist Afrika so erfolgreich wie in der Leichtathletik.
Lauflegenden wie Eliud Kipchoge, Haile Gebrselassie, Kenenisa Bekele oder Hicham El Guerrouj sind in der Sportwelt überall ein Begriff. Hier, im Laufsport, hat Afrika und besonders die Laufhochburg Kenia ein emotionales Heimspiel. Diese Sportart hat das Potenzial, das ganze Volk in den Bann zu ziehen und Public Viewings zu realisieren, die man bei uns nur bei Fußball-Weltmeisterschaften kennt. In Kenia muss dafür „nur“ ein wichtiger Marathon irgendwo auf der Welt stattfinden. Ganz zu schweigen davon, was in kenianischen Städten los war als Eliud Kipchoge in Wien unter zwei Stunden gelaufen ist oder Sabastian Sawe in London diese Ausnahmeleistung auch bei einem City-Marathon realisiert hat.
Nicht zur deshalb sagte der kenianische Staatspräsident William Ruto: „Die WM kommt nach Hause.“ Nairobi hatte sich für die WM 2025 bereits beworben, gegen Tokio aber klar den kürzeren gezogen. Der kenianische Leichtathletik-Verband (Athletics Kenya) zog sich kleinlaut zurück, verzichtete auf eine Bewerbung für 2027, zog aber die richtigen Lehren. Für den Fußball Afrika Cup 2027 wird das Kasarani Stadion in Nairobi nun nach jahrelangen Querelen endlich entsprechend modernisiert – zwei Fliegen ließen sich mit einer Klappe schlagen. Ähnliches gilt bei den Hotelkapazitäten und weiteren touristischen Faktoren.
Dieses Mal lobte World Athletics Präsident Sebastian Coe die kenianische Bewegung als „fesselnd und emotional“, man merke, dass die Leichtathletik tief in der kenianischen Nation verankert sei. Laut einer Umfrage des Weltverbandes stufen doppelt so viele Kenianer:innen wie im weltweiten Durchschnitt ihr Interesse an der Leichtathletik als hoch ein. Auf den Social-Media-Kanälen von World Athletics sind laut Angaben des Weltverbandes die kenianischen Follower die Nummer vier der Nationen weltweit, gemessen an der Bevölkerungszahl liegt Kenia weltweit jedoch „nur“ auf Rang 26. „Wir werden dem Vertrauen der Leichtathletik-Welt gerecht werden, in dem wir eine unvergessliche WM ausrichten, die unseren Athleten, unserem Land und unserem Kontinent würdig ist“, verspricht Staatspräsident Ruto.
Coe war stets ein Fan einer WM in Afrika, der Brite fühlt sich in seiner bereits dritten Amtszeit weiterhin auf einer Mission, der Leichtathletik ein weltweit gerechtes Wachstum zu ermöglichen. „Uns war nur wichtig, dass zuerst die Qualität der Bedingungen vor Ort stimmt“, sagte er in einem Statement. „Nun ist der Moment gekommen!“ Wärmste Glückwünsche kamen umgehend auch vom Erzrivalen aus Äthiopien. „Die Stimme für Nairobi war indirekt eine Stimme für Afrika. Ich bin so stolz auf Kenia, dass es diese WM bekommen hat. Gleichzeitig ist das eine tolle Nachricht für ganz Afrika“, sagte die äthiopische Lauflegende Haile Gebrselassie.
In Kenia ist man sich offenbar bewusst, dass mit der Vergabe erst ein Schritt geschafft ist. Schließlich ist die Leichtathletik-WM hinter den Olympischen Spielen und der Fußball-WM die größte weltumspannende Sport-Weltmeisterschaft. Die Herausforderung der Modernisierung läuft, die Zeit bis zum Afrika Cup 2027 und der WM 2029 ist knapp.
Nairobi setzte sich gegen die Bewerbungen aus London und Rom durch. Besonders in Großbritanniens Hauptstadt reagierte man enttäuscht auf die Niederlage, schließlich fühlte man sich aufgrund der prächtigen Erfahrungen mit den Olympischen Spielen 2012 und den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2017 als naheliegender WM-Ort für die Rückkehr der Titelkämpfe nach Europa.
Mit der Zusicherung von über 50 Millionen Euro aus öffentlicher Hand und dem Schulterschluss mit dem London Marathon und der Great Run Serie war die britische Hauptstadt ziemlich siegessicher ins Rennen gegangen – und entsprechend enttäuscht nach der Niederlage. „Wir glauben, wir hatten eine grandiose Bewerbung, die den Sport auf ein neues Level gehoben hätte“, so Jack Buckner, CEO des Britischen Leichtathletik-Verbandes (UK Athletics).
Rom, das seine Bewerbung für 2027 kurzfristig aufgrund von Fragezeichen bei der finanziellen Sicherheit zurückgezogen hatte, hatte dieses Mal die Zusicherung der italienischen Regierung einer Finanzleistung in Höhe von 100 Millionen, berichtete die „La Gazzetta dello Sport“. Die vielen leeren Plätze bei der EM 2024 seien wohl als Hypothek bewertet worden, schreibt das Medium.
Die kenianische Tageszeitung „The Star“ zitierte in einem Artikel mehrere aktuelle und ehemalige Athleten zur erfolgreichen WM-Vergabe. Sie sei ein „Meilenstein für den kenianischen Sport und eine mächtige Anerkennung unserer Positionierung in der globalen Leichtathletik“, sagte Marathonläufer Amos Kipruto. Sie stärke die kenianische Leidenschaft für die Leichtathletik und die Talenteförderung im Land. „Wir haben dafür gebetet. Endlich haben wir sie“, so die ehemalige 800m-Weltmeisterin Mary Moraa.
Der ehemalige Weltrekordhalter im Marathon, Patrick Makau, ist überzeugt, dass Kenia bei der Heim-WM dominieren wird: „Unser größter Nachteil, dass wir in die Welt hinaus reisen müssen, wo Bedingungen herrschen, die wir nicht gewohnt sind, fällt weg.“ Damit meint der ehemalige Ausnahmeläufer wohl auch die Höhenlage von rund 1.700m, auf der Nairobi liegt – das ist vergleichbar mit den europäischen Höhentrainingszentren.
Neben dem Jubel in Afrika und besonders in Kenia gibt es auch kritische Stimmen. Mwangi Muthee war OK-Chef bei der U18-WM 2017 in Nairobi und kennt die infrastrukturellen Schwächen, wie er gegenüber der Plattform „Pulse Sports“ erläutert: „Das Kasarani Stadion ist die eine Geschichte. Die andere ist, dass wir fünf bis zehn Trainingsstandorte für die Athletinnen und Athleten brauchen – und zwar mit hoher Qualität.“ 2.000 Athlet:innen aus 200 Nationen kämen nach Nairobi, mahnt er. Das sei eine „riesige Sache. Es gibt hier keinen Kompromiss: Wenn Athleten oder der Weltverband unzufrieden sein sollten, wäre das schlecht für Kenia und für ganz Afrika. Wir haben also keine Zeit zu verlieren!“
Ein Dorn im Auge ist vielen die reichhaltige kenianische Dopinggeschichte. Fast 150 Athletinnen und Athleten aus Kenia sind gegenwärtig laut Daten der Athletics Integrity Unit (AIU) gesperrt, darunter sehr erfolgreiche wie Marathon-Weltrekordhalterin Ruth Chepngetich oder der entthronte 10km-Weltrekordhalter Rhonex Kipruto. Dazu sind die prominenten Dopingfälle von Olympiasiegerin Jemima Sumgong, 1.500m-Superstar Asbel Kiprop oder vom ehemaligen Marathon-Weltrekordhalter Wilson Kipsang noch in frischer Erinnerung. Die Liste ließe sich leicht fortsetzen. Nur die indische Leichtathletik kann noch mehr Dopingsperren beklagen, der russische Verband ist seit über einem Jahrzehnt aufgrund des nationalen Dopingskandals gar suspendiert.
Sportjournalist Lawrence Ostlere schrieb in der britischen Tageszeitung „The Independent“ vor diesem Hintergrund von „keiner schönen Perspektive für den Sport“. In dieselbe Kerbe schlägt Matt Lawton in einem freilich patriotisch gefärbten Kommentar in der britischen Tageszeitung „The Times“ und sieht angesichts von über 300 kenianischen Anti-Doping-Verstößen binnen der letzten zehn Jahren einen Integritätskonflikt mit der WM-Vergabe. Er titelte: „Es ist falsch, dass London die WM an eine vom Doping belastete Nation verloren hat.“ Er findet es außerdem nicht richtig, dass zum ersten Mal überhaupt drei Weltmeisterschaften in Folge außerhalb Europas, dem Kernmarkt der Leichtathletik, stattfinden. WA-Präsident Coe konterte, Nairobi liege in einer Zeitzone, die für europäische Fans bestens harmoniere. Bei World Athletics sei man sich bewusst, dass Europa nach wie vor der wichtigste Markt für die Sportart sei.
Die britische Tageszeitung „The Guardian“ zitierte einen Sprecher der AIU mit den Worten: „Kenia hat sich beim Kampf gegen Doping deutlich verbessert. Wir glauben, dass die WM in Nairobi eine kraftvolle Stütze dafür sein kann, dass die kenianische Regierung weiterhin in den Kampf gegen Doping investieren wird. Die WM wird das Scheinwerferlicht auf einen sauberen Sport werfen.“
Autor: Thomas Kofler
Bild: © Olaf Brockmann