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Es war eine fantastische Rückkehr nach Tokio für Iliass Aouani. Gut fünf Monate nach seinem überraschenden Gewinn der WM-Bronzemedaille im Marathon lief der 30-Jährige beim traditionellen Tokio Marathon seinen mit Abstand schnellsten Marathon und pulverisierte als Gesamt-Sechster mit einer Leistung von 2:04:26 Stunden den bisherigen italienischen Rekord von Yohanes Chiappinelli um eine Minute. Es war auch eine fantastische Rückkehr nach Tokio für Brigid Kosgei und Tadese Takele. Die für die Türkei startende Kenianerin gewann wie vor vier Jahren mit neuem Streckenrekord und lief nahe an ihren ehemaligen Weltrekord heran. Der Äthiopier wiederholte seinen Vorjahressieg in einem faszinierenden Endspurt.
Beim WM-Marathon 2025 hatte Iliass Aouani auf dem Weg zur WM-Medaille eine Kontaktlinse verloren. Dieses Mal lief auf den Straßen der japanischen Metropole alles rund. „Die Rückkehr nach Tokio war wunderschön. Ich werde die Stadt auch überglücklich verlassen“, wird der 30-Jährige auf der Website des italienischen Leichtathletik-Verbandes (FIDAL) zitiert. Nach 2:04:26 Stunden war der Italiener im Ziel und blieb fast eine Minute unter dem bisherigen italienischen Rekord. „Endlich habe ich eine Zeit, die mir den Respekt verschafft, den ich verdiene!“ Er blieb auch klar unter der wichtigen Marke von 2:05 Stunden, womit man in Europa nach wie vor zur einem erlesenen Kreis gehört.
Die Erfolge in den vergangenen Jahren seit dem Einstieg in den Marathon im Jahr 2022, damals das schnellste italienische Marathon-Debüt überhaupt, erstaunen, denn der gebürtige Marokkaner ist ein echter Spätzünder. Während eines Großteils seiner Karriere flog er unter dem Radar, auch während der Ausbildung in den USA erzielte er keine herausragenden Resultate auf der Bahn. In US-Medien rieb man sich verwundert die Augen, wie sich Aouani erstmals den italienischen Marathonrekord schnappte, womit er sich beinahe für die Olympischen Spiele 2024 in Paris qualifiziert hätte, wäre der Konkurrenzkampf in Italien nicht so groß gewesen. Das war im Frühjahr 2023 in Barcelona. Erst kurz davor war etwas Schwung in seine Laufbahn gekommen, der Wechsel in den Straßenlauf kam zum richtigen Zeitpunkt und beflügelte ihn enorm – auch seine Leistungen.
Umso mehr erstaunt, mit welchem Selbstverständnis der Marathon-Sieger der Straßenlauf-Europameisterschaften 2025 in den Tokio Marathon 2026 ging. Er hielt sich an die große Spitzengruppe rund um die afrikanischen Stars und das bis rund sechs Kilometer vor dem Ende. Zu diesem Zeitpunkt bewegte sich die Spitzengruppe auf eine Endzeit von unter 2:04 Stunden hin und damit in die Nähe des Europarekords. Während vorne im Kampf um den Sieg noch einige Sekunden zur Marschroute gewonnen werden konnten, verlor der Italiener noch ein wenig Zeit, was den Erfolg aber nicht schmälerte. „Es war mein großes Ziel, nach den tollen Medaillen im Vorjahr auch einen richtig schnellen Marathon auf die Straße zu bekommen. Jetzt weiß ich, was es für die nächsten Schritte braucht.“ Im Oktober deklarierte er in einem Interview mit der „La Gazzetta dello Sport“ den Europarekord im Marathon und eine gute Platzierung beim New York City Marathon als seine nächsten große Ziele.
Iliass Aouani ist in Mailand aufgewachsen, lebte jedoch jahrelang in Ferrara und trainierte dort unter der Regie von Massimo Magnani. Im Oktober 2023 gab er bekannt, sich von seinem Trainer zu trennen und sich dem ,Tuscany Camp’ unter Cheftrainer Giuseppe Giambrone in der Nähe von Siena anzuschließen.
An der Spitze des Tokio Marathon entwickelte sich im Bemühen um den Sieg eine hochspannende Endphase, die im Endspurt zwischen drei Athleten gipfelte. Wahrlich nicht im ersten spannenden und hautengen Zieleinlauf nach 42,195 anstrengenden Kilometern in den letzten Monaten, hatte Tadese Takele die Gunst des Moments auf seiner Seite. Der Vorjahressieger setzte sich in einer Zeit von 2:03:37 Stunden knapp vor seinem Landsmann Geoffrey Kipchumba durch. Dritter wurde der ehemalige London-Sieger Alexander Mutiso mit nur einer Sekunde Rückstand. Für den 29-jährigen Mutiso war der Zieleinlauf wohl eine Art Deja-vu: Beim New York City Marathon 2025 musste er sich im Endspurt seinem Landsmann Benson Kipruto geschlagen geben, zum zweiten Mal binnen weniger Monate fehlte ihm also ein Hauch auf den ganz großen Erfolg – ganz großes Preisgeld inklusive.
Auch der viertplatzierte Daniel Mateiko hatte gerade einmal sieben Sekunden Verspätung auf Takele, Muktar Edris, ehemals zweimaliger Weltmeister im 5.000m-Lauf, wurde in seinem schnellsten Karrieremarathon Fünfter in 2:04:07 Stunden. Sein Landsmann Selemon Barega, in Tokio 2021 Olympiasieger im 10.000m-Lauf, belegte in 2:05:00 Stunden Position sieben.
Tadese Takele ist erst 23 Jahre alt, hat aber schon eine bewegte Karriere hinter sich. Groß geworden ist er als 3.000m-Hindernisläufer, er gewann Silber bei den Junioren-Weltmeisterschaften 2021 und bei den Afrikameisterschaften im Folgejahr. Früh setzte er jedoch auf den Straßenlauf, 2023 gelang ein Wahnsinns-Marathondebüt in Berlin mit Platz drei und einer Spitzenzeit von 2:03:24 Stunden. Vor einem Jahr gelang beim Tokio Marathon eine persönliche Bestleistung um eine Sekunde und der erste große Marathonsieg, der zweite folgte ein Jahr später in jener Stadt, in der er nun seine letzten drei Marathons absolviert hat. Bei den Weltmeisterschaften freilich erreichte er das Ziel nicht.
Feng Pei You markierte als Elfter der Gesamtwertung in einer Zeit von 2:05:58 Stunden einen neuen Landesrekord und war damit eine Sekunde vor dem besten Japaner des Tages, Suguru Osako, im Ziel. Keiner der japanischen Läufer kam in die Nähe der sub-2:04-Zeit, für die der japanische Verband im Vorfeld einen Fix-Startplatz für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles ausgelobt hat. Versucht hat es Ryuichi Hashimoto mit einem abenteuerlichen Angriff gleich nach dem Start. In Begleitung eines Tempomachers lag er alleine in Führung, bei der Halbmarathon-Zwischenzeit war jedoch lediglich ein kleines Polster übrig geblieben. Am Ende kam er nach 2:11:21 Stunden abgeschlagen und völlig erschöpft ins Ziel.
Cam Levins kam mit einer guten Leistung von 2:06:47 Stunden zwar nicht in die Nähe seines kanadischen Marathonrekords, egalisierte aber kurz vor seinem 37. Geburtstag die zweitbeste kanadische Marathonzeit der Geschichte von Rory Linkletter auf die Sekunde genau. Der Routinier, der in Tokio vor drei Jahren seinen nationalen Rekord von 2:05:36 Stunden gelaufen ist, kam als 14. ins Ziel.
Der Tokio Marathon ist der traditionelle Jahresauftakt der World Marathon Majors. Rund 39.000 angemeldete Läufer:innen bestritten den Marathon in der japanischen Hauptstadt auf der bekannt flachen Strecke. Der Startschuss erfolgte vor dem Regierungsgebäude der Metropolregion Tokio, die Ziellinie war auf der Gyoko-Dori Avenue.
Bei den Frauen entwickelte sich der schnellste Marathon in der Geschichte auf asiatischem Boden. Mit einer Zeit von 2:14:29 Stunden schaffte die 32-jährige Kenianerin, die künftig unter türkischer Flagge an den Start gehen wird (siehe RunUp.eu-Bericht), die zehnte Marathonzeit unter 2:15 Stunden bei der Frauen in der Geschichte dieser Sportart. Mit dieser Leistung holte sich die Kenianerin auch ihren Streckenrekord zurück, den sie bei ihrem viel beachteten Erfolg im Jahr 2022 in einer Zeit von 2:16:02 Stunden – damals eine absolute Topmarke – bereits einmal hielt, aber zwischenzeitlich an Sutume Kebede (2:15:55 Stunden im Jahr 2024) abgeben musste. Dank des Streckenrekordbonus’ verdiente der Star ein Preisgeld in Höhe von 100.000 US-Dollar (das entspricht rund 86.000 Euro).
Die 31-jährige Äthiopierin, die in Tokio einen Sieg-Hattrick anstrebte, war auch in diesem Jahr die Hauptkontrahentin Kosgeis. Bis Kilometer 30 ging sie das enorme Tempo der späteren Siegerin mit, nachdem eine sechsköpfige Spitzengruppe bei der Halbmarathon-Zwischenzeit von 1:07:37 Stunden noch gemeinsam an der Spitze lagen. Trotz der nicht ganz idealen Lufttemperaturen für einen Marathon. Danach beschleunigte Kosgei aus dem ohnehin schon rasanten Tempo noch einmal und Kebede übernahm sich dabei offensichtlich, denn nach der Zwischenzeit bei Kilometer 30 musste sie reduzieren und bezahlte die Quittung.
Bertukan Welde mit einer deutlichen Bestleistung von 2:16:36 Stunden und Chicago-Siegerin Hawi Feysa (2:17:39) überholten sie noch, weswegen Kebede mit derselben Zeit wie Feysa als Gesamt-Vierte nur drittbeste Äthiopierin wurde. Es war allerdings bereits ihre vierte Leistung im Marathon unter 2:18 Stunden. Die 21-jährige Welde war es die bereits dritte großartige Leistung im Marathon nach dem Sieg in Prag 2025 und Platz zwei in Amsterdam wenige Monate später.
Wie stark der Marathon der Frauen besetzt war, zeigt ein Blick auf die Weltrangliste. Drei der Top-Sieben liefen in Tokio. Für die Weltranglisten-Siebte Kosgei war der Erfolg in Tokio der erste bei einem World Marathon Major seit vier Jahren. Bis auf 25 Sekunden lief sie an ihren ehemaligen Weltrekord, aufgestellt beim Chicago Marathon 2014, heran. Die Ergebnisse in letzter Zeit lassen sich auch ohne die ganz große Bühne sehen: 2025 gewann sie den Shanghai Marathon in einer Streckenrekordzeit von 2:16:36 Stunden und belegte davor die Plätze zwei in Hamburg und Sydney.
Den letzten Marathon ihrer Spitzensport-Karriere lief die stärkste Japanerin im Feld. Die 30-jährige Ai Hosoda erreichte in einer Zeit von 2:23:39 Stunden das Ziel als Zehnte. Artjoy Torregosa pulverisierte in einer Zeit von 2:33:54 Stunden den Marathonrekord für die Philippinen.
Autor: Thomas Kofler
Bild: © European Athletics