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Sechs Wochen ist es her, seitdem Alisa Vainio mit einer bewundernswerten Darbietung den EM-Marathon von Birmingham dominierte und in großer Überlegenheit auch vergoldete. Der Erfolgshunger der Finnin ist nicht gestillt, in Berlin strebt sie nach ihrer ersten Marathonleistung unter 2:20 Stunden. Favoritin auf den Sieg ist Tigst Assefa, die den Veranstalter vom Weltrekord träumen lässt. Auch Deutschlands Topläuferin Esther Pfeiffer geht mit großen Träumen ins Rennen.
Alisa Vainio ist ein Phänomen! Diese Schlagzeile schrieb sie schon vor gut einem Jahrzehnt, als sie sich als Jugendliche für den Olympischen Marathon von Rio de Janeiro qualifiziert hatte – und ein Startverbot bekam. Nun ist das Phänomen längst erwachsen und verblüfft die Laufszene. Nicht erst, seitdem sie im Schaufenster der europäischen Lauf-Öffentlichkeit in Birmingham die Konkurrenz in Europa düpierte. Vainio besticht mit einer enormen Konstanz und unüblich vielen Marathon-Wettkämpfen binnen kurzer Zeit. Der Berlin Marathon am Sonntag wird der achte Marathon binnen 54 Wochen – in Valencia soll im Dezember ein weiterer folgen, es wäre der sechste Marathon im laufenden Kalenderjahr. Den Traum von der Olympia-Teilnahme verfolgt sie übrigens heute noch. Konsequenter denn je.
Zugegeben, für Alisa Vainio scheinen die gängigen Empfehlungen nicht zu gelten. 2022 bestritt sie fünf Marathons, darunter jene bei den Weltmeisterschaften in Eugene und Europameisterschaften in München, wo sie aufgeben musste. 2024 lief sie drei Marathons, darunter den Berlin Marathon in damaliger Bestzeit von 2:25:36 Stunden. 2025 eröffnete sie erst im August ihre Wettkampfsaison, es folgten drei Marathons – alle auf hohem Niveau.
Und heuer also voraussichtlich sechs, wobei der Berlin Marathon nicht einmal der erste seit der EM ist. Vor zwei Wochen lief die 28-Jährige bei den finnischen Meisterschaften in Jyäskylä zum Titel in einer Zeit von 2:27:47 Stunden – vielleicht ist das mit ihrer Klasse schon ein Schonprogramm. „Das war wie ein Trainingslauf und er hat sich locker angefühlt“, beschwichtigte sie in Berlin.
Dieses beeindruckende Niveau erklärte ihr Trainer Jarmo Viskari in finnischen Medien bereits im Frühling mit der längeren Phase kontinuierlichen Trainings, welche weder durch Verletzungen noch durch Krankheiten unterbrochen worden ist. Damit habe Vainio auf dem Fundament der vielen Trainingsjahre eine beachtliche Entwicklung aufbauen und ihr Niveau deutlich verbessern können. Davor wäre sie immer wieder verletzt oder krank gewesen, zuletzt verpasste sie aufgrund einer bakteriellen Atemwegsinfektion die halbe Wettkampfsaison 2025. Aus dieser Pause kam sie erstaunlicherweise gestärkt zurück.
Ihr Körper scheint außerdem Ausnahmebelastungen gut wegzustecken. Der finnische TV-Sender YLE berichtete rund um die EM 2026, dass die Athletin reihenweise 200 bis gar 250 Kilometer in der Woche abspult und dabei sechs bis sieben anspruchsvolle Einheiten unterbringt. Viskari sagte im finnischen Fernsehen, dass er dem Körpergefühl seiner Athletin blind vertraue, weil diese ein so ausgeprägtes habe, dass er den Trainingsplan daran ausrichte.
Dreimal hat Vainio in den letzten zwölf Monaten den finnischen Marathonrekord verbessert, mittlerweile ist sie vor der norwegischen Lauflegende Ingrid Kristiansen die schnellste Marathonläuferin der skandinavischen Sportgeschichte. Das nächste Upgrade ihrer Bestzeit soll am Sonntag gelingen, eine größere Gruppe läuft auf eine Zeit unter 2:20 Stunden an. „Hoffentlich schaffe ich eine 2:19er Zeit“, sagte Vainio heute. Mindestens eine persönliche Bestleistung sollte es schon sein.
Seit einiger Zeit ist Alisa Vainio fast alles gelungen, was sie im Marathon angefasst hat. Sollte das in Berlin am Sonntag anders sein, gibt es in ihrer Planung immer noch den Valencia Marathon im Dezember, der auch mit sub-2:20-Stunden-Zielen optimal harmoniert.
13 Athletinnen mit Bestleistungen unter 2:22 Stunden – und damit so viele wie nie zuvor in der Veranstaltungsgeschichte – nehmen den Berlin Marathon 2026 in Angriff. Aufgrund der hohen Temperaturen in den letzten Jahren hat der Veranstalter die traditionelle Startzeit um eine halbe Stunde auf 8:45 Uhr vorverlegt. Auch an diesem Sonntag könnte es bei Temperaturen um 13°C zum Start besonders für die Hobbyläufer:innen in den Mittagsstunden unangenehm warm werden.
Dennoch freut sich Jürgen Lock, CEO der SCC Events, auf das Marathon-Fest am Sonntag: „Menschen ganz unterschiedlichen Alters und aus aller Welt kommen hier zusammen und machen den BMW Berlin Marathon zu einem großen, internationalen, völkerverbindenden Sportgroßereignis!“
Besonders nach der verletzungsbedingten Absage von sub-2-Genie Sabastian Sawe konzentriert sich Berlins Hoffnung auf eine Rückholaktion eines Weltrekords auf eine Person, Tigst Assefa. Und damit ist die Äthiopierin folgerichtig in der Kommunikation des Veranstalters die große Story des BMW Berlin Marathon 2026.
Als drittschnellste Läuferin der Geschichte muss die 29-jährige Äthiopierin allerdings zwei Minuten ihrer persönlichen Bestleistung abraspeln, um die 2:09:56 Stunden der derzeit gesperrten Kenianerin Ruth Chepngetich vom Chicago Marathon 2024 zu unterbieten. Quasi als Generalprobe gelang Assefa beim diesjährigen London Marathon ein „Women’s Only“-Weltrekord in einer Zeit von 2:15:41 Stunden. Also ein Weltrekord bei einem Marathon mit reinem Frauen-Elitestart und ohne männlichen Tempomachern als Unterstützung.
Assefa hat in Berlin schon zweimal Marathon-Geschichte geschrieben: 2022 mit einem Traumlauf aus dem Nichts in Streckenrekordzeit von 2:15:37 Stunden und ein Jahr später, als sie den damaligen Weltrekord um über zwei Minuten auf eine Zeit von 2:11:53 Stunden verbesserte. Beim heutigen Pressetermin in Berlin reagierte der äthiopische Star, wie immer unterstützt von einem Übersetzer, zurückhaltend auf die Frage aller Fragen: „Ich freue mich sehr, wieder auf der schnellen Strecke von Berlin laufen zu können und hoffe, meine Erfolgsgeschichte hier fortsetzen zu können. Ich bin gut vorbereitet, daher möchte ich meine Bestzeit unterbieten.“ Auf Halbweg zum Weltrekord liegt übrigens der äthiopische Rekord von Fotyen Tesfay (2:10:51).

Die Konkurrenz um den Sieg, zumindest in theoretischer Natur, wird von Vorjahressiegerin Rosemary Wanjiru aus Kenia angeführt, die sich für Sonntag eine Steigerung ihrer Bestzeit auf unter 2:15 Stunden vornimmt. Ihr jüngster Marathon in Tokio ging mit Platz elf aber ziemlich daneben.
Mit Bedatu Hirpa, die 2025 den Dubai und Paris Marathon gewonnen hat, Dera Dida, Ehefrau von Olympiasieger Tamirat Tola, und Zeineba Yimer sind weitere starke äthiopische Läuferinnen im Feld, die die schnelle Berliner Strecke zu neuen individuellen Höchstleistungen nutzen könnten. Ex-Weltmeisterin Amane Beriso, eine Trainingspartnerin Assefas, musste dagegen kurzfristig absagen.
Aus deutscher Sicht ist Esther Pfeiffer die große Hoffnung. Die 28-jährige Ehefrau von Hendrik Pfeiffer ist eine Aufsteigerin im deutschen Laufsport und wurde 2025 bei der Umfrage des DLV gemeinsam mit den German Road Races zu Deutschlands Läuferin des Jahres gewählt. Sie bestreitet nun ihren ersten ernsthaften Marathon.
Da erstaunte die Ankündigung des Berlin Marathon, sie wolle den deutschen Marathonrekord von Irina Mikitenko, die 2008 in Berlin in einer Zeit von 2:19:19 Stunden triumphierte, attackieren, sehr – zumal Pfeiffers Halbmarathon-Bestleistung von 1:07:25 Stunden, aufgestellt beim Berliner Halbmarathon in diesem Frühjahr, zwar keine schlechte ist, aber nicht unbedingt für eine Marathonleistung unter 2:20 Stunden bei einem Quasi-Debüt verdächtig ist.

Doch Pfeiffer wiederholte ihre Ambitionen beim heutigen Pressetermin voller Selbstvertrauen und wird in der Gruppe mit Alisa Vainio mitlaufen. „Ich werde ein Tempo einschlagen, das auf den deutschen Rekord hinausläuft. Das ist mein großes Ziel und die Jagd soll am Sonntag beginnen“, sagte sie.
Die zweite prominente deutsche Läuferin im Rennen ist Laura Hottenrott. Die 34-Jährige hat wie Vainio den EM-Marathon in Birmingham bestritten und war dort beste Deutsche, wenngleich sie ihrer Rolle als Medaillenkandidatin nicht gerecht werden konnte. Wie die finnische Europameisterin ist auch die Deutsche eine hohe Wettkampfdichte selbst auf den langen Distanzen gewohnt. Ihren ersten Marathon seit Dezember läuft Sebastians Ehefrau Kristina Hendel, 2022 Teil des erfolgreichen deutschen Marathonteams bei der Heim-EM in München.
Autor: Thomas Kofler
Bilder: © SCC Events / Petko Beier, © Maja Hitij / Getty Images for European Athletics