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Alle paar Jahre, so wissen erfahrene Beobachter:innen der Szene, bläst der Wind beim Boston Marathon nicht von der Küste ins Landesinnere. Sondern vom Landesinneren Richtung Meer, in Laufrichtung. Im unwahrscheinlicheren Fall – und das war am gestrigen Patriot’s Day so – genießen die Läufer:innen 42,195 Kilometer Rückenwind. Und daher ging gestern die Post ab.
Highlight der vielen Topleistungen ist der neue Streckenrekord von 2:01:52 Stunden durch John Korir. Es ist der vierte große Marathon-Triumph des 29-Jährigen nach jenen in Chicago 2024, in Boston im Vorjahr und in Valencia 2025. Weltmeister Alphonce Felix Simbu bestach mit dem zweiten Platz noch vor dem ehemaligen Sieger Benson Kipruto, beide sub-2:03. Acht Läufer blieben bei diesem denkwürdigen Rennen unter 2:05 Stunden, darunter auch der ehemalige Europameister Richard Ringer. Keine Chance hatte dagegen der ehemalige New York Sieger Abdi Nageeye aus den Niederlanden.
John Korir attackierte an der mythischen Stelle des Boston Marathon – am Heartbreak Hill. Und er attackierte mit Nachdruck, vielleicht auch in Erinnerung, dass er genau hier bereits beim letztjährigen Boston Marathon aktiv gelaufen war, aber die Vorentscheidung nicht geschafft hatte.
Dieses Mal zerbrach die Vehemenz die Konkurrenz und der 29-Jährige schrieb die Geschichte der 130. Auflage des Traditionsmarathons von Hopkinton nach Boston aus seiner Feder. Nach 2:01:52 Stunden endete eine der eindrucksvollsten Marathonleistungen der Geschichte, der Streckenrekord von Geoffrey Mutai aus dem Rückenwindrennen von 2011 fiel um 70 Sekunden.
Die zweite Marathon-Hälfte, die mit den Anstiegen beginnt und dem langen Bergabstück nach Boston das Finale vorbereitet, hat Korir in gerade einmal einer Stunde und zwei Sekunden zurückgelegt. Wie Let’sRun.com berichtet, brauchte der Sieger von Kilometer 40 bis zum Ziel nur 6:04 Minuten – nur Yemane Crippa war in der Historie dieses Sports im denkwürdigen Finale des Paris Marathon letzte Woche noch schneller.
2:01:52 Stunden lautet der neue Streckenrekord des Boston Marathon – bekannterweise ein Klassiker mit herausforderndem Streckenprofil und Anstiegen im Mittelteil sowie ohne Tempomacher im Rennen. Nur der Chicago Marathon, der Berlin Marathon der London Marathon und der Valencia Marathon haben bei den Männern nun noch schnellere Streckenrekorde.
Der Boston Marathon 2026 wird auf jeden Fall in die Geschichte eingehen. 13 Läufer blieben unter 2:06 Stunden – das sind mehr als bisher in der Veranstaltungshistorie summiert, wie „Let’sRun.com“ hervorhebt. 20 Läufer waren schneller als 2:08 und 28 schneller als 2:10 Stunden. Für die Positionen eins bis zehn wurden allesamt die Rekordzeiten für die entsprechende Platzierung innerhalb der Veranstaltungshistorie erzielt.
John Korir, gemeinsam mit Sebastian Sawe und Jacob Kiplimo, deren Duell am kommenden Sonntag in London das nächste Marathon-Highlight garantiert, wohl der Star der aktuellen Szene, war der Hauptprotagonist des Boston Marathon 2026. Der Kenianer kann auf eine imposante Siegesserie verweisen, die nur vom letzten Chicago Marathon unterbrochen wurde. Damals war Korir das Weltrekordtempo von Jacob Kiplimo mitgegangen. Der Ugander siegte, auch wenn er im Finale Zeit verlor – Korir musste vorher aus dem Rennen aussteigen, weil das hohe Tempo ihm buchstäblich auf den Magen geschlagen hatte.
In Boston wies der 29-Jährige nun auf phänomenale Weise wie schon in Valencia im Dezember nach, dass er die Tempohärte auch in dieser Supergeschwindigkeit hat. Für Sieg und Streckenrekord verdiente er eine Prämie von 200.000 US-Dollar (das entspricht rund 170.000 Euro).
Die Zeit des fünftplatzierten Zouhair Talbi von 2:03:45 Stunden ist die mit Abstand schnellste, die jemals ein Läufer aus den USA erzielt hätte, würde sie in Rekordlisten geführt. Die Zeit des sechstplatzierten Tebello Ramakongoana wäre eine Verbesserung um exakt zwei Minuten seines eigenen Landesrekords für Lesotho. Charles Hicks, gebürtiger Brite und wie Talbi vor kurzem eingebürgert, blieb ebenfalls unter dem offiziellen US-Rekord von Conner Mantz. Dieser fehlte in diesem Jahr aufgrund einer Stressfraktur.
Richard Ringer (2:04:47) blieb als dritter Deutscher im Marathon unter 2:05 Stunden und erzielte laut dem deutschen Laufsport-Journalisten Jörg Wenig die erste Top-Ten-Platzierung eines deutschen Marathonläufers beim Klassiker seit 94 Jahren. „Wenn man 2:04 läuft und dann ,nur’ Achter wird, zeigt das, dass die Konkurrenz einfach wahnsinnig stark war. Ich habe einige starke Athleten hinter mir gelassen und bin stolz auf mein Rennen. Die Anfeuerung der Zuschauer war einfach unglaublich, so etwas habe ich noch nicht erlebt“, wird der 37-Jährige auf der Website des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) zitiert. Für Ringer war der Boston Marathon die hochemotionale Rückkehr auf die Marathonbühne, nach der persönlichen Tragödie rund um die stille Geburt seiner Tochter im Herbst letzten Jahres.
Auch sein Landsmann Hendrik Pfeiffer sah in den perfekten Bedingungen seine Stunde gekommen. Im Mittelteil des Rennens lief er sogar ganz vorne, obwohl die Angangszeit für den Halbmarathon in unter 1:02 Stunden schnell war. Die Zeit von 2:06:34 Stunden ist die beste seiner bisherigen Karriere.
Die Strecke des Boston Marathon erfüllt nicht die Kriterien, um die Zeiten in die Rekordlisten von World Athletics zu integrieren. Einerseits ist das Gesamtgefälle zu groß, andererseits liegen Start- und Ziel zu weit auseinander. Damit verhindert World Athletics von Rückenwind beeinträchtigte Rennen – wie beim Boston Marathon 2026 geschehen.
Als Folge gelten die Leistungen des Boston Marathon nur als persönliche Bestleistungen, können aber in die Bestenlisten eingetragen werden. Somit können beim Boston Marathon keine offizielle Landesrekorde gelaufen werden. Üblicherweise gilt der Boston Marathon eigentlich neben dem New York City Marathon als „langsamster“ der Top-Marathons der Welt, weil die beiden Traditionsevents auf den Einsatz Tempomacher verzichten.
Zum ersten Mal seit über drei Jahrzehnten konnten beide Titelverteidiger neuerlich die Ziellinie des Boston Marathon auf der Boylston Street als Erste überqueren. Denn im Frauenrennen setzte sich nach einer kräftigen Beschleunigung sieben Kilometer vor dem Ziel Sharon Lokedi in einer Zeit von 2:18:51 Stunden vor ihren kenianischen Landsfrauen Loice Chemnung (2:19:35), Siegerin des Barcelona Halbmarathon 2026, und Mary Ngugi-Cooper (2:20:07), die bereits zum siebten Mal den Boston Marathon bestritt, durch. Die beiden sub-2:20-Zeiten sind erst die Nummer fünf und sechs in der Geschichte des Boston Marathon. Ein neuer Streckenrekord gelang hauptsächlich deshalb nicht, weil Lokedi selbst sich in einem epischen Duell mit Hellen Obiri im vergangenen Jahr in einen sportlichen Rausch gelaufen ist.
Ihr Prunkstück in diesem Jahr war die Passage zwischen Kilometer 35 und Kilometer 40, in der sie einen Schnitt von unter 3:00 Minuten gelaufen ist – das ist trotz der anfänglich leicht bergabführenden Strecke ein unglaublicher Split! Laut der Statistik von Track and Field News ist das das schnellste Marathon-Finish zwischen Kilometer 35 und der Ziellinie aller Zeiten. Die 32-Jährige wurde ihrer Favoritinnenrolle gerecht und feierte ihren dritten World Marathon Major Sieg nach New York 2022 und Boston 2025.
Eine besondere Leistung gelang der 47-jährigen Australierin Lisa Weightman, wie „Let’sRun.com“ betonte. Sie finishte das Rennen in einer Zeit von 2:32:41 Stunden auf Position 22 und ist nun die erste Läuferin aller Zeiten, die alle sieben Abbott World Marathons, einen Olympischen Marathon, einen WM-Marathon und einen Marathon bei den Commonwealth Games gefinisht hat.
Ein starkes Rennen lief die US-Amerikanerin Jess McClain, die als Fünfte in einer Zeit von 2:20:49 Stunden ins Ziel kam. Schneller ist noch nie eine US-Läuferin auf dieser Strecke gelaufen. Sie selbst stand bis dato bei einer offiziellen persönlichen Bestleistung von 2:25:46 Stunden, ihr Potenzial hat sie aber als WM-Achte letztes Jahr in Tokio aufgezeigt. Drei ihrer Landsfrauen, Annie Frisbie, Emily Sisson und Carrie Eilwood, kamen ebenso mit starken Leistungen unter die besten Zehn des Tages. Für Sisson war es ihr Boston-Debüt. Europäische Spitzenläuferinnen waren in diesem Jahr keine am Start. Insgesamt erreichten knapp 29.000 Marathon:läuferinnen das Ziel bei jenem Event mit den strengsten Qualifikationsregeln der Welt – darunter 45 Österreicher:innen.
Autor: Thomas Kofler
Bild: Pixabay