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Bisher zählten internationale Meisterschaften bei den Erwachsenen nicht zu den Erfolgsgeschichten von Frederik Ruppert. Zweieinhalb Monate nach seinem Sahne-Europarekord in Rabat wurde er bei den Europameisterschaften von Birmingham seiner Rolle souverän gerecht und sicherte sich die Goldmedaille. Damit hat Deutschland 28 Jahre nach Damian Kallabis wieder einen Hindernislauf-Europameister.
Frederik Ruppert hat bei den Europameisterschaften die mit Abstand stärkste Saison seiner Karriere mit EM-Gold gekrönt. Nicht nur in seiner Spezialdisziplin, auch auf flachen Strecken gelangen ihm massive Steigerungen, Highlight war natürlich der Europarekord in Rabat, bei dem er als erster Europäer die Acht-Minuten-Marke unterbot. Er hätte zu Beginn seiner Karriere nie gedacht, dass das möglich sei, sagte er im Laufe der Saison in einem Interview mit „Let’sRun.com“.
Nun führte ihn ein kontrollierter Lauf zu einem souveränen EM-Titel in einer Zeit von 8:25,33 Minuten. „Ich wollte aus allen Troubles draußen bleiben, daher bin ich vorne gelaufen. Trotzdem hatte ich im Finale noch genügend Energie, um das Rennen zu gewinnen. Ich hatte extrem viel Selbstvertrauen vor dem Start und das hilft, zumal ich vielleicht nicht die allerbeste Technik habe“, analysierte der 29-Jährige.
Der von der Österreicherin Isabelle Baumann trainierte Athlet trat in Birmingham in große Fußstapfen in einer Disziplin, in der Deutschland sowohl bei den Frauen (drei EM-Titel von Gesa Krause) als auch bei den Männern traditionell sehr stark ist. Dennoch lag die letzte deutsche EM-Goldmedaille vor dem Rennen schon 28 Jahre zurück. Insgesamt ist es der vierte EM-Titel in dieser Disziplin für Deutschland, BRD und DDR summiert. Nur Frankreich hat mit acht Titeln, darunter alleine vier durch Mahiedine Mekhissi, mehr.
Überhaupt war die EM 2026 für den Deutschen Leichtathletik-Verband mit sechs Gold-, zehn Silber- und fünf Bronzemedaillen ein Erfolg. Sowohl im Medaillenspiegel als auch im Placing Table rangiert Deutschland hinter Italien und Großbritannien auf Position drei. Die Zahl von 21 Medaillen konnte nur Italien mit 22 übertreffen.

Mit einer verheerenden Bilanz von 1:8 in den direkten Duellen gegen seinen Landsmann Karl Bebendorf ging Ruppert in den Finallauf von Birmingham. Und der 30-Jährige galt auch als sein einzig realistischer Kontrahent, nachdem er sich mit seinem Sieg beim Diamond-League-Meeting in Paris deutlich verbessern konnte. Auch bei den letzten Europameisterschaften in Rom – und nebenbei bei diversen deutschen Meisterschaften – ging Bebendorf als Sieger dieses Duells hervor. Damals, 2024, ging es um Bronze.
Dieses Mal war alles anders – Ruppert ist die Nummer eins. Und Duell im wahren Sinne kam erst gar keines zustande. Denn Bebendorf agierte nicht nur während der ersten sechs Runden erstaunlich weit hinten, sondern auch in jener Phase, als vorne der Spanier Daniel Arce und sein Landsmann die Zügel anzogen. Als der Zug beinahe schon abgefahren schien, führte Bebendorfs Finish ihn in einer Zeit von 8:26,65 Minuten immerhin noch auf Platz drei – Bronze wie in Rom. „Ich habe alles gegeben, aber klar: Das ist eine Enttäuschung“, versuchte er erst gar nicht, seine Leistung schön zu reden. Er hätte um Gold laufen wollen, auch wenn diese Ambitionen hoch seien.„Ich habe ein paar technische Fehler gemacht. Ich weiß, dass ich einen Superkick habe. Aber ich bin einfach zu weit hinten losgetigert.“
Bebendorf hatte 2025 mit dem Tod seiner Mutter nach langer Krankheit einen schweren Schicksalsschlag erlitten, von dem er sich erholen musste. Sie war seine große Unterstützerin. Er konnte sich zu Saisonbeginn in einem Art Neustart dem On Athletics Club Europe unter dem deutschen Cheftrainer Thomas Dreißigacker anschließen und trainiert damit erstmals in einer leistungsstarken Trainingsgruppe. In einem Interview mit „Runner’s World“ beschrieb er diese beiden Einschnitte mit folgenden Worten: „Für mich fühlte es sich an, als hätte ich ein Stück weit meine alte Identität hinter mir gelassen und einen neuen Lebensabschnitt begonnen.“
Das Nachsehen im Kampf um die letzte Medaille hatte der spanische Routinier Daniel Arce, der davor viel investiert und das Tempo bestimmt hatte. Die Sensation des Rennens war Ruben Querinjean aus Luxemburg, der in 8:25,61 Minuten die Silbermedaille holte. Damit schrieb der 24-jährige Leichtathletik-Geschichte für das Herzogtum, das die zweite EM-Medaille überhaupt feierte. Vor 20 Jahren war David Fiegen im 800m-Lauf ebenfalls Zweiter. „Ich habe mir irre stark gefühlt und habe die Chance gesehen, also habe ich alles reingelegt“, so Querinjean. „Ich bin so stolz, die erste Medaille für Luxemburg hier bei dieser EM gewonnen zu haben und hoffe, dass ich einige junge Athleten bei mir daheim inspirieren kann.“
Ganz aus heiterem Himmel kam die Medaille freilich nicht. Querinjean, der in Belgien geboren ist und beide Staatsbürgerschaften hat, hat sich in den letzten Jahren sukzessive gesteigert und 2025 in Brüssel sogar bereits ein Diamond-League-Rennen gewonnen. Im letzten Jahr stand er überdies im WM-Finale (10.) und wurde Studentenweltmeister. Die Folge: Er wurde zu Luxemburgs Sportler des Jahres 2025 gekürt. Auch 2026 ist er nun heißer Favorit!
Autor: Thomas Kofler
Bild: © European Athletics