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Favoritensterben: Isaac Nader zu 1.500m-Gold

Der Portugiese Isaac Nader krönte sich dank eines phänomenalen Schlussspurts zum neuen Weltmeister im 1.500m-Lauf – hauchzart vor Jake Wightman.
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Das WM-Finale im mit so viel Spannung erwarteten 1.500m-Lauf endete mit einem Zieleinlauf, mit dem niemand gerechnet hat: Isaac Nader triumphierte vor Jake Wightman und Reynold Cheruiyot, während eine Handvoll Topfavoriten größtenteils frühzeitig gescheitert war. Eine Serie an Überraschungen – oder wie Jonathan Gault, Chefredakteur der amerikanischen Fachplattform „Let’sRun.com“, kommentierte: „Du kannst die Szene studieren, sie analysieren, eine Vorhersage versuchen. Aber manchmal lacht der 1.500m-Lauf der Männer dich aus und spuckt dir ins Gesicht.“

Und plötzlich humpelte er. Er humpelte schnell. Fast so schnell, wie er vorher gelaufen ist. Aber der unflüssige, roboterartige Bewegungsablauf war unübersehbar. Josh Kerr, Weltmeister von Budapest und ein personifiziertes Selbstbewusstsein, war geschlagen. Dort, wo er drei Jahre zuvor mit der Olympia-Bronzemedaille seinen internationalen Durchbruch geschafft hatte, musste er sich von einer Seite zeigen, die ihm gar nicht taugt. Verwundbar, besiegbar.

Seine Wadenmuskulatur hatte plötzlich zugemacht und ist in einem Krampf erstarrt. Josh Kerr war nicht mehr kompetitiv, die letzte Runde trabte er ins Ziel. „Weil es mein Job ist“, sagte er nachher. Sein muskuläres Problem führte die Serie an verhinderten Favoriten und Medaillenkandidaten im 1.500m nahtlos fort. Diese Serie erhielt einen zweiten Höhepunkt, als der bisher in dieser Saison so souveräne und besonders in Schlussphasen überzeugend starke Niels Laros auf der Zielgerade plötzlich an Tempo verlor und von der zweiten Position hinter Jake Wightman, die sich perfekt zur Attacke geeignet hätte, auf Position fünf durchgereicht wurde. Der 20-Jährige, neben Kerr der einzige aus den Top-Neun des Olympischen Finals von Paris, der im WM-Finale noch dabei war, blieb unerwartet ohne Edelmetall.

Ergebnis 1.500m-Lauf der Männer, WM 2025
Gold: Isaac Nader (Portugal) 3:34,10 Minuten
Silber: Jake Wightman (Großbritannien) 3:34,12 Minuten
Bronze: Reynold Cheruiyot (Kenia) 3:34,25 Minuten

 
4. Timothy Cheruiyot (Kenia) 3:34,50 Minuten
5. Niels Laros (Niederlande) 3:34,52 Minuten
6. Robert Farken (Deutschland) 3:35,15 Minuten
7. Federico Riva (Italien) 3:35,33 Minuten
8. Adrian Ben (Spanien) 3:35,38 Minuten
9. Tshepo Tshite (Südafrika) 3:35,50 Minuten
10. Neil Gourley (Großbritannien) 3:35,56 Minuten
11. Samuel Pihlström (Schweden) 3:35,74 Minuten
12. Andrew Coscoran (Irland) 3:35,87 Minuten
13. Jonah Koech (USA) 3:37,00 Minuten
14. Josh Kerr (Großbritannien) 4:11,23 Minuten

Eine große Überraschung

Die Geschichte des Rennens war eine andere: In einer anspruchsvollen Disziplin, in der historisch oft Legenden reüssierten (Hicham El Guerrouj, Noureddine Morceli, Bernard Lagat, Aspel Kiprop), ereignete sich in Tokio die größte WM-Überraschung der 1.500m-Geschichte: Isaac Nader aus Portugal ist der neue Weltmeister, der dritte europäische in Folge. „Ich habe keine Worte für das, was da passiert ist. Ich habe an mich geglaubt und mein Umfeld hat an mich geglaubt“, jubelte der 26-Jährige, 2024 noch im Olympia-Halbfinale weit weg von einer Finalqualifikation und Zehnter bei den Europameisterschaften. Der in Faro geborene Iberer steigert sich seit Jahren kontinuierlich und hat in diesem Jahr erstmals die Zeit von 3:30 Minuten unterboten. Außerdem gelangen mit dem Diamond-League-Sieg in Oslo (Meile) und mit der Hallen-EM-Bronzemedaille in Apeldoorn erste bemerkenswerte Erfolge.

© Christel Saneh for World Athletics

Ein selbstbewusster Außenseiter

Aber keine dieser Vorzeichen legitimierte, in Nader einen wahrscheinlichen Sieger von Tokio zu sehen. Auch nicht drei portugiesische Rekorde, aus denen vielleicht sogar der Unterdistanzrekord von 1:43,86 Minuten im 800m-Lauf hervorsticht. Gewonnen hat der Portugiese aufgrund eines unwahrscheinlich sensationellen Schussspurts. 12,29 Sekunden benötigte er für die letzten 100 Meter laut offizieller Auswertung von World Athletics. Das ist nicht nur absurd schnell, sondern auch um vier Zehntelsekunden schneller als der zweitbeste Schlussspurt – jener von Bronzemedaillengewinner Reynold Cheruiyot. Damit verbesserte sich Nader aus der Kurve heraus noch von Position fünf aus an die Spitze. Zu Beginn der letzten Runde war er nur Neunter, allerdings in einem dichten Feld.

Die Siegerzeit von 3:34,10 Minuten ist die „langsamste“ WM-Siegerzeit seit zehn Jahren, seit der Ära Asbel Kiprop. In den letzten drei WM-Rennen lag sie jeweils unter 3:30 Minuten. Der Rennverlauf in diesem Finale, ganz ohne den Akteur, der à la Ingebrigtsen in Topform Tempo bolzt, war haargenau maßgeschneidert für den Portugiesen, der in den Interviews nachher kein Wort darüber verlor, dass er seinen Triumph als Überraschung einstufen würde.

Premiere für Portugal

Isaac Naders WM-Goldmedaille ist die erste eines portugiesischen Läufers in der Geschichte von Weltmeisterschaften und die achte für den portugiesischen Verband insgesamt. Portugal ist aber ein Land der großen Läuferinnen und Läufer. Bei Weltmeisterschaften holten bisher die Läuferinnen die großen Erfolge. Rose Mota (1987) und Manuela Machado (1995) gewannen Marathon-WM-Gold, Fernando Ribeiro 1995 den 10.000m-Lauf, Carla Sacramento 1997 den 1.500m-Lauf. Die bisher einzige WM-Medaille eines portugiesischen Läufers sicherte sich Rui Silva im Jahr 2005, wie Nader im 1.500m-Lauf.

Zwei Hundertstel am zweiten Titel vorbei

Naders Sensationsspurt nahm der Comeback-Story von Jake Wightman etwas an Glanz. Der Weltmeister von 2022, in einem denkwürdigen, langen Spurt gegen Jakob Ingebrigtsen, hatte nach seinem großen Triumph ein Seuchenjahr nach dem nächsten, Verletzungen und Probleme überall. Der Schotte kündigte seinen Vater Geoff, der auch Stadionsprecher für World Athletics bei den Großevents ist, als Trainer. „Der Zeitpunkt ist gekommen, an dem wir beide sowohl auf physischer als auch psychischer Ebene getrennte Wege gehen müssen“, veröffentlichte der Athlet damals in sozialen Netzwerken und bedankte sich für den jahrelangen Einsatz seines Vaters. „Unsere Vater-Sohn-Beziehung wird besser werden, frei vom Stress des Spitzensports. Ich hoffe, wir können beide mit Stolz darauf blicken, was wir gemeinsam erreicht haben.“

2025 ist die erste Saison, die der 31-Jährige wieder durchlaufen konnte – zumindest outdoor. Nicht auf übertrieben hohem Niveau, aber durchaus mit aufmunternden Resultaten. Sie stand unter dem Motto: Wiedergutmachung für die von Verletzungen geprägten Jahre davor. Der Formaufbau passte perfekt, Wightman zeigte sich bei seinem ersten globalen Großereignis seit drei Jahren schon im Vorlauf und im Halbfinale stark. Auch im Finale lief er mutig, jagte dem Kenianer Timothy Cheruiyot, einer von gleich drei 1.500m-Weltmeistern im Feld, vor der letzten Kurve des Rennens die Führung ab und spurtete Richtung Ziel. Vergleichbar, wie vor drei Jahren in Eugene.

„Bitter-süß“

Weil in seinem Rücken Laros langsamer wurde, sah Wightman schon wie der sichere Sieger aus. Im letzten Atemzug wurde er noch vom entfesselten Nader übertrumpft, in einer Zeit von 3:34,12 Minuten fehlten zwei winzige Hundertstelsekunden. „Ich habe nicht gesehen, was hinter mir passiert ist. Ich war voll auf mein Rennen fokussiert. Es ist bitter-süß, so knapp an Gold vorbeigeschrammt zu sein. Aber ich bin schon glücklich mit Silber, ich hätte nicht mehr in die Waagschale werfen können“, kommentierte Wightman.

Der zarte Unterschied entstand auch, weil der Portugiese ins Ziel hechtete: „Das war wahrscheinlich das erste Mal in meiner Karriere, dass ich das gemacht habe. Aber ich hätte riskiert, die einzigartige Chance des WM-Titels nicht zu ergreifen“, so der Lebenspartner der portugiesischen Mittelstreckenläuferin Salomé Afonso, ebenfalls spezialisiert im 1.500m-Lauf. „Ehrlich gesagt: Nader hatte ich nicht auf der Rechnung. Aber fairerweise muss ich sagen, er hat ein Superrennen absolviert“, gratulierte der Silbermedaillengewinner fair.

© Birgit Dieryck for World Athletics

Kenias Comeback

Erstmals seit 2019 gingen in Tokio nicht alle drei 1.500m-Medaillen an europäische Läufer. Der ehemalige Junioren-Weltmeister und als Riesentalent mit eigenartigem Laufstil angekündigte Reynold Cheruiyot spurtete mit einem bärenstarken Finale noch an seinem Landsmann mit gleichem Nachnamen, mit dem er allerdings nicht verwandt ist, vorbei zur Bronzemedaille in einer Zeit von 3:34,25 Minuten, nur knapp hinter den Top-Zwei. „Ich wusste aus den Wettkämpfen in dieser Saison, dass ich mich auf meinen Endspurt verlassen kann“, sagte der 21-Jährige, der in Paris noch das Finale verpasst hatte. Er versprach: „Nächstes Mal holte ich den Titel!“

Seine Steigerung in der finalen Phase des Wettkampfs hatte Cheruiyot bereits im Vorfeld der WM in einem Artikel auf der kenianischen Plattform „Pulse Sports“ angekündigt: „Ich habe meinen 100m-Speed verbessert. Ich muss also nur in einer guten Position sein.“ Für Kenia war dieses Resultat Balsam auf die Seele. Seit dem WM-Titel von Timothy Cheruiyot, der in Tokio mit Platz vier durchaus einen starken Eindruck im Vergleich zu den letzten Jahren hinterließ, jagte das kenianische Team erfolglos eine Medaille in dieser Disziplin. Am ehesten hatte man das Shootingstar Phanuel Koech zugetraut, in Tokio schlug aber die Stunde von Reynold Cheruiyot.

Isaac Naders Erfolgstrainer

Isaac Nader wird vom routinierten spanischen Erfolgscoach Enrique Pascual Oliva trainiert. Der 68-Jährige hat sich in der Vergangenheit als Trainer von Olympiasieger Fermin Cacho (1.500m) und Weltmeister Abel Anton (Marathon) gemacht, außerdem trainierten weitere spanische Topläufer unter seiner Leitung. Der ehemalige Stabhochspringer machte sich auch als Sportwissenschaftler an der Universität in Valladolid einen Namen.

Ingebrigtsen bereits im Vorlauf gescheitert

Die Geschichte des Favoritensterbens begann längst vor dem WM-Finale und den Episoden mit Kerr und Laros. Bereits im Vorlauf blieben der Weltjahresschnellste Azzedine Habz, der Zweitschnellste des Jahres, Phanuel Koech (Sturz), und Jakob Ingebrigtsen hängen – drei Sensationen. Olympiasieger Cole Hocker wurde durch eine Disqualifikation nach dem Halbfinale aussortiert. So bestritt ein mit Robert Farken und Federico Riva auf 14 Athleten aufgefülltes Starterfeld am heißen Mittwochabend in Tokio ein heißes, offenes Finale, welches ein anderes Resultat brachte als viele vor der WM-Eröffnung erwartet hätten.

Top-Resultat für Robert Farken

Farken, im Halbfinale eigentlich schon gescheitert, nutzte seine zweite Chance für einen starken sechsten Platz. Es ist erst der vierte Top-Sechs-Platz in der Geschichte des Deutschen Leichtathletik-Verbandes im 1.500m-Lauf und das beste Resultat seit zwölf Jahren. „Es ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl, dass sich die harte Arbeit über so viele Jahre endlich bezahlt macht. Das tut extrem gut“, wurde der 27-Jährige auf der Website des DLV zitiert. Farkens guter Endspurt erstaunte auch deshalb, weil er zwei Tage zuvor im Schlussspurt des Halbfinals, in dem Raphael Pallitsch nur knapp den Aufstieg ins WM-Finale verpasst hatte (siehe RunUp.eu-Bericht), förmlich eingegangen war. „Mein Trainer und ich haben es geschafft, die Gedanken positiv zu ordnen.“

Auch Riva, der auf noch diskutablere Art und Weise ins Finale gehievt wurde, präsentierte sich als Siebter stark. Platz acht ging an Adrian Ben, eine Bank bei Großereignissen. Der Spanier bestritt auch das Olympische Finale von Tokio vor vier Jahren, damals noch im 800m-Lauf. Schwer geschlagen wurden in Tokio die US-Amerikaner, die in Paris noch drei Läufer in die Top-Fünf brachten. Trial-Sieger Jonah Koech erreichte als einziger das Finale, konnte dort aber seinen gefürchteten Schlussspurt nicht ziehen und enttäuschte auf Platz 13.

Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Mattia Ozbot, Christel Saneh & Birgit Dieryck for World Athletics

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