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Finnischer Triumph durch Vainio und ein Fotofinish

Mit einem neuen finnischen Landesrekord hat Alisa Vainio den Sevilla Marathon gewonnen. Die Entscheidung bei den Männern führte ein Wimpernschlag herbei.
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Erst 2:03:59 Stunden waren bei idealen Marathon-Bedingungen in Sevilla seit dem Startschuss vergangen – das ist ein gewaltiges Tempo über 42,195 Kilometer. Und doch passte kaum ein Löschblatt zwischen Shura Kitata und seinem äthiopischen Landsmann Asrar Abderehman, der tief gebückt mit letzter Kraft über die Ziellinie hechtete. Er war nicht einmal einen Herzschlag zu spät dran, der Routinier hatte das Zielband einen Mini-Augenblick vor ihm durchbrochen und den nächsten großen Sieg in seiner Karriere gefeiert. Am Höhepunkt ihres Schaffens befindet sich Alisa Vainio, die für eine skandinavische Sensation sorgte.

Historisch gesehen sind skandinavische Marathonerfolge bei den Frauen nun wahrlich keine Seltenheit. Sie waren in der Vergangenheit nur hauptsächlich in norwegische Farben getaucht, den Legenden Grete Waitz und Ingrid Kristianen sei Dank. Beim seit 1985 ausgetragenen Sevilla Marathon hat es auch einmal einen skandinavischen Sieg gegeben. Marie Söderström-Lundberg aus Schweden, auch einmal Zweite beim Frankfurt Marathon, aber sonst nicht nachhaltig in den Annalen der Sportart verankert, lief 1999 als Erste über die Ziellinie des Marathons in der andalusischen Großstadt. 26 Jahre später schrieb wieder eine Skandinavierin Geschichte beim Sevilla Marathon. Dieses Mal eine Finnin, Alisa Vainio.

Zurich Maraton Sevilla

Europäische Topleistung

Es ist schon etwas Besonderes, wenn eine in Europa geborene europäische Läuferin einen so großen Marathon wie jenen in Sevilla gewinnt. Auch wenn die erste Garde der afrikanischen Topstars als Konkurrentinnen fehlten, lief Vainio ihren Marathon mit einem gewissen Selbstverständnis und diktierte bereits bald im Rennen das Tempo an der Spitze mit. Nach einer Halbmarathon-Durchgangszeit von 1:10:34 Stunden, für ihr Niveau und ihre offensichtliche Topverfassung nahezu ideal, konnte sie in der letzten Marathonphase gar beschleunigen und ihren Rekordlauf mit einem negativen Split vollenden. 2:20:39 Stunden lautete die eindrucksvolle Endzeit. Um das in einen Rahmen zu setzen: Im gesamten Marathonjahr 2025 hat nur eine Europäerin eine bessere Zeit erreicht, Olympiasiegerin Sifan Hassan.

Alisa Vainio:
Halbmarathon-Splits: 1:10:34 / 1:10:05 Stunden
5km-Teilzeiten: 16:33 / 16:38 / 16:46 / 16:55 / 16:54 / 16:43 / 16:32 / 16:25 / 7:13 (2,195 km) Minuten

Vom ehemaligen Wunderkind zur europäischen Topläuferin

Alisa Vainio spielte in der Jugend Eishockey, das könnte für ihre Herkunft kaum stereotyper sein. Und Leichtathletik, als 3.000m-Hindernisläuferin. Weltweite Schlagzeilen schrieb sie 2015 aber, weil sie in ihrer Heimatstadt Lappeenranta einen Marathon bestritt. Sie gewann ihn mit einer Zeit von 2:33:24 Stunden und blieb damit locker unter dem damaligen Olympia-Limit von 2:45 Stunden. Vainio wollte nach Rio de Janeiro und das rief den Leichtathletik-Weltverband auf den Plan. Dieser verbot ihr das, weil Vainio zu diesem Zeitpunkt erst 17 war – und das Mindestalter im Marathon laut WA-Regeln eben Volljährigkeit war für eine Teilnahme an globalen Marathonmeisterschaften wie Olympischen Spielen.

Vainio, als „Wunderkind“ Gegenstand von öffentlichen Mediendiskussionen, verschwand von der Bildfläche. Drei Jahre lang absolvierte sie keinen Marathon. Mit jenem bei der WM 2019 in Doha wurde sie nicht berühmt, aber die Nordeuropäerin behielt beim Hitzemarathon zur Geisterstunde immerhin kühlen Kopf und kam ins Ziel.

Die ewige europäische Bestenliste im Marathon der Frauen

  • 2:13:44 Stunden – Sifan Hassan (Niederlande), Chicago Marathon 2023
  • 2:15:25 Stunden – Paula Radcliffe (Großbritannien), London Marathon 2003
  • 2:17:45 Stunden – Lonah Chemtai Salpeter (Israel), Tokio Marathon 2020
  • 2:18:04 Stunden – Joan Chelimo Melly (Rumänien), Seoul Marathon 2022
  • 2:19:19 Stunden – Irina Mikitenko (Deutschland), Berlin Marathon 2008
  • 2:20:38 Stunden – Chloé Herbiet (Belgien), Valencia Marathon 2025
  • 2:20:39 Stunden – Alisa Vainio (Finnland), Sevilla Marathon 2026
  • 2:20:47 Stunden – Galina Bogomolova (Russland), Chicago Marathon 2006
  • 2:21:06 Stunden – Ingrid Kristiansen (Norwegen), London Marathon 1985
  • 2:21:24 Stunden – Calli Hauger-Thackery (Großbritannien), Berlin Marathon 2024

Aufstieg in den letzten Jahren

Sieben Jahre nach ihrem Marathon-Debüt kehrte sie aber wirklich zurück. 18. beim Sevilla Marathon, Siebte beim Rotterdam Marathon, 16. bei den Weltmeisterschaften in Eugene, Dritte in Malaga. Vier Marathons in nur einem Kalenderjahr (2022) bauten eine nun tolle Entwicklung auf. 2023 lief sie wieder in Sevilla und bei der WM, in Kopenhagen, Berlin und wieder Malaga. Die Bestzeit von Berlin (2:25:36) baute die Rampe zur WM in Tokio. In der japanischen Hauptstadt gelang der endgültige Durchbruch mit Platz fünf in einer Zeit von 2:28:32 Stunden.

Noch erstaunlicher war jedoch, was folgte: Nur drei Wochen später lief Vainio bei den finnischen Meisterschaften in Vantaa einen finnischen Rekord von 2:23:06 Stunden, den sie zwei Monate später beim Valencia Marathon auf 2:20:48 Stunden verbesserte. Und den die mittlerweile 28-Jährige beim Sevilla Marathon 2026 um weitere neun Sekunden optimierte. „Ich wusste aus dem Training, dass meine Form etwas besser ist als sie in Valencia war. Natürlich spielen immer viele Faktoren eine Rolle, um die Form auch in ein Ergebnis umzumünzen. Es war ein richtig gutes Rennen und vielleicht bekomme ich das nächste Mal eine Chance, unter 2:20 Stunden zu laufen“, wurde Vainio auf der Website des finnischen Leichtathletik-Verbandes zitiert.

Riesen-Debüt von Palmero

Zweitbeste Europäerin beim Sevilla Marathon war Elisa Palmero aus Italien, die ein bemerkenswertes Marathon-Debüt als Vierte vollendete. Mit einer Endzeit von 2:24:10 Stunden gelang ihr das schnellste italienische Marathon-Debüt aller Zeiten, fünf Minuten besser als Sofiia Yaremchuk in Venedig 2021. Nicht einmal eine Minute fehlte der 26-Jährigen auf den italienischen Marathonrekord der Römerin ukrainischer Herkunft, dennoch ist sie „nur“ Sechste in der ewigen italienischen Bestenliste.

Fünfte wurde die Spanierin Fatima Ouhaddou in einer Zeit von 2:24:16 Stunden, die Italienerin Rebecca Lonedo finishte in 2:24:28 Stunden als Siebte mit einer persönlichen Bestleistung um vier Minuten, die Tschechin Tereza Hrochova verbesserte ihre Bestleistung um 40 Sekunden auf 2:25:58 Stunden, die Schwedin Samrawit Mengsteab steigerte sich um zwei Minuten auf eine Zeit von 2:26:33 Stunden. Die EM-Saison im Marathon hat aus europäischer Sicht also mit einer Reihe von Topleistungen begonnen!

Auf das Stockerl kletterten neben Vainio die Kenianerin Beatrice Jepchirchir in einer Zeit von 2:21:56 Stunden und die Äthiopierin Mulat Tekle in 2:22:03 Stunden.

© Zurich Maraton Sevilla

Denkwürdiges Fotofinsh

Im Gegensatz zu den Frauen war der Sevilla Marathon der Männer ganz in afrikanischer Hand. Auf der extrem flachen und kurvenarmen Strecke entwickelte sich ein in beachtlich konstantem Tempo ausgeführter Wettkampf mit einer starken Halbmarathon-Durchgangszeit von 1:01:21 Stunden. Nach dem Ausstieg der Tempomacher reduzierte sich das Tempo leicht, das Ausscheidungsrennen entwickelte sich zu einem dramatischen Finish. Shura Kitata und Asrar Abderehman, beide aus Äthiopien, lieferten sich bis zum letzten Atemzug des Rennens ein Duell auf des Messers Schneide.

Beide überquerten mit letzten Kräften 2:03:59 Stunden nach dem Startschuss die Ziellinie, das Fotofinish sah den Routinier mit marginalstem Abstand vorne. Beide flogen direkt hinter der Ziellinie äußerst unsanft zu Boden. Das Zielfoto hält eine außergewöhnlichen Marathon-Moment fest und zeigt den bereits dritten extrem knappen Zieleinlauf bei einem großen Marathon nach der WM in Tokio und dem New York City Marathon im November.

Shura Kitata:
Halbmarathon-Splits: 1:01:21 / 1:02:38 Stunden
5km-Teilzeiten: 14:31 / 14:31 / 14:30 / 14:36 / 14:36 / 14:39 / 14:58 / 15:02 / 6:36 (2,195 km) Minuten

Zwei neue sub-2:04-Läufer

Der 29-jährige Kitata fügte seiner Karriere einen weiteren wichtigen Erfolg hinzu. Er hat bereits die Marathons in Rom, Frankfurt und London gewonnen, dazu in der britischen Hauptstadt, in New York (Zweiter und Dritter) sowie in Tokio weitere Top-Fünf-Resultate erzielt. Asrar Abderehman hat 2022 den Sevilla Marathon in damaliger Streckenrekordzeit von 2:04:43 Stunden gewonnen, an diese Leistung ist der 26-Jährige bis letzten Sonntag nicht wieder herangekommen. Nun gehört er dem elitären sub-2:04-Stunden-Kreis an, der mittlerweile 42 Läufer umfasst. Auch Kitata ist trotz seiner beeindruckenden Erfolge erst jetzt Teil dieser Auswahl.

Der drittplatzierte Dejene Hailu, auch Äthiopier, freute sich ebenfalls über eine persönliche Bestleistung von 2:04:15 Stunden. Kontinentaleuropäer lief keiner in die Top-Ten. Der ehemalige Dopingsünder aus Spanien, Ilias Fifa, finishte in 2:08:36 Stunden auf Position 13. Sage und schreibe 22 Läufer, darunter die beiden international wenig bekannten Iren Paul O’Donnell und Ryan Creech, unterboten die Marke von 2:10 Stunden – Wunder ist diese Dichte beim Sevilla Marathon nach der extrem gestiegenen Beliebtheit in den letzten Jahr freilich keine mehr.

Der Schweizer Patrik Wägeli gehörte mit einer Zeit von 2:12:01 Stunden zwar nicht dazu, aber erzielte dennoch eine persönliche Bestleistung. Der ehemalige Nordische Kombinierer Jakob Lange aus Deutschland kam nach 2:16:43 Stunden ins Ziel. Sein Landsmann Johannes Motschmann verzichtete kurzfristig auf einen Start, österreichischer Top-Marathonläufer waren keine dabei. Robi Syianturi erzielte auf Platz 40 einen neuen Landesrekord für Indonesien (2:13:18).

Der Winterklassiker

Sage und schreibe fast 200 Läuferinnen und Läufer umfasste das Elitefeld des Sevilla Marathon, der in seiner 41. Auflage stattfand und mittlerweile dank seines frühen Termins in der bevorstehenden Frühlingssaison zu den beliebtesten europäischen Marathons für Topläuferinnen und Topläufer gehört. 330 TV-Stationen weltweit boten eine Übertragung des Sevilla Marathon an.

Insgesamt hatten sich rund 17.000 Läufer:innen aus über 100 Nationen für den Sevilla Marathon 2026 angemeldet, gut die Hälfte der Aktiven reiste aus dem Ausland an, darunter fast 3.000 aus Frankreich. Der Frauen-Anteil lag laut Angaben des Veranstalters bei 21,4%.

Viele Läufer:innen konnten allerdings nicht nach Sevilla anreisen, nachdem die Bahnlinie aus Madrid nach dem verheerenden Zugunglück nahe Cordoba im Jänner weiterhin unterbrochen ist. Der Veranstalter bot allen, die nicht anreisen konnten, einen kostenlosen Startplatz für 2027 an. Vor dem Startschuss wurde eine Schweigeminute zum Gedenken der Todesopfer und als Solidaritätszeichen für die Hinterbliebenen eingelegt.

Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Zurich Maraton Sevilla

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