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Nie zuvor ist eine Läuferin auf europäischem Boden einen schnelleren Marathon gelaufen. Nicht in Berlin, nicht in London, nicht in Valencia. Der überragende Auftritt von Fotyen Tesfay am gestrigen Sonntag beim Barcelona Marathon hinterlässt die Szene mit Staunen. Es ist die zweitbeste Marathonzeit hinter jener nicht ganz unumstrittenen Fabelzeit von Ruth Chepngetich beim Chicago Marathon 2024 von 2:09:56 Stunden. (Die Kenianerin ist gegenwärtig wegen eines Verstoßes gegen den Anti-Doping-Code der WADA gesperrt, der Weltrekord ist von dieser Sanktion im Moment nicht betroffen, Anm). Es ist ein neuer äthiopischer Rekord, eine Minute schneller als Tigst Assefa 2023 beim Berlin Marathon. Aber was am erstaunlichsten ist: Die Leistung von 2:10:51 Stunden ist mit Abstand die schnellste Marathonzeit abseits der World Marathon Majors. Und das beim Marathon-Debüt!
Das Wort Sensation konnte an diesem Wochenende nicht inflationär verwendet werden, denn die Leistung von Fotyen Tesfay beim Barcelona Marathon ist eine außergewöhnliche. 2:10:51 Stunden. Für 42,195 Kilometer. Ihre ersten. Das entspricht einem durchschnittlichen Tempo von 3:06 Minuten pro Kilometer. Bisher lag der inoffizielle „Debüt-Weltrekord“ bei einer Zeit von 2:16:07 Stunden.
Angesichts dessen, dass ein erster Marathon im Wettkampf immer eine enorme Herausforderung ist, ist Tesfays Leistung erstaunlich. Sie hat ihr Potenzial aber bereits auf den Unterdistanzen angedeutet, lief 2024 als Siegerin der äthiopischen Olympia-Trials eine 10.000m-Zeit von 29:47,71 Minuten. Bei den Spielen in Paris kam sie nicht über Rang sieben hinaus, ein Jahr später bei den Weltmeisterschaften in Tokio gelang nur Platz acht.
Im Halbmarathon folgte aber drei Monate nach Paris 2024 später ein Paukenschlag. In ihrem erst zweiten Rennen auf dieser Distanz stürmte sie als Zweite hinter Agnes Ngetich in Valencia nach 1:03:21 Stunden über die Ziellinie. Diese Leistung bestätigte sie ein halbes Jahr später als Siegerin des Berliner Halbmarathon 2025 bei klirrender Kälte in 1:03:35 Stunden. Damit hält die Äthiopierin die viert- und sechstschnellste Halbmarathonzeit der Geschichte. Dennoch ist diese astronomische Marathonleistung von Sonntag eine, wenn nicht zwei Stufen höher anzusiedeln. Das liest sich auch am Performance Score von World Athletics ab.
Zwei männliche Tempomacher dirigierten Tesfay in der katalanischen Hauptstadt durch die 42,195 Premierenkilometer. Zwischenzeiten von 31:05 Minuten nach zehn Kilometer und 1:05:05 Stunden beim Halbmarathon kreierten Spannung. Besonders der Mittelteil des Marathons war mit Kilometersplits von 3:02 Minuten streckenweise fast absurd schnell.
Lange duellierte sie sich folgerichtig im virtuellen Vergleich mit dem Weltrekord von Ruth Chepgnetich, sie hatte aber nicht dieses phänomenale Ausnahmefinish wie die Kenianerin damals und konnte auch ihr Tempo aus dem Mittelteil nicht ganz halten. Dennoch fehlten am Ende „nur“ 55 Sekunden auf die Marke, die bisher absolutes Alleinstellungsmerkmal hatte. „Heute war einfach nur fantastisch“, sagte die Siegerin, verheimlichte aber im Interview im Zielraum nicht, dass sie eigentlich gerne Weltrekord gelaufen wär. „Ich wollte unter 2:10 Stunden laufen, aber bei diesem Wind konnte ich in der Schlussphase nicht genügend puschen. Ich will den Weltrekord beim nächsten Mal wieder attackieren.“
Auch hinter Tesfay wurden starke Zeiten gelaufen: Joan Chepkosgei aus Kenia in einer persönlichen Bestzeit um fast sieben Minuten, 2:18:40 Stunden, und die Äthiopierin Zeineba Yimer in 2:18:47 Stunden, ebenfalls eine Bestzeit. Doch ihre Marken verblassten angesichts des enormen Abstands von fast acht Minuten auf die Siegerin, beide sind aber auch unter dem alten Streckenrekord von Vorjahressiegerin Sharon Chelimo geblieben.
Aus spanischer Sicht konnte Carolina Robles mit einer Zeit von 2:24:56 Stunden und Platz sechs überzeugen. Die ehemalige Hindernislauf-Spezialistin, EM-Achte 2024 in Rom, absolvierte ihren allerersten Marathon und ist nun die Nummer sechs der spanischen Bestenliste. Nach zwei Erfolgen im 3.000m-Hindernislauf ist es ihr dritter spanischer Meistertitel.
Auch die Siegerzeit bei den Männern von 2:04:56 Stunden ging unter, dabei verblüffte die Spitze des Feldes. Der 32-Jährige Abel Chelangat aus Uganda hat zwar bereits den Porto Marathon und den Rabat Marathon gewonnen, ist bisher aber noch nie in diesen Dimensionen gelaufen: Bestzeit um vier Minuten. Auch der zweitplatzierte Kenianer Patrick Moisin, 25 Jahre alt, blieb in seinem zweiten Marathon unter 2:05 Stunden – um eine Sekunde. Dem drittplatzierten Jonathan Korir gelang ebenfalls eine Bestleistung um vier Minuten auf eine Zeit von 2:05:27 Stunden.
Der für die Türkei laufende Kenianer Kaan Kigen Özbilen, mittlerweile 40 Jahre alt, finishte als Sechster in 2:05:59 Stunden. Es war sein schnellster Marathon seit drei Jahren, damals ebenfalls in Barcelona. Zweitbester Europäer war der elftplatzierte Haftom Welday aus Deutschland, der in einer Zeit von 2:08:13 Stunden das EM-Limit für Birmingham erfüllen konnte.
32.000 Läufer:innen haben sich für den Barcelona Marathon 2026 angemeldet und damit den bisherigen Anmelderekord aus dem Vorjahr um 5.000 Startplätze übertroffen. Fast zwei von drei Teilnehmer:innen reisten aus dem Ausland an. Die Entwicklung des Barcelona Marathon, der in seiner 47. Ausgabe stattfand, ist beachtlich, schließlich wurde erst vor zehn Jahren die 20.000er-Marke überschritten.
Das beachtliche Niveau bei guten Marathon-Bedingungen zeigte sich nicht nur im Elitefeld, sondern auch im Feld der Hobbyläufer:innen. Über 2.000 blieben unter drei Stunden.
Autor: Thomas Kofler
Bild: © Gerd Altmann / Pixabay – Symbolbild