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Französische Triumphe über die Hindernisse

Die beiden Finalläufe im 3.000m-Hindernislauf endeten mit französischen Triumphen durch die erfahrene Alice Finot und Quereinsteiger Alexis Miellet.
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Die EM-Finalläufe im 3.000m-Hindernislauf endeten mit französischen Goldmedaillen. Während Alice Finot starke Resultate aus der Vergangenheit in einer Zitterpartie am „grünen Tisch“ mit diesem Titel krönte, ist Alexis Miellet ein absoluter Newcomer auf dieser Distanz – und steigt sofort an Europas Spitze in die Szene ein.

Es war die emotionale Achterbahn, die wir in der Leichtathletik schon so manchmal erlebt haben. Für die betroffene Alice Finot wäre dieses Hin und Her der Gefühle sicherlich verzichtbar gewesen, es endete mit einem Happyend. Kurz, nachdem die Französin die Ziellinie des EM-Finals in einer Zeit von 9:16,22 Minuten überquert hatte, disqualifizierte das Wettkampfgericht sie wegen mehrfachen Übertretens der Innenbahn und erklärte die zweitplatzierte Gesa Felicitas Krause zur Siegerin. Der französische Verband protestierte und hatte Erfolg: Finot wurde wieder ins Klassement aufgenommen und zur Siegerin erklärt. Die Jury kam offenbar zur Erkenntnis, dass alle drei Vorfälle mit Übertretens der Linie keinen Vorteil für Finot brachten, wie die „Bild“ berichtete.

Ergebnis 3.000m-Hindernislauf der Frauen, EM 2024
Gold: Alice Finot (Frankreich) 9:16,22 Minuten
Silber: Gesa Krause (Deutschland) 9:18,06 Minuten
Bronze: Elizabeth Bird (Großbritannien) 9:18,39 Minuten

 
4. Stella Rutto (Rumänien) 9:22,36 Minuten (persönliche Bestleistung)
5. Luiza Gega (Albanien) 9:22,92 Minuten
6. Ilona Mononen (Finnland) 9:23,28 Minuten
7. Alicja Konzeczek (Polen) 9:23,28 Minuten
8. Carolina Robles (Spanien) 9:23,75 Minuten
9. Lea Meyer (Deutschland) 9:27,85 Minuten
10. Irene Sanchez-Escribano (Spanien) 9:27,97 Minuten
11. Olivia Gürth (Deutschland) 9:31,98 Minuten

im Vorlauf ausgeschieden: Lena Millonig (Österreich)

Spät nachts stand der Titel fest

Mit der 33-jährigen Alice Finot hat eine aus dem Favoritenkreis die Goldmedaille gewonnen. Ihr französischer Rekord von 9:06,15 Minuten liegt im Weltklassebereich, aufgestellt hat sie ihn letztes Jahr bei den Weltmeisterschaften in Budapest, wo sie als starke Fünfte ins Ziel gekommen ist. Bisher fehlte der Französin das große internationale Ergebnis im Hindernislauf, in der Halle war sie 2021 schon EM-Silbermedaillengewinnerin im 3.000m-Lauf flach. Durch ihre Karriere zieht sich auch eine Unkonstanz in ihren Leistungen durch – einige Spitzenresultate ragen dabei aus etlichen Ergebnissen im Bereich um 9:20 Minuten heraus.

Ihr Lauf im Stadio Olimpico von Rom, der sich durch einen phänomenalen letzten Kilometer in unter drei Minuten besonders auszeichnet, war der viertschnellste ihrer Karriere. Dass sie bei Großevents stets zur Stelle ist, hat die 33-Jährige bereits mehrfach nachgewiesen: Drei ihrer vier schnellsten Hindernislaufzeiten ist sie nun im Rahmen von Welt- und Europameisterschaften gelaufen.

Eineinhalb Stunden Zittern war nach dem Zieleinlauf allerdings angesagt, ehe der Titelgewinn Finots feststand. „Ich denke, das war ein hervorragendes Rennen besonders auf den letzten 500 Metern. Ich war auf mehrere Szenarien vorbereitet, aber alle hatten eines gemeinsam: meine Fähigkeit einer schnellen Schlussphase.“ Vor zwei Jahren hat Finot die Titelkämpfe in München noch wegen einer Knöchelverletzung verpasst.

© Mattia Ozbot / Getty Images for European Athletics

Krause als faire Silbermedaillengewinnerin

Gesa Krause äußerte sich letztendlich in einer DLV-Aussendung mit fairen und versöhnlichen Tönen: „Ich bin froh, dass das Ergebnis jetzt so steht und das Sportliche Vorrang hat. Ich bin als Zweite ins Ziel gekommen, Alice Finot hat verdient Gold gewonnen.“

Die Story, bei der Rückkehr von einer Mutterschaftspause, als bisher Europas Jahresschnellste 13 Monate nach der Geburt ihrer Tochter gleich wieder als Europameisterin einzusteigen, wäre auch eine spektakuläre Schlagzeile gewesen. Das ist sie auch mit der Silbermedaille. Die Europameisterin von 2016 und 2018 versuchte der Tempoverschärfung der Französin eingangs der letzten Runde zu folgen, doch nach dem letzten Wassergraben war die Lücke zu groß.

„Wenn man mit einer Medaille nach Hause fährt, muss man schon zufrieden sein“, meinte Krause, die auch betonte, das EM-Silber nach zweimal Gold und einmal Bronze in ihrer Sammlung noch fehlte. „Nach meiner Vorgeschichte ist der zweite Platz ein Sieg. Meine Tochter aufwachsen zu sehen und wieder in den Spitzensport zurückzukommen, das war das schönste Jahr meines Lebens.“ Die 29-Jährige finishte in einer Zeit von 9:18,06 Minuten knapp vor der Britin Elizabeth Bird, die wie in München neuerlich Bronze holte. „Ich habe meinen Platz am Podium bestätigt, ich denke ich bin in Topform“, so die EM-Dritte.

© Mattia Ozbot / Getty Images for European Athletics

Titelverteidigerin Gega geschlagen

Das Trio hat sich im Finale klar vom Rest des Feldes abgesetzt und damit eindeutig nachgewiesen, die richtigen Medaillengewinnerinnen zu sein. Keine Chance hatten die Europameisterin von München 2022, Luiza Gega, die nur Fünfte wurde, die lange Zeit in Führung liegende Rumänin Stella Rutto war knapp vor ihr im Ziel. Lea Meyer platzierte sich zwei Jahre nach EM-Silber auf Position neun, zwei Ränge vor der dritten Deutschen im Feld, Olivia Gürth. „Meine Enttäuschung ist riesig. Es war überhaupt nicht das, was ich abrufen wollte“, sagte die 26-jährige Meyer, die den ersten Kilometer noch in Führung liegend verbracht hat.

Newcomer verblüfft Europas Spitze

Am 4. Mai, also fünf Wochen vor den Europameisterschaften in Rom, lief Alexis Miellet seinen ersten Hindernislauf. Bis dahin war der 29-Jährige als Mittelstreckenläufer bekannt, stand im WM-Halbfinale 2019 von Doha und belegte bei einem Diamond-League-Meeting 2019 in Rabat einmal den dritten Platz. Zum großen Durchbruch reichte es nie. Der Umstieg auf die Hindernisse war eine Frustentscheidung, wie Miellet nach seinem Triumph im Interview mit European Athletics verriet. Bei den französischen Meisterschaften wurde er im Sommer disqualifiziert. Sein Vater brachte den Hindernislauf als Idee ins Spiel.

Ergebnis 3.000m-Hindernislauf der Männer, EM 2024
Gold: Alexis Miellet (Frankreich) 8:14,01 Minuten (persönliche Bestleistung)
Silber: Djilali Bedrani (Frankreich) 8:14,36 Minuten
Bronze: Karl Bebendorf (Deutschland) 8:14,41 Minuten (persönliche Bestleistung)

 
4. Frederik Ruppert (Deutschland) 8:15,08 Minuten (persönliche Bestleistung)
5. Daniel Arce (Spanien) 8:16,70 Minuten
6. Nicolas-Marie Daru (Frankreich) 8:19,42 Minuten
7. Nahuel Carabana (Andorra) 8:21,08 Minuten
8. Osama Zoghlami (Italien) 8:21,09 Minuten
9. Vidar Johansson (Schweden) 8:21,54 Minuten
10. Tomas Habarta (Tschechien) 8:21,63 Minuten

15. Topi Raitanen (Finnland) 8:32,37 Minuten
16. Velten Schneider (Deutschland) 8:38,73 Minuten
im Vorlauf ausgeschieden: Tobias Rattinger (Österreich)

Französischer Doppelsieg

Seit September trainiert der Franzose fleißig, mit vielen technischen Lehreinheiten. Die Neuorientierung war aber rasch erfolgsversprechend. In seinem zweiten Hindernisrennen in Marseille lief er eine Zeit von 8:14,71 Minuten, knackte das Olympia-Limit und qualifizierte sich für das französische EM-Team. In einem außergewöhnlichen Finale spielte er am Montagabend seine Klasse auf den letzten Metern aus und lief in einer neuen persönlichen Bestleistung von 8:14,01 Minuten zur sensationellen Goldmedaille. „Es ist unglaublich“, jubelte der Sieger. „Wenn mir das vor einem Jahr jemand prognostiziert hätte, hätte ich ihm nicht geglaubt.“

Sein Landsmann Djilali Bedrani, 2019 bereits WM-Fünfter, holte mit Platz zwei seine erste EM-Medaille und komplettierte den französischen Doppelsieg. „Ich wollte gewinnen, aber es ist meine erste Medaille, also bin ich glücklich“, sagte der 30-Jährige. Zwei Monate vor den Olympischen Spielen kommt die französische Leichtathletik mit der bereits vierten Goldmedaille in den Tagen von Rom ordentlich in Schwung und steht lediglich im Schatten des alles überragenden italienischen Teams. Nach dem Doppelschlag in den Hindernisläufen mit zwei EM-Titeln schrieb die französische Sporttageszeitung „L’Équipe“ von einer „Party über den Hindernissen“.

Der 3.000m-Hindernislauf ist vor allem dank des vierfachen Europameisters Mahiedine Mekhissi eine französische Domäne bei den Europameisterschaften. Sechs der letzten sieben EM-Titel gingen nach Frankreich, wie 2010 in Barcelona gab es 2024 in Rom einen Doppelsieg.

© Mattia Ozbot / Getty Images for European Athletics

Medaillenpremiere für Bebendorf

Beim EM-Finale in Rom entwickelte sich ein wilder Finallauf. Lokalmatador Osama Zoghlami, vor zwei Jahren nach der Disqualifikation seines Landsmanns Ahmed Abdelwahed Silbermedaillengewinner, entschied sich für einen Vorstoß und führte das Rennen lange Zeit als Solist an. In der Verfolgungsarbeit bemühten sich der Deutsche Frederik Ruppert und der Spanier Daniel Arce, der aber schon mit angestrengter Miene in die Schlussphase ging.

Der Italiener wurde zu Beginn der Schlussrunde eingeholt, der spanische Titelkandidat konnte nicht mehr zulegen und musste sich mit Platz fünf zufrieden geben. Titelverteidiger Topi Raitanen aus Finnland hatte mit der Entscheidung nichts am Hut, angesichts seiner Leistung in den letzten eineinhalb Jahren kaum überraschend.

Dafür lief das Rennen für das deutsche Top-Duo wirklich gut. Ruppert zeigte sich offensiv und belegte mit einer persönlichen Bestleistung von 8:15,08 Minuten Platz vier. Noch besser machte es sein erfahrenerer Teamkollege Karl Bebendorf, der zum Glockenton, der die letzte Runde ankündigte, etwas im Hintertreffen schien. Der Schritt war aber noch gut und mit einem technisch genial übersprungenen, letzten Wassergraben war der 28-Jährige plötzlich mitten drin im Kampf um die Medaillen und sicherte sich mit einer persönlichen Bestleistung von 8:14,41 Minuten die Bronzemedaille – Olympia-Limit inklusive. „Ich hab mir schon einige Sorgen gemacht, weil das Rennen war sehr schnell. Ich bin überglücklich und etwas überrascht, wie gut mein Kick in der letzten Runde funktioniert hat. Darauf habe ich vertraut, heute ist ein Traum in Erfüllung gegangen.“

Lachendes und weinenedes Auge für Ruppert

Weniger glücklich war naturgemäß Ruppert. „Ich bin trotzdem zufrieden. Aber dass es die Holzmedaille geworden ist und ich das Olympia-Limit so knapp verpasst habe, ist ärgerlich“, sagte er der ARD. Der dritte deutsche Teilnehmer, Velten Schneider, beendete den Wettkampf auf Rang 16. Der Medaillengewinn von Bebendorf war der zweite der deutschen Läufer*innen in Rom nach jener von Disziplinen-Kollegin Krause und der erste im 3.000m-Hindernislauf der Männer seit dem EM-Titel von Damian Kallabis 1998 in Budapest.

Autor: Thomas Kofler
Bild: © Mattia Ozbot / Getty Images for European Athletics

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