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Galavorstellung von Andreas Almgren im 10.000m-Lauf

Der Schwede Andreas Almgren zerstörte die Konkurrenz mit einem unglaublichen Tempodiktat und gewann eine der eindrucksvollsten EM-Goldmedaillen auf dieser Distanz.
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Andreas Almgren hatte im Gefühl, überlegen zu sein. Einen Kilometer lang nahm er höchst entspannt Rhythmus auf, dann ging er an die Spitze und spulte ein Tempo ab, das die Konkurrenz verblüffte. Dieser Alleingang zu einem EM-Rekord in 27:23,44 Minuten ist einer, der in der Erinnerung bleiben wird.

Hätte jemand im Alexander Stadium nach drei Minuten und 17 Sekunden des 10.000m-Rennens darauf getippt, dass 9.000 Meter später der Uralt-EM-Rekord des Finnen Martti Vainio (keine Verwandschaft mit der Marathon-Europameisterin Alisa) von 27:30,99 Minuten fallen würde, hätte er wohl einen lauten, ungläubigen Lacher kassiert. Das erste Zehntel der Distanz war selbst für ein Meisterschaftsrennen über 25 Runden atemberaubend langsam. Aber: Dann kam Andreas Almgren, schaltete vom ersten direkt in den fünften Gang und gab ein Tempo vor, das die Konkurrenz zermürbte. Rundenlang führte er eine Vierergruppe mit den letzten beiden Europameistern Yemaneberhan Crippa und Dominic Lobalu und dem amtierenden Weltmeister Jimmy Gressier an. Es war also durchaus das Beste, das Europa auf dieser Distanz zu bieten hat, das hinter dem entfesselten Schweden herkeuchte.

Ergebnis 10.000m-Finale der Männer, EM 2026
Gold: Andreas Almgren (Schweden) 27:23,44 Minuten
Silber: Dominic Lobalu (Schweiz) 27:42,67 Minuten
Bronze: Jimmy Gressier (Frankreich) 28:07,90 Minuten

 
4. Yemaneberhan Crippa (Italien) 28:08,56 Minuten
5. Baptiste Guyon (Frankreich) 28:20,61 Minuten
6. Magnus Tuv Myhre (Norwegen) 28:21,25 Minuten
7. Abdessamad Oukhelfen (Spanien) 28:21,89 Minuten
8. Jonas Raess (Schweiz) 28:22,41 Minuten
9. Simon Bedard (Frankreich) 28:24,62 Minuten
10. Jack O’Leary (Irland) 28:24,89 Minuten

Enorme Überlegenheit

Ab 7.000m war Schluss mit lustig für die drei Verfolger. Abrupt brachen Crippa und Gressier weg und erholten sich mit förmlichen Stehversuchen von der Anstrengung. Lobalu überholte das Duo und kämpfte halbwegs mit, aber mit stumpfen Waffen. Der Abstand zum Schweden wuchs schnell und wurde riesig. Und der 31-jährige Skandinavier blickte nicht einmal um, überrundete bis auf die drei genannten Hauptkontrahenten das gesamte Feld und vollendete sein Werk in 27:23,44 Minuten. Es war die zweitbeste 10.000m-Zeit der schwedischen Geschichte, nur er selbst war bei seinem Landesrekord im März 2024 schneller gelaufen – damals ohne einen Stotterkilometer zu Beginn.

„Ich wollte heute unbedingt“, erklärte Almgren seine Taktik. Scheinbar war der Alleingang eine Spontanentscheidung. Er zog esvor, nicht zu bummeln, sondern herauszufinden, wer der schnellste 10.000m-Läufer sei. „Das Stadion war voll, die Atmosphäre großartig und so hab ich mir gedacht, ich gebe Vollgas.“ Von außen unscheinbar erklärte er, dass die letzten fünf Runden richtig hart waren. „Ich fühlte mich, als ob ich sterben müsste. Aber ich konnte leiden und bin offensichtlich in der 10K-Form meines Lebens!“

Ein spätberufenes Supertalent

Andreas Almgren blickt auf eine hochspannende Karriere zurück. Geboren ist er in Sollentuna, einem traditionellen Leichtathletik-Ort in einer traditionsreichen Leichtathletik-Nation nahe der Hauptstadt Stockholm. 2014 gewann er bei den Junioren-Weltmeisterschaften in Eugene Bronze im 800m-Lauf – zur damaligen Zeit waren europäische Medaillen in der Altersklasse U20 auf globalem Niveau in den Laufdisziplinen absolute Ausnahme. Bereits ein Jahr später verpasste er mit 19 seine erste Medaille auf europäischem Niveau in der Halle von Prag nur haarscharf.

Doch dann folgte eine schier nicht enden wollende Phase von Verletzungen und Beschwerden, die seine Entwicklung einbremsten und frühere Erfolge verzögerten. Bis 2022 war er in seiner nun Hauptdisziplin, dem 1.500m-Lauf, nur eine Zeit von 3:38,99 Minuten gelaufen. Nebenbei studierte er an einer der führenden technischen Hochschulen Schwedens in Stockholm und schloss mit einem Master of Science in Industrial Economics ab. Laut schwedischen Medienberichten hat der Athlet selbst eine Sofware programmiert, mit der er seine Trainingshistorie analysiert.

Schwellentraining als Gamechanger

Aufgrund seiner physischen Probleme passte er seine Trainingsintensität an und ließ sich von der Strategie der Ingebrigtsens begeistern – den Großteil des Trainings bestimmt die kontrollierte Belastungssteuerung mit gezielten Schwellenläufen – auf Basis einer enormen Datenmenge. Das bringt hohe Umfänge von bis zu 200 Kilometern pro Wochen in der Hochzeit von Trainingsphasen mit sich, aber oft mit niedriger Intensität.

Der Schwede trainierte immer wieder mit den Brüdern und schaute sich viel von Europas Bestem, Jakob Ingebrigtsen, ab, besonders das Double Threshold Training. Sein Heimtrainer blieb aber Urban Aruhn. In einem Interview mit Athletics Weekly nach der WM 2025 bezeichnete Almgren seine Heimatstadt als den perfekten Trainingsstandort mit optimaler Infrastruktur für Leichtathleten – nur die Höhe fehle.

Große Leistungssprünge waren die Folge der neuen Ausrichtung, auch wenn Erfolge erst einmal weiterhin ausblieben. Der vierte Platz bei den Europameisterschaften von Rom im 10.000m-Lauf war definitiv eine Enttäuschung. 2025 gelang der absolute Durchbruch: In seiner laut eigener Aussage ersten Saison ohne jegliche Beschwerden steigerte Almgren die Europarekorde im 5.000m-Lauf sowie 10 Kilometer, den er 2026 noch einmal verbesserte, und im Halbmarathon und holte bei den Weltmeisterschaften von Tokio die Bronzemedaille im 10.000m-Lauf.

© Maja Hitij / Getty Images for European Athletics

Schwedische Premiere

Almgrens Triumph in Birmingham ist die erste schwedische Medaille in dieser Disziplin in der Historie von Europameisterschaften. Der Abstand von 19 Sekunden auf den Zweitplatzierten sucht in der jüngeren Vergangenheit seinesgleichen, ist aber kein Rekord bei Europameisterschaften. Die tschechische Lauflegende Emil Zatopek gewann 1950 in Brüssel mit einem Vorsprung von sage und schreibe 69 Sekunden auf den Franzosen Alain Mimoun. Vier Jahre davor hatte Viljo Heino im finnischen Duell mit Helge Perälä 39 Sekunden Vorsprung.

Wiedergutmachung für Lobalu und Gressier

Für Dominic Lobalu war nach dem bescheidenen siebten Platz im 5.000m-Lauf die Silbermedaille ein großer Gewinn, auch wenn er seinen Titel von Rom ob der Überlegenheit seines Kontrahenten nicht ansatzweise verteidigen konnte. „Almgren war zu stark, ich konnte einfach nicht mitgehen. Ich freue mich für ihn, er ist immer ein harter Kontrahent“, gab der 27-Jährige zu.

© Maja Hitij / Getty Images for European Athletics
© Maja Hitij / Getty Images for European Athletics

Nach einer längeren Phase des Belauerns – angesichts eines enormen Abstands zur großen Verfolgergruppe – gewann Jimmy Gressier den langen Schlussspurt um Bronze gegen Yemaneberhan Crippa in einer Zeit von 28:07,90 Minuten – auch für ihn eine Wiedergutmachung für das verpasste Stockerl über 5.000m. „Ich bin sehr glücklich mit der Medaille. Andreas war einfach zu stark. Er hat ausgespielt, dass wir müde Beine vom 5.000er hatten“, mutmaßte der Franzose. Nach den beiden WM-Medaillen im letzten Jahr war dies seine erste bei Europameisterschaften.

Der italienische Sieger des diesjährigen Paris Marathon fand es wenig lustig, dass Gressier neuneinhalb Kilometer in seinem Windschatten blieb und dann seine Überlegenheit im Schlussspurt ausnutzte. Seinen nächsten Marathon läuft der 29-Jährige übrigens in New York.

Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Maja Hitij / Getty Images for European Athletics, © European Athletics

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