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Seit seinem EM-Debüt im Jahr 2018 hat Jakob Ingebrigtsen noch nie ein EM-Rennen nicht mit der Goldmedaille beendet. Das bleibt auch so, obwohl der Norweger nach einer Achillessehnen-OP im Winter in Birmingham erst sein Saisondebüt gab. Die durchaus namhafte Konkurrenz wurde vom Norweger in einem gleichmäßigen Rennen am Ende düpiert.
„Vom Tiefpunkt meiner Karriere zum EM-Titel – dieser Erfolg bedeutet die Welt für mich“, strahlte Jakob Ingebrigtsen. Nach zwei schwierigen Jahren voller Beschwerden, Verletzungssorgen, Trainingspausen und – nach der Operation – einem langen Rehabilitationsweg, schwebte der norwegische Superstar gestern Abend wieder auf Wolke sieben. Natürlich habe er geglaubt, dass er gewinnen könne, sagte er nach dem Rennen. Gewusst habe er es 600 Meter vor dem Ende. Wohl als im klar war, dass die Konkurrenz ihm keine großen Steine in den Weg legen würde.
Jahrelang lief vieles wie am Schnürchen, doch seit den Olympischen Spielen 2024 und der dramatischen Niederlage im 1.500m-Lauf ist die Karriere Jakob Ingebrigtsens ins Stocken geraten. Immer wieder hielten ihn Schmerzen an der Achillessehne vom Spitzensport ab. „Ich hatte jeden Tag Zweifel, jede Minute in diesem Rennen bis zur letzten Runde. Aber ich versuche immer positiv zu bleiben und das Beste zu hoffen. Die letzten drei Wochen ist es wirklich gut gelaufen und ich wollte bei meinem Comeback einfach das Beste geben.“
Das gelang, weil Ingebrigtsens Klasse überzeugt, auch wenn er nicht bei 100% ist und ohne aktuelle Wettkampferfahrung einen 5.000m-Lauf bestreitet. Mit seiner Endschnelligkeit wusste er wohl, dass er über die längere Distanz größere Chancen haben würde als im intensiven 1.500m-Lauf – trotz des Fehlens von Josh Kerr und Niels Laros. Hier hätte die fehlende Wettkampfpraxis womöglich größere Auswirkungen gehabt.
Das Feld im 5.000m-Lauf war keineswegs schlecht besetzt, aber es agierte im Sinne des Norwegers: ein gleichmäßiges Tempo, eine sachte Verschärfung und eine Entscheidung aus einer großen Gruppe in der Schlussrunde. Dort galt es nur noch, sich aus intensiven Positionskämpfen herauszuhalten und Stolperfallen zu vermeiden. Der Holländer Mike Foppen und Ingebrigtsens Landsmann Andreas Fjeld Halvorsen, amtierender Junioren-Weltmeister im 3.000m-Lauf, können nach einer Kollision ein Lied davon singen.
Ingebrigtsen startete ruhig ins Rennen, genauso wie sein vermeintlich stärkster Gegner, Jimmy Gressier aus Frankreich. Vorne liefen die Außenseiter Simas Bertasius aus Litauen und der finnische Orientierungsläufer Tuomas Heikkilä. Es war nicht absurd langsam, sondern für ein Meisterschaftsrennen ein recht mittelprächtiges Tempo – aber es war gleichmäßig und harmonisch. Und so blieb es auch, als der Schweizer Dominic Lobalu, Führender der Entry List, und Gressier später an der Spitze zart beschleunigten. Ingebrigtsen brauchte kaum Extraenergie, um sich in der neunten von 15 Runden vom Hinterfeld aus in Position zu bringen.
Mit einer Geste bremste er Gressier ein, als er an der Spitze lief – es war egal, ob den Franzosen das irritierte. Dieser hatte mit sich selbst zu kämpfen und an diesem Abend nicht mehr drauf. Der 29-Jährige führte das Feld mit Ingebrigtsen im Schlepptau auf die Zielgerade. Den ersten Move machte der starke Deutsche Florian Bremm. Ingebrigtsen löste sich von der Innenbahn, die er beharrlich besetzt hatte, und lief in einer Zeit von 13:15,29 Minuten zum Sieg. Weder Ingebrigtsens Schlussrunde von etwa 54,8 Sekunden noch die letzten 100 Meter in etwa 12,7 Sekunden sind außerirdisch – es sind gute Daten, die in diesem Feld locker für den Sieg reichten.
Und langsam war das Rennen übrigens nicht, auch wenn die Topleute deutlich hinter ihren bei Meetings erzielten persönlichen Bestleistungen lagen: Nur ein EM-Rennen über 5.000m war jemals schneller: 1986 in Stuttgart, als Jack Buckner (GBR), Stefano Mei (ITA) und Tim Hutchings (GBR) die Medaillen geholt haben. Also auch Ingebrigtsen ist bei Europameisterschaften noch nie eine schnellere Zeit gelaufen als gestern Abend in Birmingham.
4. EM-Titel in Serie im 5.000m-Lauf
7. EM-Titel beim 7. EM-Start (Freiluft-Europameisterschaften)
15 EM-Titel in Serie (alle Distanzen, Halle, Freiluft und Crosslauf)
Zum ersten Mal gewann Jakob Ingebrigtsen einen EM-Titel nicht aus der Favoritenstellung, diese Erwartungshaltung wäre mit der Vorgeschichte deplatziert gewesen. Umso stärker dürfte die Bestätigung für den Norweger selbst nun ausfallen und er wird mit gefestigtem Selbstbewusstsein die nächsten Herausforderungen angehen. Das sind das Diamond-League-Meeting in Zürich Ende des Monats, zu dem der Norweger seine Startzusage im 1.500m-Lauf bereits gegeben hat, sowie voraussichtlich die Ultimate World Championships in Budapest, wo Ingebrigtsen als Olympiasieger im 5.000m-Lauf einen Fixstartplatz in dieser Disziplin hat.

Nie wäre für die europäische Konkurrenz die Chance vermeintlich größer gewesen als dieses Mal, Jakob Ingebrigtsen in einem Meisterschaftsrennen zu besiegen. Auf jener Distanz, auf der der Norweger zwar nicht der schnellste Europäer, aber aufgrund seiner Endschnelligkeit und Tempohärte von den Mittelstrecken in Meisterschaftsrennen nahezu unbesiegbar ist – selbst auf Weltniveau, wie die WM-Titel 2022 und 2023 sowie der Olympiasieg 2024 belegen.
Doch in den letzten Jahren lief es für den Norweger nicht mehr: Aufgrund von Achillessehnenproblemen bestritt er 2025 keine Wettkämpfe und überraschte dennoch mit dem WM-Start: Fern von der Topform scheiterte er im 1.500m-Vorlauf und wurde Zehnter über 5.000m. Nachdem die Beschwerden nicht besser wurden, entschied sich Ingebrigtsen für eine Operation im Februar. Dabei wurde nicht die Achillessehne selbst operiert, sondern vernarbtes Gewebe operativ entfernt, die die Schmerzen ausgelöst hatten.
Ohne Wettkampferfahrung, aber anscheinend mit guten Trainingseinheiten im Gepäck stand Ingebrigtsen für viele überraschend an der Startlinie des 5.000m-Laufs, bei Europameisterschaften standardmäßig ohne Vorläufe und für den der Norweger als Titelverteidiger eine Wildcard erhielt. Offensichtlich hatten die Fragezeichen über ihn Auswirkungen auf die Konkurrenz, die möglicherweise aus dieser Unsicherheit heraus gehemmt agierte.
Und sie hatte die Stärke nicht, Ingebrigtsen zu fordern. Dessen Trainingspartner Andreas Almgren, in letzter Zeit die Nummer eins in Europa im 5.000m-Lauf, fehlte an der Startlinie, weil er sich bei der EM voll auf den 10.000m-Lauf fokussieren möchte (Zufall?), auch der in dieser Saison starke Deutsche Mohamed Abdilaahi fehlte verletzungsbedingt.
Der Belgier Isaac Kimeli, WM-Silbermedaillengewinner hinter Cole Hocker in Tokio 2025, spielte überhaupt keine Rolle und wurde nur Neunter. Dominic Lobalu, EM-Dritter vor zwei Jahren in dieser Disziplin und Sieger des Diamond-League-Rennens in Monaco vor einem Monat, lief zwar im Mittelteil vorne, hatte aber nichts zuzusetzen und musste sich mit Rang sieben zufrieden geben – eine Enttäuschung für den Schweizer. In den Top-Sieben wies er die mit Abstand langsamste Schlussrunde und den mit Abstand schlechtesten Schlussspurt auf.
Und Gressier, in Tokio Weltmeister über die doppelte Distanz und Bronzemedaillengewinner im 5.000er, konnte sich mit angestrengter Miene auf der Zielgerade nicht mehr wehren. Platz vier ist die Konsequenz aus einer Schlussrunde von 56 Sekunden und einem letzten 100m-Split von 14 Sekunden. Untypisch für den eigentlich bekannt endschnellen Franzosen – mit diesen Daten gewinnt man aber in keinem 5.000m-Meisterschaftsrennen einen Blumentopf, so auch gestern. In einer ersten Reaktion gegen über der französischen Sporttageszeitung „L’Équipe“ sprach er davon, dass ihm das Tempo nicht zu hoch war, sondern ganz im Gegenteil, aber dass er an der Spitze laufend sich etwas verkrampft fühlte.
In einem längeren Interview mit der „L’Équipe“ gab er sich nach dem zweiten vierten Platz in dieser Disziplin bei Europameisterschaften nach 2022 kritisch: „Ich habe meine Mission nicht erfüllt. Ich hatte ein sehr gutes Gefühl, aber die Taktik war nicht gut. Wir haben uns völlig geirrt. Ich wollte Jakob ermüden, weil ich wusste, dass er nicht in Bestform war. Als ich an ihm vorbeigegangen bin, schaute er mich lachend an, weil er wusste, dass er alles im Griff hatte.“ Er versprach, nach dieser Niederlage wieder aufzustehen und im 10.000m-Lauf wieder voll anzugreifen: „Ich bin kein Pessimist und schaue sofort nach vorne. Freuen wir uns auf ein tolles Rennen im 10.000er!“
So jubelte Florian Bremm über den größten Erfolg seiner Karriere: EM-Silber in 13:15,60 Minuten. Angesichts einer starken Leistung beim Meeting in Turku im Juni musste der in wenigen Tagen 26-Jährige zu den Medaillenkandidaten gezählt werden. Er untermauerte den Anspruch mit einer starken, konstanten Leistung durch den Wettkampf und einem aufmerksamen, engagierten Rennen. Er eröffnete den finalen Ritt und musste sich nur dem großen Jakob Ingebrigtsen geschlagen geben.
„Ich weine vor Freude und weiß gar nicht, was passiert ist und was ich sagen soll“, teilte der dreifache Peuerbach-Sieger die ersten Eindrücke seines Innenlebens. Es sei eine brutale Schlussphase gewesen. „Plötzlich war ich an der zweiten Position zwischen Jimmy und Jakob. Ich habe einfach versucht, so viel Energie wie möglich für den Spurt zu behalten und dann alles rauszuhauen.“ Gegen Ingebrigtsen zu verlieren sei keine Schande: „Ich hab ihn in St. Moritz beim Training genau beobachtet. Im Wettkampf ist er eine andere Nummer – und schneller als alle anderen.“
Die Silbermedaille Bremms ist das beste Abschneiden für Deutschland im 5.000m-Lauf der Männer bei Europameisterschaften seit dem zweiten Platz von Arne Gabius vor 14 Jahren und die erste Medaille seit dem dritten Platz von Richard Ringer 2016.

Großer Jubel brach auch bei Étienne Daguinos aus, der auf den letzten Metern seinen Landsmann vom Stockerl kickte: „Ich bin so stolz, gemeinsam mit Ingebrigtsen auf dem Stockerl zu stehen.“ Danach folgte eine Lobeshymne auf den Norweger: „Er ist eine Legende. Wir wussten alle, er würde in guter Form sein, sonst wäre er nicht hier. Er hat es beweisen.“ Die Stärken des WM-14. von Tokio liegen eher auf den längeren Distanzen. 2025 war der 26-jährige Franzose Silbermedaillengewinner bei der Straßenlauf-EM (10km), im Halbmarathon verbesserte er sich in diesem Frühling in Berlin auf eine bärenstarke Zeit von 59:27 Minuten.
Für die „Grande Nation“ ist der dritte Platz Daguinos‘ durchaus ein seltener Erfolg: Es ist erst die siebte EM-Medaille in dieser Disziplin. Die letzte hatte Morhad Amdouni vor acht Jahren in Berlin geholt, die restlichen französischen 5.000m-Medaillen liegen teilweise eine Ewigkeit zurück.
Die Laufentscheidungen bei der EM 2026 im Alexander Stadium von Birmingham erhielten mit den 800m-Vorläufen der Männer einen turbulenten Auftakt. In vier Läufen, aus denen jeweils die drei Besten ins Halbfinale am Mittwochmittag aufstiegen, überzeugten der Franzose Yanis Meziane und der Spanier Mohamed Attaoui als Rivalen im zweiten Lauf mit den schnellsten Zeiten von 1:45,10 und 1:45,26 Minuten. Weitere Medaillenkandidaten, die einen souveränen Eindruck hinterließen, waren der irische Routinier Mark English, der Italiener Francesco Pernici, der Franzose Corentin Le Clezio und die große Hoffnung der Briten, Max Burgin.
So mancher durchaus große Name kam mit einem blauen Auge davon: Der ehemalige britische WM-Medaillengewinner Ben Pattison, der in dieser Saison starke Norweger Tobias Grönstad und der französische Titelverteidiger Gabriel Tual überstanden den Vorlauf über einen der vier Zusatzplätze über die Zeitregel. Weniger Erfolg hatte Cian McPhilipps aus Irland. Der 23-jährige WM-Vierte des letzten Jahres schied ebenso aus wie der frisch gebackene französische Meister Louey Ouerrat.
McPhillips, der im Vorfeld noch eine Medaille als Ziel ausgegeben hat, war laut irischen Medien geschwächt von einem viralen Infekt in der Vorwoche. Davor war der junge Ire aufgrund einer Kieferoperation spät in die Saison eingestiegen, zeigte zuletzt beim Diamond-League-Meeting in London und bei den irischen Meisterschaften jedoch starke Leistungen. Der mehrfache Hallen-EM- und -WM-Medaillengewinner Eliott Crestan fehlte an der Startlinie. Er laboriert laut belgischen Medienberichten an einer Oberschenkelverletzung.
Von Überraschungen verschont wurden dagegen die beiden Vorläufe im 3.000m-Hindernislauf der Frauen, die bei Flutlicht am Montagabend stattfanden. Im ersten kontrollierte das deutsche Duo Lea Meyer und Gesa Krause mit der Französin Flavie Renouard das Rennen, den zweiten lief Lokalmatadorin Elise Thorner, die die Entry List anführt, von vorne. Die acht Besten der beiden Vorläufe ergatterten allesamt eine 9:32er Zeit, Meyer war in 9:32,21 Minuten die Schnellste. Das lag daran, dass in beiden Rennen acht Finalplätze ausgelaufen wurden und beide Rennen bereits frühe Vorentscheidungen erzwangen, sodass die Felder gegen Ende zusammenstauchten.
Im Finale am Donnerstagabend sind gleich drei Läuferinnen aus Deutschland, Frankreich, darunter Clara Entresangle trotz eines Sturzes in der vorletzten Runde und Titelverteidigerin Alice Finot, sowie Polen vertreten. Eine Außenseiterin ist Andreea Stavila-Grosu, die in 9:34,40 Minuten einen Landesrekord für Moldawien aufstellte.
Österreichs Beste im 3.000m-Hindernislauf, Lena Millonig (ULC Riverside Mödling), hatte sich nicht für die Europameisterschaften qualifiziert.
Autor: Thomas Kofler
Bild: © Maja Hitij / Getty Images for European Athletics