Zwei Große des Laufsports sind am Freitagabend im Stade Charléty von Paris, intendierter Austragungsort der wegen der Pandemie abgesagten Leichtathletik-Europameisterschaften 2020, als Weltrekordhalter abgelöst worden. 19 Jahre lang scheiterten alle 3.000m-Hindernisläufer an der 2004 in Brüssel aufgestellten Bestmarke von Saif Saaeed Shaheen, unter dem Namen Stephen Cherono geboren, der zweifache Weltmeister, unter anderem 2003 in Paris. 7:53,63 Minuten lautete der Eintrag in die Geschichtsbücher.
Kenias Rekordhalter Brimin Kipruto kam dem für den Katar an den Start gehenden Kenianer 2011 bis auf eine Hundertstelsekunde nahe, in den letzten Jahren schien teilweise die Acht-Minuten-Marke unüberwindbar. Nicht jedoch für die neue Generation: Soufiane El Bakkali, wie gemacht für Meisterschaftsläufe und folgerichtige Olympiasieger und Weltmeister, der sich bei seinem dritten Lauf unter acht Minuten vor zwei Wochen in Rabat auf eine Zeit von 7:56,68 Minuten steigerte. Und Lamecha Girma, der zum vierten Mal unter acht Minuten blieb – im Sommer 2022 schaffte er das dreimal binnen zehn Tagen! Der Äthiopier ist als Meisterschaftsläufer bisher immer gescheitert und konnte seinen marokkanischen Rivalen in neun Wettkämpfen erst zweimal hinter sich lassen (beide Male im Rahmen der WM 2019, im Vorlauf und im Finale, wo die beiden Silber und Bronze gewannen). Aber er hält nun den Weltrekord, in einer Fabelzeit von 7:52,11 Minuten.
Eine Ausnahmeleistung von Ingebrigtsen
Nicht von einem Weltrekord, sondern von einer Weltbestleistung spricht man auf der selten gelaufenen und weder olympischen noch bei Weltmeisterschaften ausgetragenen Distanz von zwei Meilen. Daniel Komen, der mit Abstand Beste des letzten Jahrhunderts auf diesem Distanzbereich, war bisher der einzige, der die Distanz der doppelten Meile schneller als acht Minuten absolvieren konnte. Zweimal, darunter 1997 im belgischen Hechtel, als er eine Zeit von 7:58,61 Minuten erzielte. Jakob Ingebrigtsen hat diese Zeit am Freitag deutlich unterboten. 7:54,10 Minuten, das entspricht einem Performance Score von 1.304 Punkten laut World Athletics. Das ist besser als die Leistung von Girma, besser als der 1.500m-Weltrekord von Hicham El Guerrouj, dem der Europarekordhalter Ingebrigtsen noch nicht wirklich nahe gekommen ist und auch besser als der 5.000m-Weltrekord von Joshua Cheptegei. Freilich ist der Vergleichbarkeit über dem Performance Score Grenzen gesetzt, aber sie ist dennoch eine Ansage, auch mit der Komponente des deutlichen Negativ-Splits, Richtung weiterer Ziele, die Weltrekorde von Lauflegenden.
Extrem schnelle erste zwei Kilometer
Obwohl der Weltrekord im 3.000m-Hindernislauf so lange unangefochten war, kündigte der Veranstalter die Attacke im Vorfeld selbstbewusst an und richtete das Rennen ganz auf Lamecha Girma aus. Der Äthiopier hatte das Duell mit Soufiane El Bakkali bei dessen Heimspiel in Rabat gescheut, dafür hatte er in Paris die alleinige Bühne. Nachdem ihm der erste Kilometer in 2:36,56 Minuten angelaufen wurde, waren die Pacemaker früh aus dem Rennen und der 22-jährige Äthiopier musste mehr als die Hälfte der Distanz alleine von der Spitze laufen. Doch Girma hielt unter dem Jubel der animierten Zuschauer auf eindrucksvolle Art und Weise Schritt und knüpfte an die bärenstarken Leistungen im Winter an, als er u.a. den Uralt-Weltrekord über 3.000m flach unter dem Hallendach verbesserte.
Mit einer unglaublichen Zwischenzeit von 5:12,14 Minuten lag er nach zwei Drittel der Distanz ungefähr sechs Sekunden vor der Vergleichsdurchgangszeit beim Weltrekordlauf, mittlerweile mit über 100 Meter Vorsprung auf den Rest des Feldes. Jubelnd überquerte er die Ziellinie nach 7:52,11 Minuten und sank überglücklich zu Boden. „Ich bin so glücklich und stolz. Ich habe mich so schnell gefühlt und hatte stets Vertrauen in mich. Für mich ist der Weltrekord keine Überraschung, ich habe ihn geplant“, kommentierte der Sieger, der sechseinhalb Sekunden unter seiner bisherigen Bestleistung, dem äthiopischen Rekord, blieb.
Als einziger Kontrahent hatte Hailemariyam Amare versucht, das irre Tempo der Spitze mitzugehen. Er wurde bis auf Platz 14 durchgereicht. Im Kampf um Platz zwei setzte sich entlang der Zielgerade der Japaner Ryuji Miura durch, der in einer Zeit von 8:09,91 Minuten seinen eigenen Landesrekord aus dem Olympischen Vorlauf von Tokio um eine Hundertstelsekunde verbesserte und nun die Top-Acht der japanischen Hindernislauf-Zeiten allesamt hält. Starker Dritter war der Spanier Daniel Arce mit einer tollen Bestleistung von 8:10,63 Minuten, womit er nun auf Platz vier der ewigen spanischen Bestenliste rangiert. Der fünftplatzierte Mohamed Amin Jhinaoui verbesserte den zehn Jahre alten tunesischen Landesrekord von Amor Ben Yahia um fast zwei Sekunden auf eine Zeit von 8:12,19 Minuten.
Premiere für Ingebrigtsen
Auch der zweite Weltrekord bei den Männern, genauer gesagt eine Weltbestleistung, wurde angekündigt. Sowohl vom Veranstalter als auch von Jakob Ingebrigtsen selbst, der die 26 Jahre alte Bestleistung von Daniel Komen über die Distanz von zwei Meilen ins Visier nahm. Die Zeit von 7:58,61 Minuten gab es zu schlagen und der skandinavische Ausnahmeläufer schaffte die Aufgabe locker und verbesserte den Weltrekord um viereinhalb Sekunden auf eine Zeit von 7:54,10 Minuten – und zwar dank einer ähnlich beeindruckenden Beschleunigung auf den letzten 200 Metern wie bei Faith Kipyegon und ihrem 5.000m-Weltrekord (siehe RunAustria-Bericht). „Es fühlt sich unglaublich an, dass ich in der Lage war, diesen Rekord zu verbessern. Es ist mein erster außerhalb der Halle. Ich würde sagen, das war ein gutes Rennen“, gab der 22-Jährige nachher zu Protokoll. Der Kenianer Ishmael Kipkurui, Junioren-Weltmeister im Crosslauf, erreichte das Ziel 15 Sekunden nach dem Norweger auf Platz zwei vor Kuma Girma aus Äthiopien.
Wanyonyi gewinnt schnellen und engen 800m-Lauf
Die einzige Laufentscheidung bei den Männern ohne Weltrekord war der 800m-Lauf, dafür der mit Abstand spannendste Zieleinlauf. An Dramatik kaum zu überbieten lagen sechs Läufer fast gleich auf, als die entscheidenden Meter Richtung Ziellinie zu absolvieren waren. Rabat-Sieger Emmanuel Wanyonyi schob sich im allerletzten Moment noch am auf der Innenbahn bis kurz vor Schluss führenden Marco Arop vorbei und siegte in einer Zeit von 1:43,27 Minuten, neue Weltjahresbestleistung. Der 18-Jährige blieb 0,05 Sekunden unter seiner Zeit beim Meeting in Nairobi. Abgesehen vom zweitplatzierten Kanadier Arop verbesserten die Top-Fünf ihre persönlichen Bestleistungen allesamt: Die Algerier Slimane Moula (1:43,38) und Djamel Sedjati (1:43,40) sowie Lokalmatador Benjamin Robert, der 0,27 Sekunden schneller war als im Vorjahr an gleicher Stelle, als er seinen bisher einzigen Diamond-League-Sieg feiern konnte.
Dagegen läuft es für Olympiasieger und Weltmeister Emmanuel Korir weiter nicht nach Wunsch – er wurde nur Zehnter. Doch auch im letzten Jahr lief der Kenianer lange Zeit hinterher, ehe er die WM in Oregon in Topform erreichte.
Ergebnisse Diamond-League-Meeting in Paris, Laufentscheidungen der Männer
3.000m-Hindernislauf der Männer
- Lamecha Girma (ETH) 7:52,11 Minuten *
- Ryuji Miura (JPN) 8:09,91 Minuten **
- Daniel Arce (ESP) 8:10,63 Minuten
- Abrham Sime (ETH) 8:10,73 Minuten
- Mohamed Amin Jhinaoui (TUN) 8:12,19 Minuten ***
- Benjamin Kigen (KEN) 8:13,49 Minuten
- Victor Riuz (ESP) 8:13,89 Minuten ****
- Abraham Kibiwot (KEN) 8:16,13 Minuten
- Anthony Rotich (USA) 8:16,27 Minuten ****
- Amos Serem (KEN) 8:16,94 Minuten
…
13. Top Raitanen (FIN) 8:22,00 Minuten
Zwei-Meilen-Rennen der Männer
- Jakob Ingebrigtsen (NOR) 7:54,10 Minuten ***** / ******
- Ishmael Kipkurui (KEN) 8:09,23 Minuten
- Kuma Girma (ETH) 8:10,34 Minuten
- Justin Kipkoech (KEN) 8:13,15 Minuten
- Paul Chelimo (USA) 8:15,69 Minuten
- Adisu Girma (ETH) 8:21,43 Minuten
- Mohamed Abdilaahi (GER) 8:27,88 Minuten
800m-Lauf der Männer
- Emmanuel Wanyonyhi (KEN) 1:43,27 Minuten **** / ******
- Marco Arop (CAN) 1:43,30 Minuten
- Slimane Moula (ALG) 1:43,38 Minuten ****
- Djamel Sedjati (ALG) 1:43,40 Minuten ****
- Benjamin Robert (FRA) 1:43,48 Minuten ****
- Wyclife Kinyamal (KEN) 1:43,56 Minuten
- Azzedine Habz (FRA) 1:43,90 Minuten ****
- Yanis Meziane (FRA) 1:44,78 Minuten ****
- Andreas Kramer (SWE) 1:44,85 Minuten
- Emmanuel Korir (KEN) 1:47,71 Minuten
* neuer Weltrekord
** neuer japanischer Landesrekord
*** neuer tunesischer Landesrekord
**** neue persönliche Bestleistung
***** neue Weltbestleistung
****** neue Weltjahresbestleistung
Wanda Diamond League