Enter your email address below and subscribe to our newsletter

,

Gruen: „Respektvolle Kritik gehört zu einer Demokratie!“

Aaron Gruen ist ein wahres Multitalent: schneller Läufer, begabter Cellist und ambitionierter Student. Im RunUp-Interview nimmt er auch Bezug zum aktuellen politischen Geschehen.
Weiterlesen

Share your love

Aaron Gruen ist die vielversprechendste Aktie im österreichischen Marathonlauf. Seit eineinhalb Jahren ist der Student an der Harvard Medical School als Nachkomme einer in der NS-Zeit aus Wien vertriebenen Familie österreichischer Staatsbürger und für den Österreichischen Leichtathletik-Verband startberechtigt. Gut zwei Monate vor seinem ersten Marathon auf österreichischem Boden in Wien gab der 27-Jährige der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ und dem Laufmagazin „RunUp“ ein exklusives Interview.

In Teil eins dieses Interviews wollen wir den WM-Teilnehmer von Tokio 2025 besser kennenlernen und über seine Leidenschaften außerhalb des Laufsports sowie seine Gedanken zu aktuell brisanten Themen sprechen. Denn Aaron Gruen ist ein Multitalent: schneller Läufer, begabter Cellist und hochintelligent, wie eine beeindruckende universitäre Karriere belegt. Mit ihm gesprochen hat für das RunUp sein „Entdecker“ für die heimische Öffentlichkeit, Olaf Brockmann.

Olaf Brockmann: Sprechen wir eingangs über deine zweite Leidenschaft neben dem Laufsport: das Cello. Wie viel Platz hat es in deinem Leben noch?
Aaron Gruen: „Ich habe nur noch drei, vier, fünf Stunden pro Woche Zeit fürs Cello-Spielen. Es gab Zeiten, in denen ich sechs, sieben oder acht Stunden pro Tag geübt habe. Das ist also ein enormer Unterschied. Mein Ziel ist es jetzt, die Musik auf einem bestimmten Niveau zu halten, sodass ich, wenn ich mit meiner Laufkarriere fertig bin, wieder mehr Zeit ins Cello-Spiel reinstecken kann. Denn das wird für mich lebenslang ein großer Teil sein, ich will es jetzt einfach nicht total verlernen. Das Cello-Spiel ist auch für meine Balance sehr wichtig.“

© Aaron Gruen

Vor dem Vienna City Marathon trittst du mit den Wiener Symphonikern beim Marathon-Konzert auf.
„Ich denke, ich werde zum Schluss des Konzerts ein paar Stücke mit ihnen mitspielen, vielleicht irgendwo hinten. Das ganze Konzert kann ich einen Tag vor dem Marathon einfach nicht mitmachen. Denn mein Ziel ist es, in Wien ein gutes Rennen zu haben. Deshalb muss ich schauen, dass die Vorbereitung so optimal wie möglich ist. Noch habe ich keine intensiven Gespräche mit den Symphonikern geführt, das muss ich in den nächsten Wochen machen. Wenn mir der Auftritt ein, zwei Sekunden im Marathon kostet, ist es egal, aber es dürfen nicht ein, zwei Minuten sein!“

Nach absolvierten Studien in Musik und Chemie hast du im Sommer einen Studienplatz für Medizin in Harvard bekommen. Wie gut gelingt es dir, alles unter einen Hut zu bringen?
„Mir geht es vor allem darum, mein Studium und den Leistungssport möglichst gut in Balance zu halten. Ich stecke derzeit fast mehr Arbeit ins Laufen, trotzdem läuft mein Studium aber sehr gut, ich kann es sogar relaxed machen. Das macht natürlich auch Spaß. Eines Tages kann ich mir dann eine Karriere in der Medizin gut vorstellen.“

Aaron Gruen bei einem Besuch in der Prater Hauptallee, Österreichs schnellster Laufstrecke.
© Olaf Brockmann

Die USA sind momentan sehr präsent in der Medienberichterstattung in Europa. Wie nimmst du dein Leben in den USA wahr?
„Es ist derzeit sehr unangenehm, in den USA zu leben, das sehe ich vor allem auch im medizinischen Bereich. Man sieht, wie sehr die Patienten leiden. Ich arbeite in einem Krankenhaus (Cambridge Health Alliance), wo es viele ärmere und undokumentierte Patienten gibt. Es gibt Patienten, die von ICE mitgenommen werden – und das nimmt einen schon mit.
Es gibt viele Patienten, die auf den Medicaid, die staatliche Gesundheitsversicherung, angewiesen sind. Trump will sogar das wegschaffen, indem er die Medicaid mit weiteren Arbeitsbedingungen verknüpft. Man muss eine bestimmte Anzahl von Stunden pro Monat arbeiten, um versichert werden zu können. Die Einkommens-Qualifikation für diese Versicherung ist noch strenger geworden. Innerhalb von ein paar Jahren, sagt man, werden zehn Millionen mehr Menschen in den USA ohne Gesundheitsversicherung sein.“

Wie ist die Situation an der Harvard University?
„Es gibt einige Wissenschaftler, die jetzt nicht mehr bei Harvard sind, weil sie kein Geld mehr bekommen für ihre Forschungen. Da ich in der ersten Phase von meinem Medizinstudium bin, merkt man in Harvard nicht so viel von der Politik selbst, aber mir fällt auf, dass die Professoren sehr kritisch sind und schon gegen Trump stehen. Und das finde ich gut! Da ich einen amerikanischen Pass habe, kann ich auch was aussagen und kritisieren. Mal sehen, wie lang das ein Vorteil ist.“

© Aaron Gruen

Spürst du die politischen Auswirkungen auch im privaten Umfeld?
„Meine Cousins und Tanten wohnen in Minneapolis, ein Kind meiner Cousine ging in einen Kindergarten mit spanischer Sprache. Aber die Eltern haben es dort jetzt rausgenommen, weil ICE zu Kindergärten kommt und Kinder mitnimmt, die undokumentiert sind. Das ist wie im Zivilkrieg. Es ist wirklich traurig, was da abgeht. Die ICE kommt wahrscheinlich auch bald nach Boston, davon muss man ausgehen. Bei Trump kann man nie voraussehen, was er macht.“

Wie nimmst du die Trump-kritischen Töne einiger US-Sportler:innen bei den Olympischen Winterspielen 2026 wahr?
„Grundsätzlich finde ich, dass jede Sportlerin und jeder Sportler das Recht hat, die eigene Meinung zu äußern. Ich halte es auch für richtig, diese Plattform dafür zu nutzen. Die Olympischen Spiele sind eine weltweite Bühne, und gerade dort ist es legitim, auf Themen aufmerksam zu machen, die einen beschäftigen. Außerdem kann man sein Land repräsentieren, ohne automatisch jede politische Entscheidung oder jede Person in der Regierung zu unterstützen. Sport und Politik lassen sich in der Realität oft nicht komplett trennen, und respektvoll geäußerte Kritik gehört in eine Demokratie.“

Olaf Brockmann und Aaron Gruen beim Lunch nach dem WM-Marathon in Tokio 2025. © Olaf Brockmann

In dem ein oder anderen Land wird aufgrund dieser politischen Entwicklungen über einen möglichen Boykott der nächsten Sport-Großereignisse in den USA, die Fußball-WM 2026 und/oder die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles, debattiert. Was sind deine Gedanken dazu?
„Das ist schwierig. Wenn ein Boykott der Fußball-WM wirklich konsequent ausgeführt wird und die Länder selbst ihre Teams nicht hinschicken würden, fände ich das stark. Trotzdem weiß ich nicht, wie die Auswirkungen wären. Los Angeles 2028 ist zeitlich noch weit entfernt. Wenn ich mich für die Spiele qualifiziere und Österreich einen Boykott erwägen würde, wäre es für mich persönlich doch eine schwierige Entscheidung, weil das meine einzigen Spiele wären.“

Interview: Olaf Brockmann
Bilder: © Olaf Brockmann, Aaron Gruen

Share your love