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Helden oder Versager? Die Lauf-Tops und Lauf-Flops von Rio
Die Olympischen Spiele 2016 von Rio de Janeiro sind Geschichte. Die besten Läuferinnen und Läufer entspannen sich. Tonnen von lähmenden Druck ist von ihren Schultern gefallen und wird in dieser Intensität erst in knapp vier Jahren wieder kehren. Egal ob…
Die Olympischen Spiele 2016 von Rio de Janeiro sind Geschichte. Die besten Läuferinnen und Läufer entspannen sich. Tonnen von lähmenden Druck ist von ihren Schultern gefallen und wird in dieser Intensität erst in knapp vier Jahren wieder kehren. Egal ob nach traumhaften Erfolgen oder bitteren Enttäuschungen, die Last, die Olympische Spiele mit sich bringen, ist erstmals weg. Die Leistungsanalyse ist natürlich individuell unterschiedlich. Die Laufsport-Entscheidungen brachten zahlreiche Emotionen. RunAustria analysiert, wer Rio mit einem Lorbeerkranz verlässt und wer hat mit Zitronen gehandelt hat.
Favorit sein ist nicht immer leicht, vor allen Dingen, wenn nur eines zählt – Gold! Mo Farah hat immer klar zu verstehen gegeben, dass es für ihn nur eine Option gibt. Nämlich die Erfolge von London zu wiederholen und erneut die Goldmedaillen über 5.000m und 10.000m zu gewinnen. Dies brachte natürlich auch entsprechende Erwartungen mit sich, die der 33-Jährige hielt. Er setzte alles exakt nach Plan um, obwohl ein Sturz im 10.000m-Lauf kurz eine Mini-Panik verursachte. Egal ob schnelles Rennen oder Bummeltempo – Mo Farah ist der Meister der Schlussrunde. Und spätestens nach seiner vierten Goldmedaille eine Legende des Sports. Seit exakt 40 Jahren hat es das nicht gegeben, dass ein Läufer bei zwei aufeinanderfolgenden Spielen die Goldmedaillen über beide langen Strecken gewinnt. Dass beispielsweise Haile Gebreslassie diese Möglichkeit nicht hatte, weil seinerzeit auch über 10.000m Vorläufe anstanden, ist eine Randnotiz, die Farahs historische Leistung nicht schmälert. Der Brite ist ein Idol für viele Sportler: durchdachte, klare Trainingspläne, konsequentes hartes Arbeiten, totale Fokussierung sowie die Bereitschaft, dem Erfolg alles unterzuordnen und alles dafür zu geben. Der Lohn ist eine herausragende sportliche Laufbahn!
Bei den Weltmeisterschaften 2015 in Peking wurde Almaz Ayanas‘ Leistung im 5.000m-Lauf, wo sie im Alleingang einen WM-Rekord lief, zur besten Einzelleistung der Titelkämpfe gewählt. In Rio hat sie ebenfalls eine Bewerbung für diese Auszeichnung abgeliefert. Ihre Leistung im 10.000m-Lauf war fulminant. Trotz des hohen Tempos vom Start weg schaltete Ayana zu Halbzeit einen Gang höher und lief zu einem fabelhaften Weltrekord in einer Zeit von 29:17,45 Minuten. Damit ist die Äthiopierin nun sagenhafte 14 Sekunden schneller als alle anderen Läuferinnen der Geschichte. Dass Ayana erst zum zweiten Mal überhaupt einen Wettkampf über diese Distanz bestritt, ist ein erstaunliches Detail. Viel mehr imponierte aber die Art und Weise, wie locker, unbeeindruckt und vor allem rasant sie eine Runde nach der anderen abspulte. Ihre Leistung teilte sich in folgende 5.000m-Teilzeiten: 14:47 Minuten und 14:30 Minuten.
Warum sie im 5.000m-Lauf als haushohe Favoritin eine schlechtere Zeit erzielte als in der zweiten Hälfte ihres 10.000m-Weltrekordes, ist ein kleines Mysterium und eine der größten Überraschungen der Leichtathletik-Bewerbe. Nur die 24-Jährige kennt die Gründe dafür, dass sie „nur“ die Bronzemedaille gewann. Viele hatten den Bericht von einem zweiten Weltrekord bereits druckfrisch abgetippt und so vielleicht auch einen großen Druck auf die beeindruckende Läuferin ausgeübt. Dieser dritte Rang ist auch der Grund, warum Ayana Rio mit einem lachenden und einem weinenden Auge verließ. Aber er ist auch ein wichtiger Grund, warum Spitzensport die Menschen weltweit fasziniert: das Unberechenbare!
Es kann durchaus sein, dass die Ergebnisse der Olympischen Wettkämpfe zu einer kleinen Bevölkerungsexplosion in der Laufszene führen. Denn, wer der Meinung ist, laufende Mütter seien langsam, der wurde eines Besseren belehrt. Ganz im Gegenteil: Mutter sein ist im internationalen Laufsport mehr en vogue denn je. Schließlich ist es leichter akzeptabel, die Karriere zu Gunsten der Familienplanung zu unterbrechen, wenn sich die sportlichen Erfolge nach einer Babypause in dieser Qualität und Häufigkeit einstellen. Vivian Cheruiyot gebar im Oktober 2013 ihren Sohn Allan, nahm nach dessen Geburt 17 Kilo Gewicht ab, um mit einem WM-Titel 2015 zurückzukehren. Die große Comeback-Ernte gab es aber erst in Rio: Silber über 10.000m und die endgültige Erfüllung des Lebenstraums Olympia-Gold über die halbe Distanz. Tirunesh Dibaba schenkte ihrem Sohn Nathan im März 2015 das Licht der Welt. Eine Jahr später kam sie zurück auf die internationale Bühne und lief in Rio den schnellsten 10.000m-Lauf ihrer Karriere – dekoriert mit Bronze. Einige Wochen später bekam die kenianische Läuferin Hellen Obiri eine Tochter: Zurück auf der Sportbühne lief sie im Olympischen 5.000m-Lauf eine persönliche Bestleistung und gewann Silber.
Es war eine der Szenen der Olympischen Spiele 2016, auch wenn sie mit Drama beginnt. Die Neuseeländerin Nikki Hamblin stürzte im Vorlauf, weil sie im Laufschritt auf die Innenbegrenzung stieg. Unglücklicherweise konnte die US-Amerikanerin Abbey D’Agostino nicht mehr ausweichen und fiel über die Konkurrentin. Dabei verdrehte sich die 24-Jährige das Knie und riss sich – wie sich später herausstellte – das Kreuzband.
Anstatt die Situation hektisch aufzulösen, fragte Hamblin D’Agostino – beide noch am Boden – nach ihrem Befinden. Als die Neuseeländerin ihrer Konkurrentin aufhalf, knickte D’Agostinos Knie ein und sie lag erneut auf der Bahn. Hamblin kümmerte sich rührend um D’Agostino und ermunterte sie mit den Worten: „Komm! Wir müssen ins Ziel laufen. Darum geht es.“ Tatsächlich raffte sich die Amerikanerin auf und humpelte die restliche Distanz mit schmerzverzerrtem Gesichts ins Ziel, wo Hamblin mit einer herzlichen Umarmung bereits wartete. Im Finale war D’Agostino nicht mehr dabei, Hamblin wurde Letzte. Doch in Erinnerung blieb nur diese eine rührende Episode, die zum Symbol des Olympischen Geistes aufgespielt wurde. Die beiden Athletinnen verbrachten in der Folgezeit viel Zeit miteinander, nicht nur bei einigen TV-Auftritten. Und es hat sich eine echte Freundschaft zwischen zwei Läuferinnen entwickelt, die sich in diesem Lauf das erste Mal über den Weg gelaufen sind.
Das Urteil des Obersten Internationalen Sportgerichtshof (CAS) im Sommer 2015, das die Regelung einer Hormongrenze für eine Teilnahmeberechtigung bei Frauen-Wettkämpfen der IAAF kippte, belastet den Sport. Denn dieser sieht sich nun einer Grundsatz-Diskussion ausgesetzt, die verdammt schwierig zu lösen ist, will man eine für alle Seiten akzeptable Regelung finden. Für Rio reichte die Zeit nicht, der Status quo präsentierte knallharte Fakten. Das Podest im 800m-Lauf der Damen wurde von Läuferinnen besetzt, die deutlich mehr männliche Hormone (Testosteron) im Körper haben als Frauen in den überwiegenden Fällen. Die Natur will es so, dass männliche Hormone in der sportlichen Leistungsfähigkeit Vorteile bringen. Das Problem: Es liegt laut aktuellem Stand keine Regelübertretung vor. Und so beschäftigt die Grundsatz-Diskussion zwischen absoluter Fairness und Kampf für die hart erkämpften Rechte des Frauensports sowie Diskriminierung und Ausgrenzung die gesamte Leichtathletik. Es ist erstaunlich, wie viele unterschiedliche Meinungen und Ansichtsweisen alleine die Berichterstattung in der mitteleuropäischen Medienberichterstattung anbieten konnte. Einen Konsens gibt es allerdings: Die Athletinnen sind unzufrieden. Die in Rio erfolgreichen, weil sie stetig lästige Fragen beantworten müssen für etwas, wofür sie nichts können und ihnen die Natur gegeben hat, und weil ständig das medizinische Thema von den hervorragenden sportlichen Leistungen weglenkt. Und die in Rio nicht erfolgreichen Läuferinnen beschweren sich über fehlende Chancengleichheit. Die Debatte wird auch weiterhin den Laufsport belasten, ehe es eine Lösung gibt. Denn die Intersex-Thematik ist längst dabei, sich auf weitere Disziplinen der Leichtathletik auszudehnen.
Chaos war durchaus ein konstanter Begleiter der Olympischen Spiele, was die Organisation betraf. Bei den Leichtathletik-Wettkämpfen ging das meiste reibungslos über die Bühne, abgesehen von einem hinkenden Datenservice vor allem zu Beginn und einem Gewitter, das die Stabhochsprunganlage Schachmatt setzte. Chaos gab es aber dennoch genug. Ein ums andere Mal agierte das ad-hoc-Wettkampfgericht übermotiviert und vorschnell und disqualifizierte Athleten oder Teams, die dann via Gegenprotest wieder rehabilitiert werden mussten. Damit ärgerte die Jury nicht nur die Athleten, sondern auch die Zuschauer maßlos. Denn wenn so häufig ein Ergebnis korrigiert wird, verlieren die Wettkämpfe ihre Glaubwürdigkeit. Negativer Höhepunkt: der 5.000m-Lauf der Herren, wo erst drei der besten Sechs disqualifiziert wurden, der sechstplatzierte Bernard Lagat plötzlich Dritter war und nach einem Aufschrei und zwei erfolgreichen Gegenprotesten wieder Fünfter – eine Farce. Vor allen Dingen, wenn man betrachtet, auf welchen Lapalien die ausgesprochenen Disqualifikationen fußten.
Das stand übrigens zu 100% dem entgegen, was ansonsten so an Protesten durchging. Damit ist nicht der Protest der Franzosen gemeint, der zur regelgerechten Disqualifikation von Ezekiel Kemboi im 3.000m-Hindernislauf geführt hat. Aber teilweise hatte man den Eindruck, der schnellste Weg vom Vorlauf ins Finale oder in die nächste Runde führte über einen Sturz, den man nicht einmal als besonders tarnen musste, um ein Freilos zu bekommen. Gleichzeitig ist hier Kritik an das Verhalten einiger Athleten zu formulieren. Die Wucht, mit der Spanier David Bustos im 1.500m-Halbfinale ins Gras gestoßen wurde oder wie der Norweger Filip Ingebrigtsen sich im 1.500m-Vorlauf den Weg auf der Ziellinie regelrecht freischaufelte, war schlichtweg hoffnungslos übertrieben. Diese Darstellung zeigt ganz klar, dass das Wettkampfgericht in Rio keine klare Linie verfolgte und das ist von einer entscheidungstragenden Instanz immer eine Katastrophe! Olympische Spiele 2016 in Rio de Janeiro
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