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Auf den schwierigen Strecken der US-Majors mit der traditionellen Renncharakteristik Frau gegen Frau und ohne organisiertem Tempo durch Tempomacher sind sie die Besten: Hellen Obiri und Sharon Lokedi. Die beiden in den USA lebenden Kenianerinnen gewannen summiert sechs der sieben letzten Rennen in New York und in Boston, wo die 42,195 Kilometer langen Wettkämpfe anders ablaufen als vielerorts. Nachdem Lokedi Obiri im Frühling in Boston mit einer Glanzleistung besiegt hat und zu einem deutlichen Streckenrekord gestürmt ist, hat Obiri in New York das Blatt nun umgedreht. Wieder auf höchstem Niveau.
Als Margaret Okayo am 2. November 2003 ins Ziel des New York City Marathon einlief und die Zeitnehmung bei einer Zeit von 2:22:31 Stunden anhielt, war ihr trotz einer Verbesserung des eigenen Streckenrekords von fast zwei Minuten wohl kaum bewusst, dass auch 22 Jahre später diese Marke die Sehnsuchtsmarke beim größten Marathonlauf der Welt sein würde. Sie ist es nicht mehr, weil Hellen Obiri nach 2:19:51 Stunden ins Ziel im Central Park einlief und eine neue Ära in New York einleitete – mit einem standesgemäßen Streckenrekord von unter 2:20 Stunden, trotz der topografischen Hindernisse und der fehlenden Tempomacher für komfortable Laufrhythmen und wohltuenden Windschatten.
Es war ein Marathon-Triumph für Hellen Obiri, wie er im Buche steht. Die Kenianerin, die auf so reichhaltige Erfahrung auf der Bahn und damit im Wettkampf Frau gegen Frau in finalen Phasen zurückgreifen kann, demonstrierte im Central Park ihre Stärke und setzte sich im Duell mit ihrer Landsfrau in einer Zeit von 2:19:51 Stunden durch.
„Ich fühle mich großartig. Ich hab bis zum Ziel gar nicht an den Streckenrekord gedacht. Umso glücklicher bin ich, dass er nun meiner ist. In meinem Kopf war einzig und allein der Sieg“, rekapitulierte die 35-Jährige, die sich als Generalprobe den holländischen Volkslauf Dam to Damloop (zehn Meilen) ausgesucht hatte, den sie selbstredend auch gewann.
Pfeiler ihres Erfolgs in der US-Metropole waren irre schnelle letzte sieben Kilometer. Sie waren essentiell, um nach drei Marathons mit den Rängen drei, zwei und zwei wieder auf die Siegerstraße zurückzukehren – eineinhalb Jahre nach dem Boston-Sieg und zwei Jahre nach ihrem ersten Triumph in der „Stadt, die niemals schläft“.
Im April schlug Lokedi im mit Abstand besten Rennen ihrer Karriere Obiri mit deren Waffen und besiegte ihre Landsfrau damals auf eine Art und Weise, die jener ähnelte, wie Obiri gestern das Pendel in ihre Richtung zog. Nun zeigte der Schützling von Trainer Stephen Haas neuerlich eine starke Leistung mit Platz zwei und einer Zeit von 2:20:07 Stunden – mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass sie im Gegensatz zu 2022 nicht als Erste über die Ziellinie lief.
Im direkten Duell mit Hellen Obiri liegt Lokedi im Marathon nun mit 2:5 hinten, jedes Mal, wenn sie vor ihrer Rivalin ins Ziel kam, war sie auch die Siegerin (New York 2022 und Boston 2025). Boulder, Colorado, gegen Flagstaff, Arizona. On gegen Under Armour. Coach Dathan Ritzenhein gegen Coach Stephen Haas. Das Duell der beiden mag auch zukünftig faszinieren, wohl hauptsächlich bei den Majors in den USA. Denn auf die taktischen Renngestaltungen und herausfordernden Kursen in Boston und New York sind die beiden Kenianerinnen spezialisiert.
Die Dritte im Bunde eines spannenden Wettkampfs war Vorjahressiegerin Sheila Chepkirui. Die 34-Jährige, die im Vorjahr Obiri knapp besiegen und den wichtigsten Erfolg ihrer Karriere feiern konnte, musste sich erst auf den letzten Kilometern im Central Park geschlagen geben. Sie lief nach 2:20:24 Stunden über die Ziellinie.
Als Margaret Okayo damals ihren zweiten Sieg in New York feierte, führte die USA Krieg im Irak und brachte den dortigen Langzeitdiktator Saddam Hussein zu Fall. Die Europäische Union bestand aus 15 Nationen. Das heute bereits altmodische soziale Netzwerk Facebook gab es noch gar nicht. Von Superschuhen im Marathon träumten damals maximal Visionäre in den Forschungslaboren.
Im Sport feierte Michael Schuhmacher seinen sechsten WM-Titel, Fußballstar David Beckham wechselte zu Real Madrid und Roger Federer feierte in Wimbledon seinen ersten Grand-Slam-Triumph. Nun ist der mit Abstand älteste Streckenrekord bei den World Marathon Majors überholt und archiviert. Wenn man an das Jahr 2003 zurückdenkt, ist es Zeit geworden.
Die mit Abstand schnellste Zeit, die je eine US-Amerikanerin in New York erzielt hat, und ein starker vierter Platz verhalfen Fiona O’Keeffe zu einer echten Sternstunde. In ihrem erst zweiten vollen Marathon nach den höchst erfolgreichen US-Marathon-Trials für die Olympischen Spiele von Paris, wo sie den Marathon in der Anfangsphase aufgab, war die 27-Jährige überraschend lange Zeit Teil der Spitzengruppe mit den drei Kenianerinnen und Sifan Hassan. Die Olympiasiegerin verlor noch vor der Lokalmatadorin den Anschluss.
Erst zwischen Kilometer 30 und 35 büßte O’Keeffe eine halbe Minute auf die Führenden ein, nachdem sie wenige Kilometer zuvor eine Lücke von einigen Sekunden noch schließen konnte. Das lag allerdings nicht an einem konservativen Tempo. Wie der Streckenrekord beweist, war das Frauen-Rennen keineswegs ein langsames. Die fünftplatzierte Annie Frisbie mit ihrer zweitbesten Marathonzeit (2:24:12), die achtplatzierte Emily Sisson (2:25:05) und die neuntplatzierte Amanda Vestri (2:25:40) sorgten für die weiteren US-Top-Platzierungen.
Das sind vier der fünf schnellsten je von US-Läuferinnen in New York erzielten Leistungen, besser als die Siegerzeit von Shalane Flanagan 2017. Drei Europäerinnen schafften ebenfalls den Sprung in die Top-Ten, neben Hassan die Britin Jessica Warner-Judd als Siebte in 2:24:45 Stunden und der irische Routinier Fionnuala McCormack auf Platz zehn.
134 Österreicher:innen nahmen am diesjährigen New York City Marathon teil. Schnellster war Lukas Gärtner (team2012.at), der in einer Zeit von 2:30:02 Stunden die Top-100 der Gesamtwertung nur knapp verpasste. Günther Matzinger (Leichtathletik Team Salzburg) kam vier Minuten später ins Ziel. Thomas Weiß (LC Waldviertel), Sechster der Altersklassen-Wertung M50, und Martin Mistelbauer (team2012.at) blieben ebenfalls unter 2:45 Stunden.
Schnellste Österreicherin war Veronika Mutsch (Club RunAustria) in einer Zeit von 2:58:05 Stunden auf Platz 173 der Frauen-Wertung. Ihr folgten in der Rot-Weiß-Rot-Wertung Andrea Steiner, 22. der Altersklassen-Wertung W50, und Valerie Rupitsch (LG-St. Paul). Anna Zauner (Sportunion IGLA long life) erreichte in der Altersklasse W65 den zwölften Platz in einer Zeit von 3:43:12 Stunden.
Hassan, die gut zwei Monate nach ihren überzeugenden Sieg beim Sydney Marathon nur allzu gerne auch in New York gewonnen hätte, konnte mit dem sechsten Platz in einer Zeit von 2:24:43 Stunden und mit dem daraus resultierenden, deutlichen Rückstand auf Siegerin Obiri nicht zufrieden sein. Bei sehr guten Marathon-Bedingungen mit Temperaturen im höheren einstelligen Bereich, Sonnenschein und Windstille, im Übrigen. In niederländischen Medien klagte sie über einen harten Marathon-Tag und Beschwerden in mehreren Bereichen ihres Körpers.
Ihr Start am Big Apple machte aber den New York City Marathon zum bestbesetzten Frauenrennen des Herbsts: Mit der Holländerin und den beiden Kenianerinnen waren schließlich drei der Top-Vier der Olympischen Marathon-Entscheidung im Rennen. Der Auftritt sei ihr eine Lehre gewesen, meinte die Europarekordhalterin gegenüber dem TV-Sender NOS.
Offizielle Kommunikation über die Anzahl der Teilnehmer:innen beim diesjährigen New York City Marathon gibt es (noch) keine. Im Resultat sind 59.129 Einträge vermerkt, was um rund 3.500 mehr als im letzten Jahr wären und rund 2.500 mehr als beim diesjährigen London Marathon. Damit wäre der New York City Marathon 2025 der größte Marathonlauf der Geschichte – mit einem beachtlichen Frauen-Anteil von knapp 46%-
Zwei weitere europäische Top-Läuferinnen konnten in New York leider nicht dabei sein. Die Schweizerin Fabienne Schlumpf, im Vorjahr Fünfte, hat sich beim beliebten Schweizer Volkslauf Murtenlauf einen Sehnenriss zugezogen. Die Norwegerin Karoline Bjerkeli Grövdal, die eigentlich den Berlin Marathon laufen wollte, sagte ihren Start mit viel positiverer Begründung ab: Sie erwartet Nachwuchs, wie die 35-Jährige in sozialen Medien bekannt gab. Gleichzeitig kündigte sie an, bereits im Herbst 2026 wieder einen Marathon laufen zu wollen.
Autor: Thomas Kofler
Bild: © Gerd Altmann / Pixabay – Symbolbild