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Einmal im Jahr spricht die Stadt Marathon, sagt der Erzähler in uns, als im Stiegenhaus ein junger Mann auftaucht, der sagt: „Ich lauf den Marathon. Ohne Training.“ Und man denkt sich: Aha. Wieder einer.
Vera hat gerade ihren Einkaufskorb in den dritten Stock geschleppt, Puls 84, aber kontrolliert, weil Marathonläuferin und Internistin in einem sportmedizinischen Institut. Kurz: die Frau, bei der man so einen Satz nicht sagen sollte.
Vor der Wohnungstür steht Tobias. Fünfundzwanzig, ArtDirector in einer Werbeagentur, also beruflich zuständig für Dinge, die gut klingen, aber nicht unbedingt stimmen müssen.
„Du, Vera“, sagt er, „du kennst dich doch aus mit Laufen.“
„Man sagt es“, sagt Vera. „Was hast du angestellt?“
„Noch nix!“, strahlt er. „Aber ich hab mich gestern für den Citymarathon angemeldet. In vier Wochen. Wird super. Bucket List und so.“
Vera schaut auf seine weißen Sneakers, die mehr Streetwear als Straße gesehen haben. „Und das Training?“
„Ja, also …“, sagt Tobias, „Laufen hab ich mir gespart. Ich bin ja grundsätzlich fit. Ich geh viel zu Fuß. Und im Büro haben wir ein Stehpult.“
An dieser Stelle könnte man die Geschichte abkürzen und schreiben: Ende. Aber dann würden die wissenschaftlichen Erkenntnisse fehlen, und vor allem der Spaß.
„Komm rein und setz dich“, sagt Vera und stellt den Einkauf in die Wohnung. „Ich hol dir ein Glas Wasser. Leitungswasser. Isotonisch genug für deinen Trainingsstand.“
Tobias grinst. „Du glaubst echt, ich schaff das nicht? Man hat doch fast sechs Stunden Zeit. 7 km/h schaff ich locker. Ich kann ja auch mal gehen.“
„Weißt du, was ich beruflich mache?“, fragt Vera.
„Irgendwas mit Ärzten?“, sagt Tobias.
„Internistin“, sagt Vera. „Sportmedizin. Ich hab mein halbes Berufsleben damit verbracht, Leuten dabei zuzusehen, wie sie sich mit ihren guten Vorsätzen selbst sabotieren. Du bist die Deluxe-Version.“
„Na geh“, sagt Tobias. „Ganz Salzburg läuft den Marathon. Und ich soll zuschauen?“
„Ganz Salzburg läuft nicht den Marathon“, sagt Vera. „Ganz Salzburg redet darüber. Das ist ein Unterschied, den du als Werbemensch kennen müsstest.“
Sie stellt ihm das Glas hin. „Gut. Fangen wir wissenschaftlich an. Deine Idee: Marathon ohne Training. Frage eins: Ist das möglich?“
„Eben“, sagt Tobias. „Das wollte ich dich ja fragen. Ich hab gegoogelt, da steht, es gibt Leute, die das schaffen.“
„Stimmt“, sagt Vera. „Es gibt auch Leute, die mit Flip-Flops auf den Gaisberg gehen. Möglich ist viel. Es gibt Geher:innen, die in gutem Tempo mit ein paar Laufeinlagen die 42 Kilometer unter sechs Stunden ins Ziel schaffen. Ein halbwegs fitter, junger Mensch kann mit viel Willen und Schmerzen irgendwie durchkommen.“
Tobias macht eine Siegerfaust.
„Ich bin noch nicht fertig“, sagt Vera. „Die Frage ist nicht, ob es geht. Die Frage ist: Was es mit dir macht. Und ob du hinterher noch gehen kannst. Oder leben.“
„Jetzt übertreibst du“, sagt Tobias.

Vera lehnt sich zurück. „Es gab eine Studie beim Boston Marathon. Harvard. Herzultraschall, Blutabnahme, Troponin-Werte – Marker für Herzmuskelschäden. Nach dem Lauf hatten viele Läuferinnen und Läufer Zeichen von Herzfehlfunktionen, Lungenhochdruck. Bei rund vierzig Prozent war der Troponin-Wert in einem Bereich, wo man sonst an Herzinfarkt denkt.“
Tobias schaut plötzlich nicht mehr ganz so begeistert. „Aber das waren doch sicher alte Männer mit Bauch.“
„Leider nein“, sagt Vera. „Quer durch die Bank. Und je schlechter vorbereitet sie waren, desto schlimmer waren die Werte. Zu wenig Training ist fürs Herz ungefähr so klug wie ein All-you-can-eat-Buffet für deine Leber.“
„Okay“, sagt Tobias langsam. „Aber ich bin jung.“
„Jung schützt nicht vor Dummheit“, sagt Vera liebenswürdig. „Und schon gar nicht vor Sehnenreizungen, Knochenhautentzündungen oder Ermüdungsbrüchen. Marathon ist nicht nur Herz-Kreislauf. Das ist der gesamte Stütz- und Bewegungsapparat. Wenn du da untrainiert 42 Kilometer drauf los hämmerst, kann es dir alles von der Plantarfaszie bis zur Achillessehne beleidigen. Das ist dann kein Hashtag #NoPainNoGain mehr, das ist #NoBrainAllPain.“
Tobias dreht das Glas in der Hand. „Aber cool wär’s schon, oder? So ein Marathonfinish. Medaille, Foto, Story für meine Community.“
„Genau deswegen solltest du trainieren“, sagt Vera. „Die Teilnahme soll ein Erlebnis sein, kein Trauma. Wenn du die zweite Hälfte nur noch fluchend und krampfend gehst, merkst du dir vor allem den Schmerz. Dein Gehirn verknüpft Laufen dann mit Qual. Dann sind deine ganzen Werbesprüche und Postings für den Hugo.“
„Was würdest du mir empfehlen?“, fragt Tobias. „Also rein hypothetisch. Wenn ich nicht schon angemeldet wäre. Was ich aber bin.“
Vera schmunzelt. „Faustregel: Bevor du überhaupt an einen Marathon denkst, solltest du in der Lage sein, gut zwei bis vielleicht sogar drei Stunden zu joggen. Mit Gehpausen, eh klar. Aber am Stück unterwegs. Das ist die Eintrittskarte.“
„Drei Stunden?“, fragt Tobias erschrocken. „Ich sitz ja nicht mal drei Stunden im Kino.“
„Siehst du“, sagt Vera. „Und jetzt stell dir vor, deine Beinmuskeln, deine Gelenke, deine Sehnen sollen das aushalten. Ohne vorher zu üben. Marathon ist eine große Ausdauerleistung. Die Vorbereitung ist nicht nur Laufen. Du brauchst etwas Krafttraining, vernünftige Ernährung, du musst Essen und Trinken im Rennen testen. Und mental wissen, wie sich Müdigkeit anfühlt, bevor der Mann mit dem Hammer kommt.“
„Der kommt wirklich?“, fragt Tobias.
„Sagen wir so“, sagt Vera. „Er hat eine hohe Reichweite.“
Sie steht auf, holt aus dem Regal einen Ordner mit der Aufschrift „Marathonpläne“. Tobias blättert skeptisch.
„Zwölf Wochen?“, murmelt er. „Und das ist nur der Plan fürs Ankommen?“
„Für Einsteiger“, sagt Vera. „Bei dir würden wir vorher wahrscheinlich noch zwölf Wochen auf den Halbmarathon setzen, damit dein Körper lernt, was 21 Kilometer sind. Danach zwei bis drei Wochen Regeneration, und dann die Marathonschiene. Das macht – warte – Marketing kann ja rechnen – ein gutes halbes Jahr.“
„Halbes Jahr statt vier Wochen“, sagt Tobias. „Das ist, ehrlich gesagt, schlecht kommunizierbar.“
„Du verkaufst deinen Kunden doch auch keine Kampagne über Nacht“, sagt Vera. „Markenaufbau dauert. Marathonkörpermuskeln auch.“
„Und was ist mit so Leuten, die einfach aus dem Training heraus spontan starten?“, versucht Tobias einen letzten Rettungsanker. „Ich kenn einen, der läuft jeden Sonntag 25 Kilometer, der hat gesagt, er könnte jederzeit.“
„Der hat recht“, sagt Vera. „Wer regelmäßig lange Läufe zwischen 25 und 30 Kilometer macht, strukturiert trainiert und mehrmals pro Woche läuft, der kann relativ spontan einen Marathon dranhängen. Da geht es dann mehr um Feinschliff, Tapering, Ernährung. Aber das ist eine andere Liga als deine Bürostuhldisziplin.“
„Also für geübte Läufer ist spontan okay“, sagt Tobias.
„Geübte Läufer:innen“, korrigiert Vera. „Und selbst die planen eine kurze spezifische Phase. Vier bis zwölf Wochen, je nach Zielzeit. Wer unter drei Stunden laufen will, macht das nicht aus Jux. Und selbst dein berühmtes ‚Ankommen‘ braucht Vorbereitung. Sonst kommst du zwar an, aber der Weg dorthin ist eine Tortur.“
„Wie schlimm kann der Muskelkater sein?“, fragt Tobias.
Vera lacht. „Hast du schon mal versucht, nach einem Marathon eine Stiege runterzugehen? Selbst gut vorbereitete Läufer jammern da. Und ohne Training sind die Mikroverletzungen in der Muskulatur noch größer, die Entzündungsreaktionen stärker. Der Kater dauert länger, Krämpfe können noch Tage später kommen.“
„Okay“, sagt Tobias irgendwann. „Angenommen, ich wäre vernünftig – rein theoretisch. Was wären die ersten Schritte?“
„Erstens“, sagt Vera, „medizinischer CheckUp. EKG, Blutbild, vielleicht ein Belastungstest. Nur um sicherzugehen, dass sich keine versteckten Probleme im Herz-Kreislauf-System verbergen. Zweitens: passende Laufschuhe, nicht die Hipster-Sneaker. Drittens: ein Einsteigerplan mit dem Ziel ‚Ankommen‘, zwei-, dreimal pro Woche Laufen, langsam steigern. Viertens: bewusstes Essen und Trinken, damit der Magen im Rennen nicht streikt. Fünftens: Regeneration. Schlaf, Dehnen, Ruhetag.“
„Ruhetag kenne ich nur vom Hörensagen“, sagt Tobias.
„Dachte ich mir“, sagt Vera. „Und dann kommen die LongRuns. Die sind das Salz in der Marathonsuppe. In einer zwölfwöchigen Vorbereitung solltest du vier bis sechs lange Läufe haben, die sich von neunzig Minuten auf bis zu drei Stunden steigern. Der letzte lange Lauf ist zwei Wochen vor dem Start, dann Tapering.“
„Das klingt alles sehr… professionell“, sagt Tobias.
„Das ist es“, sagt Vera. „Und trotzdem bleibt es Herausforderung genug.“
„Wenn ich jetzt nicht starte“, sagt Tobias leise, „bin ich trotzdem ein bisschen enttäuscht.“
„Weißt du, was das Schöne am Marathon ist?“, fragt Vera.
„Dass er nach 42.195 Metern aufhört?“
„Unter anderem“, sagt Vera. „Vor allem aber, dass er dir Zeit gibt. Der Marathon läuft dir nicht davon. Er findet jedes Jahr statt. Was du gewinnst, wenn du ihm Zeit schenkst, ist ein Körper, der dich nicht hasst, und ein Kopf, der stolz auf dich ist.“
Tobias nickt. „Du könntest das als Claim verkaufen.“
„Mach du das“, sagt Vera. „Du bist der Werbefachmann.“
Er holt sein Handy aus der Tasche. „Also gut. Ich schreib den Veranstaltern und verschiebe meinen Startplatz auf nächstes Jahr. Kann man das überhaupt?“
„Weiß ich nicht“, sagt Vera. „Und wenn nicht, dann siehst du die diesjährige Anmeldung als Investition in deine Motivation. Teure, aber wirksame.“
Tobias tippt. „Und was ist mein Trainingsziel für dieses Jahr?“
„Halbmarathon in einem halben Jahr“, sagt Vera. „Mit Plan, mit LongRuns, mit allem Drum und Dran. Und wenn du den schaffst und dabei noch lachen kannst, reden wir über 42K. Aber dann richtig.“
„Deal“, sagt Tobias.
Der Erzähler in uns könnte jetzt sagen: Wieder einer, der dem Marathon davonläuft. Aber das stimmt nicht. Tobias läuft ihm entgegen, nur ausnahmsweise nicht in vier Wochen, sondern in seinem Tempo.
Und irgendwo im sportmedizinischen Institut sitzt ein Troponinwert und freut sich, dass er heute ausnahmsweise nicht steigen muss.
Und weil der Erzähler freundlich ist, legt er zum Schluss noch fünf Punkte hin, damit die Sache klar ist wie die Ziellinie:
Wer zumindest diese fünf Punkte ernst nimmt, läuft den Marathon nicht gegen, sondern mit seinem Körper. Und das ist – ganz ohne Marketing – noch immer die beste Kampagne.
Autor: Johannes Langer
Bild: © SIP / Johannes Langer