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Herzog und Bauernfeind mit Unsicherheiten vor Berlin

Zwei der heimischen Marathon-Topläufer gehen am kommenden Sonntag beim BMW Berlin Marathon an den Start. Favoriten auf den Sieg sind kenianische Stars.
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Die unmittelbare Vorbereitung auf den Berlin Marathon gelang dem ÖLV-Duo nach gutem Training im Sommer nicht nach Wunsch – Peter Herzog wurde von einer Erkrankung ausgebremst, Mario Bauernfeind von einer leichten Verletzung. Beide sind rechtzeitig wieder fit und hoffen, beim Klassiker am Sonntag vom guten Sommertraining zu profitieren und beteuern, trotz der Rückschläge optimistisch an die Startlinie zu treten.

Eine Brise Galgenhumor ist bei Peter Herzog (Union Salzburg LA) gerne dabei, auch wenn der Grundtenor aus Vernunft besteht, beim diesjährigen Berlin Marathon das Beste aus den gegebenen Voraussetzungen herauszuholen. „Das gehört bei mir offensichtlich dazu.“ Er meint seine jüngste Erkältung.

Der Salzburger ist ein gebranntes Kind. Immer wieder haben ihm Lücken in der Immunabwehr in den letzten Jahren einen Streich gespielt, zuletzt gleich mehrfach im Marathon-Frühling 2025, als er erst den Vienna City Marathon und dann in aller Kurzfristigkeit auch seinen Start beim Salzburg Marathon, den er 2024 gewonnen hatte, absagen musste. Der Grund: Infekte.

RunUp.eu-Tipp:
Der BMW Berlin Marathon 2025 wird am Sonntag mit Start um 9:15 Uhr live auf RTL übertragen.

„Gut ins Ziel“

Dieses Mal begann der September mit gesundheitlicher Fitness in temporärer Abwesenheit. Mehr als eine Woche bremste ein Infekt die Trainingsaktivität des ehemaligen ÖLV-Rekordhalters aus. Vielleicht habe der fordernde und harte Trainingsblock in der Höhe von St. Moritz als Pfeiler der Berlin-Vorbereitung eine Angriffsfläche geboten.

Doch der 38-Jährige will nicht jammern, sondern seine Vorfreude auf den Berlin Marathon 2025 betonen. Schließlich ist der World Marathon Major in der deutschen Hauptstadt ein Rennen, das Herzog mit Ausnahme des Vienna City Marathon so gut wie kein anderes kennt und mit dem er beste Erinnerungen verbindet. „Nach den letzten Tagen ist es sicherlich schwer einzuschätzen, was ich wirklich draufhabe. Aber ich will auf jeden Fall gut ins Ziel kommen.“

Fünf Wochen in St. Moritz

Das Sommertraining bewertet er als nicht so hochwertig wie jenes im letzten Jahr, als sich der 38-Jährige gemeinsam mit seinem Trainer Johannes Langer aus einem Frühling mit fehlender Basis binnen einiger Wochen noch einmal in eine sehr gute Form gebracht hat. Besser, als es die beiden 2:12er-Marathon-Resultate von Berlin und Valencia zum Ausdruck bringen mögen. Der Student an der Universität Salzburg und zweifache Familienvater erklärt: „In den Sommerferien habe ich wieder die volle zeitliche Verfügbarkeit für das Training gefunden, auch für die Regeneration. Es war nicht alles einfach in diesem sehr fordernden Sommer, aber ich habe das Beste herausgeholt.“

Zwei Trainingsblöcke und insgesamt fünf Wochen verbrachte er in der Höhe von St. Moritz, die er mittlerweile mehr aufgrund der Unbeschwertheit, der vielfältigen Möglichkeit optimaler Laufstrecken und der kühlen Temperaturen auch im Hochsommer schätzt als rein für den Effekt der Höhenlage. Das steht im Gegensatz zu den Bedingungen während der restlichen Trainingszeit, die er im heimischen Pinzgau verbrachte.

Frust am Terminal

Wettkampf hat Herzog im Vorfeld keinen bestritten, was in einem Ärgernis begründet ist. Ende Juli brach der 38-Jährige Richtung adidas Runners City Night in Berlin auf, um am Salzburger Flughafen zu stranden. Der Flug ist ausgefallen. „Gerade nach den Rückschlägen in Frühling war das ein Moment, wo ich ein Gefühl der Verzweiflung verspürt habe: Es soll einfach nicht sein.“ Der zweite Teil des Trainingslagers in St. Moritz besänftigte ihn wieder: „Der erste Aufenthalt war mühsam, auch, weil ich mich wieder an die Intensität des Trainingslagers gewöhnen musste. Der zweite hat mir viele positive Signale gegeben, die Mut machen.“ Auch noch nach der krankheitsbedingten Trainingspause unmittelbar danach.

Der Star im Männerrennen

Zwei Marathons hat Sabastian Sawe bisher bestritten: Beim Debüt in Valencia 2024 triumphierte er in einer Zeit von 2:02:05 Stunden, im April gewann er den London Marathon in 2:02:27 Stunden. Der 30-jährige Kenianer ist der diesjährige Topstar beim Berlin Marathon, der im Elitefeld auch Vorjahressieger Milkesa Mengesha aus Äthiopien, damals in starken 2:03:17 Stunden, überragt. Weitere Topathleten sind Gabriel Geay aus Tansania, die Äthiopier Haymanot Alew, Guye Adola und Leul Gebresilase sowie der Kenianer Daniel Mateiko und der japanische Rekordhalter Kengo Suzuki.

Sabastian Sawe als Sieger des Berliner Halbmarathon 2023. © SCC Events / camera4

Sabastian Sawe ist ein Athlet, der potenziell die Marathon-Weltspitze in den nächsten Jahren mitdominieren könnte. Er bringt eine beeindruckende Leistungsbasis auf den Unterdistanzen 10km und Halbmarathon mit und hat sich mit seinem Marathon-Debüt gleich auf Platz fünf der ewigen Marathon-Bestenliste hinter seinen Landsleuten Kelvin Kiptum und Eliud Kipchoge sowie den Äthiopiern Kenenisa Bekele und Sisay Lemma katapultiert.

In Abwesenheit der deutschen Topläufer Amanal Petros und Richard Ringer, die den WM-Marathon in Tokio bestritten haben (siehe RunUp.eu-Bericht), Petros mit dem Erfolg der Silbermedaillen, sowie Rekordhalter Samuel Fitwi, der vor drei Wochen den Sydney Marathon gelaufen ist, ist Hendrik Pfeiffer der bestplatzierte deutsche Läufer im Elitefeld. Nur sieben Tage nach seinem Auftritt im WM-Rennen in Tokio über 10.000m gibt Davor Aaron Bienenfeld sein Marathon-Debüt.

Muskuläre Euphoriebremse

Mario Bauernfeind (ÖBV Pro Team) erzählt eine ähnliche Geschichte wie Peter Herzog. Motiviert vom ausgezeichneten Sommertraining bremste ihn drei Wochen vor dem Berlin Marathon eine leichte muskuläre Verletzung in der rechten Wade aus. Eine Woche Laufpause war die unvermeidliche Folge, auch danach verhinderten Schmerzen die Umsetzung der geplanten Trainingsaktivitäten. „Jetzt habe ich dank der gezielten therapeutischen Maßnahmen alles wieder im Griff und bin schmerzfrei. Aber ich kann momentan nicht einschätzen, wie sich diese Pause auf meine Leistungsfähigkeit auswirken wird. Das ist eine Wunderkugel, aber es gilt, das Beste herauszuholen“, schätzt der 34-Jährige.

Der ärgerliche Zwischenfall wirkte wie eine bittere Euphoriebremse: „Bis Ende August verlief die Marathon-Vorbereitung besser als geplant!“ Bauernfeind war zu diesem Zeitpunkt mental bereit, beim Berlin Marathon notwendiges Risiko in der Renngestaltung zu gehen, um diesen Fortschritt im Wettkampfresultat auf deutliche Art und Weise darzustellen. „Ich war schließlich voll auf Schiene und hab mir eine Halbmarathon-Durchgangszeit von unter 1:05:30 Stunden vorgestellt.“ Nun seien die Rahmenbedingungen aber nicht mehr so ideal, um volles Risiko zu gehen. „Ich bin bis in die Haarspitzen motiviert und will eine gute Wettkampfzeit nach diesem Trainingszyklus stehen haben“, denkt der zweifache Marathon-Staatsmeister an eine neue persönliche Bestleistung und auch darüber hinaus.

Erstes Höhentraining

Diese Erwartungshaltung an sich entstammt der Tatsache, dass Bauernfeind nach jahrelangem Sehnen danach nun als Profiläufer arbeitet – und somit neben dem Verpflichtungen als zweifacher Familienvater mehr Zeit in das Training und alles, was dazugehört, investieren kann. Deshalb absolvierte er im Juli erstmals in seiner Laufbahn ein Höhentrainingslager auf Einladung seines Sponsors ASICS in Font-Romeu in den französischen Pyrenäen. 14 Tage verbrachte er dort. „Es war eine super Erfahrung, besonders der Austausch mit anderen Eliteathleten. Da konnte ich mir viel davon abschauen, wie sie trainieren und leben“, schildert er. Unter anderem teilte er sich mit einem Olympia-Medaillengewinner im Triathlon das Appartement.

Um einen großen Effekt zu spüren, sei das Trainingslager freilich zu kurz gewesen, sagt er. Den Unterschied spürte er aber: „Die ersten drei bis vier Tage habe ich kaum Luft bekommen bei den Läufen. Auch danach habe ich in der Höhe nichts Schnelles trainiert und hab mich ziemlich matt gefühlt, als ich wieder heimgekommen bin.“ Doch insgesamt stellt ihn der Marathon-Aufbau in den Sommermonaten zufrieden – mit der Einschränkung der leichten Verletzung zum Schluss.

Andreas Vojta im lockeren Laufschritt

Mit Andreas Vojta (team2012.at) ist auch noch ein dritter Athlet der heimischen Marathonspitze beim Berlin Marathon am Start. Der Niederösterreicher läuft aber nicht mit spitzensportlichem Anspruch, sondern nimmt die Gelegenheit wahr, dass er auf Einladung von adidas, einer der großen Sponsoren des Berlin Marathon, als Teilhaber des WeMove Running Stores in Wien zu einem Event eingeladen ist und damit ohnehin in Berlin verweilt. „Ich freue mich über die Gelegenheit, einmal Berlin Marathon live zu erleben. Dieses Mal steht bei mir auch der Erlebnisfaktor im Vordergrund, ich will eine qualitativ hochwertige Einheit laufen, ohne ans Limit zu gehen.“ Dabei wird Vojta eine Zeit lang seinen Vereinskollegen Martin Mistelbauer begleiten. Vojtas großes Marathonziel in diesem Herbst ist der Valencia Marathon am 7. Dezember.

Sorge vor den Temperaturen

Wenn Herzog und Bauernfeind am Wochenende in Berlin die ultimative gedankliche Vorbereitung auf den Marathon planen, werden zwei Fragen im Vordergrund stehen: Erstens jene, welche Gruppen sich mit welchen Zielen der Halbmarathon-Durchgangszeiten bilden werden – mit der Option, dass beide in derselben Gruppe laufen könnten. Zweitens der Blick gegen den Himmel. Denn das Sommer-Comeback macht auch vor Berlin nicht halt, noch ist die Hoffnung präsent, dass eine Wolkendecke am Sonntagvormittag den Temperaturanstieg dämpft.

Realistischerweise drohen sonst recht bald Temperaturen von 20°C und mehr noch während des Rennens. „Die Temperaturen sind meine größte Sorge“, gibt Herzog Einblick in seine Gedanken. „Ich habe im Sommer bei den Trainingseinheiten zuhause wieder bemerkt, dass mein Körper dann deutlich mehr gestresst wird.“ Bauernfeind pflichtet ihm bei: „Die Wetterprognose mahnt zur Vorsicht bei der taktischen Ausrichtung des Rennens.“

Das Elitefeld der Frauen

Sechs Teilnehmerinnen bringen eine Vorleistung mit ins Rennen, die besser ist als 2:19 Stunden – ein so starkes Feld in der Breite gab es bisher in Berlin noch nicht. Favoritin ist die Kenianerin Rosemary Wanjiru, die vor zwei Jahren in Berlin bei ihrem Marathon-Debüt Zweite wurde. 2023 hat sie den Tokio Marathon gewonnen. Zu ihren Herausforderinnen gehören die Äthiopierin Dera Dida, Ehefrau des Olympiasiegers Tamirat Tola, und Japans Rekordhalterin Honami Maeda, die nach längerer Verletzungspause ihr Comeback feiert.

© SCC Events / Petko Beier

Aus europäischer Sicht schmerzt die krankheitsbedingte Absage von Karoline Bjerkeli Grövdal, die gerne den nationalen Uraltrekord der norwegischen Lauflegende Ingrid Kristiansen angegriffen hätte. Die deutschen Zugpferde bei der wichtigsten Laufveranstaltung Deutschlands sind Domenika Mayer, die vor zwei Jahren in Berlin ihre Olympia-Qualifikationszeit und persönliche Bestleistung von 2:23:47 Stunden gelaufen ist, Fabienne Königstein, im Frühling Vierte beim Vienna City Marathon, und Deborah Schöneborn. Die ehemalige Europameisterin Aleksandra Lisowska aus Polen ist ebenfalls am Start.

Wissenswertes zum 51. Berlin Marathon

🩸Topstar Sabastian Sawe hat sich in Abstimmung mit seinem Management und der Athletics Integrity Unit (AIU) freiwillig einem speziellen Anti-Doping-Regime unterworfen, um in einer Zeit enorm steigernder Dopingfälle in seiner Heimat ein kräftiges Zeichen zu setzen. Der vom italienischen Startrainer Claudio Berardelli betreute Athlet absolvierte in den acht Wochen vor dem Berlin Marathon 25 Dopingkontrollen, finanziert wurde das Programm von seinem Sponsor adidas. Kontrolliert wird es von der AIU. „Wir können nicht leugnen, dass wir in Kenia ein Dopingproblem haben. Ich bin müde, diese Schlagzeilen zu lesen, die einen Generalverdacht über uns kenianische Athleten entfachen. Mit dieser lösungsorientierten Initiative möchte ich ein Beispiel eines sauberen kenianischen Läufers sein“, so Sawe in einer Presseaussendung.

🏃‍♂️55.146 Läufer*innen haben sich für die 51. Auflage des BMW Berlin Marathon angemeldet, davon sind 35% weiblich, rund nur ein Fünftel des Starterfeldes lebt in der deutschen Hauptstadt. Weitere rund 10.500 Läufer*innen bestreiten am Vortag des Marathon einen 5km-Lauf, rund 1.500 Kinder sind beim Bambini-Lauf im Einsatz, dazu kommt der traditionelle Inlineskating-Bewerb.

📆 Der Berlin Marathon findet in diesem Jahr eine Woche früher als üblich statt, weil ursprünglich für den letzten September-Sonntag die deutsche Bundestagswahl angesetzt war und man diese Terminkollision verhindern wollte. Zur Durchführung des Events sind rund 6.000 Volunteers im Einsatz. Der BMW Berlin Marathon 2025 wird am Sonntag mit Start um 9:15 Uhr live auf RTL übertragen (Übertragungsbeginn 8:30 Uhr).

🎧 Erstmals erlaubt der Berlin Marathon seinen Teilnehmer*innen das Laufen mit Kopfhörern – und zwar ausschließlich mit Open-Ear-Kopfhörern. Ergeben hat sich das in der Kooperation mit Sponsor Shokz, auch ein Partner von Marathonlegende Eliud Kipchoge. „Mit Open-Ear-Kopfhörern bekommt man das Beste aus beiden Welten: Sicherheit und Atmosphäre“, sagt Renndirektor Mark Milde. Das Elitefeld ist von dieser Regel ausgeschlossen, für die Topläufer*innen gilt weiterhin ein Kopfhörerverbot.

💶 Eine umfassende Studie im Rahmen des Berlin Marathon 2024, durchgeführt von Nielsen Sports und im Auftrag des Veranstalters, kam zum Ergebnis, dass der Berlin Marathon eine Wertschöfpung von fast einer halben Milliarde Euro für die Stadt erwirtschaftet. Außerdem bescheinigt die Umfrage der Veranstaltung ein großartiges Image in der Stadtbevölkerung.

Autor: Thomas Kofler
Bilder: © SIP / Johannes Langer, © SCC Events / Petko Beier

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