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Historische Almgren-Show mit Europarekord

Fünf Wochen nach seinem sehenswerten Solo bei der EM über 10.000m besiegte Andreas Almgren in Kopenhagen die Halbmarathon-Weltelite. In historischem Ausmaß.
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Erstmals seit 30 Jahren kommt der Halbmarathon-Weltmeister wieder aus Europa. Das schwedische Laufphänomen Andreas Almgren, das in den letzten Jahren eine erstaunliche Entwicklung genommen hat und als einer der wenigen europäischen Straßenläufer in die absolute Weltklasse vorgedrungen ist, zauberte bei schwierigen Bedingungen in Kopenhagen einen Europarekord auf die Straße und ließ der Konkurrenz aus Afrika keine Chance, obwohl diese keineswegs enttäuschte. Für das ÖLV-Duo Timo Hinterndorfer und Aaron Gruen verlief das WM-Rennen dagegen nicht nach Wunsch.

Unter den Palmen von Palma auf der beliebten Urlaubsinsel Mallorca passierte es zum bis vergangenen Sonntag letzten Mal: Der Italiener Stefano Baldini, acht Jahre später gefeierter Olympiasieger im Marathon in Athen und heute durchaus erfolgreicher Coach, lief im Duell mit dem Kenianer Josephat Kiprono zur Goldmedaille bei den Halbmarathon-Weltmeisterschaften. Exakt drei Jahrzehnte später ist Europas Durststrecke, die nicht für die Frauen gilt, beendet. Andreas Almgren gelang ein Meisterstück: Gold, Europarekord in 58:06 Minuten und eine im historischen Kontext Ausnahmeleistung.

Die schnellsten europäischen Halbmarathons der Männer
  • 58:06 Minuten – Andreas Almgren (Schweden), Kopenhagen 2026
  • 58:41 Minuten – Andreas Almgren (Schweden), Valencia 2025
  • 59:01 Minuten – Yemaneberhan Crippa (Italien), Neapel 2026
  • 59:13 Minuten – Julien Wanders (Schweiz), Ras Al Khaimah 2019
  • 59:18 Minuten – Yemaneberhan Crippa (Italien), Kopenhagen 2026
  • 59:22 Minuten – Amanal Petros (Deutschland), Berlin 2026
  • 59:23 Minuten – Andreas Almgren (Schweden), Barcelona 2024
  • 59:23 Minuten – Dominic Lobalu (Schweiz), Berlin 2026
  • 59:26 Minuten – Yemaneberhan Crippa (Italien), Neapel 2022
  • 59:26 Minuten – Dominic Lobalu (Schweiz), Barcelona 2026

Turbogang in der Schlussphase

Unvergessen ist sein einmaliger Husarenritt bei den Europameisterschaften von Birmingham, als er im 10.000m-Lauf das Feld zerpflückte, Titelverteidiger Dominic Lobalu und Weltmeister Jimmy Gressier inklusive. Der 31-jährige Schwede staunte auch dieses Mal nicht schlecht und gab nach einem fantastischen Finale zu: „Ich war so extrem stark auf den letzten Kilometern. Ich konnte nicht einen, nicht zwei Gänge, sondern drei oder vier hochschalten! Vom Gefühl her hätten meine Kontrahenten probieren können, was sie wollten – ich war mir sicher, diese Goldmedaille ist meine!“ Dass dieser goldene Doppelschlag binnen weniger Wochen glückte, bedeute ihm die Welt, so Almgren.

Andreas Almgrens 5km-Splits:
13:58 / 13:57 / 13:52 / 13:33 / 2:46 (1,0975 km) Minuten

Weshalb diese Erfolge ihn emotional so berühren, schilderte er im Interview mit World Athletics ebenfalls. Er schweifte zurück in die Vergangenheit und erzählte von etlichen Verletzungsproblemen in jungen Jahren und von gleich mehreren vierten Plätzen bei Europameisterschaften. Die Unglücksserie riss fast exakt vor einem Jahr, als er bei den Weltmeisterschaften von Tokio Dritter im 10.000m-Lauf wurde – seine erste Medaille. Bereits davor hatte er mit Europarekordläufen im 10km-Lauf und im 5.000m-Lauf beim Diamond-League-Meeting zuhause in Stockholm für Aufsehen erregt.

Beeindruckende Erfolge

Dann ging es rasant: Almgren verbesserte fünf Wochen nach Tokio in Valencia den Halbmarathon-Europarekord auf eine Zeit von 58:41 Minuten. Erstmals unterbot ein Europäer die Marke von 59 Minuten. Zu Saisonbeginn 2026 schnappte sich der 31-Jährige den 10km-Europarekord in 26:45 Minuten, der einen Monat später allerdings vom Franzosen Yann Schrub optimiert wurde.

© Dan Vernon / World Athletics

Nach starken Leistungen in der Diamond-League folgte die Gala in Birmingham, ein Trainingslauf zum Sieg beim traditionellen Länderkampf Finnkampen zwischen Schweden und Finnland im Olympiastadion von Helsinki und nun die Gala von Kopenhagen, bei der er seinen eigenen Europarekord um sage und schreibe 35 Sekunden verbesserte. Er ist nun fast eine Minute schneller als jeder andere Europäer in der Halbmarathon-Historie und Neunter in der ewigen Weltbestenliste.

Kecke Ansage für New York

Da er schon seit Jahren für einen Bahnläufer enorme Umfänge trainiere (rund 200 Kilometer wöchentlich) und dabei großteils auf den niedriger intensiven Bereich setze, sei für ihn der Wechsel von der Bahn auf längere Straßenlauf-Distanzen kein Problem gewesen. Die Ausgangsposition sei gut für weitere große Taten, blickt Almgren optimistisch in die Zukunft. Denn nun steht ein Abenteuer an, das Marathon-Debüt in New York.

Gleich nach den Halbmarathon-Weltmeisterschaften verabschiedete sich der neue Titelträger Richtung USA, wo er sich in der Höhenlage von Arizona auf sein Marathon-Debüt vorbereiten wird. „Ich habe keine Ahnung, wie mein Körper nach 35 Kilometern Wettkampfbelastung reagieren wird. Aber ich will es ausprobieren. Nach New York flieg ich mit der Hoffnung, um den Sieg mitlaufen zu können.“ Ein geringes Selbstbewusstsein wäre angesichts der letzten Erfolge auch fehl am Platz.

Erste Straßenlauf-Medaille für Cheptegei

Der große Sieger des Tages lieferte sich ein hochspannendes Duell mit dem Favoriten: Nicholas Kipkorir aus Kenia, ehemals ein Kontrahent Almgrens auch auf der Bahn, lief an seine persönliche Bestleistung heran, doch auf der Zielgerade hatte er keine Chance gegen seinen Rivalen und musste sich mit einer Zeit von 58:11 Minuten und der Silbernen zufrieden geben. „Es war eine gute Entscheidung, dass ich trotz des Windes nach fünf Kilometern die Initiative ergriffen habe. Ich habe bis zum Schluss gepuscht und bin super happy mit der Medaille“, sagte der 27-Jährige. Bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio hatte der Kenianer als Vierter noch knapp eine Medaille im 5.000m-Lauf verpasst, 2023 gewann er bei der Straßenlauf-WM von Riga Bronze im 5km-Lauf.

Der größte Name im Feld war Joshua Cheptegei, Weltrekordhalter im 10.000m-Lauf und 5.000m-Lauf, zweifacher Olympiasieger sowie mehrfacher Weltmeister im 10.000m-Lauf. Der Ugander, dem der Umstieg in den Marathon nicht auf dem Niveau geglückt ist, wie viele erwartet hätte, strahlte mit Almgren und Kipkorir mit: „Das ist meine erste Medaille auf der Straße, daher bin ich glücklich. Ich habe zuletzt gute Fortschritte gemacht und war heute schmerzfrei, obwohl ich vor ein paar Tagen Probleme mit meinem Fuß hatte.“

Der 30-Jährige, vor sechs Jahren Halbmarathon-WM-Vierter, freute sich auch deshalb so sehr über Rang drei, weil ihm in einer Zeit von 58:26 Minuten eine persönliche Bestleistung um fast eine Minute gelang.

Ergebnis Halbmarathon der Männer, Straßenlauf-WM 2026
Gold: Andreas Almgren (Schweden) 58:06 Minuten
Silber: Nicholas Kipkorir (Kenia) 58:11 Minuten
Bronze: Joshua Cheptegei (Uganda) 58:26 Minuten

 
4. Tadese Worku (Äthiopien) 58:35 Minuten
5. Gideon Rono (Kenia) 58:57 Minuten
6. Hani Hersi (Dschibuti) 59:09 Minuten
7. Yemaneberhan Crippa (Italien) 59:18 Minuten
8. Alex Matata (Kenia) 59:22 Minuten
9. Daniel Ebenyo (Kenia) 59:42 Minuten
10. Othmane El Goumri (Marokko) 59:53 Minuten
11. Celestin Ndikumana (Burundi) 1:00:04 Stunden
12. Conner Mantz (USA) 1:00:08 Stunden
13. Ahmed Muhumed (USA) 1:00:15 Stunden
14. Belay Bezabeh (Äthiopien) 1:00:32 Stunden
15. Bereket Nega (Äthiopien) 1:00:40 Stunden
16. Jacob Sommer Simonsen (Dänemark) 1:00:46 Stunden
17. Ablelom Maryo (Eritrea) 1:01:00 Stunden
18. Bastien Augusto (Frankreich) 1:01:04 Stunden
19. Zerei Kbrom (Norwegen) 1:01:08 Stunden
20. Jummanne Ngoya (Tansania) 1:01:08 Stunden
…
57. Timo Hinterndorfer (Österreich) 1:02:44 Stunden
83. Aaron Gruen (Österreich) 1:04:16 Stunden

Once-in-a-Lifetime-Erlebnis für Simonsen

Überhaupt war der Wettkampf an diesem windigen Sonntag in Kopenhagen auf hohem Niveau. Der Äthiopier Tadese Worku wurde mit einer persönlichen Bestleistung von 58:35 Minuten Vierter, Hani Idriss Hersi gelang in 59:09 Minuten als Sechstem ein Landesrekord für Dschibuti. Für Äthiopiens Besten war es der bereits zweite vierte Platz bei einer WM binnen neun Monaten nach jenem bei der Crosslauf-WM. Zehn Läufer blieben unter einer Stunde. Neben Almgren konnte sich auch ein zweiter Europäer gut in Szene setzen: Yemaneberhan Crippa, Europameister von Rom 2024 in dieser Disziplin, lief seinen zweitschnellsten Karriere-Halbmarathon und belegte in einer Zeit von 59:18 Minuten Platz sieben.

Auch die dänischen Sportfans hatten was zu feiern. Ihr Liebling, Jacob Sommer Simonsen, der lokal als Aushängeschild dieser WM fungierte, verbesserte seinen eigenen dänischen Rekord auf eine Zeit von 1:00:46 Stunden und war als 16. drittbester Europäer im Rennen. Er habe den Druck eines Heimrennens gespürt, sagte er nachher, schließlich sei seine Ambition auch ein Landesrekord gewesen. „Es war ein unglaubliches Rennen! Ich bin überglücklich. Die dänischen Fans haben mich grandios angefeuert und mich über die Distanz gebracht. Ein unvergesslicher Wettkampf mit den Vibes einer WM – unglaublich!“, jubelte der 31-Jährige.

Achtbares Ergebnis für Hinterndorfer

Während die deutsche Laufelite früh den EM-Marathon von Birmingham und den Frankfurt Marathon Ende Oktober als Höhepunkte deklarierte und daher keine deutschen Läufer in Kopenhagen am Start waren – wie auch keine Schweizer, bedeutete die Halbmarathon-WM den Saisonhöhepunkt für Timo Hinterndorfer (DSG Wien) und die Rückkehr auf die internationale Wettkampfbühne von Aaron Gruen (ProTeam Vienna) nach seiner Aufgabe beim Vienna City Marathon. Beide verließen Kopenhagen nicht mit den positivsten Emotionen.

© ÖLV / DECA

Timo Hinterndorfer ging ambitioniert ins Rennen und zielte auf eine Verbesserung seiner persönlichen Bestleistung von 1:02:34 Stunden ab, gleichzeitig auch ÖLV-U23-Rekord. Obwohl er sich im riesigen Starterfeld von 131 Läufern auf der zweiten Rennhälfte um etliche Positionen verbessern konnte, entglitt ihm die Bestleistung um zehn Sekunden. Mit einer Zeit von 1:02:44 Stunden erreichte er Rang 57.

Timo Hinterndorfers 5km-Splits:
14:39 / 14:54 / 15:01 / 14:52 / 3:18 (1,0975 km) Minuten

„Mit der Platzierung bin ich sehr zufrieden, weil ich mich gegenüber der Meldeliste deutlich verbessern konnte. Mit der Laufzeit bin ich nicht ganz zufrieden, weil ich das Gefühl hatte, dass mehr möglich gewesen wäre“, sprach der 22-Jährige über gemischte Gefühle. In seiner Gruppe habe besonders im Mittelteil des Rennens der Zug gefehlt. „Dennoch war es sicherlich kein schlechtes Rennen und insgesamt bin ich mit meiner Saison und auch mit der Vorbereitung auf diese WM sehr zufrieden“, so der Wiener, der sich nun eine Pause gönnt.

© ÖLV / DECA

Energieloser Gruen

Einen gebrauchten Tag erwischte dagegen sein Landsmann Aaron Gruen, der bereits nach wenigen Kilometern seine Gangart deutlich verlangsamen musste und bis auf Platz 83 zurückfiel. Mit einer Leistung von 1:04:16 Stunden bleib er über drei Minuten über seinem am Jahresbeginn aufgestellten ÖLV-Rekord. „Ich habe mich eigentlich schon von Anfang an nicht richtig gut gefühlt und hatte einfach keine Power in den Beinen“, berichtete der 27-Jährige verzweifelt.

Aaron Gruens 5km-Splits:
14:39 / 15:22 / 15:33 / 15:20 / 3:22 (1,0975km)

Er wolle keine Ausreden suchen: „Heute hat mir einfach die Energie gefehlt, um richtig zu kämpfen und das Ergebnis zu bringen, das ich mir vorgenommen hatte.“ Das sei extrem enttäuschend nach einer sehr guten Vorbereitung. „Ich werde in Ruhe analysieren und schauen, woran es gelegen hat.“

Kopenhagen Halbmarathon

Der Kopenhagen Halbmarathon, geboren durch die Austragung der Halbmarathon-Weltmeisterschaften 2014, wurde wie damals in die Weltmeisterschaftsaustragung integriert. Rund 45.000 Laufbegeisterte absolvierten den Halbmarathon mit Start nur wenige Minuten nach den WM-Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Auch am Samstag fanden Rennen für Freizeitläufer:innen auf den Distanzen Meile und 5km statt. Insgesamt waren somit rund 60.000 Menschen am vergangenen Wochenende in der dänischen Hauptstadt aktiv.

Ebenso beeindruckend: Am Veranstaltungswochenende öffnete die Anmeldung für den Kopenhagen Halbmarathon 2027. Bereits an den ersten Tagen gingen fast 100.000 Bewerbungen für die Auslosung der rund 45.000 Startplätze ein.

Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Dan Vernon / World Athletics, © ÖLV / DECA

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