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Historischer Triumph: Jimmy Gressier düpiert Äthiopier

Jimmy Gressiers Triumph über Yomif Kejelcha bedeutet den ersten WM-Titel eines in Europa geborenen Athleten im 10.000m-Lauf der Männer seit 32 Jahren.
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Es war ein glänzender Endspurt, mit dem Jimmy Gressier zur großen Sensation ausholte und den Äthiopier Yomif Kejelcha im Kampf um Gold niederrang. Es ist ein geschichtsträchtiges Ereignis in einer Disziplin, in der die Stars aus Kenia, Äthiopien, Uganda und Mo Farah in ihren Ären dominierten und Europa 28 lange Jahre keinen Platz auf einem WM-Stockerl ließen. Andreas Almgren nützte die Gunst der Stunde eines nicht im höchsten Tempo abgewickelten Rennens ebenfalls und jubelte über die Bronzemedaille. Arm in Arm mit Gressier schrie der Skandinavier die Botschaft in die TV-Kamera: ein Triumph für Europa!

Es gibt wenige Profiläufer in Europa, die ihre Laufbahn so exzentrisch nach außen tragen. Die laut sind, manchmal unangenehm, die gehört werden wollen. Die auch provozieren und anecken. Jimmy Gressier ist einer von ihnen. An Selbstvertrauen fehlt es dem 28-jährigen Franzosen nicht, auch nicht an sportlichem Ehrgeiz. Zielstrebig treibt er seine Karriere voran, er demonstriert mentale Stärke und Furchtlosigkeit, er scheut keine Herausforderungen – und er hat jetzt den vorläufigen Höhepunkt erreicht: Weltmeister im 10.000m-Lauf.

Historische Seltenheit

Um die Dimension darzustellen – erstens: 14 der 26 Kontrahenten hatten beim Finallauf am Sonntag in Tokio vor dem Start eine bessere persönliche Bestleistung auf ihrer Visitenkarte stehen als der Halbmarathon-Europameister. Seinen französischen Rekord von 26:58,67 Minuten – damit ist mit an der europäischen All-Time-Spitze mit dabei – hat er als 13. des Olympischen Finals von Paris 2024 aufgestellt. Doch Tokio 2025 ist größer, viel größer.

Zweitens, der 10.000m-Lauf ist eine afrikanische Domäne. Inklusive des Briten Mo Farah gingen 18 WM-Titel in Folge in dieser Disziplin an in Afrika geborene Athleten, nur 1983 bei der WM-Premiere siegte mit dem Italiener Alberto Cova ein Europäer. Es gibt noch eine Steigerung: Die letzten 51 (!) WM-Medaillen im 10.000m-Lauf holten sich in Afrika geborene Athleten. Der neue Weltmeister Jimmy Gressier und der Schwede Andreas Almgren haben diese eindrucksvolle Serie gestoppt.

Ergebnis 10.000m-Lauf der Männer, Tokio 2025
Gold: Jimmy Gressier (Frankreich) 28:55,77 Minuten
Silber: Yomif Kejelcha (Äthiopien) 28:55,83 Minuten
Bronze: Andreas Almgren (Schweden) 28:56,02 Minuten

 
4. Ishmael Kipkurui (Kenia) 28:56,48 Minuten
5. Nico Young (USA) 28:56,62 Minuten
6. Selemon Barega (Äthiopien) 28:57,21 Minuten
7. Edwin Kurgat (Kenia) 28:57,83 Minuten
8. Grant Fisher (USA) 28:57,85 Minuten
9. Thierry Ndikumwenayo (Spanien) 28:59,07 Minuten
10. Adriaan Wildschutt (Südafrika) 28:59,47 Minuten
11. Graham Blanks (USA) 29:01,27 Minuten
12. Beriuhu Aregawi (Äthiopien) 29:02,02 Minuten
13. Dan Kibet (Uganda) 29:03,22 Minuten
14. Dominic Lobalu (Schweiz) 29:11,65 Minuten
15. Egide Ntakarutimana (Burundi) 29:12,81 Minuten

23. Davor Aaron Bienenfeld (Deutschland) 29:51,41 Minuten

Inspiriert von Jakob Ingebrigtsen

Am Sonntagabend japanischer Zeit waren die Schweinwerfer der Leichtathletik-Welt auf Gressier gerichtet. Die Ohren lauschten seinen Worten. Er genoss es. „Ich habe immer daran geglaubt, dass ein Athlet großartige Dinge erreichen kann. Das hat mich meine ganze Laufbahn über angetrieben. Manche mögen an mir gezweifelt haben, ich nicht. Ich habe immer an mich geglaubt und an meine Chance, hier um eine Medaille zu laufen“, philosophierte er. Dann fasste der Franzose in Worte, was offensichtlich den globalen Laufsport zugunsten der Europäer verändert. „Jakob hat mir gesagt, ich würde zu hart trainieren. Daher habe ich mein Training verändert. Heute spürte ich eine irre mentale Energie in der letzten Runde, das hat mir sehr geholfen, diesen Kindheitstraum zu realisieren.“

Bereits nach wenigen Tagen bei diesen Weltmeisterschaften in Tokio ist eine offensichtliche Erkenntnis, dass der europäische Laufsport näher an den afrikanischen herangerückt ist. Besonders im Rahmen des Meisterschaftscharakters, aber es ist auch eine Erkenntnis der gesamten Wettkampfsaison. Und nicht wenige sehen die Philosophie der Ingebrigtsens, welche eine Vorbildwirkung auf viele europäische Läufer ausgestrahlt und daher etliche Nachahmer gefunden hat, als wichtigen Baustein für diese Entwicklung. Auch bei Gressier reifte offenbar die Erkenntnis: Der Norweger war nicht nur der Athlet, der ihm zahlreiche Medaillen weggenommen hat, weil er der stärkere war. Sondern gleichzeitig ein Verbündeter im Geiste, ein Vorbild, einer von dem er Essentielles lernen konnte.

Zweite WM-Medaille für Kejelcha

Der um sechs Hundertstelsekunde unterlegende Kejelcha zeigte sich mit der Silbermedaille zufrieden. „Ich habe mich entschieden, dass das meine letzte Saison auf der Bahn sein soll und ich wollte keinesfalls diesen großen Teil meiner Karriere ohne Medaille beenden“, gestand der Hallen-Weltmeister von 2016. Die zweite WM-Silbermedaille nach Doha 2019 ist ein versöhnliches Ende des Kapitels für einen Läufers, der wahrlich nicht zum Meisterschaftsläufer geboren wurde. Praktisch immer im äthiopischen Team bei globalen Ereignissen, weil in Trial- und Meetingrennen immer sehr schnell, gewann er bei acht Gelegenheiten nur zwei Medaillen – in Äthiopien hängen die Trauben höher.

Kejelcha hat den Nachteil, ein schlechter Kicker zu sein. Die Schlussrunde ist nicht sein Metier, weswegen er hohes Tempo davor braucht. Es ist stets ein unkalkulierbares Risiko, es sich Meisterschaftsrennen selbst zu organisieren. Der 28-Jährige gab alles, zog im Laufe der Schlussrunde an, kam mit verbissener Miene als Führender aus der letzten Kurve. Doch dem enormen Schlussspurt von Jimmy Gressier konnte er wenig entgegensetzen.

Jimmy Gressiers Erfolge

Weltmeister im 10.000m-Lauf 2025
Sieg Diamond-League-Gesamtwertung im 3.000m-Lauf
Europameister im Halbmarathon 2025
WM-Fünfter im Halbmarathon
EM-4. und EM-5. im 10.000m-Lauf 2022 und 2024
Zweifacher U23-Europameister 2023 (5.000m & 10.000m)
Dreifacher U23-Europameister im Crosslauf
mehrfacher französischer Meister und Rekordhalter

Endlich Edelmetall

Glänzend wirkte auch bei Andreas Almgren das Edelmetall um seinen Hals, lange hat er wohl davon geträumt. „Sie bedeutet mir so unheimlich viel, endlich. Viermal war ich bei Europameisterschaften Vierter, jetzt darf ich endlich auch zu einer Siegerehrung“, strahlte der 30-Jährige erleichtert. Almgren galt lange als großes Mittelstreckentalent und gewann 2014 eine Junioren-WM-Medaille im 800m-Lauf, aus europäischer Sicht eine Seltenheit. Verletzungsbedingt geriet seine Karriere ins Stocken und um die Belastung besser zu steuern, wechselte er auf die längeren Distanzen bis hin zum Halbmarathon – dort ist er nun europäische Spitze und im 10.000m-Lauf Medaillengewinner. „Verletzungsbedingt war ich noch nie bei Olympischen Spielen, das ist mein großes Ziel“, fasste er viel Motivation. Sie nimmt Fahrt aus einem historischen Ereignis auf: Almgren ist der erste schwedische Läufer überhaupt, der eine WM-Medaille gewonnen hat. Bei den Frauen gewann die aus Äthiopien stammende Abeba Aregawi 2013 in Moskau Gold im 1.500m-Lauf für das größte skandinavische Land.

Taktische Passivität der Äthiopier

Die Geschichte der europäischen Erfolge ist auch die Geschichte der afrikanischen und amerikanischen Niederlagen. Das äthiopische Trio war aufgrund der Prominenz zurecht in der klaren Favoritenrolle, doch es verpasste in der vorentscheidenden Rennphase mit mehr Initiative ihre Kontrahenten mit den schnellen Schlussspurts ausreichend zu fordern. Selemon Barega, in diesem Stadion vor vier Jahren Olympiasieger in dieser Disziplin, musste sich mit Position sechs zufrieden geben. Der 25-Jährige, der im Februar beim Marathon-Debüt in Sevilla triumphierte, war der einzige Athlet im WM-Feld, der sich in vier verschiedenen Disziplinen für Tokio 2025 qualifiziert hatte.

Berihu Aregawi, in Paris noch mit Silber, wurde gar nur Zwölfter. Dass der Weltjahresschnellste Biniam Mehary vom Verband nur für den 5.000m-Lauf nominiert wurde, hat daher einen faden Beigeschmack – schon nach Wettkampftag drei dürfte der Druck auf das äthiopische Team enorm sein. Denn die Befürchtungen einer WM ohne Goldmedaille sind nicht mehr unrealistisch. Für Kenias Team sind die Ränge vier für den 20-jährigen Ishmael Kipkurui und sieben für Edwin Kurgat schon ein Erfolg – seit 2001 hat kein Kenianer mehr 10.000m-Gold gewonnen.

US-Träume unerfüllt

Ein Jahr nach der Bronzemedaille von Paris konnte Grant Fisher in Tokio nicht in den Kampf um die Medaillen eingreifen und wurde nur Achter. Nach einer phänomenalen Hallensaison hat er im Laufe des Wettkampfsommers seine Topform etwas verloren, die Erfolge im neuen Grand Slam Track täuschten. Der 28-Jährige hatte in den USA sogar die Hoffnungen auf das erste globale 10.000m-Gold seit dem Olympiasieg von Billy Mills im Jahr 1964, passenderweise auch in Tokio, genährt. Er (und nicht Gressier) sollte laut US-Hoffnungen den ersten WM-Titel eines in der nördlichen Hemisphäre geborenen Athleten seit Cova holen. Besser lief es für Landsmann Nico Young als Fünfter, sechs Zehntelsekunden hinter Almgren.

Und: Der Triumph im 10.000m-Lauf ist natürlich auch die Geschichte des Ende der Ära Joshua Cheptegei. Nach drei WM-Titel und dem Olympiasieg von Paris hat sich der Nationalheld Ugandas entschieden, das Kapitel Marathon aufzuschlagen. Genauso wie sein Landsmann Jacob Kiplimo. Dass die Absage des Duos in der offiziellen Kommunikation aus „privaten Gründen“ erfolgte, mag dennoch irritieren.

Autor: Thomas Kofler
Bild: Mattia Ozbot for World Athletics

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