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18 Jahre nach Bernard Lagat, wie es die Geschichte so will, ebenfalls auf japanischem Boden, hat die USA wieder einen Weltmeister im 5.000m-Lauf. Cole Hocker, Olympiasieger im 1.500m-Lauf, nutzte seine Grundschnelligkeit aus seiner Spezialdistanz in Kombination mit seinem bekannt schnellen Endspurt dafür, um den 5.000m-Lauf souverän vor Isaac Kimeli aus Belgien und 10.000m-Weltmeister Jimmy Gressier zu gewinnen. Damit ging Afrika auf der zweitlängsten Laufdistanz auf der Bahn gänzlich leer aus. Dass auch das dritte, chronologisch erste globale Gold im 5.000m-Lauf für die USA durch Bob Schul ebenfalls auf japanischem Boden gewonnen wurde, nämlich bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio, stellt eine besondere Verbindung her.
Man sagt, jeder kriegt seine Chance. Bei Cole Hocker stimmt das. Sechs Tage nach seiner puren Enttäuschung über eine Disqualifikation, weil er auf der Schlussgerade des Halbfinallaufs über 1.500m seine Ellbogen gegen Kontrahenten eingesetzt hatte, geriet am Sonntagabend japanischer Zeit in Vergessenheit. Cole Hocker nutzte seine zweite Chance (er hätte im 1.500m-Finale wohl beste Chancen gehabt, Anm.) und feierte 13 Monate nach seinem Olympiasieg in Paris über die Mittelstrecke nun seinen ersten WM-Titel auf der Langstrecke. Mit breit ausgestreckten Armen demonstrierte er hinter der Ziellinie eine Botschaft: Seht her! So stark bin ich! Augenblicke später ging ein wolkenbruchartiger Regenschauer über dem Tokioter Nationalstadion nieder, was Hocker in seiner Ehrenrunde überhaupt nicht störte.

„Ich wollte meine WM unbedingt mit positiven Schlagzeilen beenden, als Lohn für die Vorbereitung über das ganze Jahr. Ich fühlte mich betrogen, aber ich hatte heute die Chance und die Beine, dieses Rennen zu gewinnen“, sagte der Hobbymusiker und Starläufer nach dem Rennen. Der aus Indianapolis stammende Läufer studierte an der University of Oregon und ist seit vier Jahren Profi. Er wechselte nach Virginia zu seinem Langzeittrainer Ben Thomas, der an der Virginia Tech angestellt ist.
Bis dato lief seine Saison mehr als bescheiden. Nach enttäuschenden Niederlagen im Grand Slam Track, einer Renncharakteristik, die ihm als endschnellem Läufer eigentlich hätte entgegen kommen können, rettete er sich mit Platz drei bei den Trials im 1.500m-Lauf als Olympiasieger gerade so zur WM. Den doppelten Start ermöglichte der Trial-Sieg über 5.000m.
Im Alter von 24 Jahren ist Hocker nur der erste US-Läufer überhaupt, der bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften eine Goldmedaille gewonnen hat, Bernhard Lagat war der bisher einzige mit Medaillen bei beiden Großevents. Bei den Frauen ist dies zuletzt 800m-Läuferin Athing Mu gelungen. Hocker ist laut „Let’sRun.com“ erst der fünfte Läufer der Geschichte, der Goldmedaillen bei globalen Meisterschaften in der herausfordernden Kombination aus 1.500m und 5.000m gewinnen konnte – neben Paavo Nurmi, Hicham El Guerrouj, Bernard Lagat und Jakob Ingebrigtsen.
Der erst zweite US-Titel in dieser Disziplin bei nun 20 WM-Entscheidungen und die erste Medaille seit acht Jahren ist in einer enormen Überlegenheit des 24-Jährigen in der Schlussrunde begründet, die eine ähnlich eindrucksvolle Aufholjagd brachte wie jene von 3.000m-Hindernislauf-Sieger Geordie Beamish (siehe RunUp.eu-Bericht). Noch auf Position zwölf liegend eröffnete Hocker auf der Außenbahn eingangs der letzten Runde seine Aufholjagd, die er unaufhaltsam fortführte, bis er auf der Zielgerade auch den lange führenden Isaac Kimeli förmlich stehen ließ. Seine Schlussrunde war fast eineinhalb Sekunden besser als die beste des restlichen Feldes, selbst auf den letzten 100 Metern war Hocker in einem Split von 12,51 Sekunden fast sechs Zehntelsekunden schneller als der Nächstbeste, in beiden Fällen Silbermedaillengewinner Kimeli. Kurzum: Es war eine Machtdemonstration in 400 Metern!
Die Leistung Hockers und der weiteren Medaillengewinner in der letzten Runde ist auch unter dem Gesichtspunkt zu betonen, weil das Rennen in Tokio keinesfalls langsam war – sondern für ein Meisterschaftsrennen von Beginn an flott. Nach eineinhalb Runden nämlich überholte sein Landsmann Grant Fisher Hocker und zog das Tempo deutlich an, der spätere Sieger ließ sich von Platz eins ins hintere Mittelfeld fallen. Fisher und der Äthiopier Hagos Gebrhiwet bei seiner neunten WM-Teilnahme hielten das Tempo hauptsächlich hoch.
Erst als Jakob Ingebrigtsen nach rund 3.500 Metern an die Spitze ging, bremste das das Feld ein. Ein Vorzeichen, dass der norwegische Titelverteidiger eine Woche nach seinem 1.500m-Vorlauf-Aus weiterhin weit weg von seiner Topform war. Der Superstar wurde am Ende mit einer zahnlosen Schlussrunde, wo offensichtlich die Kraft völlig fehlte, immerhin Zehnter. Nach dem 1.500m-Lauf hatte der Norweger gesagt: „Ich war furchtbar. Ich habe einfach zu viel Zeit in der Vorbereitung verloren. Ich bin enttäuscht, aber ehrlicherweise war das ein Realitätscheck.“
Es waren also keine Vorzeichen für Sensationsspurts, aber Hocker bewies das Gegenteil. Mit einer Siegerzeit von 15:58,30 Minuten lief er knapp an seine persönliche Bestleistung heran. Erst zum vierten Mal in der Geschichte von Weltmeisterschaften lag die Siegerzeit im 5.000m-Lauf der Männer unter 13 Minuten, Mo Farah oder Kenenisa Bekele haben ihre Titel in rund einer halben Minute mehr Wettkampfzeit gewonnen. Schneller als Tokio 2025 waren nur die legendäre WM-Entscheidung von Paris 2003, als Eliud Kipchoge in seinem ersten großen Rennen Hicham El Guerrouj und Bekele schlug, und jene von Sevilla 1999.
Die beiden europäischen Medaillen von Isaac Kimeli und Jimmy Gressier setzen den Trend der beiden Titel von Jakob Ingebrigtsen und der Silbermedaille des mittlerweile gesperrten Mohamed Katir vor zwei Jahren fort. Sie sind aber dennoch historisch, denn in bisher 19 WM-Entscheidungen in dieser Disziplin haben weder Belgien noch Frankreich bisher je Edelmetall gewonnen.
Für den 31-jährigen, in Kenia geborenen und nach dem Tod seines Vaters im Jahr 2009 zu seiner in Belgien lebenden Mutter ziehenden Kimeli ist die WM-Silbermedaille der größte Erfolg seiner Karriere. Der Schützling von Tim Moriau nahm zum vierten Mal an Weltmeisterschaften teil, bisher war der zehnte Platz in Eugene über 10.000m das höchste der Gefühle. Selbst der Vorlauf-Sieg in Tokio war schon ein beachtlicher Erfolg, er war ein Vorbote für die absolute Topform des Belgiers. Die bisherigen Höhepunkte der Karriere waren Platz acht bei den Olympischen Spielen von Paris und der Diamond-League-Erfolg in Lausanne im August, beides über 5.000m

„Ich denke, das ist eine der bemerkenswertesten Medaillen für Belgien überhaupt. Vielleicht hab ich nicht einmal zu den Medaillenkandidaten gezählt. Ich bin extrem stolz auf mich“, sagte Kimeli, der im Sommer viele Trainingswochen in Kenia verbracht hatte. Der 28-jährige Gressier verließ Tokio als wohl einer der zufriedensten Athleten. Nachdem er die Gunst der Stunde eines nicht allzu schnellen 10.000m-Laufs am zweiten Wettkampftag zum Triumph nutzen konnte, fügte der Franzose bei seiner dritten WM-Teilnahme eine Bronzemedaille hinzu. „Das gibt mir ein enormes Selbstvertrauen, ich bin sehr stolz und glücklich mit meinen zwei Medaillen. Meine Saison war super erfolgreich, auch mit dem Gesamtsieg in der Diamond League“, fasste Gressier zusammen. Er war der Beste von drei Franzosen im Finale, keine Nation war so stark vertreten. Was aber erstaunt: Es waren auch die beiden einzigen Medaillen, die Frankreich, im letzten Jahr Olympia-Gastgeber, bei der Leichtathletik-WM 2025 holte.
Gressiers dritter Platz verhinderte um knapp drei Zehntelsekunden die zweite australische Medaille über 5.000m nach Craig Mottram vor 20 Jahren. Ky Robinson, Hallen-WM-Dritter über 3.000m, sorgte mit Platz vier für das zweitbeste australische WM-Resultat in dieser Disziplin.
Das 5.000m-Finale von Tokio geht auch deswegen in die Geschichte ein, weil zum ersten Mal seit der WM-Premiere 1983 keine der drei Medaillen an einen afrikanischen Verband gingen. Dass Kenia in seiner „Problemdisziplin“ keine gewinnen würde, war so zu erwarten – eher waren die Medaillen von Jacob Krop bei den letzten beiden Ausgaben schon überraschend. Besser standen die Möglichkeiten des äthiopischen Duos, doch Äthiopien wartet weiter auf die erste 5.000m-Medaille seit 2019.
Ein Knackpunkt: die Schlussrunde. Dort gingen Biniam Mehary, mit 18 Jahren die Zukunftshoffnung, und Gebrhiwet ein. Mehary, zu Beginn der letzten Runde noch in Führung, hatte im Schlussspurt keine Chance, in den Kampf um die Medaillen einzugreifen, und wurde Fünfter, sein 31-jähriger Landsmann, der 2013 schon WM-Silber in dieser Disziplin gewonnen hat, gar nur 13.
Das Resultat ist sinnbildlich für die neun Wettkamftage in Tokio. Während Kenia dank seiner bärenstarken Läuferinnen Platz zwei im Medaillenspiegel hinter der dominierenden USA belegte und auch die zweitmeisten Medaillen holte, fand sich Äthiopien mit zwei Silber- und zwei Bronzemedaillen auf dem 22. Platz des Medaillenspiegels wieder – eine verheerende Bilanz. 2022 war Äthiopien noch Zweiter hinter den USA, seit 2013 immer in den Top-Sechs und seit 1999 immer in den Top-Ten des Medaillenspiegels. Zuletzt blieb Äthiopien bei Weltmeisterschaften ohne Goldmedaille – man mag es ahnen: in Tokio 1991.
Autor: Thomas Kofler
Bilder: © Mattia Ozbot & Diogo Cardoso for World Athletics